﻿Erster Teil


Erstes Kapitel

»Was ist das. -- Was -- ist das ...«

»Je, den Düwel ook, _c'est la question, ma très chère demoiselle_!«

Die Konsulin Buddenbrook, neben ihrer Schwiegermutter auf dem
geradlinigen, weiß lackierten und mit einem goldenen Löwenkopf
verzierten Sofa, dessen Polster hellgelb überzogen waren, warf einen
Blick auf ihren Gatten, der in einem Armsessel bei ihr saß, und kam
ihrer kleinen Tochter zu Hilfe, die der Großvater am Fenster auf den
Knien hielt.

»Tony!« sagte sie, »ich glaube, daß mich Gott --«

Und die kleine Antonie, achtjährig und zartgebaut, in einem Kleidchen
aus ganz leichter changierender Seide, den hübschen Blondkopf ein wenig
vom Gesichte des Großvaters abgewandt, blickte aus ihren graublauen
Augen angestrengt nachdenkend und ohne etwas zu sehen ins Zimmer hinein,
wiederholte noch einmal: »Was ist das«, sprach darauf langsam: »Ich
glaube, daß mich Gott«, fügte, während ihr Gesicht sich aufklärte, rasch
hinzu: »-- geschaffen hat samt allen Kreaturen«, war plötzlich auf
glatte Bahn geraten und schnurrte nun, glückstrahlend und unaufhaltsam,
den ganzen Artikel daher, getreu nach dem Katechismus, wie er soeben,
_anno_ 1835, unter Genehmigung eines hohen und wohlweisen Senates, neu
revidiert herausgegeben war. Wenn man im Gange war, dachte sie, war es
ein Gefühl, wie wenn man im Winter auf dem kleinen Handschlitten mit den
Brüdern den »Jerusalemsberg« hinunterfuhr: es vergingen einem geradezu
die Gedanken dabei, und man konnte nicht einhalten, wenn man auch
wollte.

»Dazu Kleider und Schuhe«, sprach sie, »Essen und Trinken, Haus und Hof,
Weib und Kind, Acker und Vieh ...« Bei diesen Worten aber brach der
alte M. Johann Buddenbrook einfach in Gelächter aus, in sein helles,
verkniffenes Kichern, das er heimlich in Bereitschaft gehalten hatte. Er
lachte vor Vergnügen, sich über den Katechismus mokieren zu können, und
hatte wahrscheinlich nur zu diesem Zwecke das kleine Examen vorgenommen.
Er erkundigte sich nach Tonys Acker und Vieh, fragte, wieviel sie für
den Sack Weizen nähme und erbot sich, Geschäfte mit ihr zu machen. Sein
rundes, rosig überhauchtes und wohlmeinendes Gesicht, dem er beim besten
Willen keinen Ausdruck von Bosheit zu geben vermochte, wurde von
schneeweiß gepudertem Haar eingerahmt, und etwas wie ein ganz leise
angedeutetes Zöpflein fiel auf den breiten Kragen seines mausgrauen
Rockes hinab. Er war, mit seinen siebenzig Jahren, der Mode seiner
Jugend nicht untreu geworden; nur auf den Tressenbesatz zwischen den
Knöpfen und den großen Taschen hatte er verzichtet, aber niemals im
Leben hatte er lange Beinkleider getragen. Sein Kinn ruhte breit,
doppelt und mit einem Ausdruck von Behaglichkeit auf dem weißen
Spitzen-Jabot.

Alle hatten in sein Lachen eingestimmt, hauptsächlich aus Ehrerbietung
gegen das Familienoberhaupt. Mme. Antoinette Buddenbrook, geborene
Duchamps, kicherte in genau derselben Weise wie ihr Gatte. Sie war eine
korpulente Dame mit dicken, weißen Locken über den Ohren, einem schwarz
und hellgrau gestreiften Kleide ohne Schmuck, das Einfachheit und
Bescheidenheit verriet, und mit noch immer schönen und weißen Händen, in
denen sie einen kleinen, sammetnen Pompadour auf dem Schoße hielt. Ihre
Gesichtszüge waren im Laufe der Jahre auf wunderliche Weise denjenigen
ihres Gatten ähnlich geworden. Nur der Schnitt und die lebhafte Dunkelheit
ihrer Augen redeten ein wenig von ihrer halb romanischen Herkunft; sie
stammte großväterlicherseits aus einer französisch-schweizerischen
Familie und war eine geborene Hamburgerin.

Ihre Schwiegertochter, die Konsulin Elisabeth Buddenbrook, eine geborene
Kröger, lachte das Krögersche Lachen, das mit einem pruschenden
Lippenlaut begann, und bei dem sie das Kinn auf die Brust drückte. Sie
war, wie alle Krögers, eine äußerst elegante Erscheinung, und war sie
auch keine Schönheit zu nennen, so gab sie doch mit ihrer hellen und
besonnenen Stimme, ihren ruhigen, sicheren und sanften Bewegungen aller
Welt ein Gefühl von Klarheit und Vertrauen. Ihrem rötlichen Haar, das
auf der Höhe des Kopfes zu einer kleinen Krone gewunden und in breiten
künstlichen Locken über die Ohren frisiert war, entsprach ein
außerordentlich zartweißer Teint mit vereinzelten kleinen
Sommersprossen. Das Charakteristische an ihrem Gesicht mit der etwas zu
langen Nase und dem kleinen Munde war, daß zwischen Unterlippe und Kinn
sich durchaus keine Vertiefung befand. Ihr kurzes Mieder mit
hochgepufften Ärmeln, an das sich ein enger Rock aus duftiger,
hellgeblümter Seide schloß, ließ einen Hals von vollendeter Schönheit
frei, geschmückt mit einem Atlasband, an dem eine Komposition von großen
Brillanten flimmerte.

Der Konsul beugte sich mit einer etwas nervösen Bewegung im Sessel
vornüber. Er trug einen zimmetfarbenen Rock mit breiten Aufschlägen und
keulenförmigen Ärmeln, die sich erst unterhalb des Gelenkes eng um die
Hand schlossen. Seine anschließenden Beinkleider bestanden aus einem
weißen, waschbaren Stoff und waren an den Außenseiten mit schwarzen
Streifen versehen. Um die steifen Vatermörder, in die sich sein Kinn
schmiegte, war die seidene Krawatte geschlungen, die dick und breit den
ganzen Ausschnitt der buntfarbigen Weste ausfüllte ... Er hatte die ein
wenig tief liegenden, blauen und aufmerksamen Augen seines Vaters, wenn
ihr Ausdruck auch vielleicht träumerischer war; aber seine Gesichtszüge
waren ernster und schärfer, seine Nase sprang stark und gebogen hervor,
und die Wangen, bis zu deren Mitte blonde, lockige Bartstreifen liefen,
waren viel weniger voll als die des Alten.

Madame Buddenbrook wandte sich an ihre Schwiegertochter, drückte mit
einer Hand ihren Arm, sah ihr kichernd in den Schoß und sagte:

»Immer der nämliche, _mon vieux_, Bethsy ...?« »Immer« sprach sie wie
»Ümmer« aus.

Die Konsulin drohte nur schweigend mit ihrer zarten Hand, so daß ihr
goldenes Armband leise klirrte; und dann vollführte sie eine ihr
eigentümliche Handbewegung vom Mundwinkel zur Frisur hinauf, als ob sie
ein loses Haar zurückstriche, das sich dorthin verirrt hatte.

Der Konsul aber sagte mit einem Gemisch von entgegenkommendem Lächeln
und Vorwurf in der Stimme:

»Aber Vater, Sie belustigen sich wieder einmal über das Heiligste!...«

Man saß im »Landschaftszimmer«, im ersten Stockwerk des weitläufigen
alten Hauses in der Mengstraße, das die Firma Johann Buddenbrook vor
einiger Zeit käuflich erworben hatte und das die Familie noch nicht
lange bewohnte. Die starken und elastischen Tapeten, die von den Mauern
durch einen leeren Raum getrennt waren, zeigten umfangreiche
Landschaften, zartfarbig wie der dünne Teppich, der den Fußboden
bedeckte, Idylle im Geschmack des 18. Jahrhunderts, mit fröhlichen
Winzern, emsigen Ackersleuten, nett bebänderten Schäferinnen, die
reinliche Lämmer am Rande spiegelnden Wassers im Schoße hielten oder
sich mit zärtlichen Schäfern küßten ... Ein gelblicher Sonnenuntergang
herrschte meistens auf diesen Bildern, mit dem der gelbe Überzug der
weiß lackierten Möbel und die gelbseidenen Gardinen vor den beiden
Fenstern übereinstimmten.

Im Verhältnis zu der Größe des Zimmers waren die Möbel nicht zahlreich.
Der runde Tisch mit den dünnen, geraden und leicht mit Gold
ornamentierten Beinen stand nicht vor dem Sofa, sondern an der
entgegengesetzten Wand, dem kleinen Harmonium gegenüber, auf dessen
Deckel ein Flötenbehälter lag. Außer den regelmäßig an den Wänden
verteilten, steifen Armstühlen gab es nur noch einen kleinen Nähtisch am
Fenster, und, dem Sofa gegenüber, einen zerbrechlichen Luxus-Sekretär,
bedeckt mit Nippes.

Durch eine Glastür, den Fenstern gegenüber, blickte man in das
Halbdunkel einer Säulenhalle hinaus, während sich linker Hand vom
Eintretenden die hohe, weiße Flügeltür zum Speisesaale befand. An der
anderen Wand aber knisterte, in einer halbkreisförmigen Nische und
hinter einer kunstvoll durchbrochenen Tür aus blankem Schmiedeeisen, der
Ofen.

Denn es war frühzeitig kalt geworden. Draußen, jenseits der Straße, war
schon jetzt, um die Mitte des Oktober, das Laub der kleinen Linden
vergilbt, die den Marienkirchhof umstanden, um die mächtigen gotischen
Ecken und Winkel der Kirche pfiff der Wind, und ein feiner, kalter
Regen ging hernieder. Madame Buddenbrook, der Älteren, zuliebe hatte man
die doppelten Fenster schon eingesetzt.

Es war Donnerstag, der Tag, an dem ordnungsmäßig jede zweite Woche die
Familie zusammenkam; heute aber hatte man, außer den in der Stadt
ansässigen Familiengliedern, auch ein paar gute Hausfreunde auf ein ganz
einfaches Mittagbrot gebeten, und man saß nun, gegen vier Uhr
nachmittags, in der sinkenden Dämmerung und erwartete die Gäste ...

Die kleine Antonie hatte sich in ihrer Schlittenfahrt durch den
Großvater nicht stören lassen, sondern hatte nur schmollend die immer
ein bißchen hervorstehende Oberlippe noch weiter über die untere
geschoben. Jetzt war sie am Fuße des »Jerusalemsberges« angelangt; aber
unfähig, der glatten Fahrt plötzlich Einhalt zu tun, schoß sie noch ein
Stück über das Ziel hinaus ...

»Amen«, sagte sie, »ich weiß was, Großvater!«

»_Tiens!_ Sie weiß was!« rief der alte Herr und tat, als ob ihn die
Neugier im ganzen Körper plage. »Hast du gehört, Mama? Sie weiß was!
Kann mir denn niemand sagen ...«

»Wenn es ein warmer Schlag ist«, sprach Tony und nickte bei jedem Wort
mit dem Kopfe, »so schlägt der Blitz ein. Wenn es aber ein kalter Schlag
ist, so schlägt der Donner ein!«

Hierauf kreuzte sie die Arme und blickte in die lachenden Gesichter wie
jemand, der seines Erfolges sicher ist. Herr Buddenbrook aber war böse
auf diese Weisheit, er verlangte durchaus zu wissen, wer dem Kinde diese
Stupidität beigebracht habe, und als sich ergab, Ida Jungmann, die
kürzlich für die Kleinen engagierte Mamsell aus Marienwerder, sei es
gewesen, mußte der Konsul diese Ida in Schutz nehmen.

»Sie sind zu streng, Papa. Warum sollte man in diesem Alter über
dergleichen Dinge nicht seine eigenen wunderlichen Vorstellungen haben
dürfen ...«

»_Excusez, mon cher!... Mais c'est une folie!_ Du weißt, daß solche
Verdunkelung der Kinderköpfe mir verdrüßlich ist! Wat, de Dunner sleit
in? Da sall doch gliek de Dunner inslahn! Geht mir mit eurer
Preußin ...«

Die Sache war die, daß der alte Herr auf Ida Jungmann nicht zum besten
zu sprechen war. Er war kein beschränkter Kopf. Er hatte ein Stück von
der Welt gesehen, war _anno_ 13 vierspännig nach Süddeutschland
gefahren, um als Heereslieferant für Preußen Getreide aufzukaufen, war
in Amsterdam und Paris gewesen und hielt, ein aufgeklärter Mann, bei
Gott nicht alles für verurteilenswürdig, was außerhalb der Tore seiner
giebeligen Vaterstadt lag. Abgesehen vom geschäftlichen Verkehr aber, in
gesellschaftlicher Beziehung, war er mehr als sein Sohn, der Konsul,
geneigt, strenge Grenzen zu ziehen und Fremden ablehnend zu begegnen.
Als daher eines Tages seine Kinder von einer Reise nach Westpreußen dies
junge Mädchen -- sie war erst jetzt zwanzig Jahre alt -- als eine Art
Jesuskind mit sich ins Haus gebracht hatten, eine Waise, die Tochter
eines unmittelbar vor Ankunft der Buddenbrooks in Marienwerder
verstorbenen Gasthofsbesitzers, da hatte der Konsul für diesen frommen
Streich einen Auftritt mit seinem Vater zu bestehen gehabt, bei dem der
alte Herr fast nur Französisch und Plattdeutsch sprach ... Übrigens
hatte Ida Jungmann sich als tüchtig im Hausstande und im Verkehr mit den
Kindern erwiesen und eignete sich mit ihrer Loyalität und ihren
preußischen Rangbegriffen im Grunde aufs beste für ihre Stellung in
diesem Hause. Sie war eine Person von aristokratischen Grundsätzen, die
haarscharf zwischen ersten und zweiten Kreisen, zwischen Mittelstand und
geringerem Mittelstand unterschied, sie war stolz darauf, als ergebene
Dienerin den ersten Kreisen anzugehören und sah es ungern, wenn Tony
sich etwa mit einer Schulkameradin befreundete, die nach Mamsell
Jungmanns Schätzung nur dem guten Mittelstande zuzurechnen war ...

In diesem Augenblick ward die Preußin selbst in der Säulenhalle sichtbar
und trat durch die Glastür ein: ein ziemlich großes, knochig gebautes
Mädchen in schwarzem Kleide, mit glattem Haar und einem ehrlichen
Gesicht. Sie führte die kleine Klothilde an der Hand, ein
außerordentlich mageres Kind in geblümtem Kattunkleidchen, mit
glanzlosem, aschigem Haar und stiller Altjungfernmiene. Sie stammte aus
einer völlig besitzlosen Nebenlinie, war die Tochter eines bei Rostock
als Gutsinspektor ansässigen Neffen des alten Herrn Buddenbrook und
ward, weil sie gleichaltrig mit Antonie und ein williges Geschöpf war,
hier im Hause erzogen.

»Es ist alles bereit«, sagte Mamsell Jungmann und schnurrte das _r_ in
der Kehle, denn sie hatte es ursprünglich überhaupt nicht aussprechen
können. »Klothildchen hat tücht'g geholfen in der Küche, Trina hat fast
nichts zu tun brauchen ...«

M. Buddenbrook schmunzelte spöttisch in sein Jabot über Idas fremdartige
Aussprache; der Konsul aber streichelte seiner kleinen Nichte die Wange
und sagte:

»So ist es recht, Thilda. Bete und arbeite, heißt es. Unsere Tony sollte
sich ein Beispiel daran nehmen. Sie neigt nur allzuoft zu Müßiggang und
Übermut ...«

Tony ließ den Kopf hängen und blickte von unten herauf den Großvater an,
denn sie wußte wohl, daß er sie, wie gewöhnlich, verteidigen werde.

»Nein, nein«, sagte er, »Kopf hoch, Tony, _courage_! Eines schickt sich
nicht für alle. Jeder nach seiner Art. Thilda ist brav, aber wir sind
auch nicht zu verachten. Spreche ich _raisonnable_, Bethsy?«

Er wandte sich an seine Schwiegertochter, die seinem Geschmacke
beizupflichten pflegte, während Mme. Antoinette, mehr aus Klugheit wohl
denn aus Überzeugung, meistens die Partei des Konsuls nahm. So reichten
sich die beiden Generationen, im _chassez croisez_ gleichsam, die Hände.

»Sie sind sehr gut, Papa«, sagte die Konsulin. »Tony wird sich bemühen,
eine kluge und tüchtige Frau zu werden ... Sind die Knaben aus der
Schule gekommen?« fragte sie Ida.

Aber Tony, die vom Knie des Großvaters aus in den »Spion« durchs Fenster
sah, rief fast gleichzeitig:

»Tom und Christian kommen die Johannisstraße herauf ... und Herr
Hoffstede ... und Onkel Doktor ...«

Das Glockenspiel von St. Marien setzte mit einem Chorale ein: pang!
ping, ping -- pung! ziemlich taktlos, so daß man nicht recht zu erkennen
vermochte, was es eigentlich sein sollte, aber doch voll Feierlichkeit,
und während dann die kleine und die große Glocke fröhlich und würdevoll
erzählten, daß es vier Uhr sei, schallte auch drunten die Glocke der
Windfangtür gellend über die große Diele, worauf es in der Tat Tom und
Christian waren, die ankamen, zusammen mit den ersten Gästen, mit Jean
Jacques Hoffstede, dem Dichter, und Doktor Grabow, dem Hausarzt.


Zweites Kapitel

Herr Jean Jacques Hoffstede, der Poet der Stadt, der sicherlich auch für
den heutigen Tag ein paar Reime in der Tasche hatte, war nicht viel
jünger als Johann Buddenbrook, der Ältere, und abgesehen von der grünen
Farbe seines Leibrockes, in demselben Geschmack gekleidet. Aber er war
dünner und beweglicher als sein alter Freund und besaß kleine, flinke,
grünliche Augen und eine lange, spitze Nase.

»Besten Dank«, sagte er, nachdem er den Herren die Hände geschüttelt und
vor den Damen -- im besonderen vor der Konsulin, die er außerordentlich
verehrte -- ein paar seiner ausgesuchtesten _compliments_ vollführt
hatte, _compliments_, wie die neue Generation sie schlechterdings nicht
mehr zustande brachte, und die von einem angenehm stillen und
verbindlichen Lächeln begleitet waren. »Besten Dank für die freundliche
Einladung, meine Hochverehrten. Diese beiden jungen Leute«, und er wies
auf Tom und Christian, die in blauen Kitteln mit Ledergürteln bei ihm
standen, »haben wir in der Königstraße getroffen, der Doktor und ich,
als sie von ihren Studien kamen. Prächtige Bursche -- Frau Konsulin?
Thomas, das ist ein solider und ernster Kopf; er muß Kaufmann werden,
darüber besteht kein Zweifel. Christian dagegen scheint mir ein wenig
Tausendsassa zu sein, wie? ein wenig _Incroyable_ ... Allein ich
verhehle nicht mein _engouement_. Er wird studieren, dünkt mich; er ist
witzig und brillant veranlagt ...«

Herr Buddenbrook bediente sich seiner goldenen Tabaksdose.

»'n Aap is hei! Soll er nicht gleich Dichter werden, Hoffstede?«

Mamsell Jungmann steckte die Fenstervorhänge übereinander, und bald lag
das Zimmer in dem etwas unruhigen, aber diskreten und angenehmen Licht
der Kerzen des Kristallkronleuchters und der Armleuchter, die auf dem
Sekretär standen.

»Nun, Christian«, sagte die Konsulin, deren Haar goldig aufleuchtete,
»was hast du heute nachmittag gelernt?« Und es ergab sich, daß Christian
Schreiben, Rechnen und Singen gehabt hatte.

Er war ein Bürschchen von sieben Jahren, das schon jetzt in beinahe
lächerlicher Weise seinem Vater ähnlich war. Es waren die gleichen,
ziemlich kleinen, runden und tiefliegenden Augen, die gleiche stark
hervorspringende und gebogene Nase war schon erkenntlich, und unterhalb
der Wangenknochen deuteten bereits ein paar Linien darauf hin, daß die
Gesichtsform nicht immer die jetzige kindliche Fülle behalten werde.

»Wir haben furchtbar gelacht«, fing er an zu plappern, während seine
Augen im Zimmer von einem zum anderen gingen. »Paßt mal auf, was Herr
Stengel zu Siegmund Köstermann gesagt hat.« Er beugte sich vor,
schüttelte den Kopf und redete eindringlich in die Luft hinein:
»Äußerlich, mein gutes Kind, äußerlich bist du glatt und geleckt, ja,
aber innerlich, mein gutes Kind, da bist du schwarz ...« Und dies sagte
er unter Weglassung des »r« und indem er »schwarz« wie »swärz« aussprach
-- mit einem Gesicht, in dem sich der Unwille über diese »äußeliche«
Glätte und Gelecktheit mit einer so überzeugenden Komik malte, daß alles
in Gelächter ausbrach.

»'n Aap is hei!« wiederholte der alte Buddenbrook kichernd. Herr
Hoffstede aber war außer sich vor Entzücken.

»Charmant!« rief er. »Unübertrefflich! Man muß Marcellus Stengel kennen!
Akkurat so! Nein, das ist gar zu köstlich!«

Thomas, dem solche Begabung abging, stand neben seinem jüngeren Bruder
und lachte neidlos und herzlich. Seine Zähne waren nicht besonders
schön, sondern klein und gelblich. Aber seine Nase war auffallend fein
geschnitten, und er ähnelte in den Augen und in der Gesichtsform stark
seinem Großvater.

Man hatte zum Teil auf den Stühlen und dem Sofa Platz genommen, man
plauderte mit den Kindern, sprach über die frühe Kälte, das Haus ...
Herr Hoffstede bewunderte am Sekretär ein prachtvolles Tintenfaß aus
Sevres-Porzellan in Gestalt eines schwarzgefleckten Jagdhundes. Doktor
Grabow aber, ein Mann vom Alter des Konsuls, zwischen dessen spärlichem
Backenbart ein langes, gutes und mildes Gesicht lächelte, betrachtete
die Kuchen, Korinthenbrote und verschiedenartigen gefüllten Salzfäßchen,
die auf dem Tische zur Schau gestellt waren. Es war das »Salz und Brot«,
das der Familie von Verwandten und Freunden zum Wohnungswechsel
übersandt worden war. Da man aber sehen sollte, daß die Gabe nicht aus
geringen Häusern komme, bestand das Brot in süßem, gewürztem und
schwerem Gebäck und war das Salz von massivem Golde umschlossen.

»Ich werde wohl zu tun bekommen«, sagte der Doktor, indem er auf die
Süßigkeiten wies und den Kindern drohte. Dann hob er mit wiegendem Kopf
ein gediegenes Gerät für Salz, Pfeffer und Senf empor.

»Von Lebrecht Kröger«, sagte M. Buddenbrook schmunzelnd. »Immer koulant,
mein lieber Herr Verwandter. Ich habe ihm dergleichen nicht spendiert,
als er sich sein Gartenhaus vorm Burgtor gebaut hatte. Aber so war er
immer ... nobel! spendabel! ein _à la mode_-Kavalier ...«

Mehrmals hatte die Glocke durchs ganze Haus gegellt. Pastor Wunderlich
langte an, ein untersetzter alter Herr in langem, schwarzem Rock, mit
gepudertem Haar und einem weißen, behaglich lustigen Gesicht, in dem ein
Paar grauer, munterer Augen blinzelten. Er war seit vielen Jahren Witwer
und rechnete sich zu den Junggesellen aus der alten Zeit, wie der lange
Makler, Herr Grätjens, der mit ihm kam und beständig eine seiner hageren
Hände nach Art eines Fernrohrs zusammengerollt vors Auge hielt, als
prüfe er ein Gemälde; er war ein allgemein anerkannter Kunstkenner.

Auch Senator Doktor Langhals nebst Frau kamen an, langjährige Freunde
des Hauses, -- nicht zu vergessen den Weinhändler Köppen mit dem großen,
dunkelroten Gesicht, das zwischen den hochgepolsterten Ärmeln saß, und
seine gleichfalls so sehr beleibte Gattin ...

Es war schon nach halb fünf Uhr, als schließlich die Krögers eintrafen,
die Alten sowohl wie ihre Kinder, Konsul Krögers mit ihren Söhnen Jakob
und Jürgen, die im Alter von Tom und Christian standen. Und fast
gleichzeitig mit ihnen kamen auch die Eltern der Konsulin Kröger,
Holzgroßhändler Oeverdieck nebst Frau, ein altes, zärtliches Ehepaar,
das sich vor aller Ohren mit den bräutlichsten Kosenamen zu benennen
pflegte.

»Feine Leute kommen spät«, sagte Konsul Buddenbrook und küßte seiner
Schwiegermutter die Hand.

»Öwer denn ook gliek düchtig!« und Johann Buddenbrook machte eine weite
Armbewegung über die Krögersche Verwandtschaft hin, indem er dem Alten
die Hand schüttelte ...

Lebrecht Kröger, der _à la mode_-Kavalier, eine große, distinguierte
Erscheinung, trug noch leicht gepudertes Haar, war aber modisch
gekleidet. An seiner Sammetweste blitzten zwei Reihen von
Edelsteinknöpfen. Justus, sein Sohn, mit kleinem Backenbart und spitz
emporgedrehtem Schnurrbart, ähnelte, was Figur und Benehmen anbetraf,
stark seinem Vater; auch über die nämlichen runden und eleganten
Handbewegungen verfügte er.

Man setzte sich gar nicht erst, sondern stand, in Erwartung der
Hauptsache, in einem vorläufigen und nachlässigen Gespräch beieinander.
Und Johann Buddenbrook, der Ältere, bot auch schon Madame Köppen seinen
Arm, indem er mit vernehmlicher Stimme sagte:

»Na, wenn wir alle Appetit haben, _mesdames et messieurs_ ...«

Mamsell Jungmann und das Folgmädchen hatten die weiße Flügeltür zum
Speisesaal geöffnet, und langsam, in zuversichtlicher Gemächlichkeit,
bewegte sich die Gesellschaft hinüber; man konnte eines nahrhaften
Bissens gewärtig sein bei Buddenbrooks ...


Drittes Kapitel

Der jüngere Hausherr hatte, als der allgemeine Aufbruch begann, mit der
Hand nach der linken Brustseite gegriffen, wo ein Papier knisterte, das
gesellschaftliche Lächeln war plötzlich von seinem Gesicht verschwunden,
um einem gespannten und besorgten Ausdruck Platz zu machen, und an
seinen Schläfen spielten, als ob er die Zähne aufeinander bisse, ein
paar Muskeln. Nur zum Schein machte er einige Schritte dem Speisesaale
zu, dann aber hielt er sich zurück und suchte mit den Augen seine
Mutter, die als eine der letzten, an der Seite Pastor Wunderlichs, die
Schwelle überschreiten wollte.

»Pardon, lieber Herr Pastor ... Auf zwei Worte, Mama!« Und während der
Pastor ihm munter zunickte, nötigte Konsul Buddenbrook die alte Dame ins
Landschaftszimmer zurück und zum Fenster.

»Es ist, um kurz zu sein, ein Brief von Gotthold gekommen«, sagte er
rasch und leise, indem er in ihre fragenden, dunklen Augen sah und das
gefaltete und versiegelte Papier aus der Tasche zog. »Das ist seine
Handschrift ... Es ist das dritte Schreiben, und nur das erste hat Papa
ihm beantwortet ... Was machen? Es ist schon um zwei Uhr angekommen, und
ich hätte es dem Vater längst einhändigen müssen, aber sollte ich ihm
heute die Stimmung verderben? Was sagen Sie? Es ist immer noch Zeit, ihn
herauszubitten ...«

»Nein, du hast recht, Jean, warte damit!« sagte Madame Buddenbrook und
erfaßte nach ihrer Gewohnheit mit einer schnellen Bewegung den Arm ihres
Sohnes. »Was soll darin stehen!« fügte sie bekümmert hinzu. »Er gibt
nicht nach, der Junge. Er kapriziert sich auf diese Entschädigungssumme
für den Anteil am Hause ... Nein, nein, Jean, noch nicht jetzt ... Heute
abend vielleicht, vorm Zubettegehen ...«

»Was tun?« wiederholte der Konsul, indem er den gesenkten Kopf
schüttelte. »Ich selbst habe Papa oft genug bitten wollen, nachzugeben
... Es soll nicht aussehen, als ob ich, der Stiefbruder, mich bei den
Eltern eingenistet hätte und gegen Gotthold intrigierte ... auch dem
Vater gegenüber muß ich den Anschein dieser Rolle vermeiden. Aber wenn
ich ehrlich sein soll ... ich bin schließlich Associé. Und dann bezahlen
Bethsy und ich vorläufig eine ganz normale Miete für den zweiten Stock
... Was meine Schwester in Frankfurt betrifft, nun, so ist die Sache
arrangiert. Ihr Mann bekommt schon jetzt, bei Papas Lebzeiten, eine
Abstandssumme, ein Viertel bloß von der Hauskaufsumme ... Das ist ein
vorteilhaftes Geschäft, das Papa sehr glatt und gut erledigt hat, und
das im Sinne der Firma höchst erfreulich ist. Und wenn Papa sich
Gotthold gegenüber so ganz abweisend verhält, so ist das ...«

»Nein, Unsinn, Jean, dein Verhältnis zur Sache ist doch wohl klar. Aber
Gotthold glaubt, daß ich, seine Stiefmutter, nur für meine eigenen
Kinder sorge und ihm seinen Vater geflissentlich entfremde. Das ist das
Traurige ...«

»Aber es ist seine Schuld!« rief der Konsul beinahe laut und mäßigte
dann seine Stimme mit einem Blick nach dem Speisesaal. »Es ist seine
Schuld, dies traurige Verhältnis! Urteilen Sie selbst! Warum konnte er
nicht vernünftig sein! Warum mußte er diese Demoiselle Stüwing heiraten
und den ... Laden ...« Der Konsul lachte ärgerlich und verlegen bei
diesem Worte. »Es ist eine Schwäche, Vaters Widerwille gegen den Laden;
aber Gotthold hätte diese kleine Eitelkeit respektieren müssen ...«

»Ach, Jean, das beste wäre, Papa gäbe nach!«

»Aber kann ich denn dazu raten?« flüsterte der Konsul mit einer erregten
Handbewegung nach der Stirn. »Ich bin persönlich interessiert, und
deshalb müßte ich sagen: Vater, bezahle. Aber ich bin auch Associé, ich
habe die Interessen der Firma zu vertreten, und wenn Papa nicht glaubt,
einem ungehorsamen und rebellischen Sohn gegenüber die Verpflichtung zu
haben, dem Betriebskapital die Summe zu entziehen ... Es handelt sich um
mehr als elftausend Kuranttaler. Das ist gutes Geld ... Nein, nein, ich
kann nicht zuraten ... aber auch nicht abraten. Ich will nichts davon
wissen. Nur die Szene mit Papa ist mir _désagréable_ ...«

»Abends spät, Jean. Komm nun, man wartet ...«

Der Konsul barg das Papier in der Brusttasche, bot seiner Mutter den
Arm, und nebeneinander überschritten sie die Schwelle zum
hellerleuchteten Speisesaal, wo die Gesellschaft mit der Placierung um
die lange Tafel soeben fertiggeworden war.

Aus dem himmelblauen Hintergrund der Tapeten traten zwischen schlanken
Säulen weiße Götterbilder fast plastisch hervor. Die schweren roten
Fenstervorhänge waren geschlossen, und in jedem Winkel des Zimmers
brannten auf einem hohen, vergoldeten Kandelaber acht Kerzen, abgesehen
von denen, die in silbernen Armleuchtern auf der Tafel standen. Über
dem massigen Büfett, dem Landschaftszimmer gegenüber, hing ein
umfangreiches Gemälde, ein italienischer Golf, dessen blaudunstiger Ton
in dieser Beleuchtung außerordentlich wirksam war. Mächtige,
steiflehnige Sofas in rotem Damast standen an den Wänden.

Es war jede Spur von Besorgnis und Unruhe aus dem Gesicht Madame
Buddenbrooks verschwunden, als sie sich, zwischen dem alten Kröger, der
an der Fensterseite präsidierte, und Pastor Wunderlich niederließ.

»_Bon appétit!_« sagte sie mit ihrem kurzen, raschen, herzlichen
Kopfnicken, indem sie einen schnellen Blick über die ganze Tafel bis zu
den Kindern hinuntergleiten ließ ...


Viertes Kapitel

»Wie gesagt, alle Achtung, Buddenbrook!« übertönte die wuchtige Stimme
des Herrn Köppen das allgemeine Gespräch, als das Folgmädchen mit den
nackten, roten Armen, dem dicken, gestreiften Rock, unter der kleinen
weißen Mütze auf dem Hinterkopf, unter Beihilfe Mamsell Jungmanns und
des Mädchens der Konsulin von oben, die heiße Kräutersuppe nebst
geröstetem Brot serviert hatte und man anfing, behutsam zu löffeln.

»Alle Achtung! Diese Weitläufigkeit, diese Noblesse ... ich muß sagen,
hier läßt sich leben, muß ich sagen ...« Herr Köppen hatte bei den
früheren Besitzern des Hauses nicht verkehrt; er war noch nicht lange
reich, stammte nicht gerade aus einer Patrizierfamilie und konnte sich
einiger Dialektschwächen, wie die Wiederholung von »muß ich sagen«,
leider noch nicht entwöhnen. Außerdem sagte er »Achung« statt »Achtung«.

»Hat auch gar kein Geld gekostet«, bemerkte trocken Herr Grätjens, der
es wissen mußte, und betrachtete durch die hohle Hand eingehend den
Golf.

Man hatte so weit wie möglich bunte Reihe gemacht und die Kette der
Verwandten durch Hausfreunde unterbrochen. Streng aber war dies nicht
durchzuführen gewesen, und die alten Oeverdiecks saßen einander wie
gewöhnlich fast auf dem Schoße, sich innig zunickend. Der alte Kröger
aber thronte hoch und gerade zwischen der Senatorin Langhals und Madame
Antoinette und verteilte seine Handbewegungen und seine reservierten
Scherze an die beiden Damen.

»Wann ist das Haus noch gebaut worden?« fragte Herr Hoffstede schräg
über den Tisch hinüber den alten Buddenbrook, der sich in jovialem und
etwas spöttischem Tone mit Madame Köppen unterhielt.

»_Anno_ ... warte mal ... Um 1680, wenn ich nicht irre. Mein Sohn weiß
übrigens besser mit solchen Daten Bescheid ...«

»Zweiundachtzig«, bestätigte, sich vorbeugend, der Konsul, der weiter
unten, ohne eine Tischdame, neben Senator Langhals seinen Platz hatte.
»1682, im Winter, ist es fertig geworden. Mit Ratenkamp & Komp. fing es
damals an, aufs glänzendste bergauf zu gehen ... Traurig, dieses Sinken
der Firma in den letzten zwanzig Jahren ...«

Ein allgemeiner Stillstand des Gespräches trat ein und dauerte eine
halbe Minute. Man blickte in seinen Teller und gedachte dieser ehemals
so glänzenden Familie, die das Haus erbaut und bewohnt hatte und die
verarmt, heruntergekommen, davongezogen war ...

»Tja, traurig«, sagte der Makler Grätjens; »wenn man bedenkt, welcher
Wahnsinn den Ruin herbeiführte ... Wenn Dietrich Ratenkamp damals nicht
diesen Geelmaack zum Kompagnon genommen hätte! Ich habe, weiß Gott, die
Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als der anfing zu wirtschaften.
Ich weiß es aus bester Quelle, meine Herrschaften, wie greulich der
hinter Ratenkamps Rücken spekuliert und Wechsel hier und Akzepte dort
auf Namen der Firma gegeben hat ... Schließlich war es aus ... Da waren
die Banken mißtrauisch, da fehlte die Deckung ... Sie haben keine
Vorstellung ... Wer hat auch nur das Lager kontrolliert? Geelmaack
vielleicht? Sie haben da wie die Ratten gehaust, jahraus, jahrein! Aber
Ratenkamp kümmerte sich um nichts ...«

»Er war wie gelähmt«, sagte der Konsul. Sein Gesicht hatte einen
düsteren und verschlossenen Ausdruck angenommen. Er bewegte,
vornübergebeugt, den Löffel in seiner Suppe und ließ dann und wann
einen kurzen Blick seiner kleinen, runden, tiefliegenden Augen zum
oberen Tischende hinaufschweifen.

»Er ging wie unter einem Drucke einher, und ich glaube, man kann diesen
Druck begreifen. Was veranlaßte ihn, sich mit Geelmaack zu verbinden,
der bitterwenig Kapital hinzubrachte, und dem niemand den besten Leumund
machte? Er muß das Bedürfnis empfunden haben, einen Teil der furchtbaren
Verantwortlichkeit auf irgend jemanden abzuwälzen, weil er fühlte, daß
es unaufhaltsam zu Ende ging ... Diese Firma hatte abgewirtschaftet,
diese alte Familie war _passée_. Wilhelm Geelmaack hat sicherlich nur
den letzten Anstoß zum Ruin gegeben ...«

»Sie sind also der Ansicht, werter Herr Konsul«, sagte Pastor Wunderlich
mit bedächtigem Lächeln und schenkte seiner Dame und sich selbst Rotwein
ins Glas, »daß auch ohne den Hinzutritt des Geelmaack und seines wilden
Gebarens alles gekommen wäre, wie es gekommen ist?«

»Das wohl nicht«, sagte der Konsul gedankenvoll und ohne sich an eine
bestimmte Person zu wenden. »Aber ich glaube, daß Dietrich Ratenkamp
sich notwendig und unvermeidlich mit Geelmaack verbinden mußte, damit
das Schicksal erfüllt würde ... Er muß unter dem Druck einer
unerbittlichen Notwendigkeit gehandelt haben ... Ach, ich bin überzeugt,
daß er das Treiben seines Associés halb und halb gekannt hat, daß er
auch über die Zustände in seinem Lager nicht so vollständig unwissend
war. Aber er war erstarrt ...«

»Na, _assez_, Jean«, sagte der alte Buddenbrook und legte seinen Löffel
aus der Hand. »Das ist so eine von deinen _idées_ ...«

Der Konsul hob mit einem zerstreuten Lächeln sein Glas seinem Vater
entgegen. Lebrecht Kröger aber sprach:

»Nein, halten wir es nun mit der fröhlichen Gegenwart!«

Er faßte dabei vorsichtig und elegant den Hals seiner Weißwein-Bouteille,
auf deren Pfropfen ein kleiner silberner Hirsch stand, legte sie ein
wenig auf die Seite und prüfte aufmerksam die Etikette. »C. F. Köppen«,
las er und nickte dem Weinhändler zu; »ach ja, was wären wir ohne Sie!«

Die Meißener Teller mit Goldrand wurden gewechselt, wobei Madame
Antoinette die Bewegungen der Mädchen scharf beobachtete, und Mamsell
Jungmann rief Anordnungen in den Schalltrichter des Sprachrohres hinein,
das den Eßsaal mit der Küche verband. Es wurde der Fisch herumgereicht,
und während Pastor Wunderlich sich mit Vorsicht bediente, sagte er:

»Diese fröhliche Gegenwart ist immerhin nicht so ganz selbstverständlich.
Die jungen Leute, die sich hier jetzt mit uns Alten freuen, denken wohl
nicht daran, daß es jemals anders gewesen sein könnte ... Ich darf
sagen, daß ich an den Schicksalen unserer Buddenbrooks nicht selten
persönlichen Anteil genommen habe ... Immer wenn ich diese Dinge vor
Augen habe« -- und er wandte sich an Madame Antoinette, indem er einen
der schweren silbernen Löffel vom Tische nahm --, »muß ich denken, ob
sie nicht zu den Stücken gehören, die _anno_ sechs unser Freund, der
Philosoph Lenoir, Sergeant Seiner Majestät des Kaisers Napoleon, in
Händen hatte ... und erinnere mich unserer Begegnung in der Alfstraße,
Madame ...«

Madame Buddenbrook blickte mit einem halb verlegenen, halb
erinnerungsschweren Lächeln vor sich nieder. Tom und Tony, dort unten,
die keinen Fisch essen mochten und dem Gespräch der großen Leute
aufmerksam gefolgt waren, riefen beinahe einstimmig herauf: »Ach ja,
erzählen Sie, Großmama!« Aber der Pastor, der wußte, daß sie es nicht
liebte, von diesem für sie ein wenig peinlichen Vorfall selbst zu
berichten, begann statt ihrer noch einmal mit der alten kleinen
Geschichte, auf welche die Kinder gern zum hundertsten Male gehorcht
hätten, und die vielleicht einem oder dem anderen noch unbekannt war ...

»Kurz und gut, man figuriere sich: Es ist ein Novembernachmittag, kalt
und regnicht, daß Gott erbarm', ich komme von einem Amtsgeschäft die
Alfstraße hinauf und denke der schlimmen Zeiten. Fürst Blücher war fort,
die Franzosen waren in der Stadt, aber von der herrschenden Erregung
merkte man wenig. Die Straßen lagen still, die Leute saßen in ihren
Häusern und hüteten sich. Schlachtermeister Prahl, der mit den Händen in
den Hosentaschen vor seiner Tür gestanden und mit seiner dröhnendsten
Stimme gesagt hatte: `Dat is je denn doch woll zu arg, is dat je denn
doch woll --!´ war einfach, bautz, vor den Kopf geknallt worden ...
Nun, ich denke: Du willst einmal zu Buddenbrooks hineinsehen, ein
Zuspruch könnte willkommen sein; der Mann liegt mit der Kopfrose, und
Madame wird mit der Einquartierung zu schaffen haben.«

»Da, im nämlichen Moment, wen sehe ich mir entgegenkommen? Unsere
allverehrte Madame Buddenbrook. Allein in welcher Verfassung? Sie eilt
ohne Hut durch den Regen, sie hat kaum einen Schal um die Schultern
geworfen, sie stürzt mehr als sie geht, und ihre _coiffure_ ist eine
komplette Wirrnis ... Nein, das ist wahr, Madame! es war kaum noch die
Rede von einer _coiffure_.«

»`Welch angenehme _surprise_!´ sage ich und erlaube mir, sie, die mich
gar nicht sieht, am Ärmel zu halten, denn mir schwant nichts Gutes ...
`Wohin doch so schnell, meine Liebe?´ Sie bemerkt mich, sie blickt mich
an, sie stößt hervor: `Sind Sie's ... leben Sie wohl! Alles ist zu Ende!
Ich gehe hinunter in die Trave!´«

»`Behüte!´ sage ich und fühle, wie ich weiß werde. `Das ist der Ort
nicht für Sie, meine Liebe! Was ist aber passiert?´ Und ich halte sie so
fest, als der Respekt es zuläßt. `Was passiert ist?´ ruft sie und
zittert. `Sie sind über dem Silberzeug, Wunderlich! Das ist passiert!
Und Jean liegt mit der Kopfrose und kann mir nicht helfen! Und er könnte
auch nicht helfen, wäre er auf den Beinen! Sie stehlen meine Löffel,
meine silbernen Löffel, das ist passiert, Wunderlich, und ich gehe in
die Trave!´«

»Nun, ich halte unsere Freundin, ich sage was man sagt in solchen
Fällen, `Courage´, sage ich, `Liebste!´ und `Alles wird gut werden!´ und
`Wir wollen reden mit den Leuten, fassen Sie sich, ich beschwöre Sie,
und gehen wir!´ Und ich führe sie die Straße hinauf in ihr Haus. Im
Eßzimmer droben finden wir die Miliz, wie Madame sie verlassen, an die
zwanzig Mann hoch, die sich mit der großen Truhe abgeben, wo das
Silberzeug liegt.«

»`Mit wem von Ihnen kann ich Rücksprache nehmen´, frage ich höflich,
`meine Herren?´ Nun, man fängt an zu lachen und ruft: `Mit uns allen,
Papa!´ Dann aber tritt einer vor und präsentiert sich, ein Mensch, der
lang ist wie ein Baum, mit einem schwarz gewichsten Schnauzbart und
großen roten Händen, die aus den betreßten Aufschlägen heraussehen.
`Lenoir´, sagt er und salutiert mit der Linken, denn in der Rechten
hält er ein Bündel von fünf oder sechs silbernen Löffeln, `Lenoir,
Sergeant. Was wünscht der Herr?´«

»`Herr Offizier!´ sage ich und ziele auf den _point d'honneur_. `Sollte
die Beschäftigung mit diesen Dingen sich mit Ihrer glänzenden Charge
vereinbaren?... Die Stadt hat sich dem Kaiser nicht verschlossen ...´ --
`Was wollen Sie?´ antwortet er. `Das ist der Krieg! Die Leute benötigen
dergleichen Geschirr ...´«

»`Sie sollten Rücksicht nehmen´, unterbrach ich ihn, denn mir kommt ein
Gedanke. `Diese Dame´, sage ich, denn was sagt man nicht in solcher
Lage, `die Herrin des Hauses, sie ist nicht etwa eine Deutsche, sie ist
beinahe Ihre Landsmännin, sie ist eine Französin ...´ -- `Wie, eine
Französin?´ wiederholt er. Und was glauben Sie, daß dieser lange
Haudegen hinzufügt? -- `Eine Emigrantin also?´ sagt er. `Aber dann ist
sie eine Feindin der Philosophie!´«

»Ich bin baff, aber ich verschlucke mein Lachen. `Sie sind´, sage ich,
`ein Mann von Kopf, wie ich sehe. Ich wiederhole, daß es mir Ihrer nicht
würdig scheint, sich mit diesen Dingen zu befassen!´ -- Er schweigt
einen Augenblick; dann aber, plötzlich, wird er rot, er wirft seine
sechs Löffel in die Truhe und ruft: `Aber wer sagt Ihnen denn, daß ich
etwas anderes mit diesen Dingen beabsichtigte, als sie ein wenig zu
betrachten?! Hübsche Sachen, das! Wenn einer oder der andere der Leute
ein Stück als Souvenir mit sich nehmen sollte ...´«

»Nun, sie haben immerhin noch genug Souvenirs mit sich genommen, da half
keine Berufung auf menschliche oder göttliche Gerechtigkeit ... Sie
kannten wohl keinen anderen Gott, als diesen fürchterlichen kleinen
Menschen ...«


Fünftes Kapitel

»Sie haben ihn gesehen, Herr Pastor?« --

Die Teller wurden aufs neue gewechselt. Ein kolossaler, ziegelroter,
panierter Schinken erschien, geräuchert, gekocht, nebst brauner,
säuerlicher Chalottensauce, und solchen Mengen von Gemüsen, daß alle
aus einer einzigen Schüssel sich hätten sättigen können. Lebrecht Kröger
übernahm das Tranchieren. Die Ellenbogen in legerer Weise erhoben, die
langen Zeigefinger gerade auf den Rücken von Messer und Gabel
ausgestreckt, schnitt er mit Bedacht die saftigen Stücke hinunter. Auch
das Meisterwerk der Konsulin Buddenbrook, der »Russische Topf«, ein
prickelnd und spirituös schmeckendes Gemisch konservierter Früchte,
wurde gereicht. --

Nein, Pastor Wunderlich bedauerte, Bonaparte niemals zu Gesichte
bekommen zu haben. Der alte Buddenbrook aber sowohl wie Jean Jacques
Hoffstede hatten ihn von Angesicht zu Angesicht gesehen; ersterer zu
Paris, unmittelbar vor der russischen Kampagne, gelegentlich einer
Parade im Schloßhofe der Tuilerien, letzterer zu Danzig ...

»Gott, nein, er sah nicht gemütlich aus«, sagte er, indem er einen
Bissen von Schinken, Rosenkohl und Kartoffel, den er auf seiner Gabel
komponiert, mit erhobenen Brauen in den Mund schob. »Übrigens soll er
sich ganz heiter benommen haben, in Danzig. Man erzählte sich damals
einen Scherz ... Er hasardierte den ganzen Tag mit den Deutschen, und
zwar nicht eben harmlos, abends aber spielte er mit seinen Generälen.
`_N'est-ce pas, Rapp_´, sagte er, und griff eine Handvoll Gold vom
Tische, `_les Allemands aiment beaucoup ces petits Napoléons?_´ --
`_Oui, Sire, plus que le Grand!_´ antwortete Rapp ...«

In der allgemeinen Heiterkeit, die laut wurde -- denn Hoffstede hatte
die Anekdote hübsch erzählt und sogar ein wenig das Mienenspiel des
Kaisers markiert --, sagte der alte Buddenbrook:

»Na, ungescherzt, allen Respekt übrigens vor seiner persönlichen
Großheit ... Was für eine Natur!«

Der Konsul schüttelte ernsthaft den Kopf.

»Nein, nein, wir Jüngeren verstehen nicht mehr die Verehrungswürdigkeit
des Mannes, der den Herzog von Enghien ermordete, der in Ägypten die
achthundert Gefangenen niedermetzelte ...«

»Das alles ist möglicherweise übertrieben und gefälscht«, sagte Pastor
Wunderlich. »Der Herzog mag ein leichtsinniger und aufrührerischer Herr
gewesen sein, und was die Gefangenen betrifft, so war ihre Exekution
wahrscheinlich der wohlerwogene und notwendige Beschluß eines korrekten
Kriegsrates ...« Und er erzählte von einem Buche, das vor einigen Jahren
erschienen war, und das er gelesen hatte, das Werk eines Sekretärs des
Kaisers, das volle Aufmerksamkeit verdiene ...

»Gleichviel«, beharrte der Konsul, indem er eine Kerze putzte, die im
Armleuchter vor ihm flackerte. »Ich begreife es nicht, ich begreife
nicht die Bewunderung für diesen Unmenschen! Als christlicher Mann, als
Mensch von religiösem Empfinden finde ich in meinem Herzen keinen Raum
für ein solches Gefühl.«

Sein Gesicht hatte einen stillen und schwärmerischen Ausdruck
angenommen, ja, er hatte sogar den Kopf ein wenig auf die Seite gelegt
-- während es wahrhaftig aussah, als ob sein Vater und Pastor Wunderlich
einander ganz leise zulächelten.

»Ja, ja«, schmunzelte Johann Buddenbrook, »aber die kleinen Napoléons
waren nicht übel, was? Mein Sohn schwärmt mehr für Louis Philipp«, fügte
er hinzu.

»Schwärmt?« wiederholte Jean Jacques Hoffstede ein bißchen mokant ...
»Eine kuriose Zusammenstellung! Philipp Egalité und schwärmen ...«

»Nun, mich dünkt, daß wir von der Juli-Monarchie bei Gott eine Menge zu
lernen haben ...« Der Konsul sprach ernst und eifrig. »Das freundliche
und hilfreiche Verhältnis des französischen Konstitutionalismus zu den
neuen praktischen Idealen und Interessen der Zeit ... ist etwas so
überaus Dankenswertes ...«

»Praktische Ideale ... na, ja ...« Der alte Buddenbrook spielte während
einer Pause, die er seinen Kinnladen gönnte, mit seiner goldenen Dose.
»Praktische Ideale ... ne, ich bin da gar nich für!« Er verfiel vor
Verdruß in den Dialekt. »Da schießen nun die gewerblichen Anstalten und
die technischen Anstalten und die Handelsschulen aus der Erde, und das
Gymnasium und die klassische Bildung sind plötzlich Bêtisen, und alle
Welt denkt an nichts, als Bergwerke ... und Industrie ... und
Geldverdienen ... Brav, das alles, höchst brav! Aber ein bißchen
stüpide, von der anderen Seite, so auf die Dauer -- wie? Ich weiß nicht,
warum es mir ein Affront ist ... ich habe nichts gesagt, Jean ... die
Juli-Monarchie ist eine gute Sache ...«

Senator Langhals aber sowohl wie Grätjens und Köppen standen dem Konsul
zur Seite ... Ja, wahrhaftig, vor der französischen Regierung und den
gleichartigen Bestrebungen in Deutschland müsse man die größte Achtung
haben ... Herr Köppen sagte wieder »Achung«. -- Er war noch viel röter
geworden während des Speisens und schnob vernehmlich; Pastor Wunderlichs
Gesicht aber blieb weiß, fein und aufgeweckt, obgleich er in aller
Behaglichkeit ein Glas nach dem anderen trank.

Die Kerzen brannten langsam, langsam hinunter und ließen dann und wann,
wenn ihre Flammen im Luftzuge zur Seite flackerten, einen feinen
Wachsgeruch über die Tafel hinwehen.

Man saß auf hochlehnigen, schweren Stühlen, speiste mit schwerem
Silbergerät schwere, gute Sachen, trank schwere, gute Weine dazu und
sagte seine Meinung. Man war bald bei den Geschäften und verfiel
unwillkürlich mehr und mehr dabei in den Dialekt, in diese behaglich
schwerfällige Ausdrucksweise, die kaufmännische Kürze sowohl wie
wohlhabende Nachlässigkeit an sich zu haben schien, und die hie und da
mit gutmütiger Selbstironie übertrieben wurde. Man sagte nicht: »an der
Börse«, man sagte ganz einfach: »an Börse« ..., wobei man zum Überfluß
das r wie ein kurzes ä aussprach und ein wohlgefälliges Gesicht dazu
machte.

Die Damen waren dem Disput nicht lange gefolgt. Madame Kröger führte
ihnen das Wort, indem sie in der appetitlichsten Art die beste Manier
auseinandersetzte, Karpfen in Rotwein zu kochen ... »Wenn sie in
ordentliche Stücken zerschnitten sind, Liebe, dann mit Zwiebeln und
Nelken und Zwieback in die Kasserolle, und dann kriegen Sie sie mit
etwas Zucker und einem Löffel Butter zu Feuer ... Aber nicht waschen,
Liebste, alles Blut mitnehmen, um Gottes willen ...«

Der alte Kröger ließ die angenehmsten Scherze einfließen. Konsul Justus,
sein Sohn, aber, der neben Doktor Grabow weiter unten in der Nähe der
Kinder saß, hatte mit Mamsell Jungmann ein neckisches Gespräch
angeknüpft; sie kniff ihre braunen Augen zusammen und hielt nach ihrer
Gewohnheit Messer und Gabel gerade empor, indem sie sie leicht hin und
her bewegte. Selbst Oeverdiecks waren ganz laut und lebendig geworden.
Die alte Konsulin hatte ein neues Kosewort für ihren Gatten erfunden:
»Du gutes Schnuckeltier!« sagte sie und schüttelte ihre Haube vor
Herzlichkeit.

Das Gespräch floß in einen Gegenstand zusammen, als Jean Jacques
Hoffstede auf sein Lieblingsthema zu sprechen kam, auf die italienische
Reise, die er vor fünfzehn Jahren mit einem reichen Hamburger Verwandten
gemacht hatte. Er erzählte von Venedig, Rom und dem Vesuv, er sprach von
der Villa Borghese, wo der verstorbene Goethe einen Teil seines Faust
geschrieben habe, er schwärmte von Renaissance-Brunnen, die Kühlung
spendeten, von wohlbeschnittenen Alleen, in denen es sich so angenehm
lustwandeln lasse, und jemand erwähnte des großen, verwilderten Gartens,
den Buddenbrooks gleich hinter dem Burgtore besaßen ...

»Ja, meiner Treu!« sagte der Alte. »Ich ärgere mich noch immer, daß ich
mich seinerzeit nicht resolvieren konnte, ihn ein bißchen menschlich
herrichten zu lassen! Ich bin kürzlich mal wieder hindurch gegangen --
es ist eine Schande, dieser Urwald! Welch nett Besitztum, wenn das Gras
gepflegt, die Bäume hübsch kegel- und würfelförmig beschnitten
wären ...«

Der Konsul aber protestierte mit Eifer.

»Um Gottes willen, Papa --! Ich ergehe mich Sommers dort gern im
Gestrüpp; aber alles wäre mir verdorben, wenn die schöne, freie Natur so
kläglich zusammengeschnitten wäre ...«

»Aber wenn die freie Natur doch mir gehört, habe ich da zum Kuckuck
nicht das Recht, sie nach meinem Belieben herzurichten ...«

»Ach Vater, wenn ich dort im hohen Grase unter dem wuchernden Gebüsch
liege, ist es mir eher, als gehörte ich der Natur und als hätte ich
nicht das mindeste Recht über sie ...«

»Krischan, freet mi nich tau veel«, rief plötzlich der alte Buddenbrook,
»Thilda, der schadt es nichts ... packt ein wie söben Drescher, die
Dirn ...«

Und wahrhaftig, es war zum Erstaunen, welche Fähigkeiten dieses stille,
magere Kind mit dem langen, ältlichen Gesicht beim Essen entwickelte.
Sie hatte auf die Frage, ob sie zum zweiten Male Suppe wünsche, gedehnt
und demütig geantwortet: »J--a-- bit--te!« Sie hatte sich vom Fisch wie
vom Schinken zweimal je zwei der größten Stücke nebst starken Haufen
von Zutaten gewählt, sorgsam und kurzsichtig über den Teller gebeugt,
und sie verzehrte alles, ohne Überhastung, still und in großen Bissen.
Auf die Worte des alten Hausherrn antwortete sie nur langgezogen,
freundlich, verwundert und einfältig: »Gott -- On--k--el--?« Sie ließ
sich nicht einschüchtern, sie aß, ob es auch nicht anschlug und ob man
sie verspottete, mit dem instinktmäßig ausbeutenden Appetit der armen
Verwandten am reichen Freitische, lächelte unempfindlich und bedeckte
ihren Teller mit guten Dingen, geduldig, zäh, hungrig und mager.


Sechstes Kapitel

Nun kam, in zwei großen Kristallschüsseln, der »Plettenpudding«, ein
schichtweises Gemisch aus Makronen, Himbeeren, Biskuits und Eiercreme;
am unteren Tischende aber begann es aufzuflammen, denn die Kinder hatten
ihren Lieblings-Nachtisch, den brennenden Plumpudding bekommen.

»Thomas, mein Sohn, sei mal so gut«, sprach Johann Buddenbrook und zog
sein großes Schlüsselbund aus der Beinkleidtasche. »Im zweiten Keller
rechts, das zweite Fach, hinter dem roten Bordeaux, zwei Bouteillen,
du?« Und Thomas, der sich auf solche Aufträge verstand, lief fort und
kam wieder mit den ganz verstaubten und umsponnenen Flaschen. Kaum aber
war aus dieser unscheinbaren Hülle der goldgelbe, traubensüße alte
Malvasier in die kleinen Dessertweingläser geflossen, als der Augenblick
gekommen war, da Pastor Wunderlich sich erhob und, während das Gespräch
verstummte, das Glas in der Hand, in angenehmen Wendungen zu toasten
begann. Er sprach, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, ein feines und
spaßhaftes Lächeln auf seinem weißen Gesicht und die freie Hand in
zierlichen kleinen Gesten bewegend, in dem freien und behaglichen
Plauderton, den er auch auf der Kanzel innezuhalten liebte ... »Und
wohlan, so lassen Sie sich denn belieben, meine wackeren Freunde, ein
Glas dieses artigen Tropfens mit mir zu leeren auf die Wohlfahrt unserer
vielgeehrten Wirte in ihrem neuen, so prächtigen Heim, -- auf die
Wohlfahrt der Familie Buddenbrook, der anwesenden sowohl wie der
abwesenden Mitglieder ... vivant hoch!«

»Die abwesenden Mitglieder?« dachte der Konsul, während er sich vor den
Gläsern verbeugte, die man ihm entgegenhob. »Sind damit nur die in
Frankfurt und vielleicht die Duchamps in Hamburg gemeint, oder hat der
alte Wunderlich seine Hintergedanken ...?« Er stand auf, um sein Glas an
das seines Vaters klingen zu lassen, indem er ihm herzlich in die Augen
blickte.

Nun aber kam der Makler Grätjens von seinem Stuhle empor, und das nahm
Zeit in Anspruch; als er aber ein Ende genommen hatte, da widmete er mit
seiner etwas kreischenden Stimme ein Glas der Firma Johann Buddenbrook
und ihrem ferneren Wachsen, Blühen und Gedeihen, zur Ehre der Stadt.

Und Johann Buddenbrook dankte für alle die freundlichen Worte, als
Oberhaupt der Familie zum ersten und als älterer Chef des Handelshauses
zum zweiten -- und schickte Thomas nach einer dritten Bouteille
Malvasier, denn die Berechnung hatte sich als falsch erwiesen, daß zwei
genügen würden.

Auch Lebrecht Kröger sprach. Er erlaubte sich, sitzen zu bleiben dabei,
weil das einen noch kulanteren Eindruck machte, und nur aufs gefälligste
mit Kopf und Händen zu gestikulieren, während er seinen Trinkspruch den
beiden Damen des Hauses, Mme. Antoinette und der Konsulin, gelten ließ.

Als er aber geendet, als der Plettenpudding schon beinahe verspeist war
und der Malvasier zur Neige ging, da erhob sich langsam, mit einem
Räuspern und unter einem allgemeinen »Ah!« Herr Jean Jacques Hoffstede
... die Kinder, da unten, applaudierten geradezu vor Freude.

»Ja, _excusez_! ich konnte nicht umhin ...« sprach er, wobei er leicht
seine spitze Nase berührte und ein Papier aus der Rocktasche zog ... Ein
tiefes Stillschweigen verbreitete sich im Saale.

Das Blatt, das er in Händen hielt, war allerliebst kunterbunt, und von
einem Oval, das auf der Außenseite von roten Blumen und vielen goldenen
Schnörkeln gebildet ward, verlas er die Worte:

    »Gelegentlich der freundschaftlichen Teilnahme an dem frohen
    Einweihungsfeste des neuerworbenen Hauses mit der Familie
    Buddenbrook. Oktober 1835.«

Und dann wendete er und begann mit seiner schon etwas zitternden Stimme:

    Hochverehrte! -- Nicht versäumen
    Darf es mein bescheiden Lied,
    Euch zu nah'n in diesen Räumen,
    Die der Himmel euch beschied.

    Dir soll's, Freund im Silberhaare,
    Und der würd'gen Gattin dein,
    Eurer Kinder trautem Paare,
    Freudevoll gewidmet sein!

    Tüchtigkeit und zücht'ge Schöne
    Sich vor unserem Blick verband, --
    Venus Anadyomene
    Und Vulcani fleiß'ge Hand.

    Keine trübe Zukunft störe
    Eures Lebens Fröhlichkeit,
    Jeder neue Tag gewähre
    Euch stets neue Seligkeit.

    Freuen, ja unendlich freuen
    Wird mich euer künftig Glück.
    Ob ich oft den Wunsch erneuen
    Werde, sagt euch itzt mein Blick.

    Lebet wohl im prächt'gen Hause
    Und behaltet wert und lieb
    Den, der in geringer Klause
    Heute diese Zeilen schrieb! --

Er verbeugte sich, und ein einmütiger, begeisterter Beifall brach los.

»Charmant, Hoffstede!« rief der alte Buddenbrook. »Dein Wohl! Nein, das
war allerliebst!«

Als aber die Konsulin mit dem Dichter trank, färbte ein ganz feines Rot
ihren zarten Teint, denn sie hatte wohl die artige Reverenz bemerkt, die
er bei der »Venus Anadyomene« nach ihrer Seite vollführt hatte ...


Siebentes Kapitel

Die allgemeine Munterkeit hatte nun ihren Gipfel erreicht, und Herr
Köppen verspürte das deutliche Bedürfnis, ein paar Knöpfe seiner Weste
zu öffnen; aber das ging wohl leider nicht an, denn nicht einmal die
alten Herren erlaubten sich dergleichen. Lebrecht Kröger saß noch genau
so aufrecht an seinem Platze, wie zu Beginn der Mahlzeit, Pastor
Wunderlich blieb weiß und formgewandt, der alte Buddenbrook hatte sich
zwar ein bißchen zurückgelegt, wahrte aber den feinsten Anstand, und nur
Justus Kröger war ersichtlich ein wenig betrunken.

Wo war Doktor Grabow? Die Konsulin erhob sich ganz unauffällig und ging
davon, denn dort unten waren die Plätze von Mamsell Jungmann, Doktor
Grabow und Christian freigeworden, und aus der Säulenhalle klang es
beinahe wie unterdrücktes Jammern. Sie verließ schnell hinter dem
Folgmädchen, das Butter, Käse und Früchte serviert hatte, den Saal --
und wahrhaftig, dort im Halbdunkel, auf der runden Polsterbank, die sich
um die mittlere Säule zog, saß, lag oder kauerte der kleine Christian
und ächzte leise und herzbrechend.

»Ach Gott, Madamchen!« sagte Ida, die mit dem Doktor bei ihm stand,
»Christian, dem Jungchen, ist gar so schlecht ...«

»Mir ist übel, Mama, mir ist =verdammt= übel!« wimmerte Christian,
während seine runden tiefliegenden Augen über der allzugroßen Nase
unruhig hin und her gingen. Er hatte das »verdammt« nur aus übergroßer
Verzweiflung hervorgestoßen, die Konsulin aber sagte:

»Wenn wir solche Worte gebrauchen, straft uns der liebe Gott mit noch
größerer Übelkeit!«

Doktor Grabow fühlte den Puls; sein gutes Gesicht schien noch länger und
milder geworden zu sein.

»Eine kleine Indigestion ... nichts von Bedeutung, -- Frau Konsulin!«
tröstete er. Und dann fuhr er in seinem langsamen, pedantischen Amtstone
fort: »Es dürfte das beste sein, ihn zu Bette zu bringen ... ein bißchen
Kinderpulver, vielleicht ein Täßchen Kamillentee zum Transpirieren ...
Und strenge Diät, -- Frau Konsulin? Wie gesagt, strenge Diät. Ein wenig
Taube, -- ein wenig Franzbrot ...«

»Ich will keine Taube!« rief Christian außer sich. »Ich will nie--mals
wieder etwas essen! Mir ist übel, mir ist =verdammt= übel!« Das starke
Wort schien ihm geradezu Linderung zu bereiten, mit solcher Inbrunst
stieß er es hervor.

Doktor Grabow lächelte vor sich hin, mit einem nachsichtigen und beinahe
etwas schwermütigem Lächeln. Oh, er würde schon wieder essen, der junge
Mann! Er würde leben wie alle Welt. Er würde, wie seine Väter,
Verwandten und Bekannten, seine Tage sitzend verbringen und viermal
inzwischen so ausgesucht schwere und gute Dinge verzehren ... Nun, Gott
befohlen! Er, Friedrich Grabow, war nicht derjenige, welcher die
Lebensgewohnheiten aller dieser braven, wohlhabenden und behaglichen
Kaufmannsfamilien umstürzen würde. Er würde kommen, wenn er gerufen
würde, und für einen oder zwei Tage strenge Diät empfehlen, -- ein wenig
Taube, ein Scheibchen Franzbrot ... ja, ja -- und mit gutem Gewissen
versichern, daß es für diesmal nichts zu bedeuten habe. Er hatte, so
jung er war, die Hand manches wackeren Bürgers in der seinen gehalten,
der seine letzte Keule Rauchfleisch, seinen letzten gefüllten Puter
verzehrt hatte und, sei es plötzlich und überrascht in seinem
Kontorsessel oder nach einigem Leiden in seinem soliden alten Bett, sich
Gott befahl. Ein Schlag, hieß es dann, eine Lähmung, ein plötzlicher und
unvorhergesehener Tod ... ja, ja, und er, Friedrich Grabow, hätte sie
ihnen vorrechnen können, alle die vielen Male, wo es »nichts auf sich
gehabt hatte«, wo er vielleicht nicht einmal gerufen war, wo nur
vielleicht nach Tische, wenn man ins Kontor zurückgekehrt war, ein
kleiner, merkwürdiger Schwindel sich gemeldet hatte ... Nun, Gott
befohlen! Er, Friedrich Grabow, war selbst nicht derjenige, der die
gefüllten Puter verschmähte. Dieser panierte Schinken mit
Chalottensauce heute war delikat gewesen, zum Teufel, und dann, als man
schon schwer atmete, der Plettenpudding -- Makronen, Himbeeren und
Eierschaum, ja, ja ... »Strenge Diät, wie gesagt, -- Frau Konsulin? Ein
wenig Taube, -- ein wenig Franzbrot ...«


Achtes Kapitel

Drinnen im Eßsaale herrschte Aufbruch.

»Wohl bekomm's, _mesdames et messieurs_, gesegnete Mahlzeit! Drüben
wartet für Liebhaber eine Zigarre und ein Schluck Kaffee für uns alle
und, wenn Madame spendabel ist, ein Likör ... Die Billards, hinten, sind
zu jedermanns Verfügung, wie sich versteht; Jean, du übernimmst wohl die
Führung ins Hinterhaus ... Madame Köppen, -- die Ehre ...«

Plaudernd, befriedigt und in bester Laune Wünsche in betreff einer
gesegneten Mahlzeit austauschend, verfügte man sich durch die große
Flügeltür ins Landschaftszimmer zurück. Aber der Konsul ging nicht erst
hinüber, sondern versammelte sofort die billardlustigen Herren um sich.

»Sie wollen keine Partie riskieren, Vater?«

Nein, Lebrecht Kröger blieb bei den Damen, aber Justus könne ja nach
hinten gehen ... Auch Senator Langhals, Köppen, Grätjens und Doktor
Grabow hielten zum Konsul, während Jean Jacques Hoffstede nachkommen
wollte: »Später, später! Johann Buddenbrook will Flöte blasen, das muß
ich abwarten ... _Au revoir, messieurs ..._«

Die sechs Herren hörten noch, als sie durch die Säulenhalle schritten,
im Landschaftszimmer die ersten Flötentöne aufklingen, von der Konsulin
auf dem Harmonium begleitet, eine kleine, helle, graziöse Melodie, die
sinnig durch die weiten Räume schwebte. Der Konsul lauschte, so lange
etwas zu hören war. Er wäre gar zu gern im Landschaftszimmer
zurückgeblieben, um in einem Lehnsessel bei diesen Klängen seinen
Träumen und Gefühlen nachzuhängen; allein die Wirtspflicht ...

»Bringe ein paar Tassen Kaffee und Zigarren in den Billardsaal«, sagte
er zu dem Folgmädchen, das über den Vorplatz ging.

»Ja, Line, Kaffee, du? Kaffee!« wiederholte Herr Köppen mit einer
Stimme, die aus vollem Magen kam, und versuchte, das Mädchen in den
roten Arm zu kneifen. Er sprach das K ganz hinten im Halse, als schlucke
und schmecke er bereits.

»Ich bin überzeugt, daß Madame Köppen durch die Glasscheiben gesehen
hat«, bemerkte Konsul Kröger.

Senator Langhals fragte: »Da oben wohnst du also, Buddenbrook?«

Rechts führte die Treppe in den zweiten Stock hinauf, wo die
Schlafzimmer des Konsuls und seiner Familie lagen; aber auch an der
linken Seite des Vorplatzes befand sich noch eine Reihe von Räumen. Die
Herren schritten rauchend die breite Treppe mit dem weißlackierten,
durchbrochenen Holzgeländer hinunter. Auf dem Absatz blieb der Konsul
stehen.

»Dies Zwischengeschoß ist noch drei Zimmer tief«, erklärte er; »das
Frühstückszimmer, das Schlafzimmer meiner Eltern und ein wenig benutzter
Raum nach dem Garten hinaus; ein schmaler Gang läuft als Korridor
nebenher ... Aber vorwärts! -- Ja, sehen Sie, die Diele wird von den
Transportwagen passiert, sie fahren dann durch das ganze Grundstück bis
zur Bäckergrube.«

Die weite, hallende Diele drunten war mit großen, viereckigen
Steinfliesen gepflastert. Bei der Windfangtüre sowohl wie am anderen
Ende lagen Kontorräumlichkeiten, während die Küche, aus der noch immer
der säuerliche Geruch der Chalottensauce hervordrang, mit dem Weg zu den
Kellern links von der Treppe lag. Ihr gegenüber, in beträchtlicher Höhe,
sprangen seltsame, plumpe aber reinlich lackierte Holzgelasse aus der
Wand hervor: die Mädchenkammern, die nur durch eine Art freiliegender,
gerader Stiege von der Diele aus zu erreichen waren. Ein Paar ungeheurer
alter Schränke und eine geschnitzte Truhe standen daneben.

Durch eine hohe Glastür trat man über einige ganz flache, befahrbare
Stufen auf den Hof hinaus, an dem linkerseits sich das kleine Waschhaus
befand. Man blickte von hier aus in den hübsch angelegten, jetzt aber
herbstlich grauen und feuchten Garten hinein, dessen Beete mit
Strohmatten gegen den Frost geschützt waren, und der dort hinten vom
»Portal« abgeschlossen ward, der Rokokofassade des Gartenhauses. Die
Herren aber schlugen vom Hofe aus den Weg zur Linken ein, der zwischen
zwei Mauern über einen zweiten Hof zum Rückgebäude führte.

Dort führten schlüpfrige Stufen in ein kelleriges Gewölbe mit Lehmboden
hinab, das als Speicher benutzt wurde, und von dessen höchstem Boden ein
Tau zum Hinaufwinden der Kornsäcke herabhing. Aber man stieg zur Rechten
die reinlich gehaltene Treppe ins erste Stockwerk hinauf, woselbst der
Konsul seinen Gästen die weiße Türe zum Billardsaale öffnete.

Herr Köppen warf sich erschöpft auf einen der steifen Stühle, die an den
Wänden des weiten, kahl und streng aussehenden Raumes standen.

»Ich sehe fürs erste zu!« rief er und klopfte die feinen Regentropfen
von seinem Leibrock. »Hole mich der Teufel, was ist das für eine Reise
durch Euer Haus, Buddenbrook!«

Ähnlich wie im Landschaftszimmer brannte hier hinter einem Messinggitter
der Ofen. Durch die drei hohen und schmalen Fenster blickte man über
feuchtrote Dächer, graue Höfe und Giebel ...

»Eine Karambolage, Herr Senator?« fragte der Konsul, während er die
Queues aus den Gestellen nahm. Dann ging er umher und schloß die Löcher
der beiden Billards. »Wer will mit uns sein? Grätjens? Der Doktor? _All
right._ Grätjens und Justus, dann nehmen Sie das andere ... Köppen, du
=mußt= mitspielen.«

Der Weinhändler stand auf und horchte, den Mund voll Zigarrenrauch, auf
einen starken Windstoß, der zwischen den Häusern pfiff, den Regen
prickelnd gegen die Scheiben trieb und sich heulend im Ofenrohr verfing.

»Verflucht!« sagte er und stieß den Rauch von sich. »Glaubst du, daß der
`Wullenwewer´ zu Hafen kann, Buddenbrook? Was für ein Hundewetter ...«

Ja, die Nachrichten aus Travemünde waren nicht die besten; dies
bestätigte auch Konsul Kröger, der das Leder seines Stockes kreidete.
Stürme in allen Küsten. _Anno_ 24 war es, weiß Gott, nicht viel
schlimmer, als in St. Petersburg die große Wasserflut war ... Na, da kam
der Kaffee.

Man bediente sich, man trank einen Schluck und begann zu spielen. Dann
aber begann man vom Zollverein zu sprechen ... oh, Konsul Buddenbrook
war begeistert für den Zollverein!

»Welche Schöpfung, meine Herren!« rief er, sich nach einem geführten
Stoße lebhaft umwendend, zum anderen Billard hinüber, wo das erste Wort
gefallen war. »Bei erster Gelegenheit sollten wir beitreten ...«

Herr Köppen aber war nicht dieser Meinung, nein, er schnob geradezu vor
Opposition.

»Und unsere Selbständigkeit? Und unsere Unabhängigkeit?« fragte er
beleidigt und sich kriegerisch auf sein Queue stützend. »Wie steht es
damit? Würde Hamburg es sich beifallen lassen, bei dieser
Preußenerfindung mitzutun? Wollen wir uns nicht gleich einverleiben
lassen, Buddenbrook? Gott bewahre uns, nein, was sollen wir mit dem
Zollverein, möchte ich wissen! Geht nicht alles gut?...«

»Ja, du mit deinem Rotspohn, Köppen! Und dann vielleicht mit den
russischen Produkten, davon sage ich nichts. Aber weiter wird ja nichts
importiert! Und was den Export betrifft, nun ja, so schicken wir ein
bißchen Korn nach Holland und England, gewiß!... Ach nein, es geht
leider nicht alles gut. Es sind bei Gott hier ehemals andere Geschäfte
gemacht worden ... Aber im Zollverein würden uns die Mecklenburgs und
Schleswig-Holstein geöffnet werden ... Und es ist nicht auszurechnen,
wie das Propregeschäft sich aufnehmen würde ...«

»Aber ich bitte Sie, Buddenbrook«, fing Grätjens an, indem er sich lang
über das Billard beugte und den Stock auf seiner knochigen Hand sorgsam
zielend hin und her bewegte, »dieser Zollverein ... ich verstehe das
nicht. Unser System ist doch so einfach und praktisch, wie? Die
Einklarierung auf Bürgereid ...«

»Eine schöne alte Institution.« Dies mußte der Konsul zugeben.

»Nein, wahrhaftig, Herr Konsul, -- wenn Sie etwas `schön´ finden!«
Senator Langhals war ein wenig entrüstet: »Ich bin ja kein Kaufmann ...
aber wenn ich ehrlich sein soll -- nein, das mit dem Bürgereid ist ein
Unfug, allmählich, das muß ich sagen! Es ist eine Formalität geworden,
über die man ziemlich schlank hinweggeht ... und der Staat hat das
Nachsehen. Man erzählt sich Dinge, die denn doch arg sind. Ich bin
überzeugt, daß der Eintritt in den Zollverein von seiten des
Senates ...«

»Dann gibt es einen Konflikt --!« Herr Köppen stieß zornentbrannt das
Queue auf den Boden. Er sagte »Kongflick« und stellte jetzt alle
Vorsicht in betreff der Aussprache hintan. »Einen Kongflick, da versteh'
ich mich auf. Nee, alle schuldige Achung, Herr Senater, aber Sie sind ja
woll nich zu helfen, Gott bewahre!« Und er redete hitzig von
Entscheidungskommissionen und Staatswohl und Bürgereid und
Freistaaten ...

Gottlob, daß Jean Jacques Hoffstede ankam! Arm in Arm mit Pastor
Wunderlich trat er herein, zwei unbefangene und muntere alte Herren aus
sorgloserer Zeit.

»Nun, meine braven Freunde«, fing er an, »ich habe etwas für Sie; einen
Scherz, etwas Lustiges, ein Verslein nach dem Französischen ... passen
Sie auf!«

Er ließ sich gemächlich auf einen Stuhl nieder, den Spielern gegenüber,
die, auf ihre Queues gestützt, an den Billards lehnten, zog ein
Blättchen aus der Tasche, legte den langen Zeigefinger mit dem
Siegelring an die spitze Nase und verlas mit einer fröhlichen und
naiv-epischen Betonung:

    »Als Sachsens Marschall einst die stolze Pompadour
    Im goldnen Phaeton -- vergnügt spazieren fuhr,
    Sah Frelon dieses Paar --
                              oh, rief er, seht sie beide!
    Des Königs Schwert -- und seine Scheide!«

Herr Köppen stutzte einen Augenblick, ließ dann Kongflick und Staatswohl
dahinfahren und stimmte in das Gelächter der übrigen ein, daß der Saal
widerhallte. Pastor Wunderlich aber war an ein Fenster getreten und
kicherte, der Bewegung seiner Schultern nach zu urteilen, still vor sich
hin.

Man blieb noch eine gute Weile beisammen, hier hinten im Billardsaal,
denn Hoffstede hatte noch mehr Scherze ähnlicher Art in Bereitschaft.
Herr Köppen hatte seine ganze Weste geöffnet und war bei bester Laune,
denn er befand sich besser hier als im Speisesaal bei Tische. Er machte
drollige plattdeutsche Redensarten bei jedem Stoß und rezitierte dann
und wann beglückt vor sich hin:

»Als Sachsens Marschall einst ...«

Das Verslein nahm sich wunderlich genug aus in seinem rauhen Baß ...


Neuntes Kapitel

Es war ziemlich spät, gegen elf Uhr, als die Gesellschaft, die sich im
Landschaftszimmer noch einmal zusammengefunden hatte, beinahe
gleichzeitig aufzubrechen begann. Die Konsulin begab sich sofort,
nachdem sie die Handküsse aller in Empfang genommen, in ihre Zimmer
hinauf, um nach dem leidenden Christian zu sehen, indem sie die Aufsicht
über die Mägde beim Wegräumen des Geschirres an Mamsell Jungmann abtrat,
und Mme. Antoinette zog sich ins Zwischengeschoß zurück. Der Konsul aber
geleitete die Gäste die Treppe hinunter über die Diele und bis vor die
Haustür auf die Straße hinaus.

Ein scharfer Wind trieb den Regen seitwärts herunter, und die alten
Krögers krochen, in dicke Pelzmäntel gewickelt, eiligst in ihre
majestätische Equipage, die schon lange wartete. Das gelbe Licht der
Öllampen, die vorm Hause auf Stangen brannten und weiter unten an
dicken, über die Straße gespannten Ketten hingen, flackerte unruhig. Hie
und da sprangen die Häuser mit Vorbauten in die Straße hinein, die
abschüssig zur Trave hinunterführte, und einige waren mit Beischlägen
oder Bänken versehen. Feuchtes Gras sproß zwischen dem schlechten
Pflaster empor. Die Marienkirche dort drüben lag ganz in Schatten,
Dunkelheit und Regen gehüllt.

»_Merci_«, sagte Lebrecht Kröger und drückte dem Konsul, der am Wagen
stand, die Hand. »_Merci_, Jean, es war allerliebst!« Dann knallte der
Schlag, und die Equipage polterte davon. Auch Pastor Wunderlich und der
Makler Grätjens gingen mit Dank ihres Weges. Herr Köppen, in einem
Mantel mit fünffacher Pelerine, einen weitschweifigen grauen Zylinder
auf dem Kopf und seine beleibte Gattin am Arm, sagte in seinem
bittersten Baß:

»'n Abend, Buddenbrook! Na, geh' 'rein, erkält' dich nicht. Vielen Dank
-- du? Ich habe gegessen wie lange nicht ... und mein Roter zu vier
Kurantmark konveniert dir also? Gut' Nacht nochmal ...«

Das Paar ging mit Konsul Kröger und seiner Familie gegen den Fluß
hinunter, während Senator Langhals, Doktor Grabow und Jean Jacques
Hoffstede die entgegengesetzte Richtung einschlugen ...

Konsul Buddenbrook stand, die Hände in den Taschen seines hellen
Beinkleides vergraben, in seinem Tuchrock ein wenig fröstelnd, ein paar
Schritte vor der Haustür und lauschte den Schritten, die in den
menschenleeren, nassen und matt beleuchteten Straßen verhallten. Dann
wandte er sich und blickte an der grauen Giebelfassade des Hauses empor.
Seine Augen verweilten auf dem Spruch, der überm Eingang in
altertümlichen Lettern gemeißelt stand: -- »_Dominus providebit._«
Während er den Kopf ein wenig senkte, trat er ein und verschloß
sorgfältig die schwerfällig knarrende Haustür. Dann ließ er die
Windfangtüre ins Schloß schnappen und schritt langsam über die hallende
Diele. Die Köchin, die mit einem Teebrett voll Gläser klirrend die
Treppe herunterkam, fragte er: »Wo ist der Herr, Trina?«

»Im Eßsaal, Herr Konsul ...« Ihr Gesicht wurde so rot wie ihre Arme,
denn sie war vom Lande und geriet leicht in Verwirrung.

Er ging hinauf, und noch in der dunklen Säulenhalle machte seine Hand
eine Bewegung nach der Brusttasche, wo das Papier knisterte. Dann trat
er in den Saal, in dessen einem Winkel noch Kerzenreste auf einem der
Kandelaber brannten und die abgeräumte Tafel beleuchteten. Der
säuerliche Geruch der Chalottensauce lag beharrlich in der Luft.

Dort hinten bei den Fenstern ging, die Hände auf dem Rücken, Johann
Buddenbrook gemächlich auf und ab.


Zehntes Kapitel

»Na, min Söhn Johann! wo geiht di dat!« Er blieb stehen und streckte dem
Sohne die Hand entgegen, die weiße, ein wenig zu kurze, aber
feingegliederte Hand der Buddenbrooks. Seine rüstige Gestalt, an der nur
die gepuderte Perücke und das Spitzen-Jabot weiß aufleuchtete, hob sich
matt und unruhig beleuchtet von dem Dunkelrot der Fenstervorhänge ab.

»Noch nicht müde? Ich gehe hier und horche auf den Wind ... verflixtes
Wetter! Kapitän Kloht ist von Riga unterwegs ...«

»O Vater, mit Gottes Hilfe wird alles gut gehen!«

»Kann ich mich darauf verlassen? Zugegeben, daß du mit dem Herrgott auf
du und du stehst ...«

Dem Konsul ward wohler zumute angesichts dieser guten Laune.

»Ja, um zur Sache zu kommen«, fing er an, »so wollte ich Ihnen nicht nur
gute Nacht sagen, Papa, sondern ... aber Sie dürfen nicht böse werden,
wie? Ich habe Sie mit diesem Briewe -- er ist heute Nachmittag gekommen
-- bis jetzt nicht ennuyieren wollen ... an diesem heiteren Abend ...«

»Monsieur Gotthold -- _voilà_!« Der Alte tat, als bliebe er ganz ruhig
angesichts des bläulichen, versiegelte Papieres, das er entgegennahm.
»Herrn Johann Buddenbrook _sen._ Persönlich ... Ein Mann von _conduite_,
dein Herr Stiefbruder, Jean! Habe ich seinen zweiten Brief neulich
überhaupt beantwortet? Allein er schreibt einen dritten ...« Während
sein rosiges Gesicht sich mehr und mehr verdüsterte, zerriß er mit einem
Finger das Siegel, entfaltete rasch das dünne Papier, wandte sich
schräge, daß die Schrift vom Kandelaber aus beleuchtet ward und führte
einen energischen Schlag mit dem Handrücken darauf. Selbst in dieser
Handschrift schien Abtrünnigkeit und Rebellion zu liegen, denn während
die Zeilen der Buddenbrooks sonst winzig, leicht und schräge über das
Papier eilten, waren diese Buchstaben hoch, steil und mit plötzlichem
Drucke versehen; viele Wörter waren mit einem raschen, gebogenen
Federzug unterstrichen.

Der Konsul hatte sich ein wenig seitwärts bis zur Wand, wo die Stühle
standen, zurückgezogen; aber er setzte sich nicht, da sein Vater stand,
sondern erfaßte nur mit einer nervösen Bewegung eine der hohen Lehnen,
während er den Alten beobachtete, der, den Kopf zur Seite geneigt, mit
finsteren Brauen und schnell sich bewegenden Lippen las ...

»Mein Vater!

Wohl zu Unrecht verhoffe ich, daß Ihr Rechtssinn groß genug sein wird,
um die =Entrüstung= zu ästimieren, welche ich empfand, als mein zweiter,
so =dringlicher= Brief in betreff der wohl bewußten Angelegenheit ohne
Antwort verblieb, nachdem nur auf den ersten eine Entgegnung (ich
geschweige welcher Art!) zur Hand gekommen war. Ich muß Ihnen
aussprechen, daß die Art, in welcher Sie die Kluft, welche, dem Herrn
sei's geklagt, zwischen uns besteht, durch Ihre Hartnäckigkeit
vertiefen, eine =Sünde= ist, welche Sie einstmals vor Gottes
Richterstuhl aufs =schwerste= werden verantworten müssen. Es ist traurig
genug, daß Sie vor Jahr und Tag, als ich, auch gegen Ihren Willen, dem
Zuge meines Herzens folgend, meine nunmehrige Gattin ehelichte und durch
Übernahme eines Laden-Geschäftes Ihren =maßlosen= Stolz beleidigte, sich
so überaus grausam und völlig von mir wandten; allein die Weise, in
welcher Sie mich jetzt traktieren, schreit zum Himmel, und sollten Sie
vermeinen, daß ich mich angesichts Ihres Schweigens kontentiert und
still verhalten werde, so irren Sie =gröblichst=. -- Der Kaufpreis Ihres
neu erworbenen Hauses in der Mengstraße hat 100000 Kurantmark betragen
und ist mir ferner bekannt, daß Ihr Sohn aus zweiter Ehe und Associé,
=Johann=, bei Ihnen mietweise wohnhaft ist und nach Ihrem Tode mit
dem Geschäfte auch das Haus als alleiniger Besitzer übernehmen wird.
Mit meiner Stiefschwester in Frankfurt und ihrem Gatten haben Sie
Vereinbarungen getroffen, in die ich mich nicht zu mischen habe.
Was aber mich, Ihren ältesten Sohn, angeht, so treiben Sie Ihren
=unchristlichen= Zorn so weit, es schlanker Hand zu refüsieren, mir
irgendeine Entschädigungssumme für den Anteil am Hause zukommen zu
lassen! Ich habe es mit Stillschweigen übergangen, als Sie mir bei
meiner Verheiratung und Etablierung 100000 Kurantmark auszahlten und mir
testamentarisch ein für allemal nur ein Erbteil von 100000 zusprachen.
Ich war damals nicht einmal hinlänglich orientiert über Ihre
Vermögensverhältnisse. Jetzt jedoch sehe ich klarer, und da ich mich
nicht als prinzipiell enterbt zu betrachten brauche, so =beanspruche=
ich in diesem besonderen Falle eine Entschädigungssumme von 33335
Kurantmark, will sagen ein Drittel der Kaufsumme. Ich will keine
Vermutungen darüber anstellen, welchen =verdammungswürdigen= Einflüssen
ich die Behandlung verdanke, welche ich bislang zu dulden genötigt war;
aber ich =protestiere= gegen dieselbe mit dem ganzen Rechtssinn des
=Christen= und des =Geschäftsmannes= und versichere Sie zum letzten
Male, daß, sollten Sie sich nicht entschließen können, meine gerechten
Ansprüche zu respektieren, ich Sie weder als =Christ= noch als =Vater=
noch als =Geschäftsmann= länger werde achten können.

                                        =Gotthold Buddenbrook.=«

»Verzeih, wenn es mir kein Pläsier macht, dir diese Litanei noch einmal
vorzubeten. -- _Voilà!_« Und mit einer grimmigen Bewegung warf Joh.
Buddenbrook den Brief seinem Sohne zu.

Der Konsul fing das Papier auf, als es in der Höhe seiner Knie
flatterte, und folgte mit verwirrten und traurigen Augen den Schritten
des Vaters. Der alte Herr ergriff den langen Kerzenlöscher, der beim
Fenster lehnte und ging stramm und erzürnt am Tische entlang in den
entgegengesetzten Winkel, zum Kandelaber.

»_Assez!_ sage ich. _N'en parlons plus_, Punktum! Ins Bett! _En avant!_«
Eine Flamme nach der anderen verschwand ohne Auferstehen unter dem
kleinen Metalltrichter, der oben an der Stange befestigt war. Es
brannten nur noch zwei Kerzen, als der Alte sich wieder nach seinem
Sohne umwandte, den er dort hinten kaum zu erkennen vermochte.

»_Eh bien_, was stehst du, was sagst du? Du mußt doch irgend etwas
sagen!«

»Was soll ich sagen, Vater? -- Ich bin ratlos.«

»Es passiert leicht, daß du ratlos bist!« warf Johann Buddenbrook mit
böser Betonung hin, obgleich er selbst wußte, daß diese Bemerkung nicht
viel Wahres enthielt, und daß sein Sohn und Associé ihm manches Mal im
entschlossenen Ergreifen des Vorteils überlegen gewesen war.

»Schlechte und verdammungswürdige Einflüsse ...« fuhr der Konsul fort.
»Das ist die erste Zeile, die ich entziffere! Sie begreifen nicht, wie
mich das quält, Vater? Und er wirft uns Unchristlichkeit vor!«

»Du wirst dich durch dieses miserable Geschreibsel einschüchtern lassen,
-- ja?!« Johann Buddenbrook kam zornig herbei, den Kerzenlöscher hinter
sich her schleifend. »Unchristlichkeit! Ha! Geschmackvoll, muß ich
sagen, -- diese fromme Geldgier! Was seid ihr eigentlich für eine
Kompanei, ihr jungen Leute, -- wie? Den Kopf voll christlicher und
phantastischer Flausen ... und ... Idealismus! und wir Alten sind die
herzlosen Spötter ... und nebenbei die Juli-Monarchie und die
praktischen Ideale ... und lieber dem alten Vater die gröbsten Sottisen
ins Haus schicken, als auf ein paar tausend Taler verzichten!... Und als
Geschäftsmann wird er geruhen, mich zu verachten! Nun! als Geschäftsmann
weiß ich, was _faux-frais_ sind, -- _faux-frais_!« wiederholte er mit
grimmigem pariserischen Gurgel-r. »Ich mache mir diesen exaltierten
Schlingel von einem Sohn nicht ergebener, wenn ich mich demütigen sollte
und nachgeben ...«

»Lieber Vater, was soll ich antworten! Ich will nicht, daß er recht hat
mit dem, was er von `Einflüssen´ sagt! Ich bin als Teilhaber
interessiert und gerade deshalb dürfte ich dir nicht raten, auf deinem
Standpunkt zu bestehen, jedoch ... Und ich bin ein so guter Christ als
Gotthold, jedoch ...«

»Jedoch! Ja, du hast meiner Treu recht, `jedoch´ zu sagen, Jean! Wie
verhalten sich die Dinge denn eigentlich? Damals, als er für seine
Mamsell Stüwing inflammiert war, als er mir Szene für Szene machte und
am Ende, meinem strengen Verbot zum Trotz, diese Mesalliance einging, da
schrieb ich ihm: _Mon très cher fils_, du heiratest deinen Laden,
Punktum. Ich enterbe dich nicht, ich mache kein _spectacle_, aber mit
unserer Freundschaft ist es zu Ende. Hier hast du 100000 als Mitgift,
ich vermache dir andere 100000 im Testamente, aber damit basta, damit
bist du abgefertigt, es gibt keinen Schilling mehr. -- Dazu hat er
geschwiegen. Was geht es ihn an, wenn wir Geschäfte gemacht haben? Wenn
du und deine Schwester eine tüchtige Portion mehr bekommen werden? Wenn
von dem Erbteil, das euer ist, ein Haus gekauft wurde ...«

»Wenn Sie verstünden, Vater, in welchem Dilemma ich mich befinde! Um der
Familieneintracht willen müßte ich raten ... aber ...« Der Konsul
seufzte leise auf, an seinen Stuhl gelehnt. Johann Buddenbrook spähte,
gestützt auf die Löschstange, aufmerksam in das unruhige Halbdunkel
hinein, um den Gesichtsausdruck des Sohnes zu erforschen. Die vorletzte
Kerze war heruntergebrannt und von selbst erloschen; nur eine flackerte
noch, dort hinten. Dann und wann trat eine hohe, weiße Figur ruhig
lächelnd aus der Tapete hervor und verschwand wieder.

»Vater, -- dieses Verhältnis mit Gotthold bedrückt mich!« sagte der
Konsul leise.

»Unsinn, Jean, keine Sentimentalität! Was bedrückt dich?«

»Vater, ... wir haben hier heute so heiter beieinander gesessen, wir
haben einen schönen Tag gefeiert, wir waren stolz und glücklich in dem
Bewußtsein, etwas geleistet zu haben, etwas erreicht zu haben ... unsere
Firma, unsere Familie auf eine Höhe gebracht zu haben, wo ihr
Anerkennung und Ansehen im reichsten Maße zuteil wird ... Aber, Vater,
diese böse Feindschaft mit meinem Bruder, deinem ältesten Sohne ... Es
sollte kein heimlicher Riß durch das Gebäude laufen, das wir mit Gottes
gnädiger Hilfe errichtet haben ... Eine Familie muß einig sein, muß
zusammenhalten, Vater, sonst klopft das Übel an die Tür ...«

»Flausen, Jean! Possen! Ein obstinater Junge ...«

Es entstand eine Pause; die letzte Flamme senkte sich tiefer und tiefer.

»Was machst du, Jean?« fragte Johann Buddenbrook. »Ich sehe dich gar
nicht mehr.«

»Ich rechne«, sagte der Konsul trocken. Die Kerze flammte auf, und man
sah, wie er gerade aufgerichtet und mit Augen, so kalt und aufmerksam,
wie sie während des ganzen Nachmittags noch nicht darein geschaut
hatten, fest in die tanzende Flamme blickte. -- »Einerseits: Sie geben
33335 an Gotthold und 15000 an die in Frankfurt, und das macht 48335 in
Summa. Andererseits: Sie geben nur 25000 an die in Frankfurt, und das
bedeutet für die Firma einen Gewinn von 23335. Das ist aber nicht alles.
Gesetzt, Sie leisten an Gotthold eine Entschädigungssumme für den Anteil
am Hause, so ist das Prinzip durchbrochen, so ist er damals =nicht=
endgültig abgefunden worden, so kann er nach Ihrem Tode ein gleich
großes Erbe beanspruchen, wie meine Schwester und ich, und dann handelt
es sich für die Firma um einen Verlust von Hunderttausenden, mit dem sie
nicht rechnen kann, mit dem ich als künftiger alleiniger Inhaber nicht
rechnen kann ... Nein, Papa!« beschloß er mit einer energischen
Handbewegung und richtete sich noch höher auf. »Ich muß Ihnen abraten,
nachzugeben!« --

»Na also! Punktum! _N'en parlons plus! En avant!_ Ins Bett!«

Das letzte Flämmchen verlosch unter dem Metallhütchen. In dichter
Finsternis schritten die beiden durch die Säulenhalle, und draußen, beim
Aufgang zum zweiten Stocke, schüttelten sie einander die Hand.

»Gut' Nacht, Jean ... Courage, du? Das sind so Ärgerlichkeiten ... Auf
Wiedersehen morgen beim Frühstück!«

Der Konsul stieg die Treppe hinauf in seine Wohnung, und der Alte
tastete sich am Geländer ins Zwischengeschoß hinunter. Dann lag das
weite, alte Haus wohlverschlossen in Dunkelheit und Schweigen. Stolz,
Hoffnungen und Befürchtungen ruhten, während draußen in den stillen
Straßen der Regen rieselte und der Herbstwind um Giebel und Ecken
pfiff.




Zweiter Teil


Erstes Kapitel

Zweiundeinhalbes Jahr später, um die Mitte des April schon, war zeitiger
als jemals der Frühling gekommen, und zu gleicher Zeit war ein Ereignis
eingetreten, das den alten Johann Buddenbrook vor Vergnügen trällern
machte und seinen Sohn aufs freudigste bewegte.

Um 9 Uhr, eines Sonntagmorgens, saß der Konsul im Frühstückszimmer vor
dem großen, braunen Sekretär, der am Fenster stand und dessen gewölbter
Deckel vermittelst eines witzigen Mechanismus zurückgeschoben war. Eine
dicke Ledermappe, gefüllt mit Papieren, lag vor ihm; aber er hatte ein
Heft mit gepreßtem Umschlage und Goldschnitt herausgenommen und schrieb,
eifrig darüber gebeugt, in seiner dünnen, winzig dahineilenden Schrift,
-- emsig und ohne Aufenthalt, es sei denn, daß er die Gänsefeder in das
schwere Metalltintenfaß tauchte ...

Die beiden Fenster standen offen, und vom Garten her, wo eine milde
Sonne die ersten Knospen beschien, und wo ein paar kleine Vogelstimmen
einander kecke Antworten gaben, wehte voll frischer und zarter Würze die
Frühlingsluft herein und trieb dann und wann sacht und geräuschlos die
Gardinen ein wenig empor. Drüben, auf dem Frühstückstische, ruhte die
Sonne blendend auf dem weißen, hie und da von Brosamen gesprenkelten
Leinen und spielte in kleinen, blitzenden Drehungen und Sprüngen auf der
Vergoldung der mörserförmigen Tassen ...

Beide Flügel der Tür zum Schlafzimmer waren geöffnet, und von dorther
vernahm man die Stimme Johann Buddenbrooks, der ganz leise nach einer
alten drolligen Melodie vor sich hin summte:

    »Ein guter Mann, ein braver Mann,
    Ein Mann von Complaisancen;
    Er kocht die Supp' und wiegt das Kind
    Und riecht nach Pomeranzen.«

Er saß zur Seite der kleinen Wiege mit grünseidenen Vorhängen, die bei
dem hohen Himmelbett der Konsulin stand, und die er mit einer Hand in
gleichmäßiger Schwingung erhielt. Die Konsulin und ihr Gatte hatten
sich, der leichteren Bedienung halber, für einige Zeit hier unten
eingerichtet, während ihr Vater und Madame Antoinette, die, eine Schürze
über dem gestreiften Kleide und eine Spitzenhaube auf den dicken weißen
Locken, sich dort hinten am Tische mit Flanell und Linnen zu schaffen
machte, das dritte Zimmer des Zwischengeschosses zum Schlafen benutzten.

Konsul Buddenbrook warf kaum einen Blick in das Nebenzimmer, so sehr war
er von seiner Arbeit in Anspruch genommen. Sein Gesicht trug einen
ernsten und vor Andacht beinahe leidenden Ausdruck. Sein Mund war leicht
geöffnet, er ließ das Kinn ein wenig hängen, und seine Augen
verschleierten sich dann und wann. Er schrieb:

»Heute, d. 14. April 1838, morgens um 6 Uhr, ward meine liebe Frau
Elisabeth, geb. Kröger, mit Gottes gnädiger Hilfe aufs glücklichste von
einem Töchterchen entbunden, welches in der hl. Taufe den Namen Klara
empfangen soll. Ja, so gnädig half ihr der Herr, obgleich nach Aussage
des Doktors Grabow die Geburt um etwas zu früh eintrat und sich vordem
nicht alles zum besten verhielt und Bethsy große Schmerzen gelitten hat.
Ach, wo ist doch ein solcher Gott, wie du bist, du Herr Zebaoth, der du
hilfst in allen Nöten und Gefahren und uns lehrst deinen Willen recht zu
erkennen, damit wir dich fürchten und in deinem Willen und Geboten treu
mögen erfunden werden! Ach Herr, leite und führe uns alle, so lange wir
leben auf Erden ...« -- Die Feder eilte weiter, glatt, behende, und
indem sie hie und da einen kaufmännischen Schnörkel ausführte, und
redete Zeile für Zeile zu Gott. Zwei Seiten weiter hieß es:

»Ich habe meiner jüngsten Tochter eine Police von 150 Kuranttalern
ausgeschrieben. Führe du sie, ach Herr! auf deinen Wegen, und schenke
du ihr ein reines Herz, auf daß sie einstmals eingehe in die Wohnungen
des ewigen Friedens. Denn wir wissen wohl, wie schwer es sei, von ganzer
Seele zu glauben, daß der ganze liebe süße Jesus mein sei, weil unser
irdisches kleines schwaches Herz ...« Nach drei Seiten schrieb der
Konsul ein »Amen«, allein die Feder glitt weiter, sie glitt mit feinem
Geräusch noch über manches Blatt, sie schrieb von der köstlichen Quelle,
die den müden Wandersmann labt, von des Seligmachers heiligen,
bluttriefenden Wunden, vom engen und vom breiten Wege und von Gottes
großer Herrlichkeit. Es kann nicht geleugnet werden, daß der Konsul nach
diesem oder jenem Satze die Neigung verspürte, es nun genug sein zu
lassen, die Feder fortzulegen, hinein zu seiner Gattin zu gehen oder
sich ins Kontor zu begeben. Wie aber! Wurde er es so bald müde, sich mit
seinem Schöpfer und Erhalter zu bereden? Welch ein Raub an Ihm, dem
Herrn, schon jetzt einzuhalten mit Schreiben ... Nein, nein, als
Züchtigung gerade für sein unfrommes Gelüste, zitierte er noch längere
Abschnitte aus den heiligen Schriften, betete für seine Eltern, seine
Frau, seine Kinder und sich selbst, betete auch für seinen Bruder
Gotthold, -- und endlich, nach einem letzten Bibelspruch und einem
letzten, dreimaligen Amen, streute er Goldsand auf die Schrift und
lehnte sich aufatmend zurück.

Ein Bein über das andere geschlagen, blätterte er langsam in dem Hefte
zurück, um hie und da einen Abschnitt der Daten und Betrachtungen zu
lesen, die sich von seiner Hand dort vorfanden, und sich wieder einmal
dankbar der Erkenntnis zu freuen, wie immer und in aller Gefahr Gottes
Hand ihn sichtbar gesegnet. Er hatte die Pocken gehabt so stark, daß
alle Leute ihm das Leben absprachen, aber er war gerettet worden. Einmal
-- er war noch ein Knabe -- hatte er den Vorbereitungen zu einer
Hochzeit beigewohnt, wobei viel Bier gebraut wurde (denn es bestand die
alte Sitte, das Bier im Hause zu brauen), und zu diesem Ende stand ein
großes Brauküben vor der Türe aufgerichtet. Nun, dasselbe schlug nieder
und die Bodenseite auf den Knaben, mit solchem Knall und solcher Gewalt,
daß die Nachbarn vor die Türe kamen und ihrer sechs genug zu tun hatten,
es wieder aufzurichten. Sein Kopf ward gequetscht, und das Blut rann
heftig über alle seine Gliedmaßen. Er wurde in einen Laden getragen,
und da noch ein wenig Leben in ihm war, ward zum Doktor und zum Wundarzt
geschickt. Dem Vater aber sprach man zu, er möge sich in Gottes Willen
schicken, es sei unmöglich, daß der Knabe am Leben bliebe ... Und nun
höre: Gott der Allmächtige segnete die Mittel und half ihm wieder zur
vollkommenen Gesundheit! -- Als der Konsul diesen Unglücksfall im Geiste
aufs neue erlebt hatte, ergriff er noch einmal die Feder und schrieb
hinter sein letztes Amen: »Ja, Herr, ich will dich loben ewiglich!«

Ein anderes Mal, als er, ein ganz junger Mensch noch, nach Bergen
gekommen war, hatte Gott ihn aus großer Wassersgefahr errettet. »Indem
wir«, stand dort, »in der Stromzeit, wenn die Nordfahrer angekommen
sind, sehr viel arbeiten mußten, durch die Jagden zu kommen und zu
unserer Brücke zu gelangen, so ging es mir dabei so, daß ich auf dem
Rande der Schute stand, die Füße gegen die Dollen und den Rücken gegen
die Jagd gestützt, um die Schute immer näher zu bringen; zu meinem
Unglück brechen die eichnen Dollen, wogegen ich die Füße gesetzt hatte,
und ich falle über Kopf ins Wasser. Ich komme zum erstenmal auf, aber
niemand ist so nahe, daß er mich fassen kann; ich komme zum zweitenmal
auf, allein die Schute geht mir über den Kopf. Es waren Leute genug da,
die mich gerne retten wollten, allein sie mußten erst schieben, daß die
Jagd und Schute nicht über mich kämen, und all' ihr Schieben hätte doch
nichts geholfen, wenn nicht in diesem Augenblick ein Tau auf einer
Nordfahrerjagd von selbst gerissen wäre, wodurch die Jagd hinaustrieb,
und ich also durch Gottes Verhängnis Raum erhielt, und obwohl ich zum
drittenmal nicht weiter aufkam, als daß nur die Haare zur Sicht kamen,
so gelang es, weil alle die Köpfe, der eine hier, der andere dort, aus
der Schute über dem Wasser waren, daß einer, der nach vorne zu aus der
Schute lag, mich an den Haaren faßte, und ich griff ihn am Arm. Allein
da er sich selbst nicht halten konnte, schrie und brüllte er so
gewaltig, daß die anderen es hörten und ihn so geschwind an den Hüften
faßten und mit Macht festhielten, daß er standhalten konnte. Auch ich
hielt immer fest, wenngleich er mich in den Arm biß, und kam es dadurch
dahin, daß er auch mir helfen konnte ...« Und dann folgte ein sehr
langes Dankgebet, das der Konsul mit feuchten Augen überlas.

»Ich könnte gar vieles anführen«, hieß es an anderer Stelle, »wenn ich
gewilligt wäre, meine Leidenschaften zu entdecken, allein ...« Nun,
hierüber ging der Konsul hinweg und begann hie und da ein paar Zeilen
aus der Zeit seiner Verheiratung und seiner ersten Vaterschaft zu lesen.
Diese Verbindung war, sollte er ehrlich sein, nicht gerade das gewesen,
was man eine Liebesheirat nennt. Sein Vater hatte ihm auf die Schulter
geklopft und ihn auf die Tochter des reichen Kröger, die der Firma eine
stattliche Mitgift zuführte, aufmerksam gemacht, er war von Herzen
einverstanden gewesen und hatte fortan seine Gattin verehrt, als die ihm
von Gott vertraute Gefährtin ...

Mit der zweiten Heirat seines Vaters hatte es sich ja nicht anders
verhalten.

    »Ein guter Mann, ein braver Mann,
    Ein Mann von Complaisancen« ...

trällerte er leise im Schlafzimmer. Bedauerlich, wie wenig Sinn er für
alle diese alten Aufzeichnungen und Papiere besaß. Er stand mit beiden
Beinen in der Gegenwart und beschäftigte sich nicht viel mit der
Vergangenheit der Familie, wenngleich er ehemals dem dicken
Goldschnittheft immerhin ein paar Notizen in seiner etwas schnörkeligen
Handschrift hinzugefügt hatte, und zwar hauptsächlich in betreff seiner
ersten Ehe.

Der Konsul schlug die Blätter auf, die stärker und rauher waren als das
Papier, das er selbst hineingeheftet, und die schon zu vergilben
begannen ... Ja, Johann Buddenbrook mußte diese erste Gattin, die
Tochter eines Bremer Kaufmannes, in rührender Weise geliebt haben, und
das eine, kurze Jahr, das er an ihrer Seite hatte verleben dürfen,
schien sein schönstes gewesen zu sein. »_L'année la plus heureuse de ma
vie_«, stand dort, mit einer krausen Wellenlinie unterstrichen, auf die
Gefahr hin, daß Madame Antoinette es las ...

Dann aber war Gotthold gekommen, und das Kind hatte Josephinen zugrunde
gerichtet ... Wunderliche Bemerkungen standen, was dies betrifft, auf
dem rauhen Papier. Johann Buddenbrook schien dieses neue Wesen ehrlich
und bitterlich gehaßt zu haben, von dem Augenblick an, wo seine ersten
kecken Regungen der Mutter gräßliche Schmerzen bereitet hatten, --
gehaßt zu haben, bis es gesund und lebhaft zur Welt kam, während
Josephine, den blutleeren Kopf in die Kissen gewühlt, verschied, -- und
niemals diesem skrupellosen Eindringling, der kräftig und sorglos
heranwuchs, den Mord der Mutter verziehen zu haben ... Der Konsul
verstand das nicht. Sie starb, dachte er, indem sie die hohe Pflicht des
Weibes erfüllte, und ich hätte die Liebe zu ihr zärtlich auf das Wesen
übertragen, dem sie das Leben schenkte, und das sie mir scheidend
hinterließ ... Er aber, der Vater, hat in seinem ältesten Sohne nie
etwas anderes als den ruchlosen Zerstörer seines Glückes erblickt. Dann,
später, hatte er sich mit Antoinette Duchamps, dem Kinde einer reichen
und hochangesehenen Hamburger Familie, vermählt und respektvoll und
aufmerksam hatten die beiden nebeneinander gelebt ...

Der Konsul blätterte hin und her im Hefte. Er las, ganz hinten, die
kleinen Geschichten seiner eigenen Kinder, wann Tom die Masern und
Antonie die Gelbsucht gehabt und Christian die Windpocken überstanden
hatte; er las von den verschiedenen Reisen nach Paris, der Schweiz und
Marienbad, die er mit seiner Gattin unternommen, und schlug zurück bis
zu den pergamentartigen, eingerissenen, gelbgesprenkelten Blättern, die
der alte Johann Buddenbrook, der Vater des Vaters, mit blaßgrauer Tinte
in weitläufigen Schnörkeln beschrieben hatte. Diese Aufzeichnungen
begannen mit einer weitläufigen Genealogie, welche die Hauptlinie
verfolgte. Wie am Ende des 16. Jahrhunderts ein Buddenbrook, der
älteste, der bekannt, in Parchim gelebt, und sein Sohn zu Grabau
Ratsherr geworden sei. Wie ein fernerer Buddenbrook, Gewandschneider
seines Zeichens, zu Rostock geheiratet, »sich sehr gut gestanden« -- was
unterstrichen war -- und eine ungemeine Menge von Kindern gezeugt habe,
tote und lebendige, wie es gerade kam ... Wie wiederum einer, der schon
Johan geheißen, als Kaufmann zu Rostock verblieben, und wie schließlich,
am Ende und nach manchem Jahr, des Konsuls Großvater hierhergekommen sei
und die Getreidefirma gegründet habe. Von diesem Vorfahren waren schon
alle Daten bekannt: Wann er die Frieseln und wann die echten Blattern
gehabt, war treu verzeichnet; wann er vom dritten Boden auf die Darre
gestürzt und am Leben geblieben, obgleich eine Menge Balken im Wege
gewesen seien, und wann er in ein hitzig Fieber mit Raserei verfallen,
stand reinlich vermerkt. Und er hatte seinen Notizen manche gute
Ermahnung an seine Nachkommen hinzugefügt, von denen, sorgfältig in
hoher gotischer Schrift gemalt und umrahmt, der Satz hervorstach: »Mein
Sohn, sey mit Lust bey den Geschäften am Tage, aber mache nur solche,
daß wir bey Nacht ruhig schlafen können.« Und dann war umständlich
nachgewiesen, daß ihm die alte, zu Wittenberg gedruckte Bibel zugehöre,
und daß sie auf seinen Erstgeborenen und wiederum auf dessen Ältesten
übergehen solle ...

Konsul Buddenbrook zog die Ledermappe zu sich heran, um dies oder jenes
der übrigen Papiere herauszugreifen und zu überlesen. Da waren uralte,
gelbe, zerrissene Briefe, welche sorgende Mütter an ihre in der Fremde
arbeitenden Söhne geschrieben hatten, und die vom Empfänger mit der
Bemerkung versehen waren: »Wohl empfangen und den Inhalt beherzigt.« Da
waren Bürgerbriefe mit Wappen und Siegel der freien und Hansestadt,
Policen, Gratulationspoeme und Patenbriefe. Da waren diese rührenden
Geschäftsbriefe, die etwa der Sohn an den Vater und Kompagnon aus
Stockholm oder Amsterdam geschrieben, die mit einer Beruhigung in
betreff des ziemlich gesicherten Weizens die dringende Bitte verbanden,
=sogleich= Frau und Kinder zu grüßen ... Da war ein besonderes Tagebuch
des Konsuls über seine Reise durch England und Brabant, ein Heft, auf
dessen Umschlag ein Kupfer das Edinburger Schloß mit dem Graßmarkte
darstellte. Da waren als traurige Dokumente die bösen Briefe Gottholds
an seinen Vater und schließlich, als heiterer Abschluß, das letzte
Festgedicht Jean Jacques Hoffstedes ...

Ein feines, eiliges Klingeln ließ sich vernehmen. Der Kirchturm droben,
auf dem mattfarbigen Gemälde, das über dem Sekretär hing und einen
altertümlichen Marktplatz darstellte, besaß eine wirkliche Uhr, die nun
auf ihre Weise zehn schlug. Der Konsul verschloß die Familienmappe und
verwahrte sie sorgfältig in einem hinteren Fache des Sekretärs. Dann
ging er ins Schlafzimmer hinüber.

Hier waren die Wände mit dunklem, großgeblümtem Tuche ausgeschlagen, dem
gleichen Stoffe, aus dem die hohen Gardinen des Wochenbettes bestanden.
Eine Stimmung von Erholung und Frieden nach überstandenen Ängsten und
Schmerzen lag in der Luft, die, vom Ofen noch leise erwärmt, mit einem
Mischgeruch von _Eau de Cologne_ und Medikamenten durchsetzt war. Die
geschlossenen Vorhänge ließen das Licht nur dämmernd herein.

Über die Wiege gebeugt standen die beiden Alten nebeneinander und
betrachteten das schlafende Kind. Die Konsulin aber, in einer eleganten
Spitzenjacke, das rötliche Haar aufs beste frisiert, streckte, ein wenig
bleich noch, aber mit einem glücklichen Lächeln ihrem Gatten die schöne
Hand entgegen, an deren Gelenk auch jetzt ein goldenes Armband leise
klirrte. Sie wandte dabei, nach ihrer Gewohnheit, die Handfläche soweit
als möglich herum, was die Herzlichkeit der Bewegung zu erhöhen
schien ...

»Nun, Bethsy, wie geht es?«

»Vortrefflich, vortrefflich, mein lieber Jean!«

Ihre Hand in der seinen, näherte er, den Eltern gegenüber, sein Gesicht
dem Kinde, das rasch und geräuschvoll Luft holte, und atmete während
einer Minute den warmen, gutmütigen und rührenden Duft ein, der von ihm
ausging. »Gott segne dich«, sagte er leise, indem er die Stirn des
kleinen Wesens küßte, dessen gelbe, runzlige Fingerchen eine
verzweifelte Ähnlichkeit mit Hühnerklauen besaßen.

»Sie hat prächtig getrunken«, bemerkte Madame Antoinette. »Sieh nur, sie
hat stupende zugenommen ...«

»Wollt ihr mir glauben, daß sie Netten ähnlich sieht?« Johann
Buddenbrooks Gesicht strahlte heute geradezu vor Glück und Stolz.
»Blitzschwarze Augen hat sie, hole mich der Teufel ...«

Die alte Dame wehrte bescheiden ab. »Ach, wie kann man schon jetzt von
einer Ähnlichkeit sprechen ... Du willst zur Kirche, Jean?«

»Ja, es ist zehn, -- hohe Zeit also, ich warte auf die Kinder ...«

Und die Kinder ließen sich bereits hören. Sie lärmten ungebührlich auf
der Treppe, während man das beruhigende Zischen Klothildens vernahm;
dann aber traten sie in ihren Pelzmäntelchen -- denn in der Marienkirche
war es natürlich noch winterlich -- leise und vorsichtig herein, erstens
wegen der kleinen Schwester und zweitens, weil es nötig war, sich vor
dem Gottesdienste zu sammeln. Ihre Gesichter waren rot und erregt. Welch
ein Festtag heute! Der Storch, ein Storch mit braven Muskeln,
entschieden, hatte außer dem Schwesterchen noch allerlei Prachtvolles
mitgebracht: eine neue Schulmappe mit Seehundsfell für Thomas, eine
große Puppe mit wirklichem -- dies war das Außerordentliche -- mit
wirklichem Haar für Antonie, ein buntes Bilderbuch für die artige
Klothilde, die sich aber still und dankbar fast ausschließlich mit den
Zuckertüten beschäftigte, die gleichfalls eingetroffen waren, und für
Christian ein komplettes Kasperle-Theater mit Sultan, Tod und Teufel ...

Sie küßten ihre Mutter und durften rasch noch einmal behutsam hinter die
grünseidne Gardine blicken, worauf sie mit dem Vater, der seinen
Pelerinenmantel übergeworfen und das Gesangbuch zur Hand genommen hatte,
schweigend und ruhigen Schrittes zur Kirche zogen, gefolgt von dem
durchdringenden Geschrei des neuen Familiengliedes, das plötzlich
erwacht war ...


Zweites Kapitel

Zum Sommer, im Mai vielleicht schon, oder im Juni, zog Tony Buddenbrook
immer zu den Großeltern vors Burgtor hinaus, und zwar mit heller Freude.

Es lebte sich gut dort draußen im Freien, in der luxuriös eingerichteten
Villa mit weitläufigen Nebengebäuden, Dienerschaftswohnungen und Remisen
und dem ungeheuren Obst-, Gemüse- und Blumengarten, der sich schräg
abfallend bis zur Trave hinunterzog. Die Krögers lebten auf großem Fuße,
und obgleich ein Unterschied bestand zwischen diesem blitzblanken
Reichtum und dem soliden, wenn auch ein wenig schwerfälligen Wohlstand
in Tonys Elternhause, so war es augenfällig, daß bei den Großeltern
alles immer noch um zwei Grade prächtiger war, als zu Hause; und das
machte Eindruck auf die junge Demoiselle Buddenbrook.

An eine Tätigkeit im Hause oder gar in der Küche war hier niemals zu
denken, während in der Mengstraße der Großvater und die Mama wohl
gleichfalls nicht viel Gewicht darauf legten, der Vater aber und die
Großmama sie oft genug mahnten, den Staub zu wischen und ihr die
ergebene, fromme und fleißige Kusine Thilda als Muster vorhielten. Die
feudalen Neigungen der mütterlichen Familie regten sich in dem kleinen
Fräulein, wenn sie vom Schaukelstuhle aus der Zofe oder dem Diener einen
Befehl erteilte ... Zwei Mädchen und ein Kutscher gehörten außer ihnen
zum Personale der alten Herrschaften.

Was man sagen mag, so ist es etwas Angenehmes, wenn beim Erwachen
morgens in dem großen, mit hellem Stoff tapezierten Schlafzimmer die
erste Bewegung der Hand eine schwere Atlassteppdecke trifft; und es ist
nennenswert, wenn zum ersten Frühstück vorn im Terrassenzimmer, während
durch die offene Glastür vom Garten die Morgenluft hereinstreicht, statt
des Kaffees oder des Tees eine Tasse Schokolade verabreicht wird, ja,
jeden Tag Geburtstagsschokolade mit einem dicken Stück feuchten
Napfkuchens.

Dieses Frühstück freilich mußte Tony, abgesehen von den Sonntagen, ohne
Gesellschaft einnehmen, da die Großeltern lange nach Beginn der
Schulzeit herunterzukommen pflegten. Wenn sie ihren Kuchen zur
Schokolade verzehrt hatte, so ergriff sie die Büchermappe, trippelte die
Terrasse hinunter und schritt durch den wohlgepflegten Vorgarten.

Sie war höchst niedlich, die kleine Tony Buddenbrook. Unter dem Strohhut
quoll ihr starkes Haar, dessen Blond mit den Jahren dunkler wurde,
natürlich gelockt hervor, und die ein wenig hervorstehende Oberlippe gab
dem frischen Gesichtchen mit den graublauen, munteren Augen einen
Ausdruck von Keckheit, der sich auch in ihrer graziösen kleinen Gestalt
wiederfand; sie setzte ihre schmalen Beinchen in den schneeweißen
Strümpfen mit einer wiegenden und elastischen Zuversichtlichkeit. Viele
Leute kannten und begrüßten die kleine Tochter des Konsuls Buddenbrook,
wenn sie durch die Gartenpforte in die Kastanienallee hinaustrat. Eine
Gemüsefrau vielleicht, die, ihre große Strohschute mit hellgrünen
Bändern auf dem Kopf, in ihrem Wägelchen vom Dorfe hereinkutschierte,
rief ihr ein freundliches »God'n Morgen ook, Mamselling!« zu, und der
große Kornträger Matthiesen, der in seinem schwarzen Habit mit
Pumphosen, weißen Strümpfen und Schnallenschuhen vorüberging, nahm vor
Ehrerbietung sogar seinen rauhen Zylinder ab ...

Tony blieb ein bißchen stehen, um auf ihre Nachbarin Julchen Hagenström
zu warten, mit der sie den Schulweg zurückzulegen pflegte. Dies war ein
Kind mit etwas zu hohen Schultern und großen, blanken, schwarzen Augen,
das nebenan in der völlig von Weinlaub bewachsenen Villa wohnte. Ihr
Vater, Herr Hagenström, dessen Familie noch nicht lange am Orte ansässig
war, hatte eine junge Frankfurterin geheiratet, eine Dame mit
außerordentlich dickem schwarzen Haar und den größten Brillanten der
Stadt an den Ohren, die übrigens Semlinger hieß. Herr Hagenström,
welcher Teilhaber einer Exportfirma -- Strunck & Hagenström -- war,
entwickelte in städtischen Angelegenheiten viel Eifer und Ehrgeiz, hatte
jedoch bei Leuten mit strengeren Traditionen, den Möllendorpfs,
Langhals' und Buddenbrooks, mit seiner Heirat einiges Befremden erregt
und war, davon abgesehen, trotz seiner Rührigkeit als Mitglied von
Ausschüssen, Kollegien, Verwaltungsräten und dergleichen nicht
sonderlich beliebt. Er schien es darauf abgesehen zu haben, den
Angehörigen der alteingesessenen Familien bei jeder Gelegenheit zu
opponieren, ihre Meinungen auf schlaue Weise zu widerlegen, die seine
dagegen durchzusetzen und sich als weit tüchtiger und unentbehrlicher zu
erweisen als sie. Konsul Buddenbrook sagte von ihm: »Hinrich Hagenström
ist aufdringlich mit seinen Schwierigkeiten ... Er muß es geradezu auf
mich persönlich abgesehen haben; wo er kann, behindert er mich ... Heute
gab es eine Szene in der Sitzung der Zentral-Armen-Deputation, vor ein
paar Tagen im Finanz-Departement ...« Und Johann Buddenbrook fügte
hinzu: »Ein oller Stänker!« -- Ein anderes Mal kamen Vater und Sohn
zornig und deprimiert zu Tische ... Was passiert sei? Ach, nichts ...
Eine große Lieferung Roggen nach Holland sei ihnen verloren gegangen;
Strunck & Hagenström hätten sie ihnen vor der Nase weggeschnappt; ein
Fuchs, dieser Hinrich Hagenström ...

Solche Äußerungen hatte Tony oft genug angehört, um gar nicht zum besten
gegen Julchen Hagenström gestimmt zu sein. Sie gingen gemeinsam, weil
sie einmal Nachbarinnen waren, aber meistens ärgerten sie einander.

»Mein Vater hat tausend Taler!« sagte Julchen und glaubte entsetzlich zu
lügen. »Deiner vielleicht --?«

Tony schwieg vor Neid und Demütigung. Dann sagte sie ganz ruhig und
beiläufig:

»Meine Schokolade eben hat furchtbar gut geschmeckt ... Was trinkst du
eigentlich zum Frühstück, Julchen?«

»Ja, ehe ich es vergesse«, antwortete Julchen; »möchtest du gern einen
von meinen Äpfeln haben? -- Ja päh! ich gebe dir aber keinen!« Und dabei
kniff sie ihre Lippen zusammen, und ihre schwarzen Augen wurden feucht
vor Vergnügen. --

Manchmal ging Julchens Bruder Hermann, ein paar Jahre älter als sie,
gleichzeitig zur Schule. Sie besaß noch einen zweiten Bruder namens
Moritz, aber dieser war kränklich und ward zu Hause unterrichtet.
Hermann war blond, aber seine Nase lag ein wenig platt auf der
Oberlippe. Auch schmatzte er beständig mit den Lippen, denn er atmete
nur durch den Mund.

»Unsinn!« sagte er, »Papa hat viel mehr als tausend Taler.« Das
Interessante an ihm aber war, daß er als zweites Frühstück zur Schule
nicht Brot mitnahm, sondern Zitronensemmel: ein weiches, ovales
Milchgebäck, das Korinthen enthielt, und das er sich zum Überfluß mit
Zungenwurst oder Gänsebrust belegte ... Dies war so sein Geschmack.

Für Tony Buddenbrook war das etwas Neues. Zitronensemmel mit Gänsebrust,
-- übrigens mußte es gut schmecken! Und wenn er sie in seine Blechbüchse
blicken ließ, so verriet sie den Wunsch, ein Stück zu probieren. Eines
Morgens sagte Hermann:

»Ich kann nichts entbehren, Tony, aber morgen werde ich ein Stück mehr
mitbringen, und das soll für dich sein, wenn du mir etwas dafür
wiedergeben willst.«

Nun, am nächsten Morgen trat Tony in die Allee hinaus und wartete fünf
Minuten, ohne daß Julchen gekommen wäre. Sie wartete noch eine Minute,
und dann kam Hermann allein; er schwenkte seine Frühstücksdose am
Riemen hin und her und schmatzte leise.

»Na«, sagte er, »hier ist eine Zitronensemmel mit Gänsebrust; es ist
nicht einmal Fett daran, -- das pure Fleisch ... Was gibst du mir
dafür?«

»Ja, -- einen Schilling vielleicht?« fragte Tony. Sie standen mitten in
der Allee.

»Einen Schilling ...« wiederholte Hermann; dann schluckte er hinunter
und sagte:

»Nein, ich will etwas anderes haben.«

»Was denn?« fragte Tony; sie war bereit, alles Mögliche für den
Leckerbissen zu geben ...

»Einen Kuß!« rief Hermann Hagenström, schlang beide Arme um Tony und
küßte blindlings darauf los, ohne ihr Gesicht zu berühren, denn sie
hielt mit ungeheurer Gelenkigkeit den Kopf zurück, stemmte die linke
Hand mit der Büchermappe gegen seine Brust und klatschte mit der rechten
drei oder viermal aus allen Kräften in sein Gesicht ... Er taumelte
zurück; aber im selben Augenblick fuhr hinter einem Baume Schwester
Julchen wie ein schwarzes Teufelchen hervor, warf sich, zischend vor
Wut, auf Tony, riß ihr den Hut vom Kopf und zerkratzte ihr die Wangen
aufs jämmerlichste ... Seit diesem Ereignis war es beinahe zu Ende mit
der Kameradschaft.

Übrigens hatte Tony sicherlich nicht aus Schüchternheit dem jungen
Hagenström den Kuß verweigert. Sie war ein ziemlich keckes Geschöpf, das
mit seiner Ausgelassenheit seinen Eltern, im besondern dem Konsul,
manche Sorge bereitete, und obgleich sie ein intelligentes Köpfchen
besaß, das flink in der Schule erlernte, was man begehrte, so war ihr
Betragen in so hohem Grade mangelhaft, daß schließlich sogar die
Schulvorsteherin, welche Fräulein Agathe Vermehren hieß, ein wenig
schwitzend vor Verlegenheit, in der Mengstraße erschien und der Konsulin
höflichst anheim gab, der jungen Tochter eine ernstliche Ermahnung
zuteil werden zu lassen -- denn dieselbe habe sich, trotz vieler
liebevoller Verwarnungen, auf der Straße aufs neue offenkundigen Unfugs
schuldig gemacht.

Es war kein Schade, daß Tony auf ihren Gängen durch die Stadt alle Welt
kannte und mit aller Welt plauderte; der Konsul zumal war hiermit
einverstanden, weil es keinen Hochmut, sondern Gemeinsinn und
Nächstenliebe verriet. Sie kletterte, gemeinsam mit Thomas, in den
Speichern an der Trave zwischen den Mengen von Hafer und Weizen umher,
die auf den Böden ausgebreitet waren, sie schwatzte mit den Arbeitern
und den Schreibern, die dort in den kleinen dunklen Kontoren zu ebener
Erde saßen, ja, sie half sogar draußen beim Aufwinden der Säcke. Sie
kannte die Schlachter, die mit ihren weißen Schürzen und Mulden durch
die Breite Straße wanderten; sie kannte die Milchfrauen, die mit ihren
Blechkannen vom Lande hereinkamen und ließ sich manchmal ein Stück von
ihnen kutschieren; sie kannte die graubärtigen Meister in den kleinen,
hölzernen Goldschmiedebuden, die in die Marktarkaden hineingebaut waren,
die Fisch-, Obst- und Gemüsefrauen auf dem Markte, sowie die
Dienstmänner, die an den Straßenecken ihren Tabak kauten ... Gut und
schön!

Aber ein bleicher, bartloser Mensch, dessen Alter nicht zu bestimmen ist
und der morgens mit einem traurigen Lächeln in der Breiten Straße zu
lustwandeln pflegt, kann nichts dafür, wenn er gezwungen ist, bei jedem
plötzlichen Laut, den man ausstößt -- zum Beispiel »Ha!« oder »Ho!« --
auf einem Beine zu tanzen; und dennoch ließ Tony ihn tanzen, sobald sie
ihn zu Gesichte bekam. Es ist ferner nicht schön, eine ganz winzige
kleine Frau mit großem Kopfe, welche die Gewohnheit hat, bei jeder
Witterung einen ungeheuren, durchlöcherten Schirm über sich aufgespannt
zu halten, beständig durch Rufe wie »Schirmmadame!« oder »Champignon!«
zu betrüben; und es ist tadelnswert, wenn man mit zwei oder drei
gleichgesinnten Freundinnen vor dem Häuschen der alten Puppenliese
erscheint, die in einer engen Twiete bei der Johannisstraße mit wollenen
Puppen handelt und allerdings ganz merkwürdig rote Augen hat, -- dort
aus Leibeskräften die Glocke zieht und, wenn die Alte herauskommt, mit
falscher Freundlichkeit fragt, ob hier vielleicht Herr und Madame
Spucknapf wohnen, worauf man mit großem Gekreisch davonrennt ... Das
alles aber tat Tony Buddenbrook und zwar, wie es schien, mit völlig
gutem Gewissen. Denn wurde ihr von seiten irgendeines Gequälten eine
Drohung zuteil, so mußte man sehen, wie sie einen Schritt zurücktrat,
den hübschen Kopf mit der vorstehenden Oberlippe zurückwarf und ein halb
entrüstetes, halb mokantes »Pa!« hervorstieß, als wollte sie sagen:
»Wage es nur, mir etwas anhaben zu wollen! Ich bin Konsul Buddenbrooks
Tochter, wenn du es vielleicht nicht weißt ...«

Sie ging in der Stadt wie eine kleine Königin umher, die sich das gute
Recht vorbehält, freundlich oder grausam zu sein, je nach Geschmack und
Laune.


Drittes Kapitel

Jean Jacques Hoffstede hatte, was die beiden Söhne des Konsuls
Buddenbrook anging, sicherlich ein treffendes Urteil gefällt.

Thomas, der seit seiner Geburt bereits zum Kaufmann und künftigen
Inhaber der Firma bestimmt war und die realwissenschaftliche Abteilung
der alten Schule mit den gotischen Gewölben besuchte, war ein kluger,
regsamer und verständiger Mensch, der sich übrigens aufs köstlichste
amüsierte, wenn Christian, welcher Gymnasiast war und nicht weniger
Begabung, aber weniger Ernsthaftigkeit zeigte, mit ungeheurem Geschick
die Lehrer nachahmte -- im besonderen den tüchtigen Herrn Marcellus
Stengel, der im Singen, Zeichnen und derartigen lustigen Fächern den
Unterricht erteilte.

Herr Stengel, aus dessen Westentaschen stets ein halbes Dutzend
wundervoll gespitzter Bleistifte hervorstarrten, trug eine fuchsrote
Perücke und einen offenen, hellbraunen Rock, der ihm fast bis an die
Knöchel reichte, besaß Vatermörder, die sogar noch seine Schläfen
bedeckten, und war ein witziger Kopf, der philosophische
Unterscheidungen liebte, wie etwa: »Du sollst 'ne Linie machen, mein
gutes Kind, und was machst du? Du machst 'nen Strich!« -- Er sagte
»Line« statt »Linie«. Oder zu einem Faulen: »Du sitzest in Quarta nicht
Jahre, will ich dir sagen, sondern Jahren!« -- Wobei er »Quäta« statt
»Quarta« sagte und nicht »Jahre«, sondern beinahe »Schahre« aussprach
... Sein Lieblingsunterricht bestand darin, in der Gesangstunde das
schöne Lied »Der grüne Wald« üben zu lassen, wobei einige Schüler auf
den Korridor hinausgehen mußten, um, wenn der Chorus angestimmt hatte:
»Wir ziehen so fröhlich durch Feld und Wald ...« ganz leise und
vorsichtig das letzte Wort als Echo zu wiederholen. Waren jedoch
Christian Buddenbrook, sein Vetter Jürgen Kröger oder sein Freund
Andreas Giesecke, Sohn des Branddirektors, hiermit beamtet, so warfen
sie, statt das zarte Echo zu vollführen, den Kohlenkasten die Treppe
hinunter und mußten nachmittags um vier Uhr in der Wohnung des Herrn
Stengel nachsitzen. Hier ging es ziemlich behaglich zu. Herr Stengel
hatte alles vergessen und befahl seiner Haushälterin, den Schülern
Buddenbrook, Kröger und Giesecke »je« eine Tasse Kaffee zu verabreichen,
worauf er die jungen Herren wieder entließ ...

In der Tat, die vortrefflichen Gelehrten, die unter der freundlichen
Herrschaft eines humanen, tabakschnupfenden, alten Direktors in den
Gewölben der alten Schule -- einer ehemaligen Klosterschule -- ihres
Amtes walteten, waren harmlose und gutmütige Leute, einig in der
Ansicht, daß Wissenschaft und Heiterkeit einander nicht ausschlössen,
und bestrebt, mit Wohlwollen und Behagen zu Werke zu gehen. Es war da in
den mittleren Klassen ein ehemaliger Prediger, der im Lateinischen
unterrichtete, ein gewisser Pastor Hirte, ein langer Herr mit braunem
Backenbart und munteren Augen, dessen Lebensglück geradezu in dieser
Übereinstimmung seines Namens mit seinem Titel bestand, und der nicht
oft genug die Vokabel _pastor_ sich übersetzen lassen konnte. Seine
Lieblingsredensart lautete »grenzenlos borniert!« und es ist niemals
aufgeklärt worden, ob dies ein bewußter Scherz war. Beabsichtigte er
aber, seine Schüler völlig zu verblüffen, so gebot er über die Kunst,
die Lippen in den Mund zu klemmen und sie wieder hinauszuschnellen, in
einer Art, daß es knallte wie ein springender Champagnerpfropfen. Er
liebte es, mit langen Schritten im Klassenzimmer umherzugehen und
einzelnen Schülern mit ungeheurer Lebhaftigkeit ihr ganzes zukünftiges
Leben zu erzählen, und zwar zu dem ausgesprochenen Zwecke, ihre
Phantasie ein bißchen anzuregen. Dann aber ging er ernstlich zur Arbeit
über, das heißt, er überhörte die Verse, die er über _genus_-Regeln --
er sagte »Genußregeln« -- und allerhand schwierige Konstruktionen mit
wirklichem Geschick gedichtet hatte, Verse, die Pastor Hirte mit
unaussprechlich triumphierender Betonung des Rhythmus und der Reime
hervorbrachte ...

Toms und Christians Jugendzeit ... es ist nichts Bedeutendes davon zu
melden. In jenen Tagen herrschte Sonnenschein im Hause Buddenbrook, wo
in den Kontoren die Geschäfte so ausgezeichnet gingen. Und manchmal gab
es ein Gewitter, ein kleines Unglück wie dieses:

Herr Stuht in der Glockengießerstraße, ein Schneidermeister, dessen
Gattin alte Kleidungsstücke kaufte und darum in den ersten Kreisen
verkehrte, Herr Stuht, dessen Bauch von einem wollenen Hemd bekleidet
war und in erstaunlicher Rundung über das Beinkleid hinunterfiel ...
Herr Stuht hatte den jungen Herren Buddenbrook zwei Anzüge gefertigt,
die zusammen siebenzig Kurantmark kosteten; allein auf den Wunsch der
beiden hatte er sich bereit finden lassen, schlanker Hand achtzig auf
die Rechnung zu setzen und ihnen bar den Rest einzuhändigen. Das war ein
kleines Geschäft ... kein ganz säuberliches wohl, aber durchaus kein
ungewöhnliches. Das Unglück aber bestand darin, daß durch das Walten
irgendeines finsteren Schicksales das Ganze an den Tag kam, daß Herr
Stuht, einen schwarzen Rock über dem wollenen Hemd, im Privatkontor des
Konsuls erscheinen mußte und Tom und Christian in seiner Gegenwart einem
strengen Verhör unterzogen wurden. Herr Stuht, der breitbeinig, aber mit
seitwärts geneigtem Kopf und in achtungsvoller Haltung neben dem
Armsessel des Konsuls stand, hielt eine wohltönende Rede, des Inhaltes,
daß »dat nu so'n Saak« sei und daß er froh sein werde, die siebenzig
Kurantmark wiederzubekommen, »indem de Saak ja nu mal scheep gangen«
sei. Der Konsul war heftig aufgebracht über diesen Streich. Nach ernster
Überlegung aber auf seiner Seite war das Ergebnis, daß er das
Taschengeld seiner Söhne erhöhte; denn es hieß: Führe uns nicht in
Versuchung.

Augenscheinlich waren auf Thomas Buddenbrook größere Hoffnungen zu
setzen als auf seinen Bruder. Sein Benehmen war gleichmäßig und von
verständiger Munterkeit; Christian dagegen erschien launenhaft, neigte
einerseits zu einer albernen Komik und konnte andererseits die gesamte
Familie auf die sonderbarste Weise erschrecken ...

Man sitzt bei Tische, man ist beim Obste angelangt und speist unter
behaglichen Gesprächen. Plötzlich jedoch legt Christian einen
angebissenen Pfirsich auf den Teller zurück, sein Gesicht ist bleich,
und seine runden, tiefliegenden Augen über der allzu großen Nase haben
sich erweitert.

»Ich esse nie wieder einen Pfirsich«, sagt er.

»Warum nicht, Christian ... Was für ein Unsinn ... Was ist dir?«

»Denkt euch, wenn ich aus Versehen ... diesen großen Kern verschluckte,
und wenn er mir im Halse steckte ... und ich nicht Luft bekommen könnte
... und ich spränge auf und würgte gräßlich, und ihr alle spränget auch
auf ...« Und plötzlich fügt er ein kurzes, stöhnendes »Oh!« hinzu, das
voll ist von Entsetzen, richtet sich unruhig auf seinem Stuhle empor und
wendet sich seitwärts, als wollte er fliehen.

Die Konsulin und Mamsell Jungmann springen tatsächlich auf.

»Gott im Himmel, -- Christian, du hast ihn doch nicht verschluckt?!«
Denn es hat vollkommen den Anschein, als sei es wirklich geschehen.

»Nein, nein«, sagt Christian und beruhigt sich allmählich, »aber =wenn=
ich ihn verschluckte!«

Der Konsul, der gleichfalls blaß vor Schrecken ist, beginnt nun zu
schelten, und auch der Großvater pocht indigniert auf den Tisch und
verbittet sich die Narrenspossen ... Allein Christian ißt wirklich
längere Zeit keinen Pfirsich mehr. --


Viertes Kapitel

Es war nicht bloß Altersschwäche, was die alte Madame Antoinette
Buddenbrook, sechs Jahre ungefähr nachdem die Familie das Haus in der
Mengstraße bezogen, an einem kalten Januartag endgültig auf ihr hohes
Himmelbett im Schlafzimmer des Zwischengeschosses darniederwarf. Die
alte Dame war rüstig gewesen bis zuletzt und hatte ihre dicken weißen
Seitenlocken mit aufrechter Würde getragen; sie hatte zusammen mit ihrem
Gatten und ihren Kindern die hauptsächlichsten Diners besucht, die in
der Stadt gegeben wurden, und bei den Gesellschaften, die Buddenbrooks
selbst veranstalteten, ihrer eleganten Schwiegertochter im
Repräsentieren nicht nachgestanden. Eines Tages aber, ganz plötzlich,
hatte sich ein halb unbestimmbares Leiden eingestellt, ein leichter
Darmkatarrh anfangs nur, gegen den Doktor Grabow ein wenig Taube und
Franzbrot verordnet hatte, eine mit Erbrechen verbundene Kolik, die mit
unbegreiflicher Schnelligkeit Entkräftung herbeiführte, einen sanften
und hinfälligen Zustand, der beängstigend war.

Als dann Doktor Grabow mit dem Konsul eine kurze, ernste Unterredung
draußen auf der Treppe gehabt hatte, als ein zweiter, neu hinzugezogener
Arzt, ein untersetzter, schwarzbärtiger, düsterblickender Mann, neben
Grabow aus und ein zu gehen begann, da änderte sich gleichsam die
Physiognomie des Hauses. Man ging auf den Zehen umher, man flüsterte
ernst, und die Wagen durften nicht über die Diele rollen. Etwas Neues,
Fremdes, Außerordentliches schien eingekehrt, ein Geheimnis, das einer
in des anderen Augen las; der Gedanke an den Tod hatte sich Einlaß
geschafft und herrschte stumm in den weiten Räumen.

Dabei durfte nicht gefeiert werden, denn es kam Besuch. Die Krankheit
währte vierzehn oder fünfzehn Tage, und nach einer Woche kam der alte
Senator Duchamps, ein Bruder der Sterbenden, nebst seiner Tochter von
Hamburg an, während ein paar Tage später des Konsuls Schwester mit ihrem
Gatten, dem Bankier aus Frankfurt eintraf. Die Herrschaften wohnten im
Hause, und Ida Jungmann hatte alle Hände voll zu tun, für die
verschiedenen Schlafzimmer zu sorgen und gute Frühstücke mit Krabben und
Portwein bereitzuhalten, während in der Küche gebraten und gebacken
ward ...

Droben saß Johann Buddenbrook am Krankenbette und blickte, die matte
Hand seiner alten Nette in der seinen, mit erhobenen Brauen und ein
wenig hängender Unterlippe stumm vor sich hin. Die Wanduhr tickte dumpf
und mit langen Pausen, viel seltener aber noch atmete die Kranke einmal
kurz und oberflächlich auf ... Eine schwarze Schwester machte sich am
Tisch mit dem Beeftee zu schaffen, den man versuchsweise noch reichen
wollte; dann und wann trat geräuschlos ein Familienmitglied ein und
verschwand wieder.

Der Alte mochte sich erinnern, wie er vor 46 Jahren zum erstenmal am
Sterbebette einer Gattin gesessen hatte, und er mochte der wilden
Verzweiflung, die damals in ihm aufbegehrt war, die nachdenkliche Wehmut
vergleichen, mit der er, nun selbst so alt, in das veränderte,
ausdruckslose und entsetzlich gleichgültige Gesicht der alten Frau
blickte, die ihm niemals ein großes Glück, niemals einen großen Schmerz
bereitet, die aber viele lange Jahre mit klugem Anstand bei ihm
ausgehalten und nun ebenfalls langsam davonging.

Er dachte nicht viel, er sah nur unverwandt und mit einem leisen
Kopfschütteln auf sein Leben und das Leben im allgemeinen zurück, das
ihm plötzlich so fern und wunderlich erschien, dieses überflüssig
geräuschvolle Getümmel, in dessen Mitte er gestanden, das sich
unmerklich von ihm zurückgezogen hatte und nun vor seinem verwundert
aufhorchenden Ohr in der Ferne erhallte ... Manchmal sagte er mit halber
Stimme vor sich hin:

»Kurios! Kurios!«

Und als dann Madame Buddenbrook ihren letzten, ganz kurzen und
kampflosen Seufzer getan hatte, als im Eßsaal, woselbst die Einsegnung
stattfand, die Träger den blumenbedeckten Sarg aufgehoben hatten, um ihn
schwerfällig davonzuschaffen, -- da änderte sich seine Stimmung nicht,
da weinte er nicht einmal; aber dies leise, erstaunte Kopfschütteln
blieb ihm, und dies beinahe lächelnde »Kurios!« wurde sein Lieblingswort
... Kein Zweifel, daß es auch mit Johann Buddenbrook zu Ende ging.

Er fing an, stumm und abwesend im Familienkreise zu sitzen, und wenn er
einmal die kleine Klara auf die Knie genommen hatte, um ihr vielleicht
eines seiner alten drolligen Lieder vorzusingen, zum Beispiel:

    »Der Omnibus fährt durch die Stadt ...«

oder

    »Kiek, doa sitt'n Brummer an de Wand ...«

so konnte er plötzlich stillschweigen, um dann die Enkelin, gleichsam
aus einem langen, halb unbewußten Gedankengange heraus, mit einem
kopfschüttelnden »Kurios!« zu Boden zu setzen und sich abzuwenden ...
Eines Tages sagte er:

»Jean, -- _assez_, du?«

Und alsbald begannen in der Stadt die reinlich gedruckten und mit zwei
Unterschriften versehenen Formulare zu zirkulieren, auf denen Johann
Buddenbrook _senior_ sich kundzutun erlaubte, daß sein zunehmendes Alter
ihn veranlasse, seine bisherige kaufmännische Wirksamkeit aufzugeben,
und daß er infolgedessen die von seinem seligen Vater _Anno_ 1768
gegründete Handlung =Johann Buddenbrook= mit _Activis_ und _Passivis_
unter gleicher Firma von heute an seinem Sohne und seitherigen Associé
Johann Buddenbrook als alleinigen Inhaber übertrage, mit der Bitte, das
ihm so vielseitig geschenkte Vertrauen seinem Sohne zu erhalten ...
Hochachtungsvoll -- Johann Buddenbrook _senior_, welcher aufhören wird
zu zeichnen.

Als aber diese Kundgebung erfolgt war, als der Alte fortan sich
weigerte, noch einen Fuß ins Kontor zu setzen, da nahm seine
nachdenkliche Apathie in erschreckender Weise zu, da genügte, Mitte
März, ein paar Monate nur nach dem Tode seiner Frau, irgendein kleiner
Frühlingsschnupfen, um ihn bettlägerig zu machen, -- und dann, in einer
Nacht, kam die Stunde, wo die Familie auch sein Bett umstand, wo er zum
Konsul sagte:

»Alles Glück, -- du? Jean? Und immer _courage_!«

Und zu Thomas:

»Hilf deinem Vater!«

Und zu Christian:

»Werde was Ordentliches!«

-- worauf er schwieg, alle anblickte und sich mit einem letzten
»Kurios!« nach der Wand kehrte ...

Er hatte Gottholds bis zum Schluß nicht Erwähnung getan, und auf die
schriftliche Aufforderung des Konsuls, am Sterbebette des Vaters zu
erscheinen, hatte der älteste Sohn mit Schweigen geantwortet. Am nächsten
Morgen jedoch, ganz früh, als die Todesanzeigen noch nicht versandt waren
und der Konsul auf die Treppe hinaustrat, um im Kontor das Notwendigste
zu erledigen, geschah das Merkwürdige, daß Gotthold Buddenbrook, Inhaber
der Leinenhandlung Siegmund Stüwing & Komp. in der Breitenstraße, raschen
Schrittes über die Diele kam. Sechsundvierzigjährig, klein und beleibt,
besaß er starke, aschblonde, mit weißen Fäden durchsetzte Kotelettes. Er
war kurzbeinig und trug sackartig weite Hosen aus rauhem, kariertem
Stoff. Die Treppe hinauf schritt er dem Konsul entgegen, indem er die
Brauen hoch unter die Krempe seines grauen Hutes erhob und sie dennoch
zusammenzog.

»Johann«, sagte er, ohne dem Bruder die Hand zu reichen, mit hoher,
angenehmer Stimme, »wie steht es?«

»Heute nacht ist er heimgegangen!« sagte der Konsul bewegt und ergriff
die Hand des Bruders, die einen Regenschirm hielt. »Er, der beste
Vater!«

Gotthold senkte die Brauen so tief, daß seine Lider sich schlossen. Nach
einem Schweigen sagte er nachdrücklich:

»Es ist nichts geändert worden, bis zum Schlusse, Johann?«

Und sofort ließ der Konsul seine Hand fahren, ja, er trat sogar eine
Stufe zurück, und während seine runden, tiefliegenden Augen klar wurden,
sagte er:

»Nichts.«

Gottholds Brauen wanderten wieder unter die Hutkrempe hinauf, und seine
Augen richteten sich mit Anstrengung auf den Bruder.

»Und was habe ich von =deiner= Gerechtigkeit zu gewärtigen?« sagte er
mit gesenkter Stimme.

Der Konsul seinerseits senkte nun den Blick; dann aber, ohne ihn wieder
zu erheben, machte er jene entschiedene Handbewegung von oben nach unten
und antwortete leise und fest:

»Ich habe dir in diesem schweren und ernsten Augenblick meine Hand als
Bruder gereicht; was aber geschäftliche Dinge betrifft, so kann ich dir
immer nur als Chef der ehrwürdigen Firma gegenüberstehen, deren
alleiniger Inhaber ich heute geworden bin. Du kannst nichts von mir
gewärtigen, was den Verpflichtungen widerspricht, die mir =diese=
Eigenschaft auferlegt; meine sonstigen Gefühle müssen schweigen.«

Gotthold ging ... Zum Begräbnis jedoch, als die Menge der Verwandten,
Bekannten, Geschäftsfreunde, der Deputationen, Kornträger, Kontoristen
und Speicherarbeiter Zimmer, Treppen und Korridore füllte und die
sämtlichen Mietkutschen der Stadt die ganze Mengstraße hinunterstanden,
-- zum Begräbnis kam er zur aufrichtigen Freude des Konsuls aufs neue;
ja, er brachte sogar seine Gattin, die geborene Stüwing, und seine drei
schon erwachsenen Töchter mit: Friederike und Henriette, die beide sehr
lang und hager waren, und Pfiffi, die achtzehnjährige Jüngste, die allzu
klein und beleibt erschien.

Und als dann am Grabe, am Buddenbrookschen Erbbegräbnis dort draußen
vorm Burgtore, am Rande des Friedhofgehölzes, Pastor Kölling von Sankt
Marien, ein robuster Mann mit dickem Kopf und derber Redeweise, das
maßvolle, gottgefällige Leben des Verstorbenen gepriesen hatte, im
Gegensatze zu dem der »Wollüstigen, Fresser und Säufer« -- dies war sein
Ausdruck, obgleich manche Leute, die sich der Diskretion des jüngst
verstorbenen alten Wunderlich erinnerten, die Köpfe schüttelten, -- als
die Feierlichkeiten und Formalitäten beendet waren und die 70 oder 80
Mietkutschen in die Stadt zurückzurollen begannen ... da erbot sich
Gotthold Buddenbrook, den Konsul zu begleiten, weil er ihn unter vier
Augen zu sprechen wünsche. Und siehe da: hier, neben dem Stiefbruder auf
dem Rücksitz der hohen, weiten, plumpen Kutsche, eins seiner kurzen
Beine über das andere gelegt, zeigte er sich versöhnlich und sanft. Er
erkenne, sagte er, mehr und mehr, daß der Konsul handeln müsse, wie er
es tue, und das Andenken des Vaters solle für ihn kein böses sein. Er
verzichte auf seine Ansprüche, und zwar um so lieber, als er gesonnen
sei, sich von allen Geschäften zurückzuziehen und sich mit seinem Erbe
und dem, was ihm sonst erübrige, zur Ruhe zu setzen, denn das
Leinengeschäft mache ihm wenig Freude und gehe so mäßig, daß er sich
nicht entschließen werde, noch mehr hineinzustecken ... »Der Trotz gegen
den Vater hat ihm keinen Segen gebracht!« dachte der Konsul mit einem
inneren frommen Aufblick; und Gotthold dachte wahrscheinlich dasselbe.

In der Mengstraße aber begleitete er den Bruder ins Frühstückszimmer
hinauf, woselbst die beiden Herren, nach dem langen Stehen in der
Frühlingsluft in ihren Fräcken fröstelnd, einen alten Kognak miteinander
tranken. Und als dann Gotthold ein paar höfliche und ernste Worte mit
seiner Schwägerin gewechselt und den Kindern die Köpfe gestreichelt
hatte, ging er davon, um am nächsten »Kindertag« bei Krögers draußen im
Gartenhause zu erscheinen ... Er begann schon zu liquidieren.


Fünftes Kapitel

Eines schmerzte den Konsul: daß nämlich der Vater nicht mehr den
Eintritt seines ältesten Enkels ins Geschäft hatte erleben dürfen, der
schon um Ostern desselben Jahres erfolgte.

Thomas war sechzehnjährig, als er die Schule verließ. Er war stark
gewachsen in letzter Zeit und trug seit seiner Konfirmation, bei der
Pastor Kölling ihm mit starken Ausdrücken Mäßigkeit! empfohlen hatte,
ganz herrenmäßige Kleidung, die ihn noch größer erscheinen ließ. Um
seinen Hals hing die lange goldene Uhrkette, die der Großvater ihm
zugesprochen hatte, und an der ein Medaillon mit dem Wappen der Familie
hing, diesem melancholischen Wappenschilde, das eine unregelmäßig
schraffierte Fläche, ein flaches Moorland mit einer einsamen und nackten
Weide am Ufer zeigte. Der noch ältere Siegelring mit grünem Stein, den
wahrscheinlich schon der sehr gut situierte Gewandschneider in Rostock
getragen hatte, war nebst der großen Bibel auf den Konsul übergegangen.

Die Ähnlichkeit mit dem Großvater hatte sich bei Thomas so stark
entwickelt wie bei Christian diejenige mit dem Vater; besonders sein
rundes und festes Kinn und die feingeschnittene, gerade Nase waren die
des Alten. Sein seitwärts gescheiteltes Haar, das in zwei Einbuchtungen
von den schmalen und auffällig geäderten Schläfen zurücktrat, war
dunkelblond, und im Gegensatz dazu erschienen die langen Wimpern und die
Brauen, von denen er gern die eine ein wenig emporzog, ungewöhnlich hell
und farblos. Seine Bewegungen, seine Sprache, sowie sein Lachen, das
seine ziemlich mangelhaften Zähne sehen ließ, war ruhig und verständig.
Er blickte seinem Beruf mit Ernst und Eifer entgegen ...

Es war ein äußerst feierlicher Tag, als der Konsul ihn nach dem ersten
Frühstück mit sich in die Kontore hinunternahm, um ihn Herrn Marcus, dem
Prokuristen, Herrn Havermann, dem Kassierer, sowie dem übrigen Personale
zu präsentieren, mit dem er eigentlich längst gut Freund war; als er zum
ersten Male auf seinem Drehsessel am Pulte saß, emsig mit Stempeln,
Ordnen, Kopieren beschäftigt, und als der Vater ihn nachmittags auch an
die Trave hinunter in die Speicher »Linde«, »Eiche«, »Löwe« und
»Walfisch« führte, wo Thomas eigentlich ebenfalls längst zu Hause war,
wo er aber nun als Mitarbeiter vorgestellt wurde ...

Er war mit Hingebung bei der Sache und ahmte den stillen und zähen Fleiß
des Vaters nach, der mit zusammengebissenen Zähnen arbeitete und manches
Gebet um Beistand in sein Tagebuch schrieb; denn es galt, die
bedeutenden Mittel wieder einzubringen, die beim Tode des Alten der
»Firma«, diesem vergötterten Begriff, verlorengegangen waren ... Eines
Abends, sehr spät, im Landschaftszimmer, ließ er sich gegen die Konsulin
ziemlich eingehend über die Verhältnisse aus.

Es war halb zwölf Uhr, und die Kinder sowie Mamsell Jungmann schliefen
draußen in den Zimmern am Korridor, denn der zweite Stock stand nun leer
und wurde nur dann und wann für Fremde gebraucht. Die Konsulin saß auf
dem gelben Sofa neben ihrem Gatten, der, eine Zigarre im Munde, die
Kursnotizen der städtischen Anzeigen überblickte. Sie beugte sich über
eine Seidenstickerei und bewegte leichthin die Lippen, während sie mit
der Nadel eine Reihe von Stichen zählte. Neben ihr, auf dem zierlichen
Nähtisch mit Goldornamenten, brannten die sechs Kerzen eines
Armleuchters; der Kronleuchter hing unbenutzt.

Johann Buddenbrook, der sich allgemach der Mitte der Vierziger näherte,
hatte in den letzten Jahren ersichtlich gealtert. Seine kleinen, runden
Augen schienen noch tiefer zu liegen, die große, gebogene Nase sprang,
wie die Wangenknochen, noch schärfer hervor, und ein Puderquast schien
an den Schläfen ein paarmal ganz leicht sein aschblondes, sorgfältig
gescheiteltes Haar berührt zu haben. Die Konsulin ihrerseits stand am
Ende der Dreißiger, aber sie konservierte ihre nicht schöne und dennoch
glänzende Erscheinung aufs beste, und ihr mattweißer Teint mit den
vereinzelten Sommersprossen hatte an Zartheit nichts eingebüßt. Ihr
rötliches, kunstvoll frisiertes Haar war vom Schein der Kerzen
durchleuchtet. Während sie die ganz hellblauen Augen ein wenig beiseite
gleiten ließ, sagte sie:

»Eines wollte ich dir zur Überlegung empfehlen, mein lieber Jean: ob es
nämlich nicht ratsam wäre, einen Bedienten zu engagieren ... Ich bin zu
dieser Überzeugung gekommen. Wenn ich an meine Eltern denke ...«

Der Konsul ließ die Zeitung auf die Knie sinken, und während er die
Zigarre aus dem Munde nahm, wurden seine Augen aufmerksam, denn es
handelte sich um Geldausgeben.

»Ja, meine liebe und verehrte Bethsy«, fing er an und zog die Anrede in
die Länge, denn er mußte seine Einwände ordnen. »Einen Bedienten? Wir
haben nach dem Tode der seligen Eltern alle drei Mädchen, von Mamsell
Jungmann abgesehen, im Hause behalten, und mich dünkt ...«

»Ach, das Haus ist so groß, Jean, daß es beinahe fatal ist. Ich sage:
`Lina, mein Kind, im Hinterhaus ist schrecklich lange nicht abgestäubt
worden!´ aber ich mag die Leute nicht überanstrengen, denn sie müssen
schon pusten, wenn hier vorn alles nett und reinlich ist ... Ein Diener
wäre so angenehm für Kommissionen und dergleichen ... Man bekommt einen
braven und anspruchslosen Mann vom Lande ... Aber ehe ich es vergesse,
Jean: Louise Möllendorpf will ihren Anton gehen lassen; ich habe ihn mit
Sicherheit servieren sehen ...«

»Ich muß gestehen«, sagte der Konsul und rückte ein wenig unbehaglich
hin und her, »daß dieser Gedanke mir fremd ist. Wir besuchen jetzt weder
Gesellschaften, noch geben wir selbst welche ...«

»Nein, nein; aber Besuch haben wir trotzdem häufig genug, und das ist
nicht meine Schuld, lieber Jean, obgleich du weißt, daß ich mich
herzlich darüber freue. Es kommt ein auswärtiger Geschäftsfreund von
dir, du bittest ihn zum Essen, er hat noch kein Gasthauszimmer genommen
und übernachtet natürlich bei uns. Dann kommt ein Missionar, der
vielleicht acht Tage bei uns bleibt ... Für übernächste Woche erwarten
wir Pastor Mathias aus Kannstatt ... Nun, um kurz zu sein, die Salairs
sind so gering ...«

»Aber sie häufen sich, Bethsy! Wir honorieren vier Leute im Hause, und
du vergissest die vielen Männer, die im Dienste der Firma stehen!«

»Sollten wir wirklich einen Bedienten nicht erschwingen können?« fragte
die Konsulin lächelnd, indem sie ihren Gatten mit seitwärts geneigtem
Kopfe anblickte. »Wenn ich an das Personal meiner Eltern denke ...«

»Deine Eltern, liebe Bethsy! Nein, nun muß ich dich fragen, ob du dir
eigentlich über unsere Verhältnisse klar bist?«

»Nein, das ist wahr, Jean, ich habe wohl nicht die hinlängliche
Einsicht ...«

»Nun, die ist leicht zu beschaffen«, sagte der Konsul. Er setzte sich im
Sofa zurecht, schlug ein Bein über das andere, tat einen Zug aus seiner
Zigarre und begann, während er die Augen ein wenig zusammenkniff, mit
außerordentlicher Geläufigkeit seine Zahlen hervorzubringen ...

»Kurz und gut: Mein seliger Vater hat seinerzeit, vor meiner Schwester
Heirat, rund und nett 900000 Mark Kurant besessen, abgesehen, wie sich
versteht, von dem Grundbesitz und dem Werte der Firma. 80000 sind als
Mitgift nach Frankfurt und 100000 bei Gottholds Etablierung abgegangen:
macht 720000. Dann kam der Kauf dieses Hauses, das trotz der Einnahme
für das kleine in der Alfstraße mit Verbesserungen und Neuanschaffungen
volle 100000 gekostet hat: macht 620000. Nach Frankfurt wurden als
Entschädigungssumme 25000 gezahlt: macht 595000, und so hätten die Dinge
bei Vaters Tode gelegen, wären alle diese Spesen nicht im Laufe der
Jahre durch rund 200000 Kurantmark Verdienst korrigiert worden. Das
Gesamtvermögen betrug also 795000. Dann wurden ferner 100000 an Gotthold
ausgekehrt und noch 267000 nach Frankfurt; das macht, wenn ich noch ein
paar tausend Kurantmark kleinerer Vermächtnisse abrechne, die nach Vaters
Testament an das Heilige-Geist-Hospital, die Kaufleute-Witwenkasse usw.
gingen, etwa 420000, mit deiner Mitgift um 100000 mehr. Das sind, in
runden Summen und abgesehen von allerhand kleineren Schwankungen des
Vermögens, ungefähr die Verhältnisse. Wir sind nicht so ungemein reich,
meine liebe Bethsy, und bei alledem muß man bedenken, daß das Geschäft
zwar kleiner geworden ist, daß aber die Geschäftsspesen dieselben
geblieben sind, weil der Zuschnitt des Geschäftes es nicht gestattet,
die Unkosten herabzusetzen ... Hast du mir folgen können?«

Die Konsulin nickte ein wenig zögernd, die Stickerei im Schoße. »Recht
gut, mein lieber Jean«, sagte sie, obgleich sie nicht alles verstanden
hatte und durchaus nicht begriff, warum alle diese großen Summen sie
hindern sollten, einen Bedienten zu engagieren.

Der Konsul ließ seine Zigarre aufglimmen, stieß mit zurückgeneigtem
Kopfe den Rauch von sich und fuhr dann fort:

»Du denkst, daß wir ja, wenn einmal deine lieben Eltern zu Gott gerufen
werden, noch etwas Beträchtliches zu erwarten haben, und das ist
richtig. Jedoch ... wir dürfen damit nicht allzu unvorsichtig rechnen.
Ich weiß, daß dein Vater ziemlich peinliche Verluste gehabt hat, und
zwar, wie bekannt ist, durch Justus. Justus ist ein äußerst
liebenswürdiger Mensch, aber er ist nicht eben ein starker Geschäftsmann
und hat auch unverschuldetes Unglück gehabt. Er hat bei mehreren Kunden
höchst störende Einbußen erlitten, die Folge seines geschwächten
Betriebskapitals war teures Geld, durch Transaktionen mit Bankiers, und
dein Vater hat mehrere Male mit bedeutenden Summen einspringen müssen,
damit kein Unglück geschah. Dergleichen kann sich wiederholen und wird
sich, fürchte ich, wiederholen, denn -- verzeih mir, Bethsy, wenn ich
aufrichtig rede -- die gewisse heitere Leichtlebigkeit, die bei deinem
Vater, der mit Geschäften nichts mehr zu tun hat, so angenehm wirkt,
kommt deinem Bruder, als Geschäftsmann, schlecht zustatten ... Du
verstehst mich ... er ist nicht sehr behutsam, wie? ein bißchen rasch
und obenhinaus ... Im übrigen lassen sich deine Eltern, was mich so
aufrichtig freut, nichts abgehen, sie führen ein herrschaftliches Leben,
wie es ... ihren Verhältnissen entspricht ...«

Die Konsulin lächelte nachsichtig; sie kannte das Vorurteil ihres Gatten
gegen die eleganten Neigungen ihrer Familie.

»Genug«, fuhr er fort und legte den Rest seiner Zigarre in den
Aschbecher, »ich meinesteils verlasse mich in der Hauptsache darauf, daß
der Herr mir meine Arbeitskraft erhalten wird, damit ich mit seiner
gnädigen Hilfe das Vermögen der Firma auf die ehemalige Höhe
zurückführen kann ... Ich hoffe, deine Einsicht ist nun eine klarere,
liebe Bethsy --?«

»Vollkommen, Jean, vollkommen!« beeilte sich die Konsulin zu antworten,
denn sie gab für heute abend den Bedienten auf. »Aber laß uns zur Ruhe
gehn, wie? es ist allzu spät geworden ...«

Übrigens wurde nach ein paar Tagen, als der Konsul gutgelaunt aus dem
Kontor zu Tische kam, dennoch der Beschluß gefaßt, Möllendorpfs Anton zu
engagieren.


Sechstes Kapitel

»Tony geben wir in Pension, und zwar zu Fräulein Weichbrodt«, sagte
Konsul Buddenbrook, und er äußerte das so bestimmt, daß es dabei blieb.

Weniger zufrieden nämlich, wie angedeutet, als mit Thomas, der sich mit
Talent in die Geschäfte einlebte, mit Klara, die munter heranwuchs, und
der armen Klothilde, deren Appetit jeden Menschen erfreuen mußte, konnte
man mit Tony und Christian sein. Was den letzteren anging, so war es das
wenigste, daß er beinahe jeden Nachmittag genötigt war, bei Herrn
Stengel Kaffee zu trinken, -- obgleich die Konsulin, der dies zu viel
wurde, eines Tages den Herrn Lehrer durch ein zierliches Handbillett zum
Zwecke einer Rücksprache zu sich in die Mengstraße entbot. Herr Stengel
erschien in seiner Sonntagsperücke, mit seinen höchsten Vatermördern,
die Weste von lanzenartig gespitzten Bleistiften starrend, und saß mit
der Konsulin im Landschaftszimmer, während Christian heimlich im Eßsaale
der Unterredung zuhörte. Der ausgezeichnete Erzieher legte beredt, wenn
auch ein wenig befangen, seine Ansichten dar, sprach von dem bedeutsamen
Unterschied zwischen »Line« und »Strich«, erwähnte des schönen grünen
Waldes sowie des Kohlenkastens und gebrauchte im übrigen während dieser
Visite beständig das Wort »infolgedessen«, das ihm wohl dieser vornehmen
Umgebung am besten zu entsprechen schien. Nach einer Viertelstunde
erschien der Konsul, jagte Christian davon und drückte Herrn Stengel
sein lebhaftes Bedauern darüber aus, daß sein Sohn ihm Ursache zur
Unzufriedenheit gegeben habe ... »Oh, behüte, Herr Konsul, ich bitte
ergebenst! Ein geweckter Kopf, ein munterer Patron, der Schüler
Buddenbrook. Und infolgedessen ... Allein ein wenig übermütig, wenn ich
mir erlauben darf, hm ... und infolgedessen ...« Der Konsul führte ihn
höflich im Hause umher, worauf Herr Stengel sich verabschiedete ... Das
alles aber war nicht das Schlimme.

Das Schlimme bestand darin, daß folgendes bekannt wurde: Der Schüler
Christian Buddenbrook durfte eines Abends mit einem guten Freunde das
Stadttheater besuchen, woselbst »Wilhelm Tell« von Schiller gegeben
wurde; die Rolle von Tells Knaben Walter jedoch spielte eine junge Dame,
eine Demoiselle Meyer-de la Grange, mit der es eine eigne Bewandtnis
hatte. Sie pflegte nämlich, war es ihrer Rolle nun angemessen oder
nicht, auf der Bühne eine Brillantbrosche zu tragen, die notorisch echt
war, denn wie allgemein bekannt, war sie ein Geschenk des jungen Konsuls
Peter Döhlmann, Sohn des verstorbenen Holzgroßhändlers Döhlmann in der
Ersten Wallstraße vorm Holstentor. Konsul Peter gehörte zu den Herren,
die in der Stadt »Suitiers« genannt wurden -- wie zum Beispiel auch
Justus Kröger --, das heißt seine Lebensführung war ein wenig locker. Er
war verheiratet und besaß sogar eine kleine Tochter, befand sich aber
seit längerer Zeit mit seiner Gattin in Zwietracht und lebte ganz wie
ein Junggeselle. Das Vermögen, das sein Vater ihm hinterlassen hatte,
dessen Geschäft er sozusagen fortführte, war ziemlich bedeutend gewesen;
aber man sagte sich, daß er dennoch vom Kapitale zehre. Er hielt sich
meistens im »Klub« oder im Ratskeller auf, um zu frühstücken, ward jeden
Morgen um 4 Uhr irgendwo in den Straßen gesehen und unternahm häufig
Geschäftsreisen nach Hamburg. Vor allem jedoch war er ein eifriger
Theaterliebhaber, versäumte keine Vorstellung und nahm persönliches
Interesse an dem ausübenden Personal. Demoiselle Meyer-de la Grange war
die letzte der jungen Künstlerinnen, die er in den vergangenen Jahren
mit Brillanten ausgezeichnet hatte ...

Um zur Sache zu kommen, so sah die junge Dame als Walter Tell -- sie
trug auch in dieser Rolle ihre Brillantbrosche -- ganz allerliebst aus
und spielte so rührend, daß dem Schüler Buddenbrook vor innerer
Begeisterung die Tränen in die Augen traten, ja daß er sich zu einer
Handlungsweise hinreißen ließ, wie sie nur aus einem allzu starken
Empfinden hervorgehen kann. In einer Pause nämlich erstand er im
gegenübergelegenen Blumenladen für 1 Mark 8½ Schilling ein Bukett, mit
welchem dieser vierzehnjährige Knirps mit seiner großen Nase und seinen
kleinen tiefliegenden Augen den Weg zum Bühnenraum marschierte und, da
niemand ihn aufhielt, vor einer Garderobentür auf Fräulein Meyer-de la
Grange stieß, die im Gespräche mit Konsul Peter Döhlmann stand. Der
Konsul wäre vor Lachen beinahe gegen die Wand gefallen, als er Christian
mit dem Bukett daherkommen sah; der neue Suitier aber machte ernsthaft
sein bestes Kompliment vor Walter Tell, überreichte ihm die Blumen,
schüttelte langsam den Kopf und sagte in einem Tone, der vor
Aufrichtigkeit beinahe bekümmert klang:

»Fräulein, wie schön haben Sie gespielt!«

»Nun seh' mal einer diesen Krischan Buddenbrook!« schrie Konsul Döhlmann
mit seiner breiten Aussprache. Fräulein Meyer-de la Grange aber zog die
hübschen Brauen empor und fragte:

»Sohn von Konsul Buddenbrook?« Dann streichelte sie ihrem neuen Verehrer
mit vielem Wohlwollen die Wange.

Dies war der Tatbestand, den Peter Döhlmann am selben Abend im »Klub«
zum besten gab, der mit ungeheurer Schnelligkeit in der Stadt bekannt
wurde und sogar dem Schuldirektor zu Ohren kam, der ihn wiederum zum
Gegenstande einer Unterredung mit Konsul Buddenbrook machte. Wie faßte
dieser die Sache auf? Er war weniger zornig als geradezu überwältigt und
geschlagen ... Als er der Konsulin Mitteilung machte, saß er beinahe
gebrochen im Landschaftszimmer.

»Das ist unser Sohn, so entwickelt er sich ...«

»Jean, mein Gott, dein Vater hätte gelacht darüber ... Und erzähle es
nur Donnerstag bei meinen Eltern, Papa wird sich köstlich amüsieren ...«

Hier begehrte der Konsul auf. »Ha! Ja! ich bin überzeugt, daß er sich
amüsieren wird, Bethsy! Er wird sich freuen, daß sein leichtfertiges
Blut und seine unfrommen Neigungen nicht nur in Justus, dem ... Suitier,
sondern ersichtlich auch in einem seiner Enkel fortleben ... sapperlot,
du zwingst mich zu dieser Äußerung! Er geht zu dieser Person! Er gibt
sein Taschengeld aus für diese Lorette --! Er weiß es nicht, nein; aber
die Neigung zeigt sich! Die Neigung zeigt sich!...«

Ja, das war ein schlimmer Fall; und der Konsul war um so entsetzter, als
auch Tony, wie gesagt, sich nicht zum besten betrug. Zwar verzichtete
sie mit den Jahren darauf, den bleichen Mann tanzen zu lassen und die
Puppenliese zu besuchen; aber sie zeigte eine immer keckere Art, den
Kopf in den Nacken zu werfen und äußerte, besonders wenn sie den Sommer
draußen bei den Großeltern verlebt hatte, einen argen Hang zu Hoffart
und Eitelkeit.

Eines Tages überraschte der Konsul sie mit Verdruß dabei, daß sie
gemeinsam mit Mamsell Jungmann Claurens »Mimili« las; er blätterte in
dem Bändchen, schwieg und verschloß es auf immer. Kurz darauf kam es an
den Tag, daß Tony -- Antonie Buddenbrook -- ganz allein mit einem
Gymnasiasten, einem Freunde ihrer Brüder, vorm Tore spazieren gegangen
war. Frau Stuht, dieselbe, die in den ersten Kreisen verkehrte, hatte
die beiden erblickt, hatte sich, gelegentlich eines Kleiderankaufes bei
Möllendorpfs, darüber geäußert, daß nun wahrhaftig auch Mamsell
Buddenbrook schon in die Jahre komme, wo ... und Frau Senatorin
Möllendorpf hatte in heiterem Tone dem Konsul davon erzählt. Diese
Spaziergänge wurden verhindert. Dann aber erwies es sich, daß
Mademoiselle Tony aus jenen alten, hohlen Bäumen, gleich hinter dem
Burgtore, die nur lückenhaft mit Mörtelmasse gefüllt waren, kleine
Korrespondenzen abholte oder daselbst zurückließ, die von ebendemselben
Gymnasiasten herrührten oder an ihn gerichtet waren. Als dies am Lichte
war, erschien es geboten, die nun fünfzehnjährige Tony in strengere
Obhut zu geben, in eine Pension, in diejenige von Fräulein Weichbrodt,
am Mühlenbrink Numero 7.


Siebentes Kapitel

Therese Weichbrodt war bucklig, sie war so bucklig, daß sie nicht viel
höher war als ein Tisch. Sie war 41 Jahre alt, aber da sie niemals
Gewicht auf äußere Wohlgefälligkeit gelegt hatte, so ging sie gekleidet
wie eine Dame von 60 bis 70 Jahren. Auf ihren grauen, gepolsterten
Ohrlocken saß eine Haube mit grünen Bändern, die über die schmalen
Kinderschultern hinabfielen, und nie war an ihrem kümmerlichen schwarzen
Kleidchen etwas wie Putz gesehen worden ... ausgenommen die große, ovale
Brosche, auf der in Porzellanmalerei das Bild ihrer Mutter prangte.

Das kleine Fräulein Weichbrodt besaß kluge und scharfe braune Augen,
eine leichtgebogene Nase und schmale Lippen, die sie aufs entschiedenste
zusammenpressen konnte ... Überhaupt lag in ihrer geringen Figur und
allen ihren Bewegungen ein Nachdruck, der zwar possierlich, aber
durchaus respektgebietend wirkte. Dazu trug in hohem Grade auch ihre
Sprache bei. Sie sprach mit lebhafter und stoßweiser Bewegung des
Unterkiefers und einem schnellen, eindringlichen Kopfschütteln, exakt
und dialektfrei, klar, bestimmt und mit sorgfältiger Betonung jedes
Konsonanten. Den Klang der Vokale aber übertrieb sie sogar in einer
Weise, daß sie z. B. nicht »Butterkruke«, sondern »Botter«- oder gar
»Batterkruke« sprach und ihr eigensinnig kläffendes Hündchen nicht
»Bobby«, sondern »Babby« rief. Wenn sie zu einer Schülerin sagte: »Kind,
sei nich--t sa domm!« und zweimal dabei ganz kurz mit dem gekrümmten
Zeigefinger auf den Tisch pochte, so machte dies Eindruck, das ist
sicher; und wenn Mademoiselle Popinet, die Französin, sich beim Kaffee
mit allzuviel Zucker bediente, so hatte Fräulein Weichbrodt eine Art,
die Zimmerdecke zu betrachten, mit einer Hand auf dem Tischtuch Klavier
zu spielen und zu sagen: »Ich wörde die =ganze= Zockerböchse nehmen!«
daß Mademoiselle Popinet heftig errötete ...

Als Kind -- mein Gott, wie winzig mußte sie als Kind gewesen sein! --
hatte Therese Weichbrodt sich selber »Sesemi« genannt, und diese
Änderung ihres Vornamens hatte sie beibehalten, indem sie den besseren
und tüchtigeren Schülerinnen, Internen sowohl wie Externen, gestattete,
sie so zu nennen. »Nenne mich `Sesemi´, Kind«, sagte sie gleich am
ersten Tage zu Tony Buddenbrook, indem sie sie kurz und mit einem leicht
knallenden Geräusch auf die Stirn küßte ... »Ich höre es gern.« Ihre
ältere Schwester Madame Kethelsen aber hieß Nelly.

Madame Kethelsen, die ungefähr 48 Jahre zählte, war von ihrem
verstorbenen Gatten mittellos im Leben zurückgelassen worden, bewohnte
bei ihrer Schwester im oberen Stockwerk eine kleine Stube und beteiligte
sich an der allgemeinen Tafel. Sie kleidete sich ähnlich wie Sesemi, war
aber im Gegensatz zu ihr außerordentlich lang; an ihren hageren
Handgelenken trug sie wollene Pulswärmer. Sie war nicht Lehrerin, sie
wußte nichts von Strenge, und in Harmlosigkeit und stillem Frohsinn
bestand ihr Wesen. Hatte ein Zögling Fräulein Weichbrodts einen Streich
vollführt, so stieß sie darüber ein gutmütiges und vor Herzlichkeit
beinahe klagendes Lachen aus, bis Sesemi auf den Tisch pochte und so
eindringlich »Nelly!« rief, daß es wie »Nally« klang; dann verstummte
sie eingeschüchtert.

Madame Kethelsen gehorchte ihrer jüngeren Schwester, sie ließ sich von
ihr ausschelten wie ein Kind, und die Sache war die, daß Sesemi sie
herzlich verachtete. Therese Weichbrodt war ein belesenes, ja beinahe
gelehrtes Mädchen und hatte sich ihren Kinderglauben, ihre positive
Religiosität und die Zuversicht, dort drüben einst für ihr schwieriges
und glanzloses Leben entschädigt zu werden, in ernstlichen kleinen
Kämpfen bewahren müssen. Madame Kethelsen dagegen war ungelehrt,
unschuldig und einfältigen Gemütes. »Die gute Nelly!« sagte Sesemi.
»Mein Gott, sie ist ein Kind, sie ist niemals auf einen Zweifel
gestoßen, sie hat niemals einen Kampf zu bestehen gehabt, sie ist
glücklich ...« In solchen Worten lag ebensoviel Geringschätzung wie
Neid, und das war ein schwacher, wenn auch verzeihlicher Charakterzug
Sesemis.

Das hochgelegene Erdgeschoß des ziegelroten Vorstadthäuschens, das von
einem nett gehaltenen Garten umgeben war, wurde von den
Unterrichtsräumen und dem Speisezimmer eingenommen, während sich im
oberen Stockwerk und auch im Bodenraum die Schlafzimmer befanden. Die
Zöglinge Fräulein Weichbrodts waren nicht zahlreich, denn die Pension
nahm nur größere Mädchen auf und besaß, auch für externe Schülerinnen,
nur die drei ersten Schulklassen; auch sah Sesemi mit Strenge darauf,
daß nur Töchter aus zweifellos vornehmen Familien in ihr Haus kamen ...
Tony Buddenbrook ward, wie angedeutet, mit Zärtlichkeit empfangen; ja,
zum Abendessen hatte Therese »Bischof« gemacht, einen roten und süßen
Punsch, der kalt getrunken ward, und auf den sie sich mit Meisterschaft
verstand ... »Noch ein bißchen Beschaf?« fragte sie mit herzlichem
Kopfschütteln ... und das klang so appetitlich, daß niemand widerstand.

Fräulein Weichbrodt saß auf zwei Sofakissen am oberen Ende der Tafel und
beherrschte die Mahlzeit mit Tatkraft und Umsicht; sie richtete ihr
verwachsenes Körperchen ganz stramm empor, pochte wachsam auf den Tisch,
rief »Nally!« und »Babby!« und demütigte Mlle. Popinet mit einem Blicke,
wenn diese im Begriffe stand, sich alles Gelée des kalten Kalbsbratens
anzueignen. Tony hatte ihren Platz inmitten zweier anderer
Pensionärinnen erhalten. Zwischen Armgard von Schilling, einer blonden
und stämmigen Gutsbesitzerstochter aus Mecklenburg, und Gerda Arnoldsen,
die in Amsterdam zu Hause war, einer eleganten und fremdartigen
Erscheinung mit schwerem, dunkelrotem Haar, nahe beieinander liegenden
braunen Augen und einem weißen, schönen, ein wenig hochmütigen Gesicht.
Ihr gegenüber plapperte die Französin, die aussah wie eine Negerin und
ungeheure goldene Ohrringe trug. Am unteren Tischende saß mit
säuerlichem Lächeln die hagere Engländerin Miß Brown, die gleichfalls im
Hause wohnte.

Man befreundete sich rasch mit Hilfe von Sesemis Bischof. Mlle. Popinet
hatte in der letzten Nacht wieder Alpdrücken gehabt, erzählte sie ...
_Ah, quelle horreur!_ Sie pflegte dann »Ülfen, Ülfen! Dieben, Dieben!«
zu rufen, daß alles aus dem Bette sprang. Ferner stellte sich heraus,
daß Gerda Arnoldsen nicht Klavier spielte, wie die anderen, sondern
Geige, und daß Papa -- ihre Mutter war nicht mehr am Leben -- ihr eine
echte Stradivari versprochen habe. Tony war unmusikalisch; die meisten
Buddenbrooks und alle Krögers waren es. Sie konnte nicht einmal die
Choräle erkennen, die in der Marienkirche gespielt wurden ... Oh, die
Orgel in der Nieuwe Kerk zu Amsterdam hatte eine _vox humana_, eine
Menschenstimme, die prachtvoll klang! -- Armgard von Schilling erzählte
von den Kühen zu Hause.

Diese Armgard hatte vom ersten Augenblicke an den größten Eindruck auf
Tony gemacht, und zwar als das erste adelige Mädchen, mit dem sie in
Berührung kam. Von Schilling zu heißen, welch ein Glück! Die Eltern
hatten das schönste alte Haus der Stadt, und die Großeltern waren
vornehme Leute; aber sie hießen doch ganz einfach »Buddenbrook« und
»Kröger«, und das war außerordentlich schade. Die Enkelin des noblen
Lebrecht Kröger erglühte in Bewunderung für Armgards Adel, und im
geheimen dachte sie manchmal, daß für sie selbst dieses prächtige »von«
eigentlich viel besser gepaßt haben würde, -- denn Armgard, mein Gott,
sie wußte ihr Glück nicht einmal zu schätzen, sie ging umher mit ihrem
dicken Zopf, ihren gutmütigen blauen Augen und ihrer breiten
mecklenburgischen Aussprache und dachte gar nicht daran; sie war
durchaus nicht vornehm, sie machte nicht den geringsten Anspruch darauf,
sie hatte keinen Sinn für Vornehmheit. Dieses Wort »vornehm« saß
erstaunlich fest in Tonys Köpfchen, und sie wandte es mit anerkennendem
Nachdruck auf Gerda Arnoldsen an.

Gerda war ein wenig apart und hatte etwas Fremdes und Ausländisches an
sich; sie liebte es, ihr prachtvolles rotes Haar trotz Sesemis Einspruch
etwas auffallend zu frisieren, und viele fanden es =albern=, daß sie die
Geige spiele -- wobei zu bemerken ist, daß »albern« einen sehr harten
Ausdruck der Verurteilung bedeutete. Darin jedoch mußte man mit Tony
übereinstimmen, daß Gerda Arnoldsen ein vornehmes Mädchen war. Ihre für
ihr Alter voll entwickelte Erscheinung, ihre Gewohnheiten, die Dinge,
die sie besaß, alles war vornehm: Zum Beispiel die elfenbeinerne
Toiletteneinrichtung aus Paris, die Tony besonders zu schätzen wußte, da
sich auch bei ihr zu Hause allerlei Gegenstände vorfanden, die ihre
Eltern oder Großeltern aus Paris mitgebracht hatten und sehr wert
hielten.

Die drei jungen Mädchen schlossen rasch einen Freundschaftsbund, sie
gehörten der gleichen Unterrichtsklasse an und bewohnten gemeinsam den
größten der Schlafräume im oberen Stockwerke. Welche amüsanten und
behaglichen Stunden waren das, wenn man um zehn Uhr zur Ruhe ging und
beim Auskleiden plauderte -- mit halber Stimme nur, denn nebenan begann
Mlle. Popinet von Dieben zu träumen ... Sie schlief zusammen mit der
kleinen Eva Ewers, einer Hamburgerin, deren Vater, ein Kunstschwärmer
und Sammler, sich in München angesiedelt hatte.

Die braungestreiften Rouleaus waren geschlossen, die niedrige,
rotverhüllte Lampe brannte auf dem Tische, ein leiser Duft nach Veilchen
und frischer Wäsche erfüllte das Zimmer und eine gemächliche, gedämpfte
Stimmung von Müdigkeit, Sorglosigkeit und Träumerei.

»Mein Gott«, sagte Armgard, die halb ausgekleidet auf dem Rande ihres
Bettes saß, »wie geläufig Doktor Neumann spricht! Er kommt in die
Klasse, stellt sich an den Tisch und spricht von Racine ...«

»Er hat eine schöne, hohe Stirn«, bemerkte Gerda, während sie sich vor
dem Spiegel zwischen den beiden Fenstern beim Schein zweier Kerzen die
Haare kämmte.

»Ja!« sagte Armgard rasch.

»Und du hast auch =nur= von ihm angefangen, um das zu hören zu bekommen,
Armgard, denn du blickst ihn beständig mit deinen blauen Augen an, als
ob ...«

»Liebst du ihn?« fragte Tony. »Mein Schuhband geht einfach nicht auf,
=bitte= Gerda ... so! nun! Liebst du ihn, Armgard? Heirate ihn doch; es
ist eine sehr gute Partie, er wird Professor am Gymnasium werden.«

»Gott, ihr seid scheußlich. Ich liebe ihn gar nicht. Ich werde
sicherlich keinen Lehrer heiraten, sondern einen Landmann ...«

»Einen Adligen?« Tony ließ den Strumpf sinken, den sie in der Hand
hielt, und blickte gedankenvoll in Armgards Gesicht.

»Das weiß ich noch nicht; aber ein großes Gut muß er haben ... Ach, wie
freue ich mich darauf, Kinder! Ich werde um fünf Uhr aufstehen und
wirtschaften ...« Sie zog die Bettdecke über sich und sah träumend zum
Plafond empor.

»Vor ihrem geistigen Auge stehen fünfhundert Kühe«, sprach Gerda und
betrachtete ihre Freundin im Spiegel.

Tony war noch nicht fertig; aber sie ließ ihren Kopf im voraus aufs
Kissen sinken, verschränkte die Hände im Nacken und betrachtete auch
ihrerseits sinnend die Zimmerdecke.

»Ich werde natürlich einen Kaufmann heiraten«, sagte sie. »Er muß recht
viel Geld haben, damit wir uns vornehm einrichten können; das bin ich
meiner Familie und der Firma schuldig«, fügte sie ernsthaft hinzu. »Ja,
ihr sollt sehn, das werde ich schon machen.«

Gerda hatte ihre Schlaffrisur beendet und putzte ihre breiten, weißen
Zähne, wobei sie sich ihres elfenbeinernen Handspiegels bediente.

»Ich werde =wahrscheinlich= gar nicht heiraten«, sagte sie ein wenig
mühsam, denn das Pfefferminzpulver behinderte sie. »Ich sehe nicht ein,
warum. Ich habe gar keine Lust dazu. Ich gehe nach Amsterdam und spiele
Duos mit Papa und lebe später bei meiner verheirateten Schwester ...«

»Wie schade!« rief Tony lebhaft. »Nein, wie schade, Gerda! Du solltest
dich hier verheiraten und immer hier bleiben ... Höre mal, du solltest
zum Beispiel einen von meinen Brüdern heiraten ...«

»Den mit der großen Nase?« fragte Gerda und gähnte mit einem kleinen
zierlichen und nachlässigen Seufzer, wobei sie den Handspiegel vor den
Mund hielt.

»Oder den anderen, das ist ja gleichgültig ... Gott, wie ihr euch
einrichten würdet! Jakobs müßte es machen, Tapezierer Jakobs in der
Fischstraße, er hat einen vornehmen Geschmack. Ich würde täglich zu
Besuch kommen ...«

Aber dann ließ sich Mlle. Popinets Stimme vernehmen:

»_Ah! voyons, mesdames!_ zu Bette, _s'il vous plaît_! Sie werden sich
heute abend nicht mehr verheiraten!«

Die Sonntage aber und die Ferien verlebte Tony in der Mengstraße oder
draußen bei den Großeltern. Welch Glück, wenn am Ostersonntag gutes
Wetter war und man die Eier und Marzipanhasen in dem ungeheuren
Krögerschen Garten suchen konnte! Welche Sommerferien an der See, wenn
man im Kurhause wohnte, an der Table d'hote speiste, badete und Esel
ritt! Auch wurden in einigen Jahren, wenn der Konsul Geschäfte gemacht,
Reisen von größerer Ausdehnung unternommen. Aber welch Weihnachtsfest,
vor allem, mit drei Bescherungen: zu Hause, bei den Großeltern und bei
Sesemi, woselbst an diesem Abend der Bischof in Strömen floß ... Am
herrlichsten aber war dennoch der Weihnachtsabend zu Hause, denn der
Konsul hielt darauf, daß das heilige Christfest mit Weihe, Glanz und
Stimmung begangen ward. Wenn man in tiefer Feierlichkeit im
Landschaftszimmer versammelt war, während die Dienstboten und allerlei
alte und arme Leute, denen der Konsul die blauroten Hände drückte, sich
in der Säulenhalle drängten, dann erscholl dort draußen vierstimmiger
Gesang, den die Chorknaben der Marienkirche vollführten, und man bekam
Herzklopfen, so festlich war es. Dann, während schon durch die Spalten
der hohen, weißen Flügeltür der Tannenduft drang, verlas die Konsulin
aus der alten Familienbibel mit den ungeheuerlichen Buchstaben langsam
das Weihnachtskapitel, und war draußen noch ein Gesang verklungen, so
stimmte man »O Tannebaum« an, während man sich in feierlichem Umzuge
durch die Säulenhalle in den Saal begab, den weiten Saal mit den Statuen
in der Tapete, wo der mit weißen Lilien geschmückte Baum flimmernd,
leuchtend und duftend zur Decke ragte und die Geschenktafel von den
Fenstern bis zur Tür reichte. Aber draußen, auf dem hartgefrorenen
Schnee der Straßen musizierten die italienischen Drehorgelmänner, und
vom Marktplatz scholl der Trubel des Weihnachtsmarktes herüber. Außer
der kleinen Klara beteiligten sich auch die Kinder an dem späten
Abendessen in der Säulenhalle, bei dem es Karpfen und gefüllten Puter in
übergewaltigen Mengen gab ...

Hier ist zu erwähnen, daß Tony Buddenbrook in diesen Jahren zwei
mecklenburgische Güter besuchte. Ein paar Sommerwochen verlebte sie mit
ihrer Freundin Armgard auf dem Besitztum des Herrn von Schilling, das
Travemünde gegenüber jenseits der Bucht an der Küste lag. Und ein
anderes Mal reiste sie mit Cousine Thilda dorthin, wo Herr Bernhard
Buddenbrook Inspektor war. Dieses Gut hieß »Ungnade« und brachte nicht
einen Heller ein; aber als Ferienaufenthalt war es trotzdem nicht zu
verachten.

So wanderten die Jahre vorbei, und es war, alles in allem, eine
glückliche Jugendzeit, die Tony verlebte.




Dritter Teil


Erstes Kapitel

Kurz nach fünf Uhr, eines Juni-Nachmittages, saß man vor dem »Portale«
im Garten, woselbst man Kaffee getrunken hatte. Drinnen in dem
weißgetünchten Raum des Gartenhauses mit dem hohen Wandspiegel, dessen
Fläche mit flatternden Vögeln bemalt war, und den beiden lackierten
Flügeltüren im Hintergrunde, die genau betrachtet gar keine Türen waren
und nur gemalte Klinken besaßen, war die Luft zu warm und dumpfig, und
man hatte die aus knorrigem, gebeiztem Holze leicht gearbeiteten Möbel
hinausgestellt.

Im Halbkreise saßen der Konsul, seine Gattin, Tony, Tom und Klothilde um
den runden gedeckten Tisch, auf dem das benutzte Service schimmerte,
während Christian, ein wenig seitwärts, mit einem unglücklichen
Gesichtsausdruck Ciceros zweite Catilinarische Rede präparierte. Der
Konsul war mit seiner Zigarre und den »Anzeigen« beschäftigt. Die
Konsulin hatte ihre Seidenstickerei sinken lassen und sah lächelnd der
kleinen Klara zu, die mit Ida Jungmann auf dem Rasenplatze Veilchen
suchte, denn es gab zuweilen Veilchen dort. Tony hatte den Kopf in beide
Hände gestützt und las versunken in Hoffmanns »Serapionsbrüdern«,
während Tom sie mit einem Grashalm ganz vorsichtig im Nacken kitzelte,
was sie aus Klugheit aber durchaus nicht bemerkte. Und Klothilde, die
mager und ältlich in ihrem geblümten Kattunkleide dasaß, las eine
Erzählung, welche den Titel trug: »Blind, taub, stumm und dennoch
glückselig«; zwischendurch schabte sie die Biskuitreste auf dem
Tischtuche zusammen, worauf sie das Häufchen mit allen fünf Fingern
ergriff und behutsam verzehrte.

Der Himmel, an dem unbeweglich ein paar weiße Wolken standen, begann
langsam blasser zu werden. Das Stadtgärtchen lag mit symmetrisch
angelegten Wegen und Beeten bunt und reinlich in der Nachmittagssonne.
Der Duft der Reseden, die die Beete umsäumten, kam dann und wann durch
die Luft daher.

»Na, Tom«, sagte der Konsul gutgelaunt und nahm die Zigarre aus dem
Mund; »die Roggenangelegenheit mit van Henkdom & Comp., von der ich dir
erzählte, arrangiert sich.«

»Was gibt er?« fragte Thomas interessiert und hörte auf, Tony zu plagen.

»Sechzig Taler für tausend Kilo ... nicht übel, wie?«

»Das ist vorzüglich!« Tom wußte, daß dies ein sehr gutes Geschäft war.

»Tony, deine Haltung ist nicht _comme il faut_«, bemerkte die Konsulin,
worauf Tony, ohne die Augen von ihrem Buche zu erheben, einen Ellbogen
vom Tische nahm.

»Das schadet nichts«, sagte Tom. »Sie kann sitzen, wie sie will, sie
bleibt immer Tony Buddenbrook. Thilda und sie sind unstreitig die
Schönsten in der Familie.«

Klothilde war zum Sterben erstaunt. »Gott! Tom --?« machte sie, und es
war unbegreiflich, wie lang sie diese kurzen Silben zu ziehen vermochte.
Tony duldete schweigend, denn Tom war ihr überlegen, da half nichts; er
würde wieder eine Antwort finden und die Lacher auf seiner Seite haben.
Sie zog nur mit geöffneten Nasenflügeln heftig die Luft ein und hob die
Schultern empor. Als aber die Konsulin von dem bevorstehenden Ball bei
Konsul Huneus zu sprechen begann und etwas über neue Lackschuhe fallen
ließ, nahm Tony auch den anderen Ellenbogen vom Tisch und zeigte sich
lebhaft bei der Sache.

»Ihr redet und redet«, rief Christian kläglich, »und dies ist so
fürchterlich schwer! Ich wollte, ich wäre auch Kaufmann --!«

»Ja, du willst jeden Tag etwas anderes«, sagte Tom. -- Hierauf kam Anton
über den Hof; er kam mit einer Karte auf dem Teebrett, und man sah ihm
erwartungsvoll entgegen.

»=Grünlich=, Agent«, las der Konsul. »Aus Hamburg. Ein angenehmer, gut
empfohlener Mann, ein Pastorssohn. Ich habe Geschäfte mit ihm. Es ist da
eine Sache ... Sage dem Herrn, Anton -- es ist dir recht Bethsy? -- er
möge sich hierher bemühen ...«

-- Durch den Garten kam, Hut und Stock in derselben Hand, mit ziemlich
kurzen Schritten und etwas vorgestrecktem Kopf, ein mittelgroßer Mann
von etwa 32 Jahren in einem grüngelben, wolligen und langschößigen Anzug
und grauen Zwirnhandschuhen. Sein Gesicht, unter dem hellblonden,
spärlichen Haupthaar war rosig und lächelte; neben dem einen Nasenflügel
aber befand sich eine auffällige Warze. Er trug Kinn und Oberlippe
glattrasiert und ließ den Backenbart nach englischer Mode lang
hinunterhängen; diese Favoris waren von ausgesprochen goldgelber Farbe.
-- Schon von weitem vollführte er mit seinem großen, hellgrauen Hut eine
Gebärde der Ergebenheit ...

Mit einem letzten, sehr langen Schritte trat er heran, indem er mit dem
Oberkörper einen Halbkreis beschrieb und sich auf diese Weise vor allen
verbeugte.

»Ich störe, ich trete in einen Familienkreis«, sprach er mit weicher
Stimme und feiner Zurückhaltung. »Man hat gute Bücher zur Hand genommen,
man plaudert ... Ich muß um Verzeihung bitten!«

»Sie sind willkommen, mein werter Herr Grünlich!« sagte der Konsul, der
sich, wie seine beiden Söhne, erhoben hatte und dem Gaste die Hand
drückte. »Ich freue mich, Sie auch außerhalb des Kontors und im Kreise
meiner Familie begrüßen zu können. Herr Grünlich, Bethsy, mein wackerer
Geschäftsfreund ... Meine Tochter Antonie ... Meine Nichte Klothilde ...
Sie kennen Thomas bereits ... Das ist mein zweiter Sohn, Christian, ein
Gymnasiast.«

Herr Grünlich hatte wiederum auf jeden Namen mit einer Verbeugung
geantwortet.

»Wie gesagt«, fuhr er fort, »ich habe nicht die Absicht, den
Eindringling zu spielen ... Ich komme in Geschäften, und wenn ich den
Herrn Konsul ersuchen dürfte, einen Gang mit mir durch den Garten zu
tun ...«

Die Konsulin antwortete:

»Sie erweisen uns eine Liebenswürdigkeit, wenn Sie nicht sofort mit
meinem Manne von Geschäften reden, sondern ein Weilchen mit unserer
Gesellschaft fürlieb nehmen wollten. Nehmen Sie Platz!«

»Tausend Dank«, sagte Herr Grünlich bewegt. Hierauf ließ er sich auf dem
Rande des Stuhles nieder, den Tom herbeigebracht hatte, setzte sich, Hut
und Stock auf den Knien, zurecht, strich mit der Hand über seinen einen
Backenbart und ließ ein Hüsteln vernehmen, das ungefähr klang wie:
»Hä-ä-hm!« Dies alles machte den Eindruck, als wollte er sagen: »Das
wäre die Einleitung. Was nun?«

Die Konsulin eröffnete den Hauptteil der Unterhaltung.

»Sie sind in Hamburg zu Hause?« fragte sie, indem sie den Kopf zur Seite
neigte und ihre Arbeit im Schoße ruhen ließ.

»Allerdings, Frau Konsulin«, entgegnete Herr Grünlich mit einer neuen
Verbeugung. »Ich habe meinen Wohnsitz in Hamburg, allein ich bin viel
unterwegs, ich bin stark beschäftigt, mein Geschäft ist ein
außerordentlich reges ... hä-ä-hm, ja, das darf ich sagen.«

Die Konsulin zog die Brauen empor und machte eine Mundbewegung, als
sagte sie mit respektvoller Betonung: »So?«

»Rastlose Tätigkeit ist für mich Lebensbedingung«, setzte Herr Grünlich
halb zum Konsul gewendet hinzu, und er hüstelte aufs neue, als er den
Blick bemerkte, den Fräulein Antonie auf ihm ruhen ließ, diesen kalten
und musternden Blick, mit dem junge Mädchen fremde junge Herren messen,
und dessen Ausdruck jeden Augenblick bereit scheint, in Verachtung
überzugehen.

»Wir haben Verwandte in Hamburg«, bemerkte Tony, um etwas zu sagen.

»Die Duchamps«, erklärte der Konsul, »die Familie meiner seligen
Mutter.«

»Oh, ich bin vollkommen orientiert!« beeilte sich Herr Grünlich zu
erwidern. »Ich habe die Ehre, ein wenig bei den Herrschaften bekannt zu
sein. Es sind ausgezeichnete Menschen insgesamt, Menschen von Herz und
Geist, -- hä-ä-hm. In der Tat, wenn in allen Familien ein Geist
herrschte wie in dieser, so stünde es besser um die Welt. Hier findet
man Gottesglaube, Mildherzigkeit, innige Frömmigkeit, kurz die wahre
Christlichkeit, die mein Ideal ist; und damit verbinden diese
Herrschaften eine edle Weltläufigkeit, eine Vornehmheit, eine glänzende
Eleganz, Frau Konsulin, die mich persönlich nun einmal charmiert!«

Tony dachte: Woher kennt er meine Eltern? Er sagt ihnen, was sie hören
wollen ... Der Konsul aber sprach beifällig:

»Diese doppelte Geschmacksrichtung kleidet jeden Mann aufs beste.«

Und die Konsulin konnte nicht umhin, dem Gaste mit einem leisen Klirren
des Armbandes die Hand zu reichen, deren Fläche sie in herzlicher Weise
ganz weit herumdrehte.

»Sie reden mir aus der Seele, mein werter Herr Grünlich!« sagte sie.

Hierauf verbeugte sich Herr Grünlich, setzte sich zurecht, strich über
seinen Backenbart und hüstelte, als wollte er sagen: »Fahren wir fort.«

Die Konsulin ließ ein paar Worte fallen über die für Herrn Grünlichs
Vaterstadt so furchtbaren zweiundvierziger Maitage ... »In der Tat«,
bemerkte Herr Grünlich, »ein schweres Unglück, eine betrübende
Heimsuchung, dieser Brand. Ein Schade von 135 Millionen, ja, das ist
ziemlich genau berechnet. Übrigens bin ich meinerseits der Vorsehung zu
hohem Danke verpflichtet ... ich bin nicht im geringsten getroffen
worden. Das Feuer wütete hauptsächlich in den Kirchspielen Sankt Petri
und Nikolai ... Welch reizender Garten«, unterbrach er sich, während er
sich dankend mit einer Zigarre des Konsuls bediente, »-- doch, für einen
Stadtgarten ist er ungewöhnlich groß! Und welch farbiger Blumenflor ...
oh, mein Gott, ich gestehe meine Schwäche für Blumen und für die Natur
im allgemeinen! Diese Klatschrosen dort drüben putzen ganz ungemein ...«

Herr Grünlich lobte die vornehme Anlage des Hauses, er lobte die ganze
Stadt überhaupt, er lobte auch die Zigarre des Konsuls und hatte für
jeden ein liebenswürdiges Wort.

»Darf ich es wagen, mich nach Ihrer Lektüre zu erkundigen, Mademoiselle
Antonie?« fragte er lächelnd.

Tony zog aus irgendeinem Grunde plötzlich die Brauen zusammen und
antwortete ohne Herrn Grünlich anzublicken:

»Hoffmanns Serapionsbrüder.«

»In der Tat! Dieser Schriftsteller hat Hervorragendes geleistet«,
bemerkte er. »Aber um Vergebung ... ich vergaß den Namen Ihres zweiten
Herrn Sohnes, Frau Konsulin.«

»Christian.«

»Ein schöner Name! Ich liebe, wenn ich das aussprechen darf« -- und Herr
Grünlich wandte sich wieder an den Hausherrn -- »die Namen, welche schon
an und für sich erkennen lassen, daß ihr Träger ein Christ ist. In Ihrer
Familie ist, wie ich weiß, der Name Johann erblich ... wer dächte dabei
nicht an den Lieblingsjünger des Herrn. Ich zum Beispiel, wenn ich mir
diese Bemerkung gestatten darf«, fuhr er mit Beredsamkeit fort, »heiße
wie die meisten meiner Vorfahren Bendix, -- ein Name, der ja nur als
eine mundartliche Zusammenziehung von Benedikt zu betrachten ist. Und
Sie lesen, Herr Buddenbrook? Ah, Cicero! Eine schwierige Lektüre, die
Werke dieses großen römischen Redners. _Quousque tandem, Catilina_ ...
hä-ä-hm, ja, ich habe mein Latein gleichfalls noch nicht völlig
vergessen!«

Der Konsul sagte:

»Ich habe, im Gegensatze zu meinem seligen Vater, immer meine Einwände
gehabt gegen diese fortwährende Beschäftigung der jungen Köpfe mit dem
Griechischen und Lateinischen. Es gibt so viele ernste und wichtige
Dinge, die zur Vorbereitung auf das praktische Leben nötig sind ...«

»Sie sprechen meine Meinung aus, Herr Konsul«, beeilte sich Herr
Grünlich zu antworten, »bevor ich ihr Worte verleihen konnte! Eine
schwierige und, wie ich hinzuzufügen vergaß, =nicht unanfechtbare=
Lektüre. Von allem abgesehen, erinnere ich mich einiger direkt
anstößiger Stellen in diesen Reden ...«

Als eine Pause entstand, dachte Tony: Jetzt komme ich an die Reihe. Denn
Herrn Grünlichs Blicke ruhten auf ihr. Und richtig, sie kam an die
Reihe. Herr Grünlich nämlich schnellte plötzlich ein wenig auf seinem
Sitze empor, machte eine kurze, krampfhafte und dennoch elegante
Handbewegung nach der Seite der Konsulin und flüsterte heftig:

»Ich bitte Sie, Frau Konsulin, beachten Sie? -- Ich beschwöre Sie, mein
Fräulein«, unterbrach er sich laut, als ob Tony nur dies verstehen
sollte, »bleiben Sie noch einen Moment in dieser Stellung ...! --
Beachten Sie«, fuhr er wieder flüsternd fort, »wie die Sonne in dem
Haare Ihres Fräulein Tochter spielt? -- Ich habe niemals schöneres Haar
gesehen!« sprach er plötzlich ernst vor Entzücken in die Luft hinein,
als ob er zu Gott oder seinem Herzen redete.

Die Konsulin lächelte wohlgefällig, der Konsul sagte: »Setzen Sie der
Dirn keine Schwachheiten in den Kopf!« und Tony zog wiederum stumm die
Brauen zusammen. Einige Minuten darauf erhob sich Herr Grünlich.

»Aber ich inkommodiere nicht länger, nein, bei Gott, Frau Konsulin, ich
inkommodiere nicht länger! Ich kam in Geschäften ... allein wer könnte
widerstehen ... Nun ruft die Tätigkeit! Wenn ich den Herrn Konsul
ersuchen dürfte ...«

»Ich brauche Sie nicht zu versichern«, sagte die Konsulin, »wie sehr es
mich freuen würde, wenn Sie während der Dauer Ihres Aufenthaltes am Orte
in unserem Hause vorlieb nehmen möchten ...«

Herr Grünlich blieb einen Augenblick stumm vor Dankbarkeit. »Ich bin
Ihnen von ganzer Seele verbunden, Frau Konsulin!« sagte er mit dem
Ausdruck der Rührung. »Aber ich darf Ihre Liebenswürdigkeit nicht
mißbrauchen. Ich bewohne ein paar Zimmer im Gasthause Stadt Hamburg ...«

»Ein =paar= Zimmer«, dachte die Konsulin, und dies war es auch, was sie
nach Herrn Grünlichs Absicht denken sollte.

»Jedenfalls«, beschloß sie, indem sie ihm noch einmal mit herzlicher
Bewegung die Hand bot, »hoffe ich, daß wir uns nicht zum letzten Male
gesehen haben.«

Herr Grünlich küßte der Konsulin die Hand, wartete einen Augenblick, daß
auch Antonie ihm die ihrige reiche, was aber nicht geschah, beschrieb
einen Halbkreis mit dem Oberkörper, trat einen großen Schritt zurück,
verbeugte sich nochmals, setzte dann mit einem Schwunge und indem er das
Haupt zurückwarf, seinen grauen Hut auf und schritt mit dem Konsul
davon ...

»Ein angenehmer Mann!« wiederholte der letztere, als er zu seiner
Familie zurückkehrte und seinen Platz wieder einnahm.

»Ich finde ihn =albern=«, erlaubte sich Tony zu bemerken und zwar mit
Nachdruck.

»Tony! Mein Gott! Was für ein Urteil!« rief die Konsulin ein wenig
entrüstet. »Ein so christlicher junger Mann!«

»Ein so wohlerzogener und weltläufiger Mann!« ergänzte der Konsul. »Du
weißt nicht, was du sagst.« -- Es geschah manchmal, daß die Eltern in
dieser Weise aus Höflichkeit den Standpunkt wechselten; dann waren sie
desto sicherer, einig zu sein.

Christian zog seine große Nase in Falten und sagte:

»Wie wichtig er immer spricht!... Man plaudert! Wir plauderten gar
nicht. Und Klatschrosen putzen ungemein! Manchmal tut er, als ob er ganz
laut zu sich selbst spräche. Ich störe -- ich muß um Verzeihung
bitten!... Ich habe niemals schöneres Haar gesehen!...« Und Christian
ahmte Herrn Grünlich so vortrefflich nach, daß selbst der Konsul lachen
mußte.

»Ja, er macht sich allzu wichtig!« fing Tony wieder an. »Er sprach
beständig von sich selbst! =Sein= Geschäft ist rege, =er= liebt die
Natur, =er= bevorzugt die und die Namen, =er= heißt Bendix ... Was geht
uns das an, möchte ich wissen ... Er sagt alles nur, um sich
herauszustreichen!« rief sie plötzlich ganz wütend. »Er sagte dir, Mama,
und dir, Papa, =nur=, was ihr gern hört, um sich bei euch
einzuschmeicheln!«

»Das ist kein Vorwurf, Tony!« sagte der Konsul streng. »Man befindet
sich in fremder Gesellschaft, zeigt sich von seiner besten Seite, setzt
seine Worte und sucht zu gefallen -- das ist klar ...«

»Ich finde, er ist ein guter Mensch«, sagte Klothilde sanft und gedehnt,
obgleich sie die einzige Person war, um die Herr Grünlich sich nicht im
geringsten bekümmert hatte. Thomas enthielt sich des Urteils.

»Genug«, beschloß der Konsul, »er ist ein christlicher, tüchtiger,
tätiger und feingebildeter Mann, und du, Tony, ein großes Mädchen von 18
oder nächstens 19 Jahren, gegen das er sich so artig und galant betragen
hat, du solltest deine Tadelsucht bezähmen. Wir alle sind schwache
Menschen, und du bist, verzeih mir, wahrlich die letzte, die einen Stein
aufheben dürfte ... Tom, an die Arbeit!«

Tony aber murmelte vor sich hin: »Ein goldgelber Backenbart!« und dabei
zog sie die Brauen zusammen, wie sie es schon mehrere Male getan hatte.


Zweites Kapitel

»Wie aufrichtig betrübt war ich, mein Fräulein, Sie zu verfehlen!«
sprach Herr Grünlich einige Tage später, als Tony, die von einem Ausgang
zurückkehrte, an der Ecke der Breiten- und Mengstraße mit ihm
zusammentraf. »Ich erlaubte mir, Ihrer Frau Mama meine Aufwartung zu
machen, und ich vermißte Sie schmerzlich ... Wie entzückt aber bin ich,
Sie nun doch noch zu treffen!«

Fräulein Buddenbrook war stehengeblieben, da Herr Grünlich zu sprechen
begann; aber ihre Augen, die sie halb geschlossen hatte und die
plötzlich dunkel wurden, richteten sich nicht höher als auf Herrn
Grünlichs Brust, und um ihren Mund lag das spöttische und vollkommen
unbarmherzige Lächeln, mit dem ein junges Mädchen einen Mann mißt und
verwirft ... Ihre Lippen bewegten sich -- was sollte sie antworten? Ha!
es mußte ein Wort sein, das diesen Bendix Grünlich ein für allemal
zurückschleuderte, vernichtete ... aber es mußte ein gewandtes,
witziges, schlagendes Wort sein, das ihn zugleich spitzig verwundete und
ihm imponierte ...

»Das ist nicht gegenseitig!« sagte sie, immer den Blick auf Herrn
Grünlichs Brust geheftet; und nachdem sie diesen fein vergifteten Pfeil
abgeschossen, ließ sie ihn stehen, legte den Kopf zurück und ging rot
vor Stolz über ihre sarkastische Redegewandtheit nach Hause, woselbst
sie erfuhr, daß Herr Grünlich zum nächsten Sonntag auf einen Kalbsbraten
gebeten sei ...

Und er kam. Er kam in einem nicht ganz neumodischen, aber feinen,
glockenförmigen und faltigen Gehrock, der ihm einen Anstrich von Ernst
und Solidität verlieh, -- rosig übrigens und lächelnd, das spärliche
Haar sorgfältig gescheitelt und mit duftig frisierten Favoris. Er aß
Muschelragout, Juliennesuppe, gebackene Seezungen, Kalbsbraten mit
Rahmkartoffeln und Blumenkohl, Marasquino-Pudding und Pumpernickel mit
Roquefort und fand bei jedem Gerichte einen neuen Lobspruch, den er mit
Delikatesse vorzubringen verstand. Er hob zum Beispiel seinen
Dessertlöffel empor, blickte eine Statue der Tapete an und sprach laut
zu sich selbst: »Gott verzeihe mir, ich kann nicht anders; ich habe ein
großes Stück genossen, aber dieser Pudding ist gar zu prächtig gelungen;
ich =muß= die gütige Wirtin noch um ein Stückchen ersuchen!« Worauf er
der Konsulin schalkhaft zublinzelte. Er sprach mit dem Konsul über
Geschäfte und Politik, wobei er ernste und tüchtige Grundsätze an den
Tag legte, er plauderte mit der Konsulin über Theater, Gesellschaften
und Toiletten; er hatte auch für Tom, Christian und die arme Klothilde,
ja selbst für die kleine Klara und Mamsell Jungmann liebenswürdige Worte
... Tony verhielt sich schweigsam, und er seinerseits unternahm es
nicht, sich ihr zu nähern, sondern betrachtete sie nur dann und wann mit
seitwärts geneigtem Kopfe und einem Blick, in dem sowohl Betrübnis wie
Ermunterung lag.

Als Herr Grünlich sich an diesem Abend verabschiedete, hatte er den
Eindruck verstärkt, den sein erster Besuch hervorgebracht. »Ein
vollkommen erzogener Mann«, sagte die Konsulin. »Ein christlicher und
achtbarer Mensch«, sagte der Konsul. Christian konnte seine Bewegungen
und Sprache nun noch besser nachahmen, und Tony sagte mit finsteren
Brauen gute Nacht, denn sie ahnte undeutlich, daß sie diesen Herrn, der
sich mit so ungewöhnlicher Schnelligkeit die Herzen ihrer Eltern erobert
hatte, nicht zum letztenmal gesehen habe.

In der Tat, sie fand Herrn Grünlich, wenn sie nachmittags von einem
Besuche, einer Mädchengesellschaft zurückkehrte, eingenistet im
Landschaftszimmer, woselbst er der Konsulin aus Walter Scotts »Waverley«
vorlas -- und zwar mit mustergültiger Aussprache, denn die Reisen im
Dienste seines regen Geschäftes hatten ihn, wie er berichtete, auch nach
England geführt. Tony setzte sich seitab mit einem anderen Buche, und
Herr Grünlich fragte mit weicher Stimme: »Es entspricht wohl nicht Ihrem
Geschmacke, mein Fräulein, was ich lese?« Worauf sie mit
zurückgeworfenem Kopf etwas recht spitzig Sarkastisches erwiderte, wie
zum Beispiel: »Nicht im geringsten!«

Aber er ließ sich nicht stören, er begann von seinen zu früh
verstorbenen Eltern zu erzählen und berichtete von seinem Vater, der ein
Prediger, ein Pastor, ein höchst christlicher und dabei in ebenso hohem
Grade weltläufiger Mann gewesen war ... Dann jedoch, ohne daß Tony
seiner Abschiedsvisite beigewohnt hätte, war Herr Grünlich nach Hamburg
abgereist. »Ida!« sagte sie zu Mamsell Jungmann, an der sie eine
vertraute Freundin besaß. »Der Mensch ist fort!« Ida Jungmann aber
antwortete: »Kindchen, wirst sehen ...«

Acht Tage später ereignete sich jene Szene im Frühstückszimmer ... Tony
kam um neun Uhr herunter und war erstaunt, ihren Vater noch neben der
Konsulin am Kaffeetische zu finden. Nachdem sie sich die Stirn hatte
küssen lassen, setzte sie sich frisch, hungrig und mit schlafroten Augen
an ihren Platz, nahm Zucker und Butter und bediente sich mit grünem
Kräuterkäse.

»Wie hübsch, Papa, daß ich dich einmal noch vorfinde!« sagte sie,
während sie mit der Serviette ihr heißes Ei erfaßte und es mit dem
Teelöffel öffnete.

»Ich habe heute auf unsere Langschläferin gewartet«, sagte der Konsul,
der eine Zigarre rauchte und beharrlich mit dem zusammengefalteten
Zeitungsblatt leicht auf den Tisch schlug. Die Konsulin ihrerseits
beendete langsam und mit graziösen Bewegungen ihr Frühstück und lehnte
sich dann ins Sofa zurück.

»Thilda ist schon in der Küche tätig«, fuhr der Konsul bedeutsam fort,
»und ich wäre ebenfalls bei meiner Arbeit, wenn deine Mutter und ich
nicht in einer ernsthaften Angelegenheit mit unserem Töchterchen zu
sprechen hätten.«

Tony, den Mund voll Butterbrot, blickte ihrem Vater und dann ihrer
Mutter mit einem Gemisch von Neugier und Erschrockenheit ins Gesicht.

»Iß nur zuvor, mein Kind«, sagte die Konsulin, und als Tony trotzdem ihr
Messer niederlegte und rief: »Nur gleich heraus damit, bitte, Papa!«
wiederholte der Konsul, der durchaus nicht aufhörte, mit der Zeitung zu
spielen: »Iß nur.«

Während Tony unter Stillschweigen und appetitlos ihren Kaffee trank, ihr
Ei und ihren grünen Käse zum Brote verzehrte, fing sie zu ahnen an, um
was es sich handelte. Die Morgenfrische verschwand von ihrem Gesicht,
sie ward ein wenig bleich, sie dankte für Honig und erklärte bald mit
leiser Stimme, daß sie fertig sei ...

»Mein liebes Kind«, sagte der Konsul, nachdem er noch einen Augenblick
geschwiegen hatte, »die Frage, über die wir mit dir zu reden haben, ist
in diesem Briewe enthalten.« Und er pochte nun, statt mit der Zeitung,
mit einem großen, bläulichen Kuvert auf den Tisch. »Um kurz zu sein:
Herr Bendix Grünlich, den wir alle als einen braven und liebenswürdigen
Mann kennengelernt haben, schreibt mir, daß er während seines hiesigen
Aufenthaltes eine tiefe Neigung zu unserer Tochter gefaßt habe, und
bittet in aller Form um ihre Hand. Was denkt unser gutes Kind darüber?«

Tony saß mit gesenktem Kopfe zurückgelehnt, und ihre rechte Hand drehte
den silbernen Serviettenring langsam um sich selbst. Plötzlich aber
schlug sie die Augen auf, Augen, die ganz dunkel geworden waren und voll
von Tränen standen. Und mit bedrängter Stimme stieß sie hervor:

»Was will dieser Mensch von mir --! Was habe ich ihm getan --?!« Worauf
sie in Weinen ausbrach. --

Der Konsul warf seiner Gattin einen Blick zu und betrachtete ein wenig
verlegen seine leere Tasse.

»Liebe Tony«, sagte die Konsulin sanft, »wozu dies Echauffement! Du
kannst sicher sein, nicht wahr, daß deine Eltern nur dein Bestes im Auge
haben, und daß sie dir nicht raten können, die Lebensstellung
auszuschlagen, die man dir anbietet. Siehst du, ich nehme an, daß du
noch keine entscheidenden Empfindungen für Herrn Grünlich hegst, aber
das kommt, ich versichere dich, das kommt mit der Zeit ... Einem so
jungen Dinge, wie du, ist es niemals klar, was es eigentlich will ... Im
Kopfe sieht es so wirr aus wie im Herzen ... Man muß dem Herzen Zeit
lassen und den Kopf offen halten für die Zusprüche erfahrener Leute, die
planvoll für unser Glück sorgen ...«

»Ich weiß gar nichts von ihm --« brachte Tony trostlos hervor und
drückte mit der kleinen weißen Batistserviette, in der sich Eiflecke
befanden, ihre Augen. »Ich weiß nur, daß er einen goldgelben Backenbart
hat und ein reges Geschäft ...« Ihre Oberlippe, die beim Weinen
zitterte, machte einen unaussprechlich rührenden Eindruck.

Der Konsul rückte mit einer Bewegung plötzlicher Zärtlichkeit seinen
Stuhl an sie heran und strich lächelnd über ihr Haar.

»Meine kleine Tony«, sagte er, »was solltest du auch von ihm wissen? Du
bist ein Kind, siehst du, du würdest nicht mehr von ihm wissen, wenn er
nicht vier Wochen, sondern deren zweiundfünfzig hier verlebt hätte ...
Du bist ein kleines Mädchen, das noch keine Augen hat für die Welt, und
das sich auf die Augen anderer Leute verlassen muß, die Gutes mit dir im
Sinne haben ...«

»Ich verstehe es nicht ... ich verstehe es nicht ...« schluchzte Tony
fassungslos und schmiegte ihren Kopf wie ein Kätzchen unter die
streichelnde Hand. »Er kommt hierher ... sagt allen etwas Angenehmes ...
reist wieder ab ... und schreibt, daß er mich ... ich verstehe es nicht
... wie kommt er dazu ... was habe ich ihm getan?!...«

Der Konsul lächelte wieder. »Das hast du schon einmal gesagt, Tony, und
es zeigt so recht deine kindliche Ratlosigkeit. Mein Töchterchen muß
durchaus nicht glauben, daß ich es drängen und quälen will ... Das alles
kann mit Ruhe erwogen werden, =muß= mit Ruhe erwogen werden, denn es ist
eine ernste Sache. Das werde ich auch Herrn Grünlich vorläufig antworten
und sein Gesuch weder abschlagen noch bewilligen ... Es gibt da viele
Dinge zu überlegen ... So ... sehen wir wohl? abgemacht! Nun geht Papa
an seine Arbeit ... Adieu, Bethsy ...«

»Auf Wiedersehen, mein lieber Jean.«

-- »Du solltest immerhin noch ein wenig Honig nehmen, Tony«, sagte die
Konsulin, als sie mit ihrer Tochter allein geblieben war, die
unbeweglich und mit gesenktem Kopfe an ihrem Platze blieb. »Essen muß
man hinlänglich ...«

Tonys Tränen versiegten allmählich. Ihr Kopf war heiß und voll von
Gedanken ... Gott! was für eine Angelegenheit! Sie hatte es ja gewußt,
daß sie eines Tages die Frau eines Kaufmannes werden, eine gute und
vorteilhafte Ehe eingehen werde, wie es der Würde der Familie und der
Firma entsprach ... Aber nun geschah es ihr plötzlich zum ersten Male,
daß jemand sie wirklich und allen Ernstes heiraten wollte! Wie sollte
man sich dabei benehmen? Für sie, Tony Buddenbrook, handelte es sich
plötzlich um alle diese furchtbar gewichtigen Ausdrücke, die sie
bislang nur gelesen hatte: um ihr »Jawort«, um ihre »Hand« ... »fürs
Leben« ... Gott! Was für eine gänzlich neue Lage auf einmal!

»Und du, Mama?« sagte sie. »Du rätst mir also auch, mein ... Jawort zu
geben?« Sie zögerte einen Augenblick vor dem »Jawort«, weil es ihr allzu
hochtrabend und genant erschien; dann aber sprach sie es zum ersten Male
in ihrem Leben mit Würde aus. Sie begann, sich ihrer anfänglichen
Fassungslosigkeit ein wenig zu schämen. Es erschien ihr nicht weniger
unsinnig, als zehn Minuten früher, Herrn Grünlich zu heiraten, aber die
Wichtigkeit ihrer Stellung fing an, sie mit Wohlgefallen zu erfüllen.

Die Konsulin sagte:

»Zuraten, mein Kind? Hat Papa dir zugeraten? Er hat dir nicht abgeraten,
das ist alles. Und es wäre unverantwortlich, von ihm wie von mir, wenn
wir das tun wollten. Die Verbindung, die sich dir darbietet, ist
vollkommen das, was man eine gute Partie nennt, meine liebe Tony ... Du
kämest nach Hamburg in ausgezeichnete Verhältnisse und würdest auf
großem Fuße leben ...«

Tony saß bewegungslos. Etwas wie seidene Portièren tauchte plötzlich vor
ihr auf, wie es deren im Salon der Großeltern gab ... Ob sie als Madame
Grünlich morgens Schokolade trinken würde? Es schickte sich nicht,
danach zu fragen.

»Wie dein Vater dir sagte: du hast Zeit zur Überlegung«, fuhr die
Konsulin fort. »Aber wir müssen dir zu bedenken geben, daß sich eine
solche Gelegenheit, dein Glück zu machen, nicht alle Tage bietet, und
daß diese Heirat genau das ist, was Pflicht und Bestimmung dir
vorschreiben. Ja, mein Kind, auch das muß ich dir vorhalten. Der Weg,
der sich dir heute eröffnet, ist der dir vorgeschriebene, das weißt du
selbst recht wohl ...«

»Ja«, sagte Tony gedankenvoll. »Gewiß.« Sie war sich ihrer
Verpflichtungen gegen die Familie und die Firma wohl bewußt, und sie war
stolz auf diese Verpflichtungen. Sie, Antonie Buddenbrook, vor der der
Träger Matthiesen tief seinen rauhen Zylinder abnahm, und die als
Tochter des Konsuls Buddenbrook in der Stadt wie eine kleine Herrscherin
umherging, war von der Geschichte ihrer Familie durchdrungen. Schon der
Gewandschneider zu Rostock hatte sich =sehr= gut gestanden, und seit
seiner Zeit war es immer glänzender bergauf gegangen. Sie hatte den
Beruf, auf ihre Art den Glanz der Familie und der Firma »Johann
Buddenbrook« zu fördern, indem sie eine reiche und vornehme Heirat
einging ... Tom arbeitete dafür im Kontor ... Ja, die Art dieser Partie
war sicherlich die richtige; aber ausgemacht Herr Grünlich ... Sie sah
ihn vor sich, seine goldgelben Favoris, sein rosiges, lächelndes Gesicht
mit der Warze am Nasenflügel, seine kurzen Schritte, sie glaubte seinen
wolligen Anzug zu fühlen und seine weiche Stimme zu hören ...

»Ich wußte wohl«, sagte die Konsulin, »daß wir ruhigen Vorstellungen
zugänglich sind ... haben wir vielleicht schon einen Entschluß gefaßt?«

»O bewahre!« rief Tony, und sie betonte das »O« mit plötzlicher
Entrüstung. »Was für ein Unsinn, Grünlich zu heiraten! Ich habe ihn
beständig mit spitzen Redensarten verhöhnt ... Ich begreife überhaupt
nicht, daß er mich noch leiden mag! Er müßte doch ein bißchen Stolz im
Leibe haben ...«

Und damit fing sie an, sich Honig auf eine Scheibe Landbrot zu träufeln.


Drittes Kapitel

In diesem Jahre unternahmen Buddenbrooks auch während der Schulferien
Christians und Klaras keine Erholungsreise. Der Konsul erklärte,
geschäftlich zu sehr in Anspruch genommen zu sein, und die schwebende
Frage in betreff Antoniens trug dazu bei, daß man abwartend in der
Mengstraße verblieb. An Herrn Grünlich war, von der Hand des Konsuls
geschrieben, ein überaus diplomatischer Brief abgegangen; aber der
Fortgang der Dinge ward durch Tonys in den kindischsten Formen geäußerte
Hartnäckigkeit behindert. »Bewahre, Mama!« sagte sie. »Ich kann ihn
nicht ausstehen!« wobei sie die zweite Silbe des letzten Wortes mit
höchstem Nachdruck betonte und das »st« ausnahmsweise nicht getrennt
sprach. Oder sie erklärte mit Feierlichkeit: »Vater!« -- sonst pflegte
Tony »Papa« zu sagen -- »Ich werde ihm mein Jawort niemals erteilen.«

Auf diesem Punkte wäre die Angelegenheit sicherlich noch lange Zeit
stehengeblieben, wenn sich nicht, zehn Tage vielleicht nach jener
Unterredung im Frühstückszimmer -- man stand in der Mitte des Juli --,
das Folgende ereignet hätte ...

Es war Nachmittag -- ein blauer, warmer Nachmittag; die Konsulin war
ausgegangen, und Tony saß mit einem Romane allein im Landschaftszimmer
am Fenster, als Anton ihr eine Visitkarte überbrachte. Bevor sie noch
Zeit gehabt, den Namen zu lesen, betrat ein Herr in glockenförmigem
Gehrock und erbsenfarbenem Beinkleid das Zimmer; es war, wie sich
versteht, Herr Grünlich, und auf seinem Gesicht lag ein Ausdruck
flehender Zärtlichkeit.

Tony fuhr entsetzt auf ihrem Stuhle empor und machte eine Bewegung, als
wollte sie in den Eßsaal entfliehen ... Wie war es möglich, noch mit
einem Herrn zu sprechen, der um ihre Hand angehalten hatte? Das Herz
pochte ihr bis in den Hals hinauf, und sie war sehr bleich geworden.
Solange sie Herrn Grünlich weit entfernt wußte, hatten die ernsthaften
Verhandlungen mit den Eltern und die plötzliche Wichtigkeit ihrer Person
und Entscheidung ihr geradezu Spaß gemacht. Nun aber war er wieder da!
Er stand vor ihr! Was würde geschehen? Sie fühlte schon wieder, daß sie
weinen werde.

Mit raschen Schritten, die Arme ausgebreitet und den Kopf zur Seite
geneigt, in der Haltung eines Mannes, welcher sagen will: Hier bin ich!
Töte mich, wenn du willst! kam Herr Grünlich auf sie zu. »Welch eine
Fügung!« rief er. »Ich finde =Sie=, Antonie!« Er sagte »Antonie«.

Tony, die, ihren Roman in der Rechten, aufgerichtet an ihrem Stuhle
stand, schob die Lippen hervor, und indem sie bei jedem Worte eine
Kopfbewegung von unten nach oben machte und jedes dieser Worte mit einer
tiefen Entrüstung betonte, stieß sie hervor:

»Was -- fällt -- Ihnen -- ein!«

Trotzdem standen ihr die Tränen bereits in der Kehle.

Herrn Grünlichs Bewegung war allzu groß, als daß er diesen Einwurf hätte
beachten können.

»Konnte ich länger warten ... Mußte ich nicht hierher zurückkehren?«
fragte er eindringlich. »Ich habe vor einer Woche den Brief Ihres
=lieben= Herrn Vaters erhalten, diesen Brief, der mich mit Hoffnung
erfüllt hat! Konnte ich noch länger in halber Gewißheit verharren,
Fräulein Antonie? Ich hielt es nicht länger aus ... Ich habe mich in
einen Wagen geworfen ... Ich bin hierher geeilt ... Ich habe ein paar
Zimmer im Gasthofe Stadt Hamburg genommen ... und da bin ich, Antonie,
um von Ihren Lippen das letzte, entscheidende Wort in Empfang zu nehmen,
das mich glücklicher machen wird, als ich es zu sagen vermag!«

Tony war erstarrt; ihre Tränen traten zurück vor Verblüffung. Das also
war die Wirkung des vorsichtigen väterlichen Briefes, der jede
Entscheidung auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben hatte! -- Sie
stammelte drei- oder viermal:

»Sie irren sich. -- Sie irren sich ...«

Herr Grünlich hatte einen Armsessel ganz dicht an ihren Fenstersitz
herangezogen, er setzte sich, er nötigte auch sie selbst, sich wieder
niederzulassen, und während er, vornübergebeugt, ihre Hand, die schlaff
war vor Ratlosigkeit, in der seinen hielt, fuhr er mit bewegter Stimme
fort:

»Fräulein Antonie ... Seit dem ersten Augenblicke, seit jenem
Nachmittage ... Sie erinnern sich jenes Nachmittages?... als ich Sie zum
ersten Male im Kreise der Ihrigen, eine so vornehme, so traumhaft
liebliche Erscheinung, erblickte ... ist Ihr Name mit unauslöschlichen
Buchstaben in mein Herz geschrieben ...« Er verbesserte sich und sagte:
»gegraben«. »Seit jenem Tage, Fräulein Antonie, ist es mein einziger,
mein heißer Wunsch, Ihre schöne Hand fürs Leben zu gewinnen, und was der
Brief Ihres =lieben= Herrn Vaters mich nur hoffen ließ, das werden Sie
mir nun zur glücklichen Gewißheit machen ... nicht wahr?! ich darf mit
Ihrer Gegenneigung rechnen ... Ihrer Gegenneigung sicher sein!« Hierbei
ergriff er auch mit der anderen Hand die ihre und blickte ihr tief in
die ängstlich geöffneten Augen. Er trug heute keine Zwirnhandschuhe;
seine Hände waren lang, weiß und von hohen, blauen Adern durchzogen.

Tony starrte in sein rosiges Gesicht, auf die Warze an seiner Nase, und
in seine Augen, die so blau waren wie diejenigen einer Gans.

»Nein, nein!« brachte sie rasch und angstvoll hervor. Hierauf sagte sie
noch: »Ich gebe Ihnen nicht mein Jawort!« Sie bemühte sich fest zu
sprechen, aber sie weinte schon.

»Womit habe ich dieses Zweifeln und Zögern Ihrerseits verdient?« fragte
er mit tief gesenkter und fast vorwurfsvoller Stimme. »Sie sind ein von
liebender Sorgfalt behütetes und verwöhntes Mädchen ... aber ich schwöre
Ihnen, ja, ich verpfände Ihnen mein Manneswort, daß ich Sie auf Händen
tragen werde, daß Sie als meine Gattin nichts entbehren werden, daß Sie
in Hamburg ein Ihrer würdiges Leben führen werden ...«

Tony sprang auf, sie befreite ihre Hand, und während ihre Tränen
hervorstürzten, rief sie völlig verzweifelt:

»Nein ... nein! Ich habe ja =nein= gesagt! Ich gebe Ihnen einen Korb,
verstehen Sie das denn nicht, Gott im Himmel?!...«

Allein auch Herr Grünlich erhob sich. Er trat einen Schritt zurück, er
breitete die Arme aus, indem er ihr beide Handflächen entgegenhielt, und
sprach mit dem Ernst eines Mannes von Ehre und Entschluß:

»Wissen Sie, Mademoiselle Buddenbrook, daß ich mich nicht in dieser
Weise beleidigen lassen darf?«

»Aber ich beleidige Sie nicht, Herr Grünlich«, sagte Tony, denn sie
bereute, so heftig gewesen zu sein. Mein Gott, mußte gerade ihr dies
begegnen! Sie hatte sich so eine Werbung nicht vorgestellt. Sie hatte
geglaubt, man brauche nur zu sagen: »Ihr Antrag ehrt mich, aber ich kann
ihn nicht annehmen«, damit alles erledigt sei ...

»Ihr Antrag ehrt mich«, sagte sie so ruhig sie konnte; »aber ich kann
ihn nicht annehmen ... So, und ich muß Sie nun ... verlassen,
entschuldigen Sie, ich habe keine Zeit mehr.«

Aber Herr Grünlich stand ihr im Wege.

»Sie weisen mich zurück?« fragte er tonlos ...

»Ja«, sagte Tony; und aus Vorsicht fügte sie hinzu: »Leider« ...

Da atmete Herr Grünlich heftig auf, er machte zwei große Schritte
rückwärts, beugte den Oberkörper zur Seite, wies mit dem Zeigefinger auf
den Teppich und rief mit fürchterlicher Stimme:

»Antonie --!«

So standen sie sich während eines Augenblicks gegenüber; er in
aufrichtig erzürnter und gebietender Haltung, Tony blaß, verweint und
zitternd, das feuchte Taschentuch am Munde. Endlich wandte er sich ab
und durchmaß, die Hände auf dem Rücken, zweimal das Zimmer, als sei er
hier zu Hause. Dann blieb er am Fenster stehen und blickte durch die
Scheiben in die beginnende Dämmerung.

Tony schritt langsam und mit einer gewissen Behutsamkeit auf die Glastür
zu; aber sie befand sich erst in der Mitte des Zimmers, als Herr
Grünlich aufs neue bei ihr stand.

»Tony!« sagte er ganz leise, während er sanft ihre Hand erfaßte; und er
sank ... sank langsam bei ihr zu Boden auf die Knie. Seine beiden
goldgelben Favoris lagen auf ihrer Hand.

»Tony ...«, wiederholte er, »sehen Sie mich hier ... Dahin haben Sie es
gebracht ... Haben Sie ein Herz, ein fühlendes Herz?... Hören Sie mich
an ... Sie sehen einen Mann vor sich, der vernichtet, zugrunde gerichtet
ist, wenn ... ja, der vor Kummer sterben wird«, unterbrach er sich mit
einer gewissen Hast, »wenn Sie seine Liebe verschmähen! Hier liege ich
... bringen Sie es über das Herz, mir zu sagen: Ich verabscheue Sie --?«

»Nein, nein!« sagte Tony plötzlich in tröstendem Ton. Ihre Tränen waren
versiegt, Rührung und Mitleid stiegen in ihr auf. Mein Gott, wie sehr
mußte er sie lieben, daß er diese Sache, die ihr selbst innerlich ganz
fremd und gleichgültig war, so weit trieb! War es möglich, daß =sie=
dies erlebte? In Romanen las man dergleichen, und nun lag im
gewöhnlichen Leben ein Herr im Gehrock vor ihr auf den Knien und
flehte!... Ihr war der Gedanke, ihn zu heiraten, einfach unsinnig
erschienen, weil sie Herrn Grünlich albern gefunden hatte. Aber, bei
Gott, in diesem Augenblicke war er durchaus nicht albern! Aus seiner
Stimme und seinem Gesicht sprach eine so ehrliche Angst, eine so
aufrichtige und verzweifelte Bitte ...

»Nein, nein«, wiederholte sie, indem sie sich ganz ergriffen über ihn
beugte, »ich verabscheue Sie nicht, Herr Grünlich, wie können Sie
dergleichen sagen!... Aber nun stehen Sie auf ... bitte ...«

»Sie wollen mich nicht töten?« fragte er wieder, und sie sagte noch
einmal in einem beinahe mütterlich tröstenden Ton:

»Nein -- nein ...«

»Das ist ein Wort!« rief Herr Grünlich und sprang auf die Füße. Sofort
aber, als er Tonys erschrockene Bewegung sah, ließ er sich noch einmal
nieder und sagte ängstlich beschwichtigend:

»Gut, gut ... sprechen Sie nun nichts mehr, Antonie! Genug für diesmal,
ich bitte Sie, von dieser Sache ... Wir reden weiter davon ... Ein
anderes Mal ... Ein anderes Mal ... Leben Sie wohl für heute ... Leben
Sie wohl ... Ich kehre zurück ... Leben Sie wohl! --«

Er hatte sich rasch erhoben, er hatte seinen großen grauen Hut vom
Tische gerissen, hatte ihre Hand geküßt und war durch die Glastür
hinausgeeilt.

Tony sah, wie er in der Säulenhalle seinen Stock ergriff und im Korridor
verschwand. Sie stand, völlig verwirrt und erschöpft, inmitten des
Zimmers, das feuchte Taschentuch in einer ihrer hinabhängenden Hände.


Viertes Kapitel

Konsul Buddenbrook sagte zu seiner Gattin:

»Wenn ich mir denken könnte, daß Tony irgendeinen delikaten Beweggrund
hat, sich für diese Verbindung nicht entschließen zu können! Aber sie
ist ein Kind, Bethsy, sie ist vergnügungslustig, tanzt auf Bällen, läßt
sich von den jungen Leuten bekuren, und zwar mit Pläsier, denn sie weiß,
daß sie hübsch und von Familie ist ... sie ist vielleicht im geheimen
und unbewußt auf der Suche, aber ich kenne sie, sie hat ihr Herz, wie
man zu sagen pflegt, noch gar nicht entdeckt ... Fragte man sie, so
würde sie den Kopf hin und her drehen und nachdenken ... aber sie würde
niemanden finden ... Sie ist ein Kind, ein Spatz, ein Springinsfeld ...
Sagt sie ja, so wird sie ihren Platz gefunden haben, sie wird sich nett
installieren können, wonach ihr der Sinn steht, und ihren Mann schon
nach ein paar Tagen lieben ... Er ist kein Beau, nein, mein Gott, nein,
er ist kein Beau ... aber er ist immerhin im höchsten Grade präsentabel,
und man kann am Ende nicht fünf Beine auf ein Schaf verlangen, wenn du
mir die kaufmännische Phrase zugut halten willst!... Wenn sie warten
will, bis jemand kommt, der eine Schönheit und außerdem eine gute Partie
ist -- nun, Gott befohlen! Tony Buddenbrook findet immer noch etwas.
Indessen andererseits ... es bleibt ein Risiko, und, um wieder
kaufmännisch zu reden, Fischzug ist alle Tage, aber nicht alle Tage
Fangetag!... Ich habe gestern vormittag in einer längeren Unterredung
mit Grünlich, der sich ja mit dem andauerndsten Ernste bewirbt, seine
Bücher gesehen ... er hat sie mir vorgelegt ... Bücher, Bethsy, zum
Einrahmen! Ich habe ihm mein höchstes Vergnügen ausgesprochen! Seine
Sachen stehen für ein so junges Geschäft recht gut, recht gut. Sein
Vermögen beläuft sich auf etwa 120000 Taler, was ersichtlich nur die
vorläufige Grundlage ist, denn er macht jährlich einen hübschen Schnitt
... Was Duchamps sagen, die ich befragte, klingt auch nicht übel: Seine
Verhältnisse seien ihnen zwar nicht bekannt, aber er lebe _gentleman
like_, verkehre in der besten Gesellschaft, und sein Geschäft sei ein
notorisch lebhaftes und weit verzweigtes ... Was ich bei einigen anderen
Hamburger Leuten, wie zum Beispiel bei einem Bankier Kesselmeyer,
erfahren, hat mich gleichfalls vollauf befriedigt. Kurz, wie du weißt,
Bethsy, ich kann nicht anders, als diese Heirat, die der Familie und der
Firma nur zum Vorteil gereichen würde, dringend erwünschen! -- Es tut
mir ja leid, mein Gott, daß das Kind sich in einer bedrängten Lage
befindet, daß sie von allen Seiten umlagert ist, bedrückt umhergeht und
kaum noch spricht; aber ich kann mich schlechterdings nicht
entschließen, Grünlich kurzerhand abzuweisen ... denn noch eines,
Bethsy, und das kann ich nicht oft genug wiederholen: Wir haben uns in
den letzten Jahren bei Gott nicht in allzu hocherfreulicher Weise
aufgenommen. Nicht als ob der Segen fehlte, behüte, nein, treue Arbeit
wird redlich belohnt. Die Geschäfte gehen ruhig ... ach, allzu ruhig,
und auch das nur, weil ich mit äußerster Vorsicht zu Werke gehe. Wir
sind nicht vorwärts gekommen, nicht wesentlich, seit Vater abgerufen
wurde. Die Zeiten jetzt sind wahrhaftig nicht gut für den Kaufmann ...
Kurz, es ist nicht viele Freude dabei. Unsere Tochter ist heiratsfähig
und in der Lage, eine Partie zu machen, die allen Leuten als vorteilhaft
und rühmlich in die Augen springt -- sie soll sie machen! Warten ist
nicht ratsam, nicht ratsam, Bethsy! Sprich noch einmal mit ihr; ich habe
ihr heute Nachmittag nach Kräften zugeredet ...«

-- Tony war in bedrängter Lage, darin hatte der Konsul recht. Sie sagte
nicht mehr »nein«, aber sie vermochte auch das »Ja« nicht über die
Lippen zu bringen -- Gott mochte ihr helfen! Sie begriff selbst nicht
recht, warum sie sich die Zusage nicht abgewinnen konnte.

Unterdessen nahm sie hier der Vater beiseite und sprach ein ernstes
Wort, ließ dort die Mutter sie bei sich Platz nehmen, um eine endliche
Entschließung zu fordern ... Onkel Gotthold und seine Familie hatte man
in die Angelegenheit nicht eingeweiht, weil sie immer ein bißchen mokant
gegen die in der Mengstraße gestimmt waren. Aber sogar Sesemi Weichbrodt
hatte von der Sache erfahren und riet mit korrekter Aussprache zum
guten, selbst Mamsell Jungmann sagte: »Tonychen, mein Kindchen, brauchst
keine Sorge haben, bleibst in den ersten Kreisen ...« und Tony konnte
nicht den verehrten seidnen Salon draußen vorm Burgtore besuchen, ohne
daß die alte Madame Kröger anfing: »_A propos_, ich höre da von einer
Affäre, ich hoffe, du wirst Räson annehmen, Kleine ...«

Eines Sonntags, als sie mit den Eltern und Geschwistern in der
Marienkirche saß, redete Pastor Kölling in starken Worten über den Text,
der da besagt, daß das Weib Vater und Mutter verlassen und dem Manne
nachfolgen soll -- wobei er plötzlich ausfallend wurde. Tony starrte
entsetzt zu ihm empor, ob er sie vielleicht sogar ansähe ... Nein, Gott
sei Dank, er hielt seinen dicken Kopf nach einer anderen Seite gewandt
und predigte nur im allgemeinen über die andächtige Menge hin; und
dennoch war es nur allzu klar, daß dies ein neuer Angriff auf sie war
und jedes Wort ihr galt. Ein jugendliches, ein noch kindliches Weib,
verkündete er, das noch keinen eigenen Willen und keine eigene Einsicht
besitze und dennoch den liebevollen Ratschlüssen der Eltern sich
widersetze, das sei strafbar, das wolle der Herr ausspeien aus seinem
Munde ... und bei dieser Wendung, welche zu denen gehörte, für die
Pastor Kölling schwärmte und die er mit Begeisterung hervorbrachte, traf
Tony dennoch ein durchdringender Blick aus seinen Augen, der von einer
furchtbaren Armbewegung begleitet war ... Tony sah, wie ihr Vater neben
ihr eine Hand erhob, als wollte er sagen: »So! nicht zu heftig ...« Aber
es war kein Zweifel, daß Pastor Kölling von ihm oder der Mutter ins
Einverständnis gezogen war. Rot und gebückt saß sie an ihrem Platze, mit
dem Gefühle, daß die Augen aller Welt auf ihr ruhten -- und am nächsten
Sonntage weigerte sie sich aufs bestimmteste, die Kirche zu besuchen.

Sie ging schweigsam umher, sie lachte nicht mehr genug, sie verlor
geradezu den Appetit und seufzte manchmal so herzbrechend, als ringe sie
mit einem Entschlusse, um dann die Ihren kläglich anzusehen ... Man
mußte Mitleid mit ihr haben. Sie magerte wahrhaftig ab und büßte an
Frische ein. Schließlich sagte der Konsul:

»Das geht nicht länger, Bethsy, wir dürfen das Kind nicht malträtieren.
Sie muß mal ein bißchen heraus, zur Ruhe kommen und sich besinnen; du
sollst sehen, dann nimmt sie Vernunft an. Ich kann mich nicht losmachen,
und die Ferien sind beinahe vorüber ... aber wir können auch alle ganz
gut zu Hause bleiben. Gestern war zufällig der alte Schwarzkopf von
Travemünde hier, Diederich Schwarzkopf, der Lotsenkommandeur. Ich ließ
ein paar Worte fallen, und er zeigte sich mit Vergnügen bereit, die Dirn
für einige Zeit bei sich aufzunehmen ... Ich gebe ihm eine kleine
Entschädigung ... Da hat sie eine behagliche Häuslichkeit, kann baden
und Luft schnappen und mit sich ins reine kommen. Tom fährt mit ihr, und
alles ist in Ordnung. Das geschieht besser morgen als später ...«

Mit diesem Einfalle erklärte Tony sich freudig einverstanden. Sie bekam
Herrn Grünlich zwar kaum zu Gesicht, aber sie wußte, daß er in der Stadt
war, mit den Eltern verhandelte und wartete ... Mein Gott, er konnte
jeden Tag wieder vor ihr stehen, um zu schreien und zu flehen! In
Travemünde und in einem fremden Hause würde sie sicherer vor ihm sein
... So packte sie eilig und vergnügt ihren Koffer, und dann, an einem
der letzten Julitage, stieg sie mit Tom, der sie begleiten sollte, in
die majestätische Krögersche Equipage, sagte in bester Laune Adieu und
fuhr aufatmend zum Burgtor hinaus.


Fünftes Kapitel

Nach Travemünde geht es immer geradeaus, mit der Fähre übers Wasser und
dann wieder geradeaus; der Weg war beiden wohlbekannt. Die graue
Chaussee glitt flink unter den hohl und taktmäßig aufschlagenden Hufen
von Lebrecht Krögers dicken Braunen aus Mecklenburg dahin, obgleich die
Sonne brannte und der Staub die spärliche Aussicht verhüllte. Man hatte
ausnahmsweise um 1 Uhr zu Mittag gegessen, und die Geschwister waren
punkt 2 Uhr abgefahren, so würden sie kurz nach 4 Uhr anlangen, denn
wenn eine Droschke drei Stunden gebraucht, so hatte der Krögersche
Jochen Ehrgeiz genug, den Weg in zweien zu machen.

Tony nickte in träumerischem Halbschlaf unter ihrem großen, flachen
Strohhut und ihrem mit cremefarbenen Spitzen besetzten Sonnenschirm, der
bindfadengrau war, wie ihr schlicht gearbeitetes, schlankes Kleid, und
den sie gegen das Rückverdeck gelehnt hatte. Ihre Füße in Schuhen mit
Kreuzbändern und weißen Strümpfen hatte sie zierlich übereinander
gestellt; sie saß bequem und elegant zurückgelehnt, wie für die Equipage
geschaffen.

Tom, schon zwanzigjährig, mit Akkuratesse in blaugraues Tuch gekleidet,
hatte den Strohhut zurückgeschoben und rauchte russische Zigaretten. Er
war nicht sehr groß geworden; aber sein Schnurrbart, dunkler als Haar
und Wimpern, begann kräftig zu wachsen. Indem er nach seiner Gewohnheit
eine Braue ein wenig emporzog, blickte er in die Staubwolken und auf die
vorüberziehenden Chausseebäume.

Tony sagte:

»Ich bin noch niemals so froh gewesen, nach Travemünde zu kommen, wie
diesmal, ... erstens aus allerhand Gründen, Tom, du brauchst dich
durchaus nicht zu mokieren; ich wollte, ich könnte ein gewisses Paar
goldgelber Kotelettes noch einige Meilen weiter zurücklassen ... Dann
aber wird es ein ganz neues Travemünde sein, da in der Vorderreihe bei
Schwarzkopfs ... Ich werde mich gar nicht um die Kurgesellschaft
bekümmern ... Das kenne ich zur Genüge ... Und ich bin gar nicht dazu
aufgelegt ... Überdies steht dem ... Menschen da draußen alles offen, er
geniert sich nicht, paß auf, er würde eines Tages hold lächelnd neben
mir auftauchen ...«

Tom warf die Zigarette fort und nahm sich eine neue aus der Büchse, in
deren Deckel eine von Wölfen überfallene Troika kunstvoll eingelegt war:
das Geschenk irgendeines russischen Kunden an den Konsul. Die
Zigaretten, diese kleinen scharfen Dinger mit gelbem Mundstück waren
Toms Leidenschaft; er rauchte sie massenweise und hatte die schlimme
Gewohnheit, den Rauch tief in die Lunge zu atmen, so daß er beim
Sprechen langsam wieder hervorsprudelte.

»Ja«, sagte er, »was das betrifft, im Kurgarten wimmelt es von
Hamburgern. Konsul Fritsche, der das ganze gekauft hat, ist ja selbst
einer ... Er soll augenblicklich glänzende Geschäfte machen, sagt Papa
... Übrigens läßt du dir doch manches entgehen, wenn du nicht ein
bißchen mittust ... Peter Döhlmann ist natürlich dort; um diese Zeit ist
er nie in der Stadt; sein Geschäft geht ja wohl von selbst im Hundetrab
... komisch! Na ... Und Onkel Justus kommt sicher Sonntags ein bißchen
hinaus und macht der Roulette einen Besuch ... Dann sind da Möllendorpfs
und Kistenmakers, glaube ich, vollzählig, und Hagenströms ...«

»Ha! -- Natürlich! Wie wäre Sarah Semlinger wohl entbehrlich ...«

»Sie heißt übrigens Laura, mein Kind, man muß gerecht sein.«

»Mit Julchen natürlich ... Julchen =soll= sich diesen Sommer mit August
Möllendorpf verloben, und Julchen =wird= es tun! Dann gehören sie doch
endgültig dazu! Weißt du, Tom, es ist empörend! Diese hergelaufene
Familie ...«

»Ja, lieber Gott ... Strunck & Hagenström machen sich geschäftlich
heraus; das ist die Hauptsache ...«

»Selbstverständlich! und man weiß ja auch, wie sie's machen ... Mit den
Ellenbogen, weißt du ... ohne jede Kulanz und Vornehmheit ... Großvater
sagte von Hinrich Hagenström: `Dem kalbt der Ochse´, das waren seine
Worte ...«

»Ja, ja, ja, das ist nun einerlei. Verdienen wird groß geschrieben. Und
was diese Verlobung betrifft, so ist das ein ganz korrektes Geschäft.
Julchen wird eine Möllendorpf, und August bekommt einen hübschen
Posten ...«

»Ach ... du willst mich übrigens ärgern, Tom, das ist alles ... Ich
verachte diese Menschen ...«

Tom fing an zu lachen. »Mein Gott ... man wird sich mit ihnen einrichten
müssen, weißt du. Wie Papa neulich sagte: Sie sind die Heraufkommenden
... Während zum Beispiel Möllendorpfs ... Und dann kann man den
Hagenströms die Tüchtigkeit nicht absprechen. Hermann ist schon sehr
nützlich im Geschäft und Moritz hat trotz seiner schwachen Brust die
Schule glänzend absolviert. Er soll sehr gescheut sein und studiert
Jura.«

»Schön ... aber dann freut es mich wenigstens, Tom, daß es auch noch
andere Familien gibt, die sich vor ihnen nicht zu bücken brauchen, und
daß zum Beispiel wir Buddenbrooks denn doch ...«

»So«, sagte Tom, »nun wollen wir nur nicht anfangen zu prahlen. Ihre
wunden Punkte hat jede Familie«, fuhr er mit einem Blick auf Jochens
breiten Rücken leiser fort. »Wie es zum Beispiel mit Onkel Justus steht,
weiß der liebe Gott. Papa schüttelt immer den Kopf, wenn er von ihm
spricht, und Großvater Kröger hat ein paarmal, glaube ich, mit großen
Summen aushelfen müssen ... Und mit den Vettern ist auch nicht alles in
Ordnung. Jürgen, der ja studieren will, kommt immer noch nicht zum
Abgangsexamen ... Und mit Jakob, bei Dalbeck & Comp. in Hamburg, soll
man gar nicht zufrieden sein. Er kommt niemals mit seinem Gelde aus,
obgleich er wohl versorgt wird; und was Onkel Justus ihm verweigert, das
schickt ihm Tante Rosalie ... Nein, ich finde, man soll keinen Stein
aufheben. Wenn du übrigens den Hagenströms die Waagschale halten willst,
so solltest du doch Grünlich heiraten!«

»Sind wir in diesen Wagen gestiegen, um davon zu sprechen? Ja! Ja! ich
sollte es vielleicht! Aber ich will jetzt nicht daran denken. Ich will
es einfach vergessen. Nun fahren wir zu Schwarzkopfs. Ich habe sie
wissentlich nie gesehen ... Es sind wohl nette Leute?«

»Oh! Diederich Swattkopp, dat is'n ganz passablen ollen Kierl ... Das
heißt, so spricht er nicht immer, sondern nur, wenn er mehr als fünf
Gläser Grog getrunken hat. Einmal, als er im Kontor gewesen war, gingen
wir zusammen in die Schiffergesellschaft ... Er trank wie ein Loch. Sein
Vater ist auf einem Norwegenfahrer geboren und nachher Kapitän auf
dieser Linie gewesen. Diederich hat einen guten Bildungsgang gemacht;
die Lotsenkommandantur ist eine verantwortliche und ziemlich gut
bezahlte Stellung. Er ist ein alter Seebär ... aber immer galant mit den
Damen. Paß auf, er wird dir die Kur machen ...«

»Ha! -- Und die Frau?«

»Seine Frau kenne ich selbst nicht. Sie wird schon gemütlich sein.
Übrigens ist da ein Sohn, der zu meiner Zeit in Sekunda oder Prima saß
und jetzt wohl studiert ... Sieh mal, da ist die See! Eine kleine
Viertelstunde noch ...«

In einer Allee von jungen Buchen fuhren sie eine Strecke ganz dicht am
Meere entlang, das blau und friedlich in der Sonne lag. Der runde gelbe
Leuchtturm tauchte auf, sie übersahen eine Weile Bucht und Bollwerk, die
roten Dächer des Städtchens und den kleinen Hafen mit dem Segel- und
Tauwerk der Böte. Dann fuhren sie zwischen den ersten Häusern hindurch,
ließen die Kirche zurück und rollten die »Vorderreihe«, die sich am
Flusse hinzog, entlang bis zu einem hübschen kleinen Hause, dessen
Veranda dicht mit Weinlaub bewachsen war.

Lotsenkommandeur Schwarzkopf stand vor seiner Tür und nahm beim
Herannahen der Kalesche die Schiffermütze ab. Es war ein untersetzter,
breiter Mann mit rotem Gesicht, wasserblauen Augen und einem eisgrauen,
stacheligen Bart, der fächerförmig von einem Ohr zum anderen lief. Sein
abwärts gezogener Mund, in dem er eine Holzpfeife hielt und dessen
rasierte Oberlippe hart, rot und gewölbt war, machte einen Eindruck von
Würde und Biederkeit. Eine weiße Pikeeweste leuchtete unter seinem
offenen mit Goldborten verzierten Rock. Breitbeinig und mit etwas
vorgestrecktem Bauche stand er da.

»Ist wahrhaftig eine Ehre für mich, Mamsell, alles was recht ist, daß
Sie eine Zeitlang bei uns fürliebnehmen wollen ...« Er hob Tony mit
Behutsamkeit aus dem Wagen. »Kompliment, Herr Buddenbrook! Wohlauf, der
Herr Papa? Und die Frau Konsulin?... Ist mir ein aufrichtiges
Pläsier!... Na, treten die Herrschaften näher! Meine Frau hat wohl so
etwas wie einen kleinen Imbiß bereit. -- Fahr'n Se man to Gastwirt
Peddersen«, sagte er zum Kutscher, der den Koffer ins Haus getragen
hatte; »da sünd de Pierd ganz gaut unnerbracht ... Sie übernachten doch
bei uns, Herr Buddenbrook?... I, warum nicht gar! Die Pferde müssen doch
verschnaufen, und dann kämen Sie ja nicht vor Dunkelwerden zur
Stadt ...«

»Wissen Sie, hier wohnt man mindestens so gut, wie draußen im Kurhaus«,
sagte Tony eine Viertelstunde später, als man in der Veranda um den
Kaffeetisch saß. »Was für prachtvolle Luft! Man riecht den Tang bis
hierher. Ich bin entsetzlich froh, wieder in Travemünde zu sein!«

Zwischen den grünbewachsenen Pfeilern der Veranda hindurch blickte man
auf den breiten, in der Sonne glitzernden Fluß mit Kähnen und
Landungsbrücken und hinüber zum Fährhaus auf dem »Priwal«, der
vorgeschobenen Halbinsel Mecklenburgs. Die weiten, kummenartigen Tassen
mit blauem Rande waren ungewohnt plump im Vergleich mit dem zierlichen
alten Porzellan zu Hause; aber der Tisch, auf dem an Tonys Platz ein
Strauß von Wiesenblumen stand, war einladend, und die Fahrt hatte Hunger
gemacht.

»Ja, Mamsell soll sehen, daß sie sich hier herausmacht«, sagte die
Hausfrau. »Sie sieht ein bißchen strap'ziert aus, wenn ich mich so
ausdrücken darf; das macht die Stadtluft, und dann sind da die vielen
Fêten ...«

Frau Schwarzkopf, eine Pastorstochter aus Schlutup, schien ungefähr 50
Jahre zu zählen, war einen Kopf kleiner als Tony und ziemlich
schmächtig. Ihr noch schwarzes, glatt und reinlich frisiertes Haar stak
in einem großmaschigen Netze. Sie trug ein dunkelbraunes Kleid mit einem
kleinen weißgehäkelten Kragen und ebensolchen Manschetten. Sie war
sauber, sanft und freundlich und empfahl eifrig ihr selbstgebackenes
Korinthenbrot, das, umgeben von Rahm, Zucker, Butter und Scheibenhonig,
in dem bootförmigen Brotkorb lag. Diesen Korb schmückte eine Borte von
Perlenstickerei, welche die kleine Meta gearbeitet hatte, ein
achtjähriges, artiges, kleines Mädchen, das in schottischem Kleidchen
und mit einem flachsblonden, steif abstehenden Zöpfchen neben seiner
Mutter saß.

Frau Schwarzkopf entschuldigte sich wegen des Zimmers, das für Tony
bestimmt war, und in dem diese schon ein wenig Toilette gemacht hatte.
Es sei so einfach ...

»Pah allerliebst!« sagte Tony. Es habe Aussicht auf die See, das sei die
Hauptsache. Und dabei tauchte sie die vierte Scheibe Korinthenbrot in
ihren Kaffee. Tom sprach mit dem Alten über den »Wullenwewer«, der jetzt
in der Stadt repariert wurde ...

Plötzlich kam ein junger Mensch von etwa 20 Jahren mit einem Buch in die
Veranda, der seinen grauen Filzhut abnahm und sich errötend und etwas
linkisch verbeugte.

»Na, min Söhn«, sagte der Lotsenkommandeur, »du kömmst spät ...« Dann
stellte er vor: »Das ist mein Sohn --«, er nannte einen Vornamen, den
Tony nicht verstand. »Studiert auf den Doktor ... bringt seine Ferien
bei uns zu ...«

»Sehr angenehm«, sagte Tony, wie sie es gelernt hatte. Tom stand auf und
gab ihm die Hand. Der junge Schwarzkopf verbeugte sich nochmals, legte
sein Buch aus der Hand und nahm, aufs neue errötend, am Tische Platz.

Er war von mittlerer Größe, ziemlich schmal und so blond wie möglich.
Sein beginnender Schnurrbart, so farblos wie das kurzgeschnittene Haar,
das seinen länglichen Kopf bedeckte, war kaum zu sehen; und dem
entsprach ein außerordentlich heller Teint, eine Haut wie poröses
Porzellan, die bei der geringsten Gelegenheit hellrot anlaufen konnte.
Seine Augen waren von etwas dunklerem Blau als die seines Vaters, und
hatten denselben, nicht sehr lebhaften, gutmütig prüfenden Ausdruck;
seine Gesichtszüge waren ebenmäßig und ziemlich angenehm. Als er anfing
zu essen, zeigte er ungewöhnlich gutgeformte, engstehende Zähne, die
spiegelnd blank waren, wie poliertes Elfenbein. Übrigens trug er eine
graue, geschlossene Joppe mit Klappen an den Taschen und einem Gummizug
im Rücken.

»Ja, ich bitte um Entschuldigung, ich komme zu spät«, sagte er. Seine
Sprache war ein wenig schwerfällig und knarrend. »Ich habe ein bißchen
am Strande gelesen und nicht früh genug nach der Uhr gesehen.« Hierauf
kaute er schweigsam und musterte Tom und Tony nur dann und wann prüfend
von unten herauf.

Später, als Tony wieder einmal von der Hausfrau genötigt wurde,
zuzulangen, sagte er:

»Dem Scheibenhonig können Sie vertrauen, Fräulein Buddenbrook ... Das
ist reines Naturprodukt ... Da weiß man doch, was man verschluckt ...
Sie müssen ordentlich essen, wissen Sie! Diese Luft hier, die zehrt ...
die beschleunigt den Stoffwechsel. Wenn Sie nicht genug zu sich nehmen,
so fallen Sie ab ...« Er hatte eine naive und sympathische Art, sich
beim Sprechen vorzubeugen und manchmal eine andere Person dabei
anzublicken als die, an die er sich wandte.

Seine Mutter hörte ihm zärtlich zu und forschte dann in Tonys Gesicht
nach dem Eindruck, den seine Worte hervorbrächten. Der alte Schwarzkopf
aber sagte:

»Nu speel di man nich up, Herr Dokter, mit deinem Stoffwechsel ... Da
wollen wir gar nichts von wissen«, worauf der junge Mensch lachte und
wieder errötend auf Tonys Teller blickte.

Ein paarmal nannte der Lotsenkommandeur den Vornamen seines Sohnes, aber
Tony konnte ihn durchaus nicht verstehen. Es war etwas wie »Moor« oder
»Mord« ... unmöglich, es in der breiten und platten Aussprache des Alten
zu erkennen.

Als die Mahlzeit beendet war, als Diederich Schwarzkopf, der, mit weit
von der weißen Weste zurückgeschlagenem Rock, behaglich in die Sonne
blinzelte, und sein Sohn ihre kurzen Holzpfeifen zu rauchen begannen und
Tom sich wieder seinen Zigaretten widmete, waren die jungen Leute in ein
lebhaftes Gespräch über alte Schulgeschichten geraten, an dem Tony sich
munter beteiligte. Herr Stengel wurde zitiert ... »Du sollst 'ne Line
machen, und was machst du? Du machst 'n Strich!« Schade, daß Christian
nicht da war; er konnte das noch viel besser ...

Einmal sagte Tom zu seiner Schwester, indem er auf die vor ihr stehenden
Blumen wies:

»Herr Grünlich würde sagen: Das putzt ganz ungemein!«

Worauf Tony ihn, rot vor Zorn, in die Seite stieß und einen scheuen
Blick zu dem jungen Schwarzkopf hinübergleiten ließ.

Man hatte mit dem Kaffeetrinken heute ungewöhnlich lange gewartet, und
man saß lange beieinander. Es war schon halb sieben Uhr, und über den
»Priwal« drüben begann sich die Dämmerung zu senken, als der Kommandeur
sich erhob.

»Na, die Herrschaften entschuldigen«, sagte er. »Ich habe nun noch
drüben im Lotsenhause zu tun ... Wir essen um achte, wenn's gefällig ist
... Oder heut' mal ein bißchen später, Meta, wie?... Und du --« hier
nannte er wieder den Vornamen, -- »nun sitz hier nur nicht herum ... Nun
geh nur hinaus und gib dich wieder mit deinen Knochen ab ... Mamsell
Buddenbrook wird wohl auspacken ... Oder wenn die Herrschaften an den
Strand gehen wollen ... Störe nur nicht!«

»Diederich, mein Gott, warum soll er nicht noch sitzen bleiben«, sagte
Frau Schwarzkopf sanft und vorwurfsvoll. »Und wenn die Herrschaften an
den Strand gehen wollen, warum soll er nicht mitgehen? Er hat doch
Ferien, Diederich!... Und soll er denn gar nichts von unserem Besuche
haben?«


Sechstes Kapitel

In ihrem kleinen, reinlichen Zimmer, dessen Möbel mit hellgeblümtem
Kattun überzogen waren, erwachte Tony am nächsten Morgen mit dem
angeregten und freudigen Gefühl, mit dem man in einer neuen Lebenslage
die Augen öffnet.

Sie setzte sich empor, und indem sie die Arme um ihre Knie schlang und
den zerzausten Kopf zurücklegte, blinzelte sie in den schmalen und
blendenden Streifen vom Tageslicht, der zwischen den geschlossenen Läden
hindurch ins Zimmer fiel, und kramte mit Muße die gestrigen Erlebnisse
wieder hervor.

Kaum ein Gedanke streifte Herrn Grünlichs Person. Die Stadt und der
gräßliche Auftritt im Landschaftszimmer und die Ermahnungen der Familie
und Pastor Köllings lagen weit zurück. Hier würde sie nun jeden Morgen
ganz sorglos erwachen ... Diese Schwarzkopfs waren prächtige Leute.
Gestern abend hatte es wahrhaftig eine Apfelsinenbowle gegeben, und man
hatte auf ein glückliches Zusammenleben angestoßen. Man war sehr
vergnügt gewesen. Der alte Schwarzkopf hatte Seegeschichten zum besten
gegeben und der junge von Göttingen berichtet, wo er studierte ... Aber
es war doch sonderbar, daß sie noch immer seinen Vornamen nicht wußte!
Sie hatte mit Spannung darauf geachtet, aber er war beim Abendessen
nicht mehr genannt worden, und es hätte sich wohl nicht geschickt,
danach zu fragen. Sie dachte angestrengt nach ... Mein Gott, wie hieß
der junge Mensch! Moor ... Mord ...? Übrigens hatte er ihr gut gefallen,
dieser Moor oder Mord. Er hatte ein so gutmütig verschmitztes Lachen,
wenn er um Wasser bat und statt dessen ein paar Buchstaben mit Zahlen
dahinter nannte, so daß der Alte ganz böse wurde. Ja, das sei aber die
wissenschaftliche Formel für Wasser ... allerdings nicht für =dieses=
Wasser, denn die Formel für =diese= Travemünder Flüssigkeit sei wohl
viel komplizierter. Jeden Augenblick könne man eine Qualle darin finden
... Die hohe Obrigkeit habe ihre eignen Begriffe von Süßwasser ...
Worauf ihm wieder ein väterlicher Verweis zuteil geworden war, weil er
in wegwerfendem Tone von der Obrigkeit gesprochen hatte. Frau
Schwarzkopf hatte immer in Tonys Gesicht nach Bewunderung gesucht, und
wahrhaftig, er sprach sehr amüsant, zugleich lustig und gelehrt ... Er
hatte sich ziemlich viel um sie gekümmert, der junge Herr. Sie hatte
geklagt, daß sie beim Essen einen heißen Kopf bekäme, sie glaube zu viel
Blut zu haben ... Was hatte er geantwortet? Er hatte sie gemustert und
gesagt: Ja, die Arterien an den Schläfen seien gefüllt, aber das
schließe nicht aus, daß nicht genug Blut oder genug rote Blutkörperchen
im Kopfe seien ... Sie sei vielleicht ein =bißchen= bleichsüchtig ...

Der Kuckuck sprang aus der geschnitzten Wanduhr und gluckste viele Male
hell und hohl. »Sieben, acht, neun«, zählte Tony, »aufgestanden!« Und
damit sprang sie aus dem Bette und stieß die Fensterläden auf. Der
Himmel war ein wenig bedeckt, aber die Sonne schien. Man sah über das
Leuchtenfeld mit dem Turm weit über die krause See hinaus, die rechts im
Bogen von der mecklenburgischen Küste begrenzt war und sich in
grünlichen und blauen Streifen erstreckte, bis sie mit dem dunstigen
Horizont zusammenfloß. Nachher will ich baden, dachte Tony, aber vorher
ordentlich frühstücken, damit der Stoffwechsel nicht an mir zehrt ...
Und damit machte sie sich lächelnd und mit raschen, vergnügten
Bewegungen ans Waschen und Ankleiden.

Es war kurz nach halb 10 Uhr, als sie die Stube verließ. Die Tür des
Zimmers, wo Tom geschlafen hatte, stand offen; er war in aller Frühe
wieder zur Stadt gefahren. Schon hier oben in dem ziemlich hoch
gelegenen Stockwerk, in dem nur Schlafzimmer lagen, roch es nach Kaffee.
Das schien der charakteristische Geruch des kleinen Hauses zu sein, und
er nahm zu, als Tony die mit einem schlichten, undurchbrochenen
Holzgeländer versehene Treppe hinunterstieg und drunten über den
Korridor ging, an dem Wohn- und Eßzimmer und das Büro des
Lotsenkommandeurs lagen. Frisch und in bester Laune betrat sie in ihrem
weißen Pikeekleide die Veranda.

Frau Schwarzkopf saß mit ihrem Sohne allein am Kaffeetische, der schon
teilweise abgeräumt war. Sie trug eine blaukarierte Küchenschürze über
ihrem braunen Kleid. Ein Schlüsselkorb stand vor ihr.

»Tausendmal um Vergebung«, sagte sie, indem sie aufstand, »daß wir nicht
gewartet haben, Mamsell Buddenbrook! Wir sind früh auf, wir einfachen
Leute. Da gibt es hunderterlei zu tun ... Schwarzkopf ist in seinem Büro
... Nicht wahr, Mamsell ist nicht böse?«

Tony ihrerseits entschuldigte sich. »Sie müssen nicht glauben, daß ich
immer so lange schlafe. Ich habe ein sehr böses Gewissen. Aber die Bowle
von gestern abend ...«

Hier fing der junge Sohn des Hauses an zu lachen. Er stand, seine kurze
Holzpfeife in der Hand, hinter dem Tische. Die Zeitung lag vor ihm.

»Ja, Sie sind schuld«, sagte Tony; »guten Morgen!... Sie haben beständig
mit mir angestoßen ... Jetzt verdiene ich nur noch kalten Kaffee. Ich
müßte schon gefrühstückt und gebadet haben ...«

»Nein, das wäre zu früh für eine junge Dame! Um sieben war das Wasser
noch ziemlich kalt, wissen Sie; 11 Grad ... das schneidet ein bißchen
nach der Bettwärme ...«

»Woher wissen Sie denn, daß ich lauwarm baden will, _monsieur_?« Und
Tony nahm am Tische Platz. »Sie haben mir den Kaffee warm gehalten, Frau
Schwarzkopf!... Aber einschenken tue ich mir selbst ... vielen Dank!«

Die Hausfrau sah zu, wie ihr Gast die ersten Bissen aß.

»Und Mamsell hat gut geschlafen die erste Nacht? Ja, mein Gott, die
Matratze ist mit Seegras gefüllt ... wir sind einfache Leute ... Aber
nun wünsche ich guten Appetit und einen vergnügten Vormittag. Mamsell
wird sicher mancherlei Bekannte am Strande treffen ... Wenn es angenehm
ist, begleitet mein Sohn Sie hin. Um Verzeihung, daß ich nicht länger
Gesellschaft leiste, aber ich =muß= nach dem Essen sehen. Ich habe eine
Bratwurst ... Wir geben es so gut, wie wir können.«

»Ich halte mich an den Scheibenhonig«, sagte Tony, als die beiden allein
waren. »Sehen Sie, da weiß man doch, was man verschluckt!«

Der junge Schwarzkopf stand auf und legte seine Pfeife auf die Brüstung
der Veranda.

»Aber rauchen Sie doch! Nein, das stört mich ganz und gar nicht. Wenn
ich zu Hause zum Frühstück komme, ist immer schon Papas Zigarrenrauch in
der Stube ... Sagen Sie mal«, fragte sie plötzlich, »ist es wahr, daß
ein Ei soviel wert ist wie ein Viertelpfund Fleisch?«

Er wurde über und über rot. »Wollen Sie mich eigentlich zum besten
haben, Fräulein Buddenbrook?« fragte er zwischen Lachen und Ärger. »Ich
habe gestern abend noch einen Rüffel von Vater bekommen wegen meiner
Fachsimpelei und Wichtigtuerei, wie er sagte ...«

»Aber ich habe ganz harmlos gefragt?!« Tony hörte vor Bestürzung einen
Augenblick auf zu essen. »Wichtigtuerei! Wie kann man dergleichen
sagen!... Ich möchte gern etwas erfahren ... Mein Gott, ich bin eine
Gans, sehen Sie! Bei Sesemi Weichbrodt war ich immer unter den
Faulsten. Und Sie wissen, glaube ich, so viel ...« Innerlich dachte sie:
Wichtigtuerei? Man befindet sich in fremder Gesellschaft, zeigt sich von
seiner besten Seite, setzt seine Worte und sucht zu gefallen -- das ist
doch klar ...

»Nun ja, es deckt sich in gewisser Weise«, sagte er geschmeichelt. »Was
gewisse Nährstoffe betrifft ...«

Hierauf, während Tony frühstückte und der junge Schwarzkopf fortfuhr,
seine Pfeife zu rauchen, fing man an, von Sesemi Weichbrodt zu
schwatzen, von Tonys Pensionszeit, von ihren Freundinnen, Gerda
Arnoldsen, die nun wieder in Amsterdam war, und Armgard von Schilling,
deren weißes Haus man vom Strande aus sehen konnte, wenigstens bei
klarem Wetter ...

Später, als sie schon mit essen fertig war und sich den Mund wischte,
fragte Tony, indem sie auf die Zeitung deutete:

»Steht etwas Neues darin?«

Der junge Schwarzkopf lachte und schüttelte mit spöttischem Mitleid den
Kopf.

»Ach nein ... Was soll wohl darin stehen?... Wissen Sie, diese
Städtischen Anzeigen sind ein klägliches Blättchen!«

»Oh?... Aber Papa und Mama haben sie immer gehalten?«

»Ja, nun!« sagte er und wurde rot ... »Ich lese sie ja auch, wie Sie
sehen, weil eben nichts anderes zur Hand ist. Aber daß der Großhändler
Konsul So und So seine silberne Hochzeit zu feiern gedenkt, ist nicht
allzu erschütternd ... Ja -- ja! Sie lachen ... Aber Sie sollten mal
andere Blätter lesen, die Königsberger Hartungsche Zeitung ... oder die
Rheinische Zeitung ... da würden Sie etwas anderes finden! Was der König
von Preußen auch sagen mag ...«

»Was sagt er denn?«

»Ja ... nein, das kann ich leider vor einer Dame nicht zitieren ...« Und
er wurde abermals rot. »Er hat sich ziemlich ungnädig über diese Presse
geäußert«, fuhr er mit einem etwas gewaltsam ironischen Lächeln fort,
das Tony einen Augenblick peinlich berührte. »Sie geht nicht sehr
glimpflich mit der Regierung um, wissen Sie, mit den Adligen, mit
Pfaffen und Junkern ... sie weiß allzu geschickt die Zensur an der Nase
zu führen ...«

»Nun und Sie, gehen Sie auch nicht glimpflich mit den Adligen um?«

»Ich?« fragte er und geriet in Verlegenheit ... Tony stand auf.

»Na, darüber müssen wir ein anderes Mal reden. Wie wäre es, wenn ich nun
zum Strande ginge? Sehen Sie, es ist beinahe ganz blau geworden. Heute
wird es nicht mehr regnen. Ich habe die größte Lust, wieder einmal in
die See zu springen. Wollen Sie mich hinunter begleiten?...«


Siebentes Kapitel

Sie hatte ihren großen Strohhut aufgesetzt und ihren Sonnenschirm
aufgespannt, denn es herrschte, obgleich ein kleiner Seewind ging,
heftige Hitze. Der junge Schwarzkopf schritt, in seinem grauen Filzhut,
sein Buch in der Hand, neben ihr her und betrachtete sie manchmal von
der Seite. Sie gingen die »Vorderreihe« entlang und spazierten durch den
Kurgarten, der stumm und schattenlos mit seinen Kieswegen und
Rosenanlagen dalag. Der Musiktempel, zwischen Nadelbäumen versteckt,
stand schweigend dem Kurhaus, der Konditorei und den beiden, durch ein
langes Zwischengebäude miteinander verbundenen Schweizerhäusern
gegenüber. Es war gegen halb 12 Uhr; die Badegäste mußten sich noch am
Strande befinden.

Die beiden gingen über den Kinderspielplatz mit den Bänken und der
großen Schaukel; sie gingen nahe am Warmbadehause vorbei und wanderten
langsam über das Leuchtenfeld. Die Sonne brütete auf dem Grase und ließ
diesen heißen, würzigen Geruch von Klee und Kraut daraus aufsteigen, in
dem blaue Fliegen surrend standen und umherschossen. Ein monotones,
gedämpftes Rauschen kam vom Meere her, in dessen Ferne dann und wann
kleine Schaumköpfe aufblitzten.

»Was lesen Sie da eigentlich?« fragte Tony.

Der junge Mann nahm das Buch in beide Hände und blätterte es schnell von
hinten nach vorne durch.

»Ach, das ist nichts für Sie, Fräulein Buddenbrook! Lauter Blut und
Gedärme und Elend ... Sehen Sie, hier ist gerade von Lungenödem die
Rede, auf deutsch: Stickfluß. Dabei sind nämlich die Lungenbläschen mit
einer so wässerigen Flüssigkeit angefüllt ... das ist hochgradig
gefährlich und kommt bei Lungenentzündung vor. Wenn es schlimm ist, kann
man nicht mehr atmen und stirbt ganz einfach. Und das alles ist ganz
kühl von oben herab behandelt ...«

»Ja, pfui!... Aber wenn man Doktor werden will ... Ich werde dafür
sorgen, daß Sie bei uns Hausarzt werden, wenn Grabow sich später einmal
zur Ruhe setzt, passen Sie auf!«

»Ha!... Und was lesen Sie denn, wenn ich fragen darf, Fräulein
Buddenbrook?«

»Kennen Sie Hoffmann?« fragte Tony.

»Den mit dem Kapellmeister und dem goldenen Topf? Ja, das ist sehr
hübsch ... Aber, wissen Sie, es ist doch wohl mehr für Damen. Männer
müssen heute etwas anderes lesen.«

»Jetzt muß ich Sie =eines= fragen«, sagte Tony nach ein paar Schritten
und faßte einen Entschluß. »Nämlich, =wie= heißen Sie eigentlich mit
Vornamen! Ich habe ihn noch kein einziges Mal verstanden ... das macht
mich förmlich nervös! Ich habe geradezu darüber gegrübelt ...«

»Sie haben darüber gegrübelt?«

»Ach ja -- nun erschweren Sie mir die Sache nicht! Es schickt sich wohl
nicht, daß ich frage; aber ich bin natürlich neugierig ... Übrigens
brauche ich es ja, solange ich lebe, nicht zu erfahren.«

»Na, ich heiße Morten«, sagte er und wurde so rot wie noch niemals.

»Morten? Das ist hübsch!«

»Nun! hübsch ...«

»Ja, mein Gott ... es ist doch hübscher, als wenn Sie Hinz oder Kunz
hießen. Es ist etwas Besonderes, etwas Ausländisches ...«

»Sie sind eine Romantikerin, Mademoiselle Buddenbrook; Sie haben zuviel
Hoffmann gelesen ... Ja, die Sache ist ganz einfach die: Mein Großvater
war ein halber Norweger und hieß Morten. Nach ihm bin ich getauft
worden. Das ist alles ...«

Tony stieg behutsam durch das hohe, scharfe Schilfgras, das am Rande des
nackten Strandes stand. Die Reihe der hölzernen Strandpavillons mit
ihren kegelförmigen Dächern lag vor ihnen und ließ den Durchblick auf
die Strandkörbe frei, die näher am Wasser standen, und um die Familien
im warmen Sande lagerten: Damen mit blauen Schutzpincenez und
Leihbibliotheksbänden, Herren in hellen Anzügen, die müßig mit ihren
Spazierstöcken Figuren in den Sand zeichneten, gebräunte Kinder mit
großen Strohhüten auf den Köpfen, die schaufelten, sich wälzten, nach
Wasser gruben, mit Holzformen Kuchen buken, Tunnels bohrten, mit bloßen
Beinen in die niedrigen Wellen hineinwateten und Schiffe schwimmen
ließen ... Rechts ragte das Holzgebäude der Badeanstalt in die See
hinaus.

»Nun marschieren wir geradeswegs auf den Möllendorpfschen Pavillon zu«,
sagte Tony. »Lassen Sie uns doch etwas abbiegen!«

»Gern ... aber Sie werden sich nun ja wohl den Herrschaften anschließen
... Ich setze mich da hinten auf die Steine.«

»Anschließen ... ja, ja, ich werde wohl guten Tag sagen müssen. Aber es
ist mir recht zuwider, müssen Sie wissen. Ich bin hierher gekommen, um
meinen Frieden zu haben ...«

»Frieden? Vor wem?«

»Nun! Vor wem ...«

»Hören Sie, Fräulein Buddenbrook, ich muß Sie auch noch =eines= fragen
... aber bei Gelegenheit, später, wenn Zeit dazu ist. Nun erlauben Sie,
daß ich Ihnen Adieu sage. Ich setze mich dahinten auf die Steine ...«

»Soll ich Sie nicht vorstellen, Herr Schwarzkopf?« fragte Tony mit
Wichtigkeit.

»Nein, ach nein« ... sagte Morten eilig, »ich danke sehr. Ich gehöre
doch wohl kaum dazu, wissen Sie. Ich setze mich dahinten auf die
Steine ...«

Es war eine größere Gesellschaft, auf die Tony zuschritt, während Morten
Schwarzkopf sich rechter Hand zu den großen Steinblöcken begab, die
neben der Badeanstalt vom Wasser bespült wurden, -- eine Gruppe, die vor
dem Möllendorpfschen Pavillon lagerte und von den Familien Möllendorpf,
Hagenström, Kistenmaker und Fritsche gebildet ward. Abgesehen von Konsul
Fritsche aus Hamburg, dem Besitzer des Ganzen, und Peter Döhlmann, dem
Suitier, bestand sie ausschließlich aus Damen und Kindern, denn es war
Alltag, und die meisten Herren befanden sich in der Stadt bei ihren
Geschäften. Konsul Fritsche, ein älterer Herr mit glattrasiertem,
distinguiertem Gesicht, beschäftigte sich droben im offenen Pavillon mit
einem Fernrohr, das er auf einen in der Ferne sichtbaren Segler
richtete. Peter Döhlmann, mit einem breitkrempigen Strohhut und
rundgeschnittenem Schifferbart, stand plaudernd bei den Damen, die auf
Plaids im Sande lagen oder auf kleinen Sesseln aus Segeltuch saßen: Frau
Senatorin Möllendorpf, geborene Langhals, die mit einer langgestielten
Lorgnette hantierte, und deren Haupt von grauem Haar unordentlich
umstanden war; Frau Hagenström nebst Julchen, die ziemlich klein
geblieben war, aber, wie ihre Mutter, bereits Brillanten in den Ohren
trug; Frau Konsul Kistenmaker nebst Töchtern und die Konsulin Fritsche,
eine runzelige kleine Dame, die eine Haube trug und im Bade
Wirtspflichten versah. Rot und ermattet sann sie auf nichts als
Reunions, Kinderbälle, Verlosungen und Segelpartien ... Ihre Vorleserin
saß in einiger Entfernung. Die Kinder spielten am Wasser.

Kistenmaker & Sohn war die aufblühende Weinhandlung, die in den letzten
Jahren C. F. Köppen aus der Mode zu bringen begann. Die beiden Söhne,
Eduard und Stephan, arbeiteten bereits in dem väterlichen Geschäft. --
Dem Konsul Döhlmann fehlten gänzlich die ausgesuchten Manieren, über die
etwa Justus Kröger verfügte; er war ein biederer Suitier, ein Suitier,
dessen Spezialität die gutmütige Grobheit war und der sich in der
Gesellschaft außerordentlich viel herausnehmen durfte, weil er wußte,
daß er besonders bei den Damen mit seinem behäbigen, dreisten und lauten
Gebaren als ein Original beliebt war. Als auf einem Diner bei
Buddenbrooks sich das Erscheinen eines Gerichtes lange Zeit verzögerte,
die Hausfrau in Verlegenheit und die beschäftigungslose Gesellschaft in
Mißstimmung geriet, stellte er die gute Laune wieder her, indem er mit
seiner breiten und lärmenden Stimme über die ganze Tafel brüllte: »Ick
bün so wied, Fru Konsulin!«

Mit eben dieser schallenden und groben Stimme erzählte er augenblicklich
fragwürdige Anekdoten, die er mit plattdeutschen Wendungen würzte ...
Die Senatorin Möllendorpf rief, erschöpft und außer sich vor Lachen,
einmal über das andere: »Mein Gott, Herr Konsul, hören Sie einen
Augenblick auf!«

-- Tony Buddenbrook ward von den Hagenströms kalt, von der übrigen
Gesellschaft mit großer Herzlichkeit empfangen. Selbst Konsul Fritsche
kam eilfertig die Stufen des Pavillons herunter, denn er hoffte, daß
wenigstens im nächsten Jahre wieder die Buddenbrooks helfen würden, das
Bad zu bevölkern.

»Der Ihrige, Mamsell!« sagte Konsul Döhlmann, mit möglichst feiner
Aussprache, denn er wußte, daß Fräulein Buddenbrook seine Manieren nicht
besonders bevorzugte.

»Mademoiselle Buddenbrook!«

»Sie hier?«

»Wie reizend!«

»Und seit wann?«

»Und welch inzückende Toilette!« -- Man sagte »inzückend«. --

»Und Sie wohnen?«

»Bei Schwarzkopfs?«

»Beim Lotsenkommandeur?«

»Wie originell!«

»Wie =finde= ich das =forchtbar= originell!« -- Man sagte
»forchtbar«. --

»Sie wohnen in der Stadt?« wiederholte Konsul Fritsche, der Besitzer des
Kurhauses, ohne ahnen zu lassen, daß ihn dies peinlich berührte ...

»Werden Sie uns nicht das Vergnügen machen bei der nächsten Reunion?«
fragte seine Gattin ...

»Oh, nur für kurze Zeit in Travemünde?« antwortete eine andere Dame ...

»Finden Sie nicht, Liebe, daß die Buddenbrooks ein bißchen allzu
exklusiv sind?« wandte sich Frau Hagenström ganz leise an die Senatorin
Möllendorpf ...

»Und Sie haben noch nicht gebadet?« fragte jemand. »Wer von den jungen
Damen hat sonst heute noch nicht gebadet? Mariechen, Julchen, Luischen?
Selbstredend begleiten Ihre Freundinnen Sie, Fräulein Antonie ...«

Einige junge Mädchen trennten sich von der Gesellschaft, um mit Tony zu
baden, und Peter Döhlmann ließ es sich nicht nehmen, die Damen den
Strand entlang zu geleiten.

»Gott! erinnerst du dich noch unserer Schulgänge von damals?« fragte
Tony Julchen Hagenström.

»J--ja! Sie spielten immer die Boshafte«, sagte Julchen mit mitleidigem
Lächeln.

Man ging oberhalb des Strandes auf dem Steg von paarweise gelegten
Brettern der Badeanstalt zu; und als man an den Steinen vorüberkam, wo
Morten Schwarzkopf mit seinem Buche saß, nickte Tony ihm aus der Ferne
mehrmals mit rascher Kopfbewegung zu. Jemand erkundigte sich: »Wen
grüßtest du, Tony?«

»Oh, das war der junge Schwarzkopf«, sagte Tony; »er hat mich
herunterbegleitet ...«

»Der Sohn des Lotsenkommandeurs?« fragte Julchen Hagenström und blickte
mit ihren blanken schwarzen Augen scharf zu Morten hinüber, der
seinerseits mit einer gewissen Melancholie die elegante Gesellschaft
musterte. Tony aber sagte mit lauter Stimme: »Eines bedaure ich:
nämlich, daß zum Beispiel August Möllendorpf nicht hier ist ... Es muß
doch alltags recht langweilig am Strande sein!«


Achtes Kapitel

Hiermit begannen schöne Sommerwochen für Tony Buddenbrook, kurzweiligere
und angenehmere, als sie jemals in Travemünde erlebt hatte. Sie blühte
auf, nichts lastete mehr auf ihr; in ihre Worte und Bewegungen kehrten
Keckheit und Sorglosigkeit zurück. Der Konsul betrachtete sie mit
Wohlgefallen, wenn er Sonntags mit Tom und Christian nach Travemünde
kam. Dann speiste man an der Table d'hote, trank bei der Kurmusik den
Kaffee unter dem Zeltdach der Konditorei und sah drinnen im Saale der
Roulette zu, um die lustige Leute, wie Justus Kröger und Peter Döhlmann,
sich drängten: Der Konsul spielte niemals. --

Tony sonnte sich, sie badete, aß Bratwurst mit Pfeffernußsauce und
machte weite Spaziergänge mit Morten: den Chausseeweg zum Nachbarort,
den Strand entlang zu dem hoch gelegenen »Seetempel«, der eine weite
Aussicht über See und Land beherrschte, oder in das Wäldchen hinauf, das
hinterm Kurhause lag und auf dessen Höhe die große Table d'hote-Glocke
hing ... Oder sie ruderten über die Trave zum »Priwal«, wo es Bernstein
zu finden gab ...

Morten war ein unterhaltender Begleiter, wiewohl seine Meinungen ein
wenig hitzig und absprechend waren. Er führte über alle Dinge ein
strenges und gerechtes Urteil mit sich, das er mit Entschiedenheit
hervorbrachte, obgleich er rot dabei wurde. Tony ward betrübt und sie
schalt ihn, wenn er mit etwas ungeschickter aber zorniger Geste alle
Adeligen für Idioten und Elende erklärte; aber sie war sehr stolz
darauf, daß er ihr gegenüber offen und zutraulich seine Anschauungen
aussprach, die er den Eltern verschwieg ... Einmal sagte er: »Dies muß
ich Ihnen noch erzählen: Auf meiner Bude in Göttingen habe ich ein
vollkommenes Gerippe ... wissen Sie, so ein Knochengerippe, notdürftig
mit etwas Draht zusammengehalten. Na, diesem Gerippe habe ich eine alte
Polizistenuniform angezogen ... ha! Finden Sie das nicht ausgezeichnet?
Aber sagen Sie es um Gottes willen nicht meinem Vater!« --

Es konnte nicht fehlen, daß Tony oftmals mit ihrer städtischen
Bekanntschaft am Strande oder im Kurgarten verkehrte, daß sie zu dieser
oder jener Reunion und Segelpartie hinzugezogen wurde. Dann saß Morten
»auf den Steinen«. Diese Steine waren seit dem ersten Tage zwischen den
beiden zur stehenden Redewendung geworden. »Auf den Steinen sitzen«, das
bedeutete: »Vereinsamt sein und sich langweilen«. Kam ein Regentag, der
die See weit und breit in einen grauen Schleier hüllte, daß sie völlig
mit dem tiefen Himmel zusammenfloß, der den Strand durchweichte und die
Wege überschwemmte, dann sagte Tony: »Heute müssen wir beide auf den
Steinen sitzen ... das heißt in der Veranda oder im Wohnzimmer. Es
bleibt nichts übrig, als daß Sie mir Ihre Studentenlieder vorspielen,
Morten, obgleich es mich greulich langweilt.«

»Ja«, sagte Morten, »setzen wir uns ... Aber wissen Sie, wenn Sie dabei
sind, so sind es keine Steine mehr!« ... Übrigens sagte er dergleichen
nicht, wenn sein Vater zugegen war; seine Mutter durfte es hören.

»Was nun?« fragte der Lotsenkommandeur, wenn nach dem Mittagessen Tony
und Morten gleichzeitig aufstanden und sich anschickten, auf und davon
zu gehen ... »Wohin mit den jungen Herrschaften!«

»Ja, ich darf Fräulein Antonie ein bißchen zum Seetempel begleiten.«

»So, darfst du das? -- Sage mal, mein Sohn Filius, wäre es nicht am Ende
angebrachter, du setztest dich auf deine Stube und repetiertest deine
Nervenstränge? Du hast alles vergessen, bis du wieder nach Göttingen
kommst ...«

Frau Schwarzkopf aber sprach sanft: »Diederich, mein Gott! warum soll er
nicht mitgehen? Laß ihn doch mitgehen! Er hat doch Ferien! Und soll er
denn gar nichts von unserem Besuche haben?« -- So gingen sie.

Sie gingen den Strand entlang, ganz unten am Wasser, dort wo der Sand
von der Flut benetzt, geglättet und gehärtet ist, so daß man mühelos
gehen kann; wo kleine, gewöhnliche, weiße Muscheln verstreut liegen und
andere, längliche, große, opalisierende; dazwischen gelbgrünes, nasses
Seegras mit runden, hohlen Früchten, welche knallen, wenn man sie
zerdrückt; und Quallen, einfache, wasserfarbene sowohl wie rotgelbe,
giftige, welche das Bein verbrennen, wenn man sie beim Baden berührt ...

»Wollen Sie wissen, wie dumm ich früher war?« sagte Tony. »Ich wollte
die bunten Sterne aus den Quallen heraus haben. Ich trug eine ganze
Menge Quallen im Taschentuche nach Hause und legte sie säuberlich auf
den Balkon in die Sonne, damit sie verdunsteten ... dann mußten die
Sterne doch übrigbleiben! Ja, schön ... Als ich nachsah, war da ein
ziemlich großer nasser Fleck. Es roch nur ein bißchen nach faulem
Seetang ...«

Sie gingen, das rhythmische Rauschen der langgestreckten Wellen neben
sich, den frischen Salzwind im Gesicht, der frei und ohne Hindernis
daherkommt, die Ohren umhüllt und einen angenehmen Schwindel, eine
gedämpfte Betäubung hervorruft ... Sie gingen in diesem weiten, still
sausenden Frieden am Meere, der jedes kleine Geräusch, ob fern oder nah,
zu geheimnisvoller Bedeutung erhebt ...

Links befanden sich zerklüftete Abhänge aus gelbem Lehm und Geröll,
gleichförmig, mit immer neu hervorspringenden Ecken, welche die
Biegungen der Küste verdeckten. Hier irgendwo, weil der Strand zu
steinig wurde, kletterten sie hinauf, um droben durch das Gehölz den
ansteigenden Weg zum Seetempel fortzusetzen. Der Seetempel, ein runder
Pavillon, war aus rohen Borkenstämmen und Brettern erbaut, deren
Innenseiten mit Inschriften, Initialen, Herzen, Gedichten bedeckt war
... Tony und Morten setzten sich in eine der kleinen abgeteilten
Kammern, die der See zugewandt waren, und in denen es nach Holz roch wie
in den Kabinen der Badeanstalt, auf die schmale, roh gezimmerte Bank im
Hintergrunde.

Es war sehr still und feierlich hier oben um diese Nachmittagsstunde.
Ein paar Vögel schwatzten, und das leise Rauschen der Bäume vermischte
sich mit dem des Meeres, das sich dort tief unten ausbreitete und in
dessen Ferne das Takelwerk eines Schiffes zu sehen war. Geschützt vor
dem Winde, der bislang um ihre Ohren gespielt hatte, empfanden sie
plötzlich eine nachdenklich stimmende Stille.

Tony erkundigte sich: »Kommt der oder geht er?«

»Wie?« fragte Morten mit seiner schwerfälligen Stimme ... und als ob er
aus irgendeiner tiefen Abwesenheit erwachte, sagte er rasch: »Geht! Das
ist der `Bürgermeister Steenbock´, der nach Rußland fährt. -- Ich möchte
nicht mit«, setzte er nach einer Pause hinzu. »Dort muß es noch
empörender zugehen als bei uns!«

»So!« sagte Tony. »Nun gedenken Sie wieder mit den Adligen anzufangen,
Morten, ich sehe es Ihrem Gesichte an. Es ist nicht schön von Ihnen ...
Haben Sie jemals einen gekannt?«

»Nein!« rief Morten beinahe entrüstet. »Gott sei Dank!«

»Ja! ja, sehen Sie wohl? Ich aber. Ein Mädchen allerdings, Armgard von
Schilling dort drüben, von der ich Ihnen schon erzählte. Nun, sie war
gutmütiger als Sie und ich, sie wußte kaum, daß sie `von´ hieß, sie aß
Mettwurst und sprach von ihren Kühen ...«

»Sicherlich gibt es Ausnahmen, Fräulein Tony!« sagte er eifrig. »Aber
hören Sie ... Sie sind eine junge Dame, Sie sehen alles persönlich an.
Sie kennen einen Adligen und sagen: Aber er ist doch ein braver Mensch!
Gewiß ... aber man braucht gar keinen zu kennen, um sie alle zu
verurteilen! Denn es handelt sich um das Prinzip, wissen Sie, um die
Einrichtung! Ja, darauf müssen Sie schweigen ... Wie? Jemand braucht nur
geboren zu werden, um ein Auserlesener und Edler zu sein ... der
verächtlich auf uns anderen herabblicken darf, ... die wir mit allen
Verdiensten nicht auf seine Höhe gelangen können?...« Morten sprach mit
einer naiven und gutherzigen Entrüstung; er versuchte, Handbewegungen zu
machen, sah selbst, daß sie ungeschickt waren, und unterließ sie wieder.
Aber er redete fort. Er war in Stimmung. Er saß vorgebeugt, einen Daumen
zwischen den Knöpfen seiner Joppe, und gab seinen gutmütigen Augen einen
trotzigen Ausdruck ... »Wir, die Bourgeoisie, der dritte Stand, wie wir
bis jetzt genannt worden sind, wir wollen, daß nur noch ein Adel des
Verdienstes bestehe, wir erkennen den faulen Adel nicht mehr an, wir
leugnen die jetzige Rangordnung der Stände ... wir wollen, daß alle
Menschen frei und gleich sind, daß niemand einer Person unterworfen ist,
sondern alle nur den Gesetzen untertänig sind!... Es soll keine
Privilegien und keine Willkür mehr geben!... Alle sollen
gleichberechtigte Kinder des Staates sein, und wie keine Mittlerschaft
mehr existiert zwischen dem Laien und dem lieben Gott, so soll auch der
Bürger zum Staate in unmittelbarem Verhältnis stehen!... Wir wollen
Freiheit der Presse, der Gewerbe, des Handels ... Wir wollen, daß alle
Menschen ohne Vorrechte miteinander konkurrieren können und daß dem
Verdienste seine Krone wird!... Aber wir sind geknechtet, geknebelt ...
was wollte ich eben sagen? Ja, passen Sie auf: Vor vier Jahren sind die
Bundesgesetze über die Universitäten und die Presse erneuert worden --
schöne Gesetze! Es darf keine Wahrheit niedergeschrieben oder gelehrt
werden, die vielleicht nicht mit der bestehenden Ordnung der Dinge
übereinstimmt ... Verstehen Sie? Die Wahrheit wird unterdrückt, sie
kommt nicht zum Worte ... und warum? einem idiotischen, veralteten,
hinfälligen Zustande zuliebe, der, wie jedermann weiß, früher oder
später ja dennoch abgeschafft werden wird ... Ich glaube, Sie begreifen
diese Gemeinheit gar nicht! Die Gewalt, die dumme, rohe,
augenblickliche Polizistengewalt, ganz ohne Verständnis für das Geistige
und Neue ... Nein, von allem abgesehen will ich nur noch eines sagen ...
Der König von Preußen hat ein großes Unrecht begangen! Damals, _anno_
dreizehn, als die Franzosen im Lande waren, hat er uns gerufen und uns
die Konstitution versprochen ... wir sind gekommen, wir haben
Deutschland befreit ...«

Tony, die ihn, das Kinn in die Hand gestützt, von der Seite betrachtete,
überlegte einen Augenblick ernstlich, ob er selbst wohl wirklich
geholfen haben könne, Napoleon zu vertreiben.

»... aber meinen Sie, daß das Versprechen eingelöst worden ist? Ach
nein! -- Der jetzige König ist ein Schönredner, ein Träumer, ein
Romantiker, wie Sie, Fräulein Tony ... Denn eines müssen Sie beachten:
Wenn die Philosophen und Dichter eine Wahrheit, eine Anschauung, ein
Prinzip soeben wieder überwunden und abgetan haben, dann kommt
allmählich ein König, der nun gerade =da=bei angelangt ist, der nun
gerade =dies= für das Neueste und Beste hält und sich danach benehmen zu
müssen glaubt ... Ja, so ist es mit dem Königtum bestellt! Die Könige
sind nicht nur Menschen, sie sind sogar höchst mittelmäßige Menschen,
sie sind immer um mehrere Postmeilen zurück ... Ach, mit Deutschland ist
es gegangen, wie mit einem Burschenschafts-Studenten, der zur Zeit der
Freiheitskriege seine mutige und begeisterte Jugend hatte und nun zum
kläglichen Philister geworden ist ...«

»Jaja«, sagte Tony. »Alles gut. Aber lassen Sie mich das eine fragen ...
Was geht Sie das eigentlich an? Sie sind ja gar kein Preuße ...«

»Ach, das ist alles eins, Fräulein Buddenbrook! Ja, ich nenne Ihren
Familiennamen, und zwar mit Absicht ... und ich müßte eigentlich noch
`Demoiselle´ Buddenbrook sagen, damit Ihnen Ihr ganzes Recht wird! Sind
bei uns etwa die Menschen freier, gleicher, brüderlicher als in Preußen?
Schranken, Abstand, Aristokratie -- hier wie dort!... Sie haben
Sympathie für die Adligen ... soll ich Ihnen sagen warum? Weil Sie
selbst eine Adlige sind! Ja--ha, haben Sie das noch nicht gewußt?... Ihr
Vater ist ein großer Herr, und Sie sind eine Prinzeß. Ein Abgrund trennt
Sie von uns anderen, die wir nicht zu Ihrem Kreise von herrschenden
Familien gehören. Sie können wohl einmal mit einem von uns zur Erholung
ein bißchen an der See spazieren gehen, aber wenn Sie wieder in Ihren
Kreis der Bevorzugten und Auserwählten treten, dann kann man auf den
Steinen sitzen ...« Seine Stimme war ganz fremdartig erregt geworden.

»Morten«, sagte Tony traurig. »Nun haben Sie sich =doch= geärgert, wenn
Sie auf den Steinen saßen! Ich habe Sie doch gebeten, sich vorstellen zu
lassen ...«

»Oh, Sie nehmen die Sache wieder als junge Dame, zu persönlich, Fräulein
Tony! Ich spreche doch im Prinzip ... Ich sage, daß bei uns nicht mehr
brüderliche Menschlichkeit herrscht als in Preußen ... Und wenn ich
persönlich spräche«, fuhr er nach einer kleinen Pause mit leiserer
Stimme fort, aus der aber die eigentümliche Erregung nicht verschwunden
war, »so würde ich nicht die Gegenwart meinen, sondern eher vielleicht
die Zukunft, ... wenn Sie als eine Madame So und So einmal endgültig in
Ihrem vornehmen Bereich verschwinden werden und ... man Zeit seines
Lebens auf den Steinen sitzen kann ...«

Er schwieg, und auch Tony schwieg. Sie blickte ihn nicht mehr an,
sondern nach der anderen Seite, auf die Bretterwand neben ihr. Es
herrschte ziemlich lange eine beklommene Stille.

»Erinnern Sie sich«, fing Morten wieder an, »daß ich Ihnen einmal sagte,
ich hätte eine Frage an Sie zu richten? Ja, die beschäftigt mich seit
dem ersten Nachmittage, als Sie hier ankamen, müssen Sie wissen ...
Raten Sie nur nicht! Sie können unmöglich wissen, was ich meine. Ich
frage ein anderes Mal, bei Gelegenheit; es hat keine Eile, es geht mich
im Grunde gar nichts an, es ist bloß Neugierde ... Nein, heute will ich
Ihnen nur das eine verraten ... etwas anderes ... Sehen Sie mal.«

Hierbei zog Morten aus einer Tasche seiner Joppe das Ende eines
schmalen, buntgestreiften Bandes hervor und sah mit einem Gemisch von
Erwartung und Triumph in Tonys Augen.

»Wie hübsch«, sagte sie verständnislos. »Was bedeutet das?«

Morten aber sprach feierlich: »Das bedeutet, daß ich in Göttingen einer
Burschenschaftsverbindung angehöre -- nun wissen Sie es! Ich habe auch
eine Mütze in diesen Farben, aber die habe ich für die Ferienzeit dem
Gerippe in der Polizistenuniform aufgesetzt ... denn hier dürfte ich
mich nicht damit sehen lassen, verstehen Sie ... Ich kann doch darauf
rechnen, daß Sie reinen Mund halten? Wenn mein Vater von der Sache
erführe, so gäbe es ein Unglück ...«

»Kein Wort, Morten! Nein, auf mich können Sie zählen!... Aber ich weiß
gar nichts davon ... Sind Sie alle gegen die Adligen verschworen?... Was
wollen Sie?«

»Wir wollen die Freiheit!« sagte Morten.

»Die Freiheit?« fragte sie.

»Nun ja, die Freiheit, wissen Sie, die Freiheit ...!« wiederholte er,
indem er eine vage, ein wenig linkische, aber begeisterte Armbewegung
hinaus, hinunter, über die See hin vollführte, und zwar nicht nach jener
Seite, wo die mecklenburgische Küste die Bucht beschränkte, sondern
dorthin, wo das Meer offen war, wo es sich in immer schmaler werdenden
grünen, blauen, gelben und grauen Streifen leicht gekräuselt, großartig
und unabsehbar dem verwischten Horizont entgegendehnte ...

Tony folgte mit den Augen der Richtung seiner Hand; und während nicht
viel fehlte, daß beider Hände, die nebeneinander auf der rauhen Holzbank
lagen, sich vereinigten, blickten sie gemeinsam in dieselbe Ferne. Sie
schwiegen lange, indes das Meer ruhig und schwerfällig zu ihnen
heraufrauschte ... und Tony glaubte plötzlich einig zu sein mit Morten
in einem großen, unbestimmten, ahnungsvollen und sehnsüchtigen
Verständnis dessen, was »Freiheit« bedeutete.


Neuntes Kapitel

»Es ist merkwürdig, daß man sich an der See nicht langweilen kann,
Morten. Liegen Sie einmal an einem anderen Orte drei oder vier Stunden
lang auf dem Rücken, ohne etwas zu tun, ohne auch nur einem Gedanken
nachzuhängen ...«

»Ja, ja ... Übrigens muß ich gestehen, daß ich mich früher manchmal
gelangweilt habe, Fräulein Tony; aber das ist einige Wochen her ...«

Der Herbst kam, der erste starke Wind hatte sich aufgemacht. Graue,
dünne und zerrissene Wolken flatterten eilig über den Himmel. Die trübe,
zerwühlte See war weit und breit mit Schaum bedeckt. Große, starke Wogen
wälzten sich mit einer unerbittlichen und furchteinflößenden Ruhe heran,
neigten sich majestätisch, indem sie eine dunkelgrüne, metallblanke
Rundung bildeten, und stürzten lärmend über den Sand.

Die Saison war völlig zu Ende. Der Teil des Strandes, den sonst die
Menge der Badegäste bevölkerte und wo jetzt die Pavillons zum Teile
schon abgebrochen waren, lag mit wenigen Sitzkörben fast ausgestorben
da. Aber Tony und Morten lagerten nachmittags in einer entfernten
Gegend: dort, wo die gelben Lehmwände begannen, und wo die Wellen am
»Möwenstein« ihren Gischt hoch emporschleuderten. Morten hatte ihr einen
festgeklopften Sandberg getürmt: daran lehnte sie mit dem Rücken, die
Füße in Kreuzbandschuhen und weißen Strümpfen übereinandergelegt, in
ihrer weichen grauen Herbstjacke mit großen Knöpfen; Morten, ihr
zugewandt, lag, das Kinn in die Hand gestützt, auf der Seite. Eine Möwe
schoß dann und wann über die See und ließ ihren Raubvogelschrei
vernehmen. Sie sahen die grünen, mit Seegras durchwachsenen Wände der
Wellen an, die drohend daherkamen und an dem Steinblock zerbarsten, der
sich ihnen entgegenstellte ... in diesem irren, ewigen Getöse, das
betäubt, stumm macht und das Gefühl der Zeit ertötet.

Endlich machte Morten eine Bewegung, als ob er sich selbst erweckte, und
fragte: »Nun werden Sie wohl bald abreisen, Fräulein Tony?«

»Nein ... wieso?« sagte Tony abwesend und ohne Verständnis.

»Ja, mein Gott, wir haben den zehnten September, ... meine Ferien sind
ohnehin bald zu Ende ... wie lange kann das noch dauern! Freuen Sie sich
auf die Gesellschaften in der Stadt ...? Sagen Sie mal: Es sind wohl
liebenswürdige Herren, mit denen Sie tanzen ... Nein, das wollte ich
auch nicht fragen! Jetzt müssen Sie mir eines beantworten«, sagte er,
indem er mit plötzlichem Entschlusse sein Kinn in der Hand zurechtrückte
und sie anblickte. »Es ist die Frage, die ich so lange aufgespart habe,
... wissen Sie? Nun! Wer ist Herr Grünlich?«

Tony fuhr zusammen, sah ihm rasch ins Gesicht und ließ dann ihre Augen
umherschweifen wie jemand, der an einen fernen Traum erinnert wird.
Dabei wurde das Gefühl in ihr lebendig, das sie in der Zeit nach Herrn
Grünlichs Werbung erprobt hatte: Das Gefühl persönlicher Wichtigkeit.

»=Das= wollen Sie wissen, Morten?« fragte sie ernst. »Nun, dann will ich
es Ihnen sagen. Es war mir zwar höchst peinlich, verstehen Sie, daß
Thomas den Namen am ersten Nachmittage erwähnte; aber da Sie ihn einmal
gehört haben ... genug: Herr Grünlich, Bendix Grünlich, das ist ein
Geschäftsfreund meines Vaters, ein wohlsituierter Kaufmann aus Hamburg,
der in der Stadt um meine Hand angehalten hat ... aber nein!« antwortete
sie rasch auf eine Bewegung Mortens, »ich habe ihn zurückgewiesen, ich
habe mich nicht entschließen können, ihm mein Jawort fürs Leben zu
erteilen.«

»Und warum nicht ... wenn ich fragen darf?« sagte Morten ungeschickt.

»Warum? O Gott, weil ich ihn nicht =ausstehen= konnte!« rief sie beinahe
entrüstet ... »Sie hätten ihn kennen sollen, wie er aussah und wie er
sich benahm! Unter anderem hatte er goldgelbe Favoris ... völlig
unnatürlich! Ich bin überzeugt, daß er sich mit dem Pulver frisierte,
mit dem man die Weihnachtsnüsse vergoldet ... Außerdem war er falsch. Er
schwänzelte um meine Eltern herum und sprach ihnen in schamloser Weise
nach dem Munde ...«

Morten unterbrach sie.

»Aber was heißt ... Sie müssen mir noch eines sagen ... was heißt: Das
putzt ganz ungemein?«

Tony geriet in ein nervöses und kicherndes Lachen.

»Ja ... so sprach er, Morten! Er sagte nicht: `Das nimmt sich gut aus´,
oder: `Das schmückt das Zimmer´, sondern: `Das putzt ganz ungemein´ ...
so albern war er, ich versichere Sie!... Dabei war er im höchsten Grade
aufdringlich; er ließ nicht von mir ab, obgleich ich ihn niemals anders
als mit Ironie behandelte. Einmal machte er mir eine Szene, bei der er
beinahe weinte ... ich bitte Sie: ein Mann, der weint ...«

»Er muß Sie sehr verehrt haben«, sagte Morten leise.

»Aber was ging das =mich= an!« rief sie erstaunt, indem sie sich an
ihrem Sandberg zur Seite wandte ...

»Sie sind grausam, Fräulein Tony ... Sind Sie immer grausam? Sagen Sie
mir ... Sie haben diesen Herrn Grünlich nicht leiden können, aber sind
Sie jemals einem anderen zugetan gewesen?... Manchmal denke ich: Haben
Sie vielleicht ein kaltes Herz? Eines will ich Ihnen sagen ... es ist so
wahr, daß ich es Ihnen beschwören kann: Ein Mann ist nicht albern, weil
er darüber weint, daß Sie nichts von ihm wissen wollen ... das ist es.
Ich bin nicht sicher, durchaus nicht sicher, daß ich nicht ebenfalls ...
Sehen Sie, Sie sind ein verwöhntes, vornehmes Geschöpf ... Mokieren Sie
sich immer nur über die Leute, die zu Ihren Füßen liegen? Haben Sie
wirklich ein kaltes Herz?«

Nach der kurzen Heiterkeit begann nun plötzlich Tonys Oberlippe zu
zittern. Sie richtete ein Paar großer und betrübter Augen auf ihn, die
langsam blank von Tränen wurden, und sagte leise: »Nein, Morten, glauben
Sie das von mir?... Das müssen Sie nicht von mir glauben.«

»Ich glaube es ja auch nicht!« rief Morten mit einem Lachen, in dem
Ergriffenheit und mühsam unterdrückter Jubel zu hören war ... Er wälzte
sich völlig herum, so daß er nun auf dem Bauche neben ihr lag, ergriff,
indem er die Ellenbogen aufstützte, mit beiden Händen die ihre und sah
mit seinen stahlblauen, gutmütigen Augen entzückt und begeistert in ihr
Gesicht.

»Und Sie ... Sie mokieren sich nicht über mich, wenn ich Ihnen sage,
daß ...«

»Ich weiß, Morten«, unterbrach sie ihn leise, während sie seitwärts auf
ihre freie Hand blickte, die langsam den weichen, weißen Sand durch die
Finger gleiten ließ.

»Sie wissen ...! Und Sie ... =Sie=, Fräulein Tony ...«

»Ja, Morten. Ich halte große Stücke auf Sie. Ich habe Sie sehr gern. Ich
habe Sie lieber als alle, die ich kenne.«

Er fuhr auf, er machte ein paar Armbewegungen und wußte nicht, was er
tun sollte. Er sprang auf die Füße, warf sich sofort wieder bei ihr
nieder und rief mit einer Stimme, die stockte, wankte, sich überschlug
und wieder tönend wurde vor Glück: »Ach, ich danke Ihnen, ich danke
Ihnen! Sehen Sie, nun bin ich so glücklich, wie noch niemals in meinem
Leben!...« Dann fing er an, ihre Hände zu küssen.

Plötzlich sagte er leiser: »Sie werden nun bald nach der Stadt abreisen,
Tony, und meine Ferien sind in vierzehn Tagen zu Ende ... dann muß ich
wieder nach Göttingen. Aber wollen Sie mir versprechen, daß Sie diesen
Nachmittag hier am Strande nicht vergessen werden, bis ich zurückkomme
... und Doktor bin ... und bei Ihrem Vater für uns bitten kann, so
schwer es sein wird? Und daß Sie unterdessen keinen Herrn Grünlich
erhören werden?... Oh, es wird nicht lange dauern, passen Sie auf! Ich
werde arbeiten, wie ein ... und es ist gar nicht schwer ...«

»Ja, Morten«, sagte sie glücklich und abwesend, indem sie seine Augen,
seinen Mund und seine Hände betrachtete, die die ihren hielten ...

Er zog ihre Hand noch näher an seine Brust und fragte gedämpft und
bittend: »Wollen Sie mir daraufhin nicht ... Darf ich das nicht ...
bekräftigen ...?«

Sie antwortete nicht, sie sah ihn nicht einmal an, sie schob nur ganz
leise ihren Oberkörper am Sandberg ein wenig näher zu ihm hin, und
Morten küßte sie langsam und umständlich auf den Mund. Dann sahen sie
nach verschiedenen Richtungen in den Sand und schämten sich über die
Maßen.


Zehntes Kapitel

»Teuerste Demoiselle Buddenbrook!

Wie lange ist es her, daß Unterzeichneter das Angesicht des reizendsten
Mädchens nicht mehr erblicken durfte? Diese so wenigen Zeilen sollen
Ihnen sagen, daß dieses Angesicht nicht aufgehört hat, vor seinem
geistigen Auge zu schweben, daß er während dieser hangenden und
bangenden Wochen unablässig eingedenk gewesen ist des köstlichen
Nachmittags in Ihrem elterlichen Salon, an dem Sie sich ein Versprechen,
ein halbes und verschämtes zwar noch, und doch so beseligendes
entschlüpfen ließen. Seitdem sind lange Wochen verflossen, während derer
Sie sich behufs Sammlung und Selbsterkenntnis von der Welt zurückgezogen
haben, so daß ich nun wohl hoffen darf, daß die Zeit der Prüfung vorüber
ist. Endesunterfertigter erlaubt sich, Ihnen, teuerste Demoiselle,
mitfolgendes Ringlein als Unterpfand seiner unsterblichen Zärtlichkeit
hochachtungsvollst zu übersenden. Mit den devotesten Komplimenten und
liebevollsten Handküssen zeichne als

                   Dero Hochwohlgeboren ergebenster
                                                    =Grünlich=.«

»Lieber Papa!

O Gott, wie habe ich mich geärgert! Beifolgenden Brief und Ring erhielt
ich soeben von Gr., so daß ich Kopfweh vor Aufregung habe, und weiß ich
nichts Besseres zu tun, als beides an =Dich= zurückgehen zu lassen. Gr.
=will= mich nicht verstehen, und ist das, was er so poetisch von dem
`Versprechen´ schreibt, einfach nicht der Fall, und bitte ich Dich so
dringend, ihm nun doch kurzerhand plausibel zu machen, daß =ich jetzt
noch tausendmal weniger= als vor sechs Wochen in der Lage bin, ihm mein
Jawort fürs Leben zu erteilen und daß er mich endlich in Frieden lassen
soll, er =macht= sich ja =lächerlich=. Dir, dem besten Vater, kann ich
es ja sagen, daß ich anderweitig gebunden bin an jemanden, der mich
liebt, und den ich liebe, daß es sich gar nicht sagen läßt. O Papa!
Darüber könnte ich viele Bogen vollschreiben, ich spreche von Herrn
Morten Schwarzkopf, der Arzt werden will, und, sowie er Doktor ist, um
meine Hand anhalten will. Ich weiß ja, daß es Sitte ist, einen Kaufmann
zu heiraten, aber Morten gehört eben zu dem anderen Teil von angesehenen
Herren, den Gelehrten. Er ist nicht reich, was wohl für Dich und Mama
gewichtig ist, aber das muß ich Dir sagen, lieber Papa, so jung ich bin,
aber das wird das Leben manchen gelehrt haben, daß Reichtum allein nicht
immer jeden glücklich macht. Mit tausend Küssen verbleibe ich

                              Deine gehorsame Tochter
                                                      =Antonie=.

_PS._ Der Ring ist niedriges Gold und ziemlich schmal, wie ich sehe.«

»Meine liebe Tony!

Dein Schreiben ist mir richtig geworden. Auf seinen Gehalt eingehend,
teile ich Dir mit, daß ich pflichtgemäß nicht ermangelt habe, Herrn Gr.
über Deine Anschauung der Dinge in geziemender Form zu unterrichten; das
Resultat jedoch war derartig, daß es mich aufrichtig erschüttert hat. Du
bist ein erwachsenes Mädchen und befindest Dich in einer so ernsten
Lebenslage, daß ich nicht anstehen darf, Dir die Folgen namhaft zu
machen, die ein leichtfertiger Schritt Deinerseits nach sich ziehen
kann. Herr Gr. nämlich brach bei meinen Worten in Verzweiflung aus,
indem er rief, so sehr liebe er Dich und so wenig könne er Deinen
Verlust verschmerzen, daß er willens sei, sich das Leben zu nehmen, wenn
Du auf Deinem Entschlusse bestündest. Da ich das, was Du mir von einer
anderweitigen Neigung schreibst, nicht ernst nehmen kann, so bitte ich
Dich, Deine Erregung über den zugesandten Ring zu bemeistern und alles
noch einmal bei Dir selbst mit Ernst zu erwägen. Meiner christlichen
Überzeugung nach, liebe Tochter, ist es des Menschen Pflicht, die
Gefühle eines anderen zu achten, und wir wissen nicht, ob Du nicht einst
würdest von einem höchsten Richter dafür haftbar gemacht werden, daß der
Mann, dessen Gefühle Du hartnäckig und kalt verschmähtest, sich gegen
sein eigenes Leben versündigte. Das eine aber, welches ich Dir mündlich
schon oft zu verstehen gegeben, möchte ich Dir ins Gedächtnis
zurückrufen und freue ich mich, Gelegenheit zu haben, es Dir schriftlich
zu wiederholen. Denn obgleich die mündliche Rede lebendiger und
unmittelbarer wirken mag, so hat doch das geschriebene Wort den Vorzug,
daß es mit Muße gewählt und gesetzt werden konnte, daß es feststeht und
in dieser vom Schreibenden wohl erwogenen und berechneten Form und
Stellung wieder und wieder gelesen werden und gleichmäßig wirken kann.
-- Wir sind, meine liebe Tochter, nicht =dafür= geboren, was wir mit
kurzsichtigen Augen für unser eigenes, kleines, persönliches Glück
halten, denn wir sind nicht lose, unabhängige und für sich bestehende
Einzelwesen, sondern wie Glieder in einer Kette, und wir wären, so wie
wir sind, nicht denkbar ohne die Reihe derjenigen, die uns vorangingen
und uns die Wege wiesen, indem sie ihrerseits mit Strenge und ohne nach
rechts oder links zu blicken, einer erprobten und ehrwürdigen
Überlieferung folgten. Dein Weg, wie mich dünkt, liegt seit längeren
Wochen klar und scharf abgegrenzt vor Dir, und du müßtest nicht meine
Tochter sein, nicht die Enkelin Deines in Gott ruhenden Großvaters und
überhaupt nicht ein würdig Glied unserer Familie, wenn Du ernstlich im
Sinne hättest, Du allein, mit Trotz und Flattersinn Deine eigenen,
unordentlichen Pfade zu gehen. Dies, meine liebe Antonie, bitte ich
Dich, in Deinem Herzen zu bewegen. --

Deine Mutter, Thomas, Christian, Klara und Klothilde (welch letztere
mehrere Wochen bei ihrem Vater auf Ungnade verlebt hat), auch Mamsell
Jungmann grüßen Dich von ganzem Herzen; wir freuen uns alle, Dich bald
wieder in unsere Arme schließen zu können.

                                  In treuer Liebe
                                                  =Dein Vater=.«


Elftes Kapitel

Es regnete in Strömen. Himmel, Erde und Wasser verschwammen ineinander,
während der Stoßwind in den Regen fuhr und ihn gegen die Fensterscheiben
trieb, daß nicht Tropfen, sondern Bäche daran hinunterflossen und sie
undurchsichtig machten. Klagende und verzweifelnde Stimmen redeten in
den Ofenröhren ...

Als Morten Schwarzkopf bald nach dem Mittagessen mit seiner Pfeife vor
die Veranda trat, um nachzusehen, wie es mit dem Himmel bestellt sei,
stand ein Herr in langem, engem, gelbkariertem Ülster und grauem Hute
vor ihm; eine geschlossene Droschke, deren Verdeck vor Nässe glänzte und
deren Räder so mit Kot besprengt waren, hielt vorm Hause. Morten starrte
fassungslos in das rosige Gesicht des Herrn. Er hatte Bartkotelettes,
die aussahen, als seien sie mit dem Pulver frisiert, mit dem man die
Weihnachtsnüsse vergoldet.

Der Herr im Ülster sah Morten an, wie man einen Bedienten ansieht,
leicht blinzelnd, ohne ihn zu sehen, und fragte mit weicher Stimme: »Ist
der Herr Lotsenkommandeur zu sprechen?«

»Allerdings ...« stammelte Morten, »ich glaube, daß mein Vater ...«

Hier faßte ihn der Herr ins Auge; seine Augen waren so blau wie
diejenigen einer Gans.

»Sind Sie Herr Morten Schwarzkopf?« fragte er ...

»Ja, mein Herr«, antwortete Morten, indem er sich anstrengte, einen
festen Gesichtsausdruck zu gewinnen.

»Sieh da! In der Tat ...« bemerkte der Herr im Ülster, und dann fuhr er
fort: »Haben Sie die Güte, mich Ihrem Herrn Vater zu melden, junger
Mann. Mein Name ist Grünlich.«

Morten führte den Herrn durch die Veranda, öffnete ihm im Korridor
rechterhand die Tür zum Bureau, und kehrte ins Wohnzimmer zurück, um
seinen Vater zu benachrichtigen. Während Herr Schwarzkopf hinausging,
ließ der junge Mensch sich an dem runden Tische nieder, stützte die
Ellenbogen darauf und schien sich, ohne seine Mutter anzusehen, die am
trüben Fenster mit dem Stopfen von Strümpfen beschäftigt war, in das
»klägliche Blättchen« zu vertiefen, das von nichts anderem als der
silbernen Hochzeit des Konsuls So und So zu berichten wußte. -- Tony
befand sich droben in ihrem Zimmer, um auszuruhen.

Der Lotsenkommandeur betrat sein Büro mit der Miene eines Mannes, der
mit dem Mittagessen zufrieden ist, das er zu sich genommen. Sein
Uniformrock, über der gewölbten weißen Weste, stand offen. Von seinem
roten Gesicht hob sich scharf der eisgraue Schifferbart ab. Seine Zunge
fuhr behaglich zwischen den Zähnen umher, wobei sein biederer Mund in
die abenteuerlichsten Stellungen geriet. Er verbeugte sich kurz,
ruckartig und mit einem Ausdruck, als wollte er sagen: So macht man es
ja wohl!

»Gesegnete Mahlzeit«, sagte er; »dem Herrn zu Diensten!«

Herr Grünlich, von seiner Seite, verneigte sich mit Bedacht, indem seine
Mundwinkel sich ein wenig abwärts zogen. Hierbei sagte er leise:
»Hä-ä-hm.«

Das Bureau war eine ziemlich kleine Stube, deren Wände einige Fuß hoch
mit Holz bekleidet waren und im übrigen den untapezierten Kalk zeigten.
Vor dem Fenster, an welches unablässig der Regen trommelte, hingen
gelbgerauchte Gardinen. Rechterhand von der Tür befand sich ein langer,
roher, mit Papieren bedeckter Tisch, über welchem eine große Karte von
Europa und eine kleinere der Ostsee an der Wand befestigt war. Von der
Mitte der Zimmerdecke hing das sauber gearbeitete Modell eines Schiffes
unter vollen Segeln herab.

Der Lotsenkommandeur nötigte seinen Gast auf das geschweifte, mit
schwarzem, zersprungenem Wachstuch bezogene Sofa, das der Tür
gegenüberstand, und machte es sich selbst mit über dem Bauch gefalteten
Händen in einem hölzernen Armstuhl bequem, während Herr Grünlich in fest
geschlossenem Ülster, den Hut auf den Knien, ohne die Rückenlehne zu
berühren, genau auf der Kante des Sofas saß.

»Mein Name«, sagte er, »ist, wie ich wiederhole, =Grünlich=, Grünlich
von Hamburg. Um mich Ihnen zu empfehlen, erwähne ich, daß ich mich einen
nahen Geschäftsfreund des Großhändlers Konsul Buddenbrook nennen darf.«

»Allabonöhr! Ist mir eine Ehre, Herr Grünlich! Aber wollen der Herr
sich's nicht ein bißchen bequemer machen? Einen Grog nach der Fahrt? Ich
rufe sofort in die Küche ...«

»Ich erlaube mir, Ihnen zu bemerken«, sprach Herr Grünlich mit Ruhe,
»daß meine Zeit gemessen ist, daß mein Wagen mich erwartet, und daß ich
lediglich genötigt bin, Sie um eine Unterredung von zwei Worten zu
ersuchen.«

»Dem Herrn zu Diensten«, wiederholte Herr Schwarzkopf ein wenig
eingeschüchtert. Es entstand eine Pause.

»Herr Kommandeur!« begann Herr Grünlich, indem er den Kopf mit
Entschlossenheit schüttelte und ihn dabei ein wenig zurückwarf. Dann
schwieg er aufs neue, um die Wirkung dieser Anrede zu verstärken; er
schloß seinen Mund dabei so fest wie einen Geldbeutel, den man mit
Schnüren zusammenzieht.

»Herr Kommandeur«, wiederholte er und sagte dann rasch: »Die
Angelegenheit, in der ich zu Ihnen komme, betrifft unmittelbar die
junge Dame, die seit einigen Wochen in Ihrem Hause wohnt.«

»Mamsell Buddenbrook?« fragte Herr Schwarzkopf ...

»Allerdings«, versetzte Herr Grünlich tonlos und mit gesenktem Kopfe; an
seinen Mundwinkeln bildeten sich straffe Fältchen.

»Ich ... sehe mich veranlaßt, Ihnen zu eröffnen«, fuhr er mit leichthin
trällernder Betonung fort, indem seine Augen mit ungeheurer
Aufmerksamkeit von einem Punkt des Zimmers auf einen anderen und dann
zum Fenster sprangen, »daß ich vor einiger Zeit um die Hand eben dieser
Demoiselle Buddenbrook angehalten habe, daß ich mich im vollen Besitz
der beiderseitigen elterlichen Zustimmung befinde, und daß das Fräulein
selbst mir, ohne daß zwar die Verlobung bereits in aller Form
stattgefunden hätte, mit unzweideutigen Worten Anrechte auf ihre Hand
gegeben hat.«

»Wahrhaftigen Gott?« fragte Herr Schwarzkopf lebhaft ... »Davon hab' ich
noch gar nichts gewußt! Gratuliere, Herr ... Grünlich! Gratuliere Ihnen
aufrichtig! Da haben Sie was Gutes, was Reelles ...«

»Sehr obligiert«, sagte Herr Grünlich mit kaltem Nachdruck. »Was mich
jedoch«, fuhr er mit singend erhobener Stimme fort, »in dieser
Angelegenheit zu Ihnen führt, mein werter Herr Kommandeur, ist der
Umstand, daß sich dieser Verbindung ganz neuerdings =Schwierigkeiten= in
den Weg stellen, und daß diese Schwierigkeiten ... von Ihrem Hause
ausgehen --?« Die letzten Worte sprach er mit fragender Betonung, als
wollte er sagen: Kann es möglich sein, was mir zu Ohren gekommen ist?

Herr Schwarzkopf antwortete ausschließlich dadurch, daß er seine
ergrauten Augenbrauen hoch in die Stirne zog und mit beiden Händen,
braunen, blondbehaarten Schifferhänden, die Armlehnen seines Stuhles
ergriff.

»Ja. In der Tat. So höre ich«, sprach Herr Grünlich mit trauriger
Bestimmtheit. »Ich =höre=, daß Ihr Sohn, der Herr Studiosus Medicinä es
sich ... unwissentlich zwar ... gestattet hat, in meine Rechte
einzugreifen, ich =höre=, daß er die hiesige Anwesenheit des Fräuleins
dazu benutzt hat, ihr gewisse Versprechungen abzugewinnen ...«

»Was?« rief der Lotsenkommandeur, indem er sich heftig auf die Armlehnen
stützte und emporsprang ... »Da soll doch gleich ... I, dat wier je denn
doch woll ...« Und mit zwei Schritten war er an der Tür, riß sie auf und
rief mit einer Stimme über den Korridor, welche die ärgste Brandung
übertönt hätte: »Meta! Morten! Tretet mal an! Tretet mal alle beide an!«

»Ich würde lebhaft bedauern«, sprach Herr Grünlich mit einem feinen
Lächeln, »wenn ich durch die Geltendmachung meiner älteren Rechte Ihre
eigenen väterlichen Pläne durchkreuzen sollte, Herr Kommandeur ...«

Diederich Schwarzkopf wandte sich um und starrte ihm mit seinen
scharfen, von kleinen Fältchen umgebenen blauen Augen ins Gesicht, als
bemühte er sich vergebens, seine Worte zu verstehen.

»Herr!« sagte er dann mit einer Stimme, die klang, als hätte soeben ein
scharfer Schluck Grog seine Kehle verbrannt ... »Ich bin man'n einfachen
Mann und versteh mich schlecht auf Medisangsen und Finessen ... aber
wenn Sie vielleicht meinen sollten, daß ... na! denn lassen Sie sich
gesagt sein, daß Sie auf dem Holzwege sind, Herr, und daß Sie sich über
meine Grundsätze täuschen! Ich weiß, wer mein Sohn ist, und weiß, wer
Mamsell Buddenbrook ist, und ich habe zuviel Respekt und auch zuviel
Stolz im Leibe, Herr, um solche väterlichen Pläne zu machen! Und nun
redet mal, nun antwortet mir mal! Was ist das eigentlich, wie? Was höre
ich da eigentlich, was?...«

Frau Schwarzkopf und ihr Sohn standen in der Tür; die erstere
ahnungslos, mit dem Ordnen ihrer Schürze beschäftigt, Morten mit der
Miene eines verstockten Sünders ... Herr Grünlich hatte sich bei ihrem
Eintritt keineswegs erhoben; er verharrte in gerader und ruhevoller
Haltung fest in seinen Ülster geknöpft auf der Sofakante.

»Du hast dich also wie ein dummer Junge betragen?« fuhr der
Lotsenkommandeur Morten an.

Der junge Mensch hielt einen Daumen zwischen den Knöpfen seiner Joppe;
er machte finstere Augen und hatte vor Trotz sogar seine Wangen
aufgeblasen.

»Ja, Vater«, sagte er, »Fräulein Buddenbrook und ich ...«

»So, na, denn will 'k di man vertellen, daß du 'n Döskopp büs', 'n
Hanswurst, 'n groten Dummerjahn! Und daß du morgen nach Göttingen
abkutschierst, hörst du wohl? morgenden Tages! Und daß das Ganze 'n
Kinderkram ist, ein nichtsnutziger Kinderkram und damit Punktum!«

»Diederich, mein Gott«, sagte Frau Schwarzkopf, indem sie die Hände
faltete; »das kann man doch nicht so ohne weiteres sagen! Wer weiß ...«
Sie schwieg und man sah, wie eine schöne Hoffnung vor ihren Augen
zusammenstürzte.

»Wünschen der Herr das Fräulein zu sprechen?« wandte sich der
Lotsenkommandeur mit rauher Stimme an Herrn Grünlich ...

»Sie ist in ihrem Zimmer! Sie schläft!« erklärte Frau Schwarzkopf
mitleidig und gerührt.

»Das bedaure ich«, sagte Herr Grünlich, obgleich er ein wenig aufatmete,
und erhob sich. »Übrigens wiederhole ich, daß meine Zeit gemessen ist
und daß mein Wagen mich erwartet. Ich gestatte mir«, fuhr er fort, indem
er vor Herrn Schwarzkopf mit dem Hute eine Bewegung von oben nach unten
beschrieb, »Ihnen, Herr Kommandeur, meine vollste Genugtuung und
Anerkennung angesichts Ihres männlichen und charaktervollen Benehmens
auszusprechen. Ich empfehle mich Ihnen. Ich habe die Ehre. Adieu.«

Diederich Schwarzkopf reichte ihm keineswegs die Hand: Er ließ nur kurz
und ruckartig seinen schweren Oberkörper ein wenig nach vorne fallen,
als wollte er sagen: So macht man es ja wohl!

Zwischen Morten und seiner Mutter hindurch ging Herr Grünlich gemessenen
Schrittes zur Tür hinaus.


Zwölftes Kapitel

Thomas erschien mit der Krögerschen Kalesche. Der Tag war da.

Der junge Herr kam um zehn Uhr des Vormittags und nahm einen kleinen
Imbiß mit der Familie in der Wohnstube. Man saß beieinander wie am
ersten Tage; nur daß der Sommer dahin war, daß es zu kalt und windig
war, in der Veranda zu sitzen und daß Morten fehlte ... Er war in
Göttingen. Tony und er hatten nicht einmal ordentlich Abschied
voneinander genommen. Der Lotsenkommandeur hatte dabeigestanden und
gesagt: »So, Punktum. Hü.«

Um elf Uhr stiegen die Geschwister in den Wagen, an dessen hinterem
Teile Tonys großer Koffer festgeschnallt worden war. Sie war blaß und
fröstelte in ihrer weichen Herbstjacke vor Kälte, Müdigkeit, Reisefieber
und einer Wehmut, die dann und wann plötzlich in ihr aufstieg und ihre
Brust mit einem drängenden Schmerzgefühl erfüllte. Sie küßte die kleine
Meta, drückte der Hausfrau die Hand und nickte Herrn Schwarzkopf zu, als
er sagte: »Na, vergessen Sie uns nicht, Mamselling. Und nichts für
ungut, was?«

»So, und glückliche Reise und beste Empfehlungen an den Herrn Papa und
die Frau Konsulin ...« Dann schnappte der Schlag ins Schloß, die dicken
Braunen zogen an, und die drei Schwarzkopfs schwenkten ihre Tücher ...

Tony drückte den Kopf in die Wagenecke und sah zum Fenster hinaus. Der
Himmel war weißlich bedeckt, die Trave warf kleine Wellen, die schnell
vor dem Winde dahineilten. Dann und wann prickelten kleine Tropfen gegen
die Scheiben. Am Ausgang der »Vorderreihe« saßen die Leute vor ihren
Haustüren und flickten Netze; barfüßige Kinder kamen herbeigelaufen und
betrachteten neugierig den Wagen. =Die= blieben hier ...

Als der Wagen die letzten Häuser zurückließ, beugte Tony sich vor, um
noch einmal den Leuchtturm zu sehen; dann lehnte sie sich zurück und
schloß die Augen, die müde und empfindlich waren. Sie hatte in der Nacht
fast nicht geschlafen vor Erregung, war früh aufgestanden, um ihren
Koffer in Ordnung zu bringen, und hatte nicht frühstücken mögen. In
ihrem ausgetrockneten Munde hatte sie einen faden Geschmack. Sie fühlte
sich so hinfällig, daß sie es nicht einmal versuchte, die Tränen
zurückzudrängen, die jeden Augenblick langsam und heiß in ihre Augen
emporstiegen.

Kaum hatte sie ihre Lider geschlossen, als sie sich wieder in Travemünde
in der Veranda befand. Sie sah Morten Schwarzkopf leibhaftig vor sich,
wie er zu ihr sprach, sich nach seiner Art dabei vorbeugte und hie und
da einen anderen gutmütig forschend ansah; wie er lachend seine schönen
Zähne zeigte, von denen er ersichtlich gar nichts wußte ... und es wurde
ihr ganz ruhig und heiter dabei zu Sinn. Sie rief sich alles ins
Gedächtnis zurück, was sie in vielen Gesprächen von ihm gehört und
erfahren hatte, und es bereitete ihr eine beglückende Genugtuung, sich
feierlich zu versprechen, daß sie dies alles als etwas Heiliges und
Unantastbares in sich bewahren wollte. Daß der König von Preußen ein
großes Unrecht begangen, daß die Städtischen Anzeigen ein klägliches
Blättchen seien, ja selbst, daß vor vier Jahren die Bundesgesetze über
die Universitäten erneuert worden, das würden ihr fortan ehrwürdige und
tröstliche Wahrheiten sein, ein geheimer Schatz, den sie würde
betrachten können, wann sie wollte. Mitten auf der Straße, im
Familienkreise, beim Essen würde sie daran denken ... Wer weiß?
vielleicht würde sie ihren vorgezeichneten Weg gehen und Herrn Grünlich
heiraten, das war ganz gleichgültig; aber wenn er zu ihr sprach, würde
sie plötzlich denken: Ich weiß etwas, was du nicht weißt ... Die
Adeligen sind -- im =Prinzip= gesprochen -- verächtlich!

Sie lächelte zufrieden vor sich hin ... Aber da, plötzlich, vernahm sie
in dem Geräusch der Räder mit vollkommener, mit unglaublich lebendiger
Deutlichkeit Mortens Sprache; sie unterschied jeden Laut seiner
gutmütigen, ein wenig schwerfällig knarrenden Stimme, sie hörte mit
leiblichem Ohr, wie er sagte: »Heute müssen wir beide auf den Steinen
sitzen, Fräulein Tony ...«, und diese kleine Erinnerung überwältigte
sie. Ihre Brust zog sich zusammen vor Wehmut und Schmerz, ohne Gegenwehr
ließ sie die Tränen hervorstürzen ... In ihren Winkel gedrückt, hielt
sie das Taschentuch mit beiden Händen vors Gesicht und weinte
bitterlich.

Thomas, seine Zigarette im Munde, blickte ein wenig ratlos auf die
Chaussee hinaus.

»Arme Tony!« sagte er schließlich, indem er ihre Jacke streichelte. »Du
tust mir herzlich leid ... ich verstehe dich so gut, siehst du! Aber was
ist da zu tun? Dergleichen muß durchgemacht werden. Glaube mir nur ...
ich kenne das auch ...«

»Ach, du kennst gar nichts, Tom!« schluchzte Tony.

»Na, sage das nicht. Jetzt steht es zum Beispiel fest, daß ich Anfang
nächsten Jahres nach Amsterdam gehe. Papa hat eine Stelle für mich ...
bei van der Kellen & Comp. ... Da werde ich Abschied nehmen müssen für
lange, lange Zeit ...«

»Ach, Tom! Ein Abschied von Eltern und Geschwistern! Das ist gar
nichts!«

»Ja --!« sagte er ziemlich langgedehnt. Er atmete auf, als ob er noch
mehr sagen wollte und schwieg dann. Indem er die Zigarette von einem
Mundwinkel in den anderen wandern ließ, zog er eine Braue empor und
wandte den Kopf zur Seite.

»Und es dauert ja nicht lange«, fing er nach einer Weile wieder an. »Das
gibt sich. Man vergißt ...«

»Aber ich will ja gerade nicht vergessen!« rief Tony ganz verzweifelt.
»Vergessen ... ist das denn ein Trost?!« --


Dreizehntes Kapitel

Dann kam die Fähre, es kam die Israelsdorfer Allee, der Jerusalemsberg,
das Burgfeld. Der Wagen passierte das Burgtor, neben dem zur Rechten die
Mauern des Gefängnisses aufragten, er rollte die Burgstraße entlang und
über den Koberg ... Tony betrachtete die grauen Giebelhäuser, die über
die Straße gespannten Öllampen, das Heilige-Geist-Hospital mit den schon
fast entblätterten Linden davor ... Mein Gott, alles das war geblieben,
wie es gewesen war! Es hatte hier gestanden, unabänderlich und
ehrwürdig, während sie sich daran als an einen alten, vergessenswerten
Traum erinnert hatte! Diese grauen Giebel waren das Alte, Gewohnte und
Überlieferte, das sie wieder aufgenommen und in dem sie nun wieder leben
sollte. Sie weinte nicht mehr; sie sah sich neugierig um. Das
Abschiedsleid war beinahe betäubt, angesichts dieser Straßen und dieser
altbekannten Gesichter darin. In diesem Augenblick -- der Wagen rasselte
durch die Breite Straße -- ging der Träger Matthiesen vorüber und nahm
tief seinen rauhen Zylinder ab mit einem so bärbeißigen Pflichtgesicht,
als dächte er: Ich wäre ja wohl ein Hundsfott ...!

Die Equipage bog in die Mengstraße ein und die dicken Braunen standen
schnaubend und stampfend vorm Buddenbrookschen Hause. Tom war seiner
Schwester aufmerksam beim Aussteigen behilflich, während Anton und Line
herbeieilten, um den Koffer herunterzuschnallen. Aber man mußte warten,
bevor man ins Haus gelangte. Drei mächtige Transportwagen schoben sich
soeben dicht hintereinander durch die Haustür, hochbepackt mit vollen
Kornsäcken, auf denen in breiten schwarzen Buchstaben die Firma »Johann
Buddenbrook« zu lesen war. Mit schwerfällig widerhallendem Gepolter
schwankten sie über die große Diele und die flachen Stufen zum Hofe
hinunter. Ein Teil des Kornes sollte wohl im Hinterhause verladen werden
und der Rest in den »Walfisch«, den »Löwen« oder die »Eiche« wandern ...

Der Konsul kam, die Feder hinterm Ohr, aus dem Kontor heraus, als die
Geschwister die Diele betraten, und streckte seiner Tochter die Arme
entgegen.

»Willkommen zu Hause, meine liebe Tony!«

Sie küßte ihn und sah ihn mit Augen an, die noch verweint waren und in
denen etwas wie Scham zu lesen war. Aber er war nicht böse, er erwähnte
kein Wort. Er sagte nur: »Es ist spät, aber wir haben mit dem zweiten
Frühstück gewartet.«

Die Konsulin, Christian, Klothilde, Klara und Ida Jungmann standen zur
Begrüßung droben auf dem Treppenabsatz versammelt ...

                   *       *       *       *       *

Tony schlief fest und gut die erste Nacht in der Mengstraße, und sie
stieg am nächsten Morgen, den 22. September, erfrischt und ruhigen
Sinnes ins Frühstückszimmer hinunter. Es war noch ganz früh, kaum sieben
Uhr. Nur Mamsell Jungmann war schon anwesend und bereitete den
Morgenkaffee.

»Ei, ei, Tonychen, mein Kindchen«, sagte sie und sah sich mit kleinen,
verschlafenen braunen Augen um; »schon so zeitig?«

Tony setzte sich an den Sekretär, dessen Deckel zurückgeschoben war,
faltete die Hände hinter dem Kopf und blickte eine Weile auf das vor
Nässe schwarz glänzende Pflaster des Hofes und den vergilbten und
feuchten Garten hinaus. Dann fing sie an, neugierig unter den
Visitkarten und Briefschaften auf dem Sekretär zu kramen ...

Dicht beim Tintenfaß lag das wohlbekannte große Schreibheft mit
gepreßtem Umschlag, goldenem Schnitt und verschiedenartigem Papier. Es
mußte noch gestern abend gebraucht worden sein, und ein Wunder nur, daß
Papa es nicht wie gewöhnlich in der Ledermappe und in der besonderen
Schublade dort hinten verschlossen hatte.

Sie nahm es, blätterte darin, geriet ins Lesen und vertiefte sich. Was
sie las, waren meistens einfache und ihr vertraute Dinge; aber jeder der
Schreibenden hatte von seinem Vorgänger eine ohne Übertreibung
feierliche Vortragsweise übernommen, einen instinktiv und ungewollt
angedeuteten Chronikenstil, aus dem der diskrete und darum desto
würdevollere Respekt einer Familie vor sich selbst, vor Überlieferung
und Historie sprach. Für Tony war das nichts Neues; sie hatte sich
manchesmal mit diesen Blättern beschäftigen dürfen. Aber noch niemals
hatte ihr Inhalt einen Eindruck auf sie gemacht, wie diesen Morgen. Die
ehrerbietige Bedeutsamkeit, mit der hier auch die bescheidensten
Tatsachen behandelt waren, die der Familiengeschichte angehörten, stieg
ihr zu Kopf ... Sie stützte die Ellenbogen auf und las mit wachsender
Hingebung, mit Stolz und Ernst.

Auch in ihrer eigenen kleinen Vergangenheit fehlte kein Punkt. Ihre
Geburt, ihre Kinderkrankheiten, ihr erster Schulgang, ihr Eintritt in
Mlle. Weichbrodts Pensionat, ihre Konfirmation ... Alles war in der
kleinen, fließenden Kaufmannsschrift des Konsuls sorgfältig und mit
einer fast religiösen Achtung vor Tatsachen überhaupt verzeichnet: Denn
war nicht der geringsten eine Gottes Wille und Werk, der die Geschicke
der Familie wunderbar gelenkt?... Was würde hier hinter ihrem Namen, den
sie von ihrer Großmutter Antoinette empfangen hatte, in Zukunft noch zu
berichten sein? Und alles würde von späteren Familiengliedern mit der
nämlichen Pietät gelesen werden, mit der jetzt sie die früheren
Begebnisse verfolgte.

Sie lehnte sich aufatmend zurück, und ihr Herz pochte feierlich.
Ehrfurcht vor sich selbst erfüllte sie, und das Gefühl persönlicher
Wichtigkeit, das ihr vertraut war, durchrieselte sie, verstärkt durch
den Geist, den sie soeben hatte auf sich wirken lassen, wie ein
Schauer. »Wie ein Glied in einer Kette«, hatte Papa geschrieben ... ja,
ja! Gerade als Glied dieser Kette war sie von hoher und
verantwortungsvoller Bedeutung, -- berufen, mit Tat und Entschluß an der
Geschichte ihrer Familie mitzuarbeiten!

Sie blätterte zurück bis ans Ende des großen Heftes, wo auf einem rauhen
Foliobogen die ganze Genealogie der Buddenbrooks mit Klammern und
Rubriken in übersichtlichen Daten von des Konsuls Hand resümiert worden
war: Von der Eheschließung des frühesten Stammhalters mit der
Predigerstochter Brigitta Schuren bis zu der Heirat des Konsuls Johann
Buddenbrook mit Elisabeth Kröger im Jahre 1825. Aus dieser Ehe, so hieß
es, entsprossen vier Kinder ... worauf mit den Geburtsjahren und -tagen
die Taufnamen untereinander aufgeführt waren; hinter demjenigen des
älteren Sohnes aber war bereits verzeichnet, daß er Ostern 1842 in das
väterliche Geschäft als Lehrling eingetreten sei.

Tony blickte lange Zeit auf ihren Namen und auf den freien Raum
dahinter. Und dann, plötzlich, mit einem Ruck, mit einem nervösen und
eifrigen Mienenspiel -- sie schluckte hinunter, und ihre Lippen bewegten
sich einen Augenblick ganz schnell aneinander -- ergriff sie die Feder,
tauchte sie nicht, sondern stieß sie in das Tintenfaß und schrieb mit
gekrümmtem Zeigefinger und tief auf die Schulter geneigtem, hitzigem
Kopf, in ihrer ungelenken und schräg von links nach rechts
emporfliegenden Schrift: »... Verlobte sich am 22. September 1845 mit
Herrn Bendix Grünlich, Kaufmann zu Hamburg.«


Vierzehntes Kapitel

»Ich bin vollkommen Ihrer Meinung, mein werter Freund. Diese Frage ist
von Wichtigkeit und muß erledigt werden. Kurz und gut: Die traditionelle
Barmitgift für ein junges Mädchen aus unserer Familie beträgt 70000
Mark.«

Herr Grünlich warf seinem zukünftigen Schwiegervater den kurzen und
prüfenden Seitenblick eines Geschäftsmannes zu.

»In der Tat ...«, sagte er, und dieses In der Tat war genau so lang wie
sein linker goldgelber Backenbart, den er bedächtig durch die Finger
gleiten ließ ... Er ließ die Spitze los, als das In der Tat vollendet
war.

»Sie kennen«, fuhr er fort, »verehrter Vater, die tiefe Hochachtung, die
ich ehrwürdigen Überlieferungen und Prinzipien entgegenbringe! Allein
... sollte im gegenwärtigen Falle diese schöne Rücksicht nicht eine
Übertreibung bedeuten?... Ein Geschäft vergrößert sich ... eine Familie
blüht empor ... kurzum die Bedingungen werden andere und bessere ...«

»Mein werter Freund«, sprach der Konsul ... »Sie sehen in mir einen
Geschäftsmann von Kulanz! Mein Gott ... Sie haben mich nicht einmal
ausreden lassen, sonst wüßten Sie bereits, daß ich willig und bereit
bin, Ihnen den Umständen entsprechend entgegenzukommen, und daß ich den
70000 schlankerhand 10000 hinzufüge.«

»80000 also ...«, sagte Herr Grünlich; und dann machte er eine
Mundbewegung, als wollte er sagen: Nicht zu viel; aber es genügt.

Man einigte sich in der liebenswürdigsten Weise, und der Konsul
klapperte, als er sich erhob, zufrieden mit dem großen Schlüsselbund in
seiner Beinkleidtasche. Erst mit den 80000 hatte er die »traditionelle
Höhe der Barmitgift« erreicht. --

Hierauf empfahl sich Herr Grünlich und reiste nach Hamburg ab. Tony
verspürte wenig von ihrer neuen Lebenslage. Niemand hinderte sie, bei
Möllendorpfs, Langhals', Kistenmakers und im eignen Hause zu tanzen, auf
dem Burgfelde und den Travenwiesen Schlittschuh zu laufen und die
Huldigungen der jungen Herren entgegenzunehmen ... Mitte Oktober hatte
sie Gelegenheit, der Verlobungsgesellschaft beizuwohnen, die man bei
Möllendorpfs zu Ehren des ältesten Sohnes und Julchen Hagenströms
veranstaltete. »Tom!« sagte sie. »Ich gehe nicht hin. Es ist empörend!«
Aber sie ging dennoch hin und unterhielt sich aufs beste.

Im übrigen hatte sie sich mit den Federstrichen, die sie der
Familiengeschichte hinzugefügt, die Erlaubnis erworben, mit der Konsulin
oder allein in allen Läden der Stadt Kommissionen größeren Stiles zu
machen und für ihre Aussteuer, eine =vornehme= Aussteuer, Sorge zu
tragen. Tagelang saßen im Frühstückszimmer am Fenster zwei Nähterinnen,
welche säumten, Monogramme stickten und eine Menge Landbrot mit grünem
Käse aßen ...

»Ist das Leinenzeug von Lentföhr gekommen, Mama?«

»Nein, mein Kind, aber hier sind zwei Dutzend Teeservietten.«

»Schön. -- Und er hatte versprochen, es bis heute nachmittag zu
schicken. Mein Gott, die Laken müssen gesäumt werden!«

»Mamsell Bitterlich fragt nach den Spitzen für die Kissenbühren, Ida.«

»Im Leinenschrank auf der Diele rechts, Tonychen, mein Kindchen.«

»Line -- --!«

»Könntest auch gern mal selbst springen, mein Herzchen ...«

»O Gott, wenn ich darum heirate, um selber die Treppen zu laufen ...«

»Hast du an die Trauungstoilette gedacht, Tony?«

»_Moirée antique_, Mama!... Ich lasse mich nicht trauen ohne _moirée
antique_!«

So verging der Oktober, der November. Zur Weihnachtszeit erschien Herr
Grünlich, um den heiligen Abend im Kreise der Buddenbrookschen Familie
zu verleben, und auch die Einladung zur Feier bei den alten Krögers
schlug er nicht aus. Sein Benehmen gegenüber seiner Braut war erfüllt
von dem Zartgefühl, das man von ihm zu gewärtigen berechtigt war. Keine
unnötige Feierlichkeit! Keine gesellschaftliche Behinderung! Keine
taktlosen Zärtlichkeiten! Ein hingehaucht diskreter Kuß auf die Stirn in
Gegenwart der Eltern hatte das Verlöbnis besiegelt ... Zuweilen
verwunderte Tony sich ein wenig, daß sein Glück jetzt der Verzweiflung,
die er bei ihren Weigerungen an den Tag gelegt hatte, kaum zu
entsprechen schien. Er betrachtete sie lediglich mit einer heiteren
Besitzermiene ... Hie und da freilich, wenn er zufällig mit ihr allein
geblieben war, konnte eine scherzhafte, eine neckische Stimmung ihn
überkommen, konnte er den Versuch machen, sie auf seine Knie zu ziehen,
um seine Favoris ihrem Gesichte zu nähern, und sie mit vor Heiterkeit
zitternder Stimme zu fragen: »Habe ich dich doch erwischt? Habe ich dich
doch noch ergattert?...« Worauf Tony antwortete: »O Gott, Sie vergessen
sich!« und sich mit Geschicklichkeit befreite.

Herr Grünlich kehrte bald nach dem Weihnachtsfeste nach Hamburg zurück,
denn sein reges Geschäft forderte unerbittlich seine persönliche
Gegenwart, und Buddenbrooks stimmten mit ihm stillschweigend darin
überein, daß Tony vor der Verlobung Zeit genug gehabt habe, seine
Bekanntschaft zu machen.

Die Wohnungsfrage ward brieflich geordnet. Tony, die sich ganz
außerordentlich auf das Leben in einer Großstadt freute, gab dem Wunsche
Ausdruck, sich im Innern Hamburgs niederzulassen, wo ja auch -- und zwar
in der Spitalerstraße -- sich Herrn Grünlichs Kontore befanden. Allein
der Bräutigam erlangte mit männlicher Beharrlichkeit die Ermächtigung
zum Ankaufe einer Villa vor der Stadt, bei Eimsbüttel ... in
romantischer und weltentrückter Lage, als idyllisches Nestchen so recht
geeignet für ein junges Ehepaar -- »_procul negotiis_« -- nein, er hatte
sein Latein gleichfalls noch nicht völlig vergessen!

Es verging der Dezember, und zu Beginn des Jahres sechsundvierzig ward
Hochzeit gemacht. Es gab einen prächtigen Polterabend, bei dem die halbe
Stadt anwesend war. Tonys Freundinnen -- darunter auch Armgard von
Schilling, die in einer turmhohen Kutsche zur Stadt gekommen war --
tanzten mit Toms und Christians Freunden --, darunter auch Andreas
Gieseke, Sohn des Branddirektors und _studiosus iuris_, sowie Stephan
und Eduard Kistenmaker, von »Kistenmaker & Sohn« --, im Eßsaale und auf
dem Korridor, der zu diesem Behufe mit Talkum bestreut worden war ...
Für das Poltern sorgte in erster Linie Konsul Peter Döhlmann, der auf
den Steinfliesen der großen Diele alle irdenen Töpfe zerschlug, deren er
habhaft werden konnte.

Frau Stuht aus der Glockengießerstraße hatte wieder einmal Gelegenheit,
in den ersten Kreisen zu verkehren, indem sie Mamsell Jungmann und die
Schneiderin am Hochzeitstage bei Tonys Toilette unterstützte. Sie hatte,
strafe sie Gott, niemals eine schönere Braut gesehen, lag, so dick sie
war, auf den Knien und befestigte mit bewundernd erhobenen Augen die
kleinen Myrtenzweiglein auf der weißen _moirée antique_ ... Dies geschah
im Frühstückszimmer. Herr Grünlich wartete in langschößigem Frack und
seidener Weste vor der Tür. Sein rosiges Gesicht zeigte einen ernsten
und korrekten Ausdruck; auf der Warze an seinem linken Nasenflügel
bemerkte man ein wenig Puder, und seine goldgelben Favoris waren mit
Sorgfalt frisiert.

Droben in der Säulenhalle, denn dort sollte die Trauung stattfinden,
hatte sich die Familie versammelt -- eine stattliche Gesellschaft! Da
saßen die alten Krögers, ein wenig kümmerlich beide schon, aber wie
stets die distinguiertesten Erscheinungen. Da waren Konsul Krögers mit
ihren Söhnen Jürgen und Jakob, welch letzterer, wie die Verwandten
Duchamps, von Hamburg gekommen war. Da war Gotthold Buddenbrook und
seine Frau, die geborene Stüwing, mit Friederike, Henriette und Pfiffi,
die sich leider alle drei wohl nicht mehr verheiraten würden ... Da war
die mecklenburgische Nebenlinie durch Klothildens Vater, Herrn Bernhardt
Buddenbrook vertreten, der von »Ungnade« hereingekommen war und mit
großen Augen das unerhört herrschaftliche Haus seines reichen Verwandten
betrachtete. Die in Frankfurt hatten nur Geschenke geschickt, denn die
Reise war doch zu umständlich ... An ihrer Stelle aber waren, als
einzige, die nicht der Familie zugehörten, Doktor Grabow, der Hausarzt,
und Mamsell Weichbrodt, Tonys mütterliche Freundin, zugegen -- Sesemi
Weichbrodt mit ganz neuen grünen Haubenbändern über den Seitenlocken und
einem schwarzen Kleidchen. »Sei glöcklich, du =gutes= Kind!« sagte sie,
als Tony an Herrn Grünlichs Seite in der Säulenhalle erschien, reckte
sich empor und küßte sie mit leise knallendem Geräusch auf die Stirn. --
Die Familie war zufrieden mit der Braut; Tony sah hübsch, unbefangen und
heiter aus, wenn auch ein wenig blaß vor Neugier und Reisefieber.

Die Halle war mit Blumen geschmückt und ein Altar an ihrer rechten Seite
errichtet worden. Pastor Kölling von St. Marien hielt die Trauung, wobei
er mit starken Worten im besonderen zur =Mäßigkeit= ermahnte. Alles
verlief nach Ordnung und Brauch. Tony brachte ein naives und gutmütiges
»Ja« heraus, während Herr Grünlich zuvor »Hä-ä-hm!« sagte, um seine
Kehle zu reinigen. Dann ward ganz außerordentlich gut und viel
gegessen.

... Während droben im Saale die Gäste, mit dem Pastor in ihrer Mitte, zu
speisen fortfuhren, geleiteten der Konsul und seine Gattin das junge
Paar, das sich reisefertig gemacht hatte, in die weißnebelige Schneeluft
hinaus. Der große Reisewagen hielt, mit Koffern und Taschen bepackt, vor
der Haustür.

Nachdem Tony mehrere Male die Überzeugung ausgesprochen hatte, daß sie
sehr bald zu Besuch nach Hause kommen und daß auch der Besuch der Eltern
in Hamburg nicht lange auf sich warten lassen werde, stieg sie guten
Mutes in die Kutsche und ließ sich von der Konsulin sorgfältig in die
warme Pelzdecke hüllen. Auch ihr Gatte nahm Platz.

»Und ... Grünlich«, sagte der Konsul, »die neuen Spitzen liegen in der
kleineren Handtasche zu oberst. Sie nehmen sie vor Hamburg ein bißchen
unter den Paletot, wie? Diese Akzise ... man muß das nach Möglichkeit
umgehen. Leben Sie wohl! Leb' wohl, noch einmal, meine liebe Tony! Gott
sei mit dir!«

»Sie werden doch in Arensburg gute Unterkunft finden?« fragte die
Konsulin ...

»Bestellt, teuerste Mama, alles bestellt!« antwortete Herr Grünlich.

Anton, Line, Trine, Sophie verabschiedeten sich von »Ma'm Grünlich« ...

Man war im Begriffe, den Schlag zu schließen, als Tony von einer
plötzlichen Bewegung überkommen ward. Trotz der Umstände, die es
verursachte, wickelte sie sich noch einmal aus der Reisedecke heraus,
stieg rücksichtslos über Herrn Grünlichs Knie hinweg, der zu murren
begann, und umarmte mit Leidenschaft ihren Vater.

»Adieu, Papa ... Mein guter Papa!« Und dann flüsterte sie ganz leise:
»Bist du zufrieden mit mir?«

Der Konsul preßte sie einen Augenblick wortlos an sich; dann schob er
sie ein wenig von sich und schüttelte mit innigem Nachdruck ihre beiden
Hände ...

Hierauf war alles bereit. Der Schlag knallte, der Kutscher schnalzte,
die Pferde zogen an, daß die Scheiben klirrten, und die Konsulin ließ
ihr Batisttüchlein im Winde spielen, bis der Wagen, der rasselnd die
Straße hinunterfuhr, im Schneenebel zu verschwinden begann.

Der Konsul stand gedankenvoll neben seiner Gattin, die ihre Pelzpelerine
mit graziöser Bewegung fester um die Schultern zog.

»Da fährt sie hin, Bethsy.«

»Ja, Jean, das Erste, das davongeht. -- Glaubst du, daß sie glücklich
ist mit ihm?«

»Ach, Bethsy, sie ist zufrieden mit sich selbst; das ist das solideste
Glück, das wir auf Erden erlangen können.«

Sie kehrten zu ihren Gästen zurück.


Fünfzehntes Kapitel

Thomas Buddenbrook ging die Mengstraße hinunter bis zum »Fünfhausen«. Er
vermied es, oben herum durch die Breitestraße zu gehen, um nicht der
vielen Bekannten wegen den Hut beständig in der Hand tragen zu müssen.
Beide Hände in den weiten Taschen seines warmen, dunkelgrauen
Kragenmantels schritt er ziemlich in sich gekehrt über den
hartgefrorenen, kristallisch aufblitzenden Schnee, der unter seinen
Stiefeln knarrte. Er ging seinen eigenen Weg, von dem niemand wußte ...
Der Himmel leuchtete hell, blau und kalt; es war eine frische, herbe,
würzige Luft, ein windstilles, hartes, klares und reinliches Wetter von
fünf Grad Frost, ein Februartag sondergleichen.

Thomas schritt den »Fünfhausen« hinunter, er durchquerte die Bäckergrube
und gelangte durch eine schmale Querstraße in die Fischergrube. Diese
Straße, die in gleicher Richtung mit der Mengstraße steil zur Trave hin
abfiel, verfolgte er ein paar Schritte weit abwärts, bis er vor einem
kleinen Hause stand, einem ganz bescheidenen Blumenladen mit schmaler
Tür und dürftigem Schaufensterchen, in dem ein paar Töpfe mit
Zwiebelgewächsen nebeneinander auf einer grünen Glasscheibe standen.

Er trat ein, wobei die Blechglocke oben an der Tür zu kleffen begann wie
ein wachsames Hündchen. Drinnen vorm Ladentisch stand im Gespräch mit
der jungen Verkäuferin eine kleine, dicke, ältliche Dame in türkischem
Umhang. Sie wählte unter einigen Blumentöpfen, prüfte, roch, mäkelte und
schwatzte, daß sie beständig genötigt war, sich mit dem Schnupftuch den
Mund zu wischen. Thomas Buddenbrook grüßte sie höflich und trat zur
Seite ... Sie war eine unbegüterte Verwandte der Langhals', eine
gutmütige und schwatzhafte alte Jungfer, die den Namen einer Familie aus
der ersten Gesellschaft trug, ohne dieser Gesellschaft doch zuzugehören,
die nicht zu großen Diners und Bällen, sondern nur zu kleinen
Kaffeezirkeln gebeten ward und mit wenigen Ausnahmen von aller Welt
»Tante Lottchen« genannt wurde. Einen in Seidenpapier gewickelten
Blumentopf unter dem Arme, wandte sie sich zur Tür, und Thomas sagte,
nachdem er aufs neue gegrüßt hatte, mit lauter Stimme zum Ladenmädchen:
»Geben Sie mir ... ein paar Rosen, bitte ... Ja, gleichgültig. _La
France_ ...«

Dann als Tante Lottchen die Tür hinter sich geschlossen hatte und
verschwunden war, sagte er leiser: »So, leg' nur wieder weg, Anna ...
Guten Tag, kleine Anna! Ja, heute bin ich recht schweren Herzens
gekommen.«

Anna trug eine weiße Schürze über ihrem schwarzen, schlichten Kleide.
Sie war wunderbar hübsch. Sie war zart wie eine Gazelle und besaß einen
beinahe malaiischen Gesichtstypus: ein wenig hervorstehende
Wangenknochen, schmale, schwarze Augen voll eines weichen Schimmers und
einen mattgelblichen Teint, wie er weit und breit nicht ähnlich zu
finden war. Ihre Hände, von derselben Farbe, waren schmal und für ein
Ladenmädchen von außerordentlicher Schönheit.

Sie ging hinter dem Verkaufstisch an das rechte Ende des kleinen Ladens,
wo man durchs Schaufenster nicht gesehen werden konnte. Thomas folgte
ihr diesseits des Tisches, beugte sich hinüber und küßte sie auf die
Lippen und die Augen.

»Du bist ganz verfroren, du Ärmster!« sagte sie.

»Fünf Grad!« sagte Tom ... »Ich habe nichts gemerkt, ich ging ziemlich
traurig hierher.«

Er setzte sich auf den Ladentisch, behielt ihre Hand in der seinen und
fuhr fort: »Ja, hörst du, Anna?... heute müssen wir nun vernünftig sein.
Es ist so weit.«

»Ach Gott ...!« sagte sie kläglich und erhob voll Furcht und Kummer ihre
Schürze ...

»Einmal mußte es doch herankommen, Anna ... So! nicht weinen! Wir
wollten doch vernünftig sein, wie? -- Was ist da zu tun? Dergleichen muß
durchgemacht werden.«

»Wann ...?« fragte Anna schluchzend.

»Übermorgen.«

»Ach Gott ... warum übermorgen? Eine Woche noch ... Bitte!... Fünf
Tage!...«

»Das geht nicht, liebe kleine Anna. Alles ist bestimmt und in Ordnung
... Sie erwarten mich in Amsterdam ... Ich könnte auch nicht einen Tag
zulegen, wenn ich es noch so gerne wollte!«

»Und das ist so fürchterlich weit fort ...!«

»Amsterdam? Pah! gar nicht! Und =denken= kann man doch immer aneinander,
wie? Und ich schreibe! Paß auf, ich schreibe, sowie ich dort bin ...«

»Weißt du noch ...«, sagte sie, »vor einundeinhalb Jahren? Beim
Schützenfest?...«

Er unterbrach sie entzückt ...

»Gott, ja, einundeinhalb Jahre!... Ich hielt dich für eine Italienerin
... Ich kaufte eine Nelke und steckte sie ins Knopfloch ... Ich habe sie
noch ... Ich nehme sie mit nach Amsterdam ... Was für ein Staub und eine
Hitze war auf der Wiese!...«

»Ja, du holtest mir ein Glas Limonade aus der Bude nebenan ... Ich
erinnere das wie heute! Alles roch nach Schmalzgebäck und Menschen ...«

»Aber schön war es doch! Sahen wir uns nicht gleich an den Augen an, was
für eine Bewandtnis es mit uns hatte?«

»Und du wolltest mit mir Karussell fahren ... aber das ging nicht; ich
mußte doch verkaufen! Die Frau hätte gescholten ...«

»Nein, es ging nicht, Anna, das sehe ich vollkommen ein.«

Sie sagte leise: »Und es ist auch das Einzige geblieben, was ich dir
abgeschlagen habe.«

Er küßte sie aufs neue, auf die Lippen und die Augen.

»Adieu, meine liebe, gute, kleine Anna!... Ja, man muß anfangen, Adieu
zu sagen!«

»Ach, du kommst doch morgen noch einmal wieder?«

»Ja, sicher, um diese Zeit. Und auch übermorgen früh noch, wenn ich mich
irgend losmachen kann ... Aber jetzt will ich dir eines sagen, Anna ...
Ich gehe nun ziemlich weit fort, ja, es ist immerhin recht weit,
Amsterdam ... und du bleibst hier zurück. Aber wirf dich nicht weg,
hörst du, Anna?... Denn bis jetzt hast du dich =nicht= weggeworfen, das
sage ich dir!«

Sie weinte in ihre Schürze, die sie mit ihrer freien Hand vors Gesicht
hielt.

»Und du?... Und du?...«

»Das weiß Gott, Anna, wie die Dinge gehen werden! Man bleibt nicht immer
jung ... du bist ein kluges Mädchen, du hast niemals etwas von heiraten
gesagt und dergleichen ...«

»Nein, behüte!... daß ich das von dir verlange ...«

»Man wird getragen, siehst du ... Wenn ich am Leben bin, werde ich das
Geschäft übernehmen, werde eine Partie machen ... ja, ich bin offen
gegen dich, beim Abschied ... Und auch du ... das wird so gehen ... Ich
wünsche dir alles Glück, meine liebe, gute, kleine Anna! Aber wirf dich
nicht weg, hörst du?... Denn bis jetzt hast du dich =nicht= weggeworfen,
das sage ich dir ...!«

Hier drinnen war es warm. Ein feuchter Duft von Erde und Blumen lag in
dem kleinen Laden. Draußen schickte schon die Wintersonne sich an,
unterzugehen. Ein zartes, reines und wie auf Porzellan gemalt blasses
Abendrot schmückte jenseits des Flusses den Himmel. Das Kinn in die
aufgeschlagenen Kragen ihrer Überzieher versteckt, eilten die Leute am
Schaufenster vorüber und sahen nichts von den beiden, die in dem Winkel
des kleinen Blumenladens voneinander Abschied nahmen.




Vierter Teil


Erstes Kapitel

                                             Den 30. April 1846.

Meine liebe Mama,

tausend Dank für Deinen Brief, in welchem Du mir Armgard von Schillings
Verlobung mit Herrn von Maiboom auf Pöppenrade mitteiltest. Armgard
selbst hat mir ebenfalls eine Anzeige geschickt (sehr vornehm, Goldrand)
und dazu einen Brief geschrieben, in dem sie sich äußerst entzückt über
den Bräutigam ausläßt. Es soll ein bildschöner Mann sein und von
vornehmem Wesen. Wie glücklich sie sein muß! Alles heiratet; auch aus
München habe ich eine Anzeige von Eva Ewers. Sie bekömmt einen
Brauereidirektor.

Aber nun muß ich Dich eines fragen, liebe Mama: warum nämlich noch immer
nichts über einen Besuch von Konsul Buddenbrooks hierselbst verlautet!
Wartet Ihr vielleicht auf eine offizielle Einladung Grünlichs? Das wäre
nicht nötig, denn er denkt, glaube ich, gar nicht daran, und wenn ich
ihn erinnere, so sagt er: Ja, ja, Kind, Dein Vater hat anderes zu tun.
Oder glaubt Ihr vielleicht, Ihr stört mich? Ach nein, nicht im
allergeringsten! Oder glaubt Ihr vielleicht, Ihr macht mir nur wieder
Heimweh? Du lieber Gott, ich bin doch eine verständige Frau, ich stehe
mitten im Leben und bin gereift.

Soeben war ich zum Kaffee bei Madame Käselau, in der Nähe; es sind
angenehme Leute, und auch unsere Nachbarn linkerhand, namens Gußmann
(aber die Häuser liegen ziemlich weit voneinander), sind umgängliche
Menschen. Wir haben ein paar gute Hausfreunde, die beide ebenfalls hier
draußen wohnen: den Doktor Klaaßen (von welchem ich Dir nachher noch
werde erzählen müssen) und den Bankier Kesselmeyer, Grünlichs intimen
Freund. Du glaubst nicht, was für ein komischer alter Herr das ist! Er
hat einen weißen, geschorenen Backenbart und schwarz-weiße dünne Haare
auf dem Kopf, die aussehen wie Flaumfedern und in jedem Luftzuge
flattern. Da er auch so drollige Kopfbewegungen hat wie ein Vogel und
ziemlich geschwätzig ist, nenne ich ihn immer »die Elster«; aber
Grünlich verbietet mir dies, denn er sagt, die Elster stehle, Herr
Kesselmeyer aber sei ein Ehrenmann. Beim Gehen bückt er sich und rudert
mit den Armen. Seine Flaumfedern reichen nur bis zur Hälfte des
Hinterkopfes, und von da an ist sein Nacken ganz rot und rissig. Er hat
etwas so äußerst Fröhliches an sich! Manchmal klopft er mir auf die
Wange und sagt: Sie gute kleine Frau, welch Gottessegen für Grünlich,
daß er Sie bekommen hat! Dann sucht er einen Zwicker hervor (er hat
stets drei davon bei sich, an langen Schnüren, die sich beständig auf
seiner weißen Weste verwickeln), schlägt ihn sich auf die Nase, die er
ganz kraus dabei macht, und sieht mich mit offenem Munde so vergnüglich
an, daß ich ihm laut ins Gesicht lache. Aber das nimmt er gar nicht
übel.

Grünlich selbst ist viel beschäftigt, fährt morgens mit unserem kleinen
gelben Wagen zur Stadt und kommt oft erst spät nach Hause. Manchmal
sitzt er bei mir und liest die Zeitung.

Wenn wir in Gesellschaft fahren, zum Beispiel zu Kesselmeyer oder Konsul
Goudstikker am Alsterdamm oder Senator Bock in der Rathausstraße, so
müssen wir eine Mietkutsche nehmen. Ich habe Grünlich schon oft um
Anschaffung eines Coupés gebeten, denn das ist nötig hier draußen. Er
hat es mir auch halb und halb versprochen, aber er begibt sich
merkwürdigerweise überhaupt nicht gern mit mir in Gesellschaft und sieht
es augenscheinlich nicht gern, wenn ich mich mit den Leuten in der Stadt
unterhalte. Sollte er eifersüchtig sein?

Unsere Villa, die ich Dir schon eingehend beschrieb, liebe Mama, ist
wirklich sehr hübsch und hat sich durch neuerliche Möbelanschaffungen
noch verschönert. Gegen den Salon im Hochparterre hättest Du nichts
einzuwenden: ganz in brauner Seide. Das Eßzimmer nebenan ist sehr hübsch
getäfelt; die Stühle haben 25 Kurant-Mark das Stück gekostet. Ich sitze
im Penseezimmer, das als Wohnstube dient. Dann ist da noch ein Rauch-
und Spielkabinett. Der Saal, der jenseits des Korridors die andere
Hälfte des Parterres einnimmt, hat jetzt noch gelbe Stores bekommen und
nimmt sich vornehm aus. Oben sind Schlaf-, Bade-, Ankleide- und
Dienerschaftszimmer. Für den gelben Wagen haben wir einen kleinen Groom.
Mit den beiden Mädchen bin ich ziemlich zufrieden. Ich weiß nicht, ob
sie ganz ehrlich sind; aber Gott sei Dank brauche ich ja nicht auf jeden
Dreier zu sehen! Kurz, es ist alles, wie es unserem Namen zukommt.

Nun aber kommt etwas, liebe Mama, das Wichtigste, welches ich mir bis
zum Schlusse aufgehoben. Vor einiger Zeit nämlich fühlte ich mich ein
bißchen sonderbar, weißt Du, nicht ganz gesund und doch wieder noch
anders; bei Gelegenheit sagte ich es dem Doktor Klaaßen. Das ist ein
ganz kleiner Mensch mit einem großen Kopf und einem noch größeren
geschweiften Hut darauf. Immer drückt er sein spanisches Rohr, das als
Griff eine runde Knochenplatte hat, an seinen langen Kinnbart, der
beinahe hellgrün ist, weil er ihn lange Jahre schwarz gefärbt hat. Nun,
Du hättest ihn sehen sollen! Er antwortete gar nicht, rückte an seiner
Brille, zwinkerte mit seinen roten Äuglein, nickte mir mit seiner
Kartoffelnase zu, kicherte und musterte mich so impertinent, daß ich
nicht wußte, wo ich bleiben sollte. Dann untersuchte er mich und sagte,
alles lasse sich aufs prächtigste an, nur müsse ich Mineralwasser
trinken, denn ich sei vielleicht ein =bißchen= bleichsüchtig. -- O Mama,
vertraue es dem guten Papa ganz vorsichtig an, damit er es in die
Familienpapiere schreibt. Sobald als möglich hörst Du Weiteres!

Grüße Papa, Christian, Klara, Thilda und Ida Jungmann innig von mir. An
Thomas, nach Amsterdam, habe ich kürzlich geschrieben.

                          Deine treugehorsame Tochter
                                                      =Antonie=.

                                             Den 2. August 1846.

Mein lieber Thomas,

mit Vergnügen habe ich Deine Mitteilungen über Dein Zusammensein mit
Christian in Amsterdam empfangen; es mögen einige fröhliche Tage gewesen
sein. Ich habe über Deines Bruders Weiterreise über Ostende nach England
noch keine Nachrichten, hoffe jedoch zu Gott, daß sie glücklich
vonstatten gegangen sein wird. Möchte es doch, nachdem Christian sich
entschlossen, den wissenschaftlichen Beruf fahren zu lassen, noch nicht
zu spät für ihn sein, bei seinem Prinzipale Mr. Richardson etwas
Tüchtiges zu lernen, und möchte seine merkantile Laufbahn von Erfolg und
Segen begleitet sein! Mr. Richardson (Threedneedle Street) ist, wie Du
weißt, ein naher Geschäftsfreund meines Hauses. Ich schätze mich
glücklich, meine beiden Söhne in Firmen untergebracht zu haben, die mir
freundschaftlichst verbunden sind. Den Segen davon darfst Du jetzt schon
verspüren: Ich empfinde vollkommene Genugtuung, daß Herr van der Kellen
Dein Salair bereits in diesem Vierteljahr erhöht hat und Dir weiterhin
Nebenverdienste einräumen wird; ich bin überzeugt, daß Du durch ein
tüchtig Führen Dich dieses Entgegenkommens würdig gezeigt hast und
zeigen wirst.

Bei alledem schmerzt es mich, daß Deine Gesundheit sich nicht völlig auf
der Höhe befindet. Was Du mir von Nervosität geschrieben, gemahnte mich
an meine eigene Jugend, als ich in Antwerpen arbeitete und von dort nach
Ems gehen mußte, um die Kur zu gebrauchen. Wenn etwas ähnliches sich für
Dich als nötig erweisen sollte, mein Sohn, so bin ich, versteht sich,
bereit, Dir mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, wiewohl ich für uns
andere derartige Ausgaben in diesen politisch unruhigen Zeiten scheue.

Immerhin haben Deine Mutter und ich um die Mitte des Junius eine Fahrt
nach Hamburg unternommen, um Deine Schwester Tony zu besuchen. Ihr Gatte
hatte uns nicht aufgefordert, empfing uns jedoch mit großer Herzlichkeit
und widmete sich uns während der zwei Tage, die wir bei ihm verbrachten,
so vollständig, daß er sein Geschäft vernachlässigte und mir kaum Zeit
zu einer Visite in der Stadt bei Duchamps' ließ. Antonie befand sich im
fünften Monat; ihr Arzt versicherte, daß alles in normaler und
erfreulicher Weise verlaufen werde. --

Noch möchte ich eines Briefes des Herrn van der Kellen erwähnen, dem ich
mit Freude entnahm, daß Du auch privatim in seinem Familienkreise ein
gern gesehener Gast bist. Du bist nun, mein Sohn, in dem Alter, wo Du
die Früchte der Erziehung zu ernten beginnst, die Deine Eltern Dir
zuteil werden ließen. Es möge Dir als Ratschlag dienen, daß ich in
Deinem Alter, sowohl in Bergen als in Antwerpen, es mir immer angelegen
sein ließ, mich meinen =Prinzipalinnen= dienstlich und angenehm zu
machen, was mir zum höchsten Vorteil gereicht hat. Abgesehen selbst von
der ehrenden Annehmlichkeit eines näheren Verkehrs mit der
Vorstandsfamilie, schafft man sich in der Prinzipalin eine fördernde
Fürsprecherin, wenn der allerdings möglichst zu vermeidende,
nichtsdestoweniger mögliche Fall eintreten sollte, daß ein Versehen im
Geschäft sich ereignete oder die Zufriedenheit des Prinzipals hie oder
da zu wünschen übrigließe. --

Was Deine geschäftlichen Zukunftspläne angeht, mein Sohn, so erfreuen
sie mich durch das lebhafte Interesse, das sich in ihnen ausspricht,
ohne zwar, daß ich ihnen vollkommen beizustimmen vermöchte. Du gehst von
der Ansicht aus, daß der Absatz derjenigen Produkte, welche die Umgegend
unserer Vaterstadt hervorbringe, als: Getreide, Rappsaat, Häute und
Felle, Wolle, Öl, Ölkuchen, Knochen usw. das natürlichste, nachhaltigste
Geschäft Deiner Vaterstadt sei und denkst Dich neben dem
Kommissionshandel vorzugsweise jener Branche zuzuwenden. Ich habe mich
zu einer Zeit, als die Konkurrenz in diesem Geschäftszweige noch sehr
gering war (während sie jetzt erheblich gewachsen), gleichfalls mit
diesem Gedanken beschäftigt und, soweit Raum und Gelegenheit dazu
vorlagen, auch einige Experimente gemacht. Meine Reise nach England
hatte hauptsächlich den Zweck, auch in diesem Lande Verbindungen für
meine Unternehmungen nachzusuchen. Ich ging zu diesem Ende bis
Schottland hinauf und machte manche nutzbringende Bekanntschaften,
erkannte aber alsbald auch den gefährlichen Charakter, welchen die
Exportgeschäfte dorthin an sich trugen, weshalb eine weitere
Kultivierung derselben in der Folge auch unterblieb, zumal ich immer des
Mahnwortes eingedenk gewesen bin, welches unser Vorfahr, der Gründer der
Firma, uns hinterlassen: »Mein Sohn, sey mit Lust bey den Geschäften am
Tage, aber mache nur solche, daß wir bey Nacht ruhig schlafen können!«

Diesen Grundsatz gedenke ich heilig zu halten bis an mein Lebensende,
obgleich man ja hie und da in Zweifel geraten kann angesichts von
Leuten, die ohne solche Prinzipien scheinbar besser fahren. Ich denke an
Strunck & Hagenström, die eminent im Wachsen begriffen sind, während
unsere Angelegenheiten einen allzu ruhigen Gang gehen. Du weißt, daß das
Haus nach der Verkleinerung infolge des Todes Deines Großvaters nicht
mehr gewachsen ist, und ich bete zu Gott, daß ich Dir die Geschäfte
wenigstens in dem jetzigen Zustande werde hinterlassen können. An dem
Prokuristen Herrn Marcus habe ich ja einen erfahrenen und bedächtigen
Helfer. Wenn nur die Familie Deiner Mutter ihre Groschen ein wenig
besser beieinander halten wollte; die Erbschaft wird für uns von so
großer Wichtigkeit sein!

Ich bin mit geschäftlichen und städtischen Arbeiten außerordentlich
überhäuft. Ich bin Ältermann des Bergenfahrer-Kollegiums, und hat man
mich sukzessive zum bürgerlichen Deputierten fürs Finanzdepartement, das
Kommerzkollegium, die Rechnungsrevisionsdeputation und das St.
Annen-Armenhaus gewählt.

Deine Mutter, Klara und Klothilde grüßen Dich herzlich. Auch haben mir
mehrere Herren: die Senatoren Möllendorpf und Doktor Överdieck, Konsul
Kistenmaker, der Makler Gosch, C. F. Köppen sowie im Kontor Herr Marcus
und die Kapitäne Kloot und Klötermann Grüße an Dich aufgetragen. Gottes
Segen mit Dir, mein Sohn! Arbeite, bete und spare!

                                In sorgender Liebe
                                                   Dein =Vater=.

                                            Den 8. Oktober 1846.

Liebe und hochverehrte Eltern!

Unterfertigter sieht sich in der angenehmen Lage, Sie von der vor einer
halben Stunde erfolgten, glücklichen Niederkunft Ihrer Tochter, meiner
innig geliebten Gattin Antonie zu benachrichtigen. Es ist nach Gottes
Willen ein Mädchen, und finde ich keine Worte, zu sagen, wie freudig
bewegt ich bin. Das Befinden der teuren Wöchnerin sowie des Kindes ist
ein ausgezeichnetes, und zeigte sich Doktor Klaaßen völligst vom
Verlaufe der Sache befriedigt. Auch Frau Großgeorgis, die Hebamme, sagt,
es wäre gar nichts gewesen. -- Die Erregung zwingt mich, die Feder
niederzulegen. Ich empfehle mich den würdigsten Eltern in
hochachtungsvoller Zärtlichkeit.

                                                  =B. Grünlich.=

Wenn es ein Junge wäre, so wüßte ich einen sehr hübschen Namen. Jetzt
möchte ich sie Meta nennen, aber Gr. ist für Erika.

                                                              T.


Zweites Kapitel

»Was fehlt dir, Bethsy?« sagte der Konsul, als er zu Tische kam und den
Teller erhob, mit dem man seine Suppe bedeckt hatte. »Fühlst du dich
unwohl? Was hast du? Mir scheint du siehst leidend aus?«

Der runde Tisch in dem weitläufigen Speisesaal war sehr klein geworden.
Außer den Eltern saßen alltäglich nur Mamsell Jungmann, die zehnjährige
Klara und die hagere, demütige und still essende Klothilde daran. Der
Konsul blickte umher ... alle Gesichter waren lang und bekümmert. Was
war geschehen? Er selbst war nervös und sorgenvoll, denn die Börse ward
in Unruhe gehalten von dieser verzwickten schleswig-holsteinischen
Angelegenheit ... Und noch eine andere Unruhe lag in der Luft: Später,
als Anton hinausgegangen war, um das Fleischgericht zu holen, erfuhr der
Konsul, was im Hause vorgefallen war. Trina, die Köchin Trina, ein
Mädchen, das bislang nur Treue und Biedersinn an den Tag gelegt hatte,
war plötzlich zu unverhüllter Empörung übergegangen. Zum großen Verdrusse
der Konsulin unterhielt sie seit einiger Zeit eine Freundschaft, eine
Art von geistigem Bündnis mit einem Schlachtergesellen, und dieser ewig
blutige Mensch mußte die Entwicklung ihrer politischen Ansichten in der
nachteiligsten Weise beeinflußt haben. Als die Konsulin ihr wegen einer
mißratenen Chalottensauce einen Verweis hatte zuteil werden lassen,
hatte sie die nackten Arme in die Hüften gestemmt und sich wie folgt
geäußert: »Warten Sie man bloß, Fru Konsulin, dat duert nu nich mehr
lang, denn kommt ne annere Ordnung in de Saak; denn sitt =ick= doar
up'm Sofa in' sieden Kleed, un =Sei= bedeinen mich denn ...«
Selbstverständlich war ihr sofort gekündigt worden.

Der Konsul schüttelte den Kopf. Er selbst hatte in letzter Zeit
allerhand Besorgniserregendes verspüren müssen. Freilich, die älteren
Träger und Speicherarbeiter waren bieder genug, sich nichts in den Kopf
setzen zu lassen; aber unter den jungen Leuten hatte dieser und jener
durch sein Benehmen Zeugnis davon gegeben, daß der neue Geist der
Empörung sich tückisch Einlaß zu verschaffen gewußt hatte ... Im
Frühjahr hatte ein Straßenkrawall stattgefunden, obgleich eine neue
Verfassung, die den Anforderungen der neuen Zeit entsprach, bereits im
Entwurf vorhanden war, welcher ein wenig später, trotz des Widerspruches
Lebrecht Krögers und einiger anderer störrischer alter Herren, durch
Senatsdekret zum Staatsgrundgesetz erhoben wurde. Volksvertreter wurden
gewählt, eine Bürgerschaft trat zusammen. Aber es gab keine Ruhe. Die
Welt war ganz in Unordnung. Jeder wollte die Verfassung und das
Wahlrecht revidieren, und die Bürger zankten sich. »Ständisches
Prinzip!« sagten die einen; auch Johann Buddenbrook, der Konsul, sagte
es. »Allgemeines Wahlrecht!« sagten die anderen; auch Hinrich Hagenström
sagte es. Noch andere schrien: »Allgemeine Ständewahl!« und vielleicht
wußten sie sogar, was darunter zu verstehen war. Dann schwirrten noch
solche Ideen in der Luft umher wie Aufhebung des Unterschiedes zwischen
Bürgern und Einwohnern, Ausdehnung der Möglichkeit, das Bürgerrecht zu
erlangen, auch auf Nichtchristen ... Kein Wunder, daß Buddenbrooks Trina
auf Gedanken verfiel, wie der mit dem Sofa und dem seidenen Kleid! Ach,
es sollte noch ärger kommen. Die Dinge drohten eine fürchterliche
Wendung zu nehmen ...

Es war ein erster Oktobertag des Jahres achtundvierzig, ein blauer
Himmel mit einigen leichten, schwebenden Wolken daran, silberweiß
durchleuchtet von einer Sonne, deren Kraft freilich nicht mehr so groß
war, daß nicht hinter dem hohen, blanken Gitter im Landschaftszimmer
schon der Ofen geknistert hätte.

Die kleine Klara, ein dunkelblondes Kind mit ziemlich strengen Augen,
saß mit einer Strickerei vorm Nähtische am Fenster, während Klothilde,
auf gleiche Weise beschäftigt, den Sofaplatz neben der Konsulin
innehatte. Obgleich Klothilde Buddenbrook nicht viel älter war als ihre
verheiratete Kusine, also erst einundzwanzig Jahre zählte, begann ihr
langes Gesicht bereits scharfe Linien zu zeigen, und ihr
glattgescheiteltes Haar, das niemals blond, sondern von jeher mattgrau
gewesen, trug dazu bei, daß das Bild der alten Jungfer schon fertig war.
Sie war zufrieden damit, sie tat nichts, um dem abzuhelfen. Vielleicht
war es ihr Bedürfnis, schnell alt zu werden, um schnell über alle
Zweifel und Hoffnungen hinauszugelangen. Da sie keinen Silbergroschen
besaß, so wußte sie, daß niemand in der weiten Welt sich finden würde,
sie zu heiraten, und mit Demut sah sie ihrer Zukunft entgegen, die darin
bestand, in irgendeiner kleinen Stube eine kleine Rente zu verzehren,
die ihr mächtiger Onkel ihr aus der Kasse irgendeiner wohltätigen
Anstalt für arme Mädchen aus angesehener Familie verschaffen würde.

Die Konsulin ihrerseits war mit der Lektüre zweier Briefe beschäftigt.
Tony erzählte von dem glücklichen Gedeihen der kleinen Erika, und
Christian berichtete eifrig von dem Londoner Leben und Treiben, ohne
freilich seiner Tätigkeit bei Mr. Richardson eingehend zu erwähnen ...
Die Konsulin, die sich der Mitte der Vierziger näherte, beklagte sich
bitterlich über das Schicksal der blonden Frauen, so rasch zu altern.
Der zarte Teint, der einem rötlichen Haar entspricht, wird in diesen
Jahren trotz aller Erfrischungsmittel matt, und das Haar selbst würde
unerbittlich zu ergrauen beginnen, wenn man nicht Gott sei Dank das
Rezept einer Pariser Tinktur besäße, die das fürs erste verhütete. Die
Konsulin war entschlossen, niemals weiß zu werden. Wenn das Färbemittel
sich nicht mehr als tauglich erwiese, so würde sie eine Perücke von der
Farbe ihres jugendlichen Haares tragen ... Auf der Höhe ihrer noch immer
kunstvollen Coiffure war eine kleine, von weißen Spitzen umgebene
seidene Schleife angebracht: der Beginn, die erste Andeutung einer
Haube. Ihr seidener Kleiderrock umgab sie weit und bauschig; ihre
glockenförmigen Ärmel waren mit steifem Mull unterlegt. Wie stets
klirrten ein paar goldene Reifen leise an ihrem Handgelenk. -- Es war
drei Uhr nachmittags.

Plötzlich wurde Rufen und Schreien, eine Art von übermütigem Johlen,
Pfeifen und das Gestampf vieler Schritte auf der Straße vernehmbar, ein
Lärm, der sich näherte und anwuchs ...

»Mama, was ist das?« sagte Klara, die durchs Fenster und in den »Spion«
blickte. »All die Leute ... Was haben sie? Worüber freuen sie sich so?«

»Mein Gott!« rief die Konsulin, indem sie die Briefe von sich warf,
angstvoll aufsprang und zum Fenster eilte. »Sollte es ... O mein Gott,
ja, die Revolution ... Es ist das Volk ...«

Die Sache war die, daß während des ganzen Tages bereits Unruhen in der
Stadt geherrscht hatten. In der Breiten Straße war am Morgen die
Schaufensterscheibe des Tuchhändlers Benthien vermittels Steinwurfes
zertrümmert worden, wobei Gott allein wußte, was das Fenster des Herrn
Benthien mit der hohen Politik zu schaffen hatte.

»Anton?!« rief die Konsulin mit bebender Stimme in den Eßsaal hinüber,
wo der Bediente mit dem Silberzeug hantierte ... »Anton, geh hinunter!
Schließe die Haustür! Mach' alles zu! Es ist das Volk ...«

»Ja, Frau Konsulin!« sagte Anton. »Kann ich das auch wagen? Ich bin ein
Herrschaftsknecht ... Wenn sie meine Livree zu sehen kriegen ...«

»Die bösen Menschen«, sagte Klothilde traurig und gedehnt, ohne ihrer
Handarbeit Einhalt zu tun. -- In diesem Augenblick kam der Konsul durch
die Säulenhalle und trat durch die Glastür ein. Er trug seinen Paletot
über dem Arm und den Hut in der Hand.

»Du willst ausgehen, Jean?« fragte die Konsulin entsetzt ...

»Ja, Liebe, ich muß in die Bürgerschaft ...«

»Aber das Volk, Jean, die Revolution ...«

»Ach, lieber Gott, das ist nicht so ernst, Bethsy ... Wir stehen in
Gottes Hand. Sie sind schon am Hause vorüber. Ich gehe durch das
Hinterhaus ...«

»Jean, wenn du mich lieb hast ... Du willst dich dieser Gefahr
aussetzen, willst uns hier allein lassen ... Oh, ich ängstige mich, ich
ängstige mich!«

»Liebste, ich bitte dich, du echauffierst dich auf eine Weise ... die
Leute werden vorm Rathaus oder auf dem Markt ein bißchen spektakeln ...
Vielleicht wird es dem Staat noch ein paar Fensterscheiben kosten, das
ist alles.«

»=Wohin= willst du, Jean?«

»In die Bürgerschaft ... Ich komme schon fast zu spät, die Geschäfte
haben mich aufgehalten. Es wäre eine Schande, da heute zu fehlen. Meinst
du, daß dein Vater sich abhalten läßt? So alt er ist ...«

»Ja, dann geh mit Gott, Jean ... Aber sei vorsichtig, ich bitte dich,
nimm dich in acht! Und habe ein Auge auf meinen Vater! Wenn ihm etwas
zustieße ...«

»Unbesorgt, meine Liebe ...«

»Wann kommst du zurück?« rief die Konsulin ihm nach ...

»Je nun, um halb fünf, um fünf Uhr ... je nachdem. Es steht Wichtiges
auf der Tagesordnung, es kommt darauf an ...«

»Ach, ich ängstige mich, ich ängstige mich!« wiederholte die Konsulin,
indem sie mit ratlosen Seitenblicken sich im Zimmer auf und nieder
bewegte.


Drittes Kapitel

Konsul Buddenbrook durchschritt eilig sein weitläufiges Grundstück. Als
er in die Bäckergrube hinaustrat, vernahm er hinter sich Schritte und
erblickte den Makler Gosch, welcher, malerisch in seinen langen Mantel
gehüllt, gleichfalls die schräge Straße hinauf zur Sitzung strebte.
Während er mit der einen seiner langen und mageren Hände den Jesuitenhut
lüftete und mit der anderen eine glatte Gebärde der Demut vollführte,
sprach er mit gepreßter und verbissener Stimme: »Herr Konsul ... ich
grüße Sie!«

Dieser Makler Siegismund Gosch, ein Junggeselle von etwa vierzig Jahren,
war trotz seines Gebarens der ehrlichste und gutmütigste Mensch von der
Welt; nur war er ein Schöngeist, ein origineller Kopf. Sein
glattrasiertes Gesicht zeichnete sich aus durch eine gebogene Nase, ein
spitz hervorspringendes Kinn, scharfe Züge und einen breiten, abwärts
gezogenen Mund, dessen schmale Lippen er in verschlossener und
bösartiger Weise zusammenpreßte. Es war sein Bestreben - und es gelang
ihm nicht übel -- ein wildes, schönes und teuflisches Intrigantenhaupt
zur Schau zu stellen, eine böse, hämische, interessante und
furchtgebietende Charakterfigur zwischen Mephistopheles und Napoleon ...
Sein ergrautes Haar war tief und düster in die Stirn gestrichen. Er
bedauerte aufrichtig, nicht bucklig zu sein. -- Er war eine fremdartige
und liebenswürdige Erscheinung unter den Bewohnern der alten
Handelsstadt. Er gehörte zu ihnen, weil er in aller Bürgerlichkeit ein
kleines, solides und in seiner Bescheidenheit geachtetes
Vermittlungsgeschäft betrieb; in seinem engen, dunklen Kontor aber stand
ein großer Bücherschrank, der mit Dichtwerken in allen Sprachen gefüllt
war, und es ging das Gerücht, daß er seit seinem zwanzigsten Jahre an
einer Übersetzung von Lope de Vegas sämtlichen Dramen arbeite ... Einmal
jedoch hatte er bei einer Liebhaberaufführung von Schillers »Don Carlos«
den Domingo gespielt. Dies war der Höhepunkt seines Lebens. -- Niemals
war ein unedles Wort über seine Lippen gekommen, und selbst in
geschäftlichen Gesprächen brachte er die üblichen Redewendungen nur
zwischen den Zähnen und mit einem Mienenspiele hervor, als wollte er
sagen: »Schurke, ha! Im Grab verfluch' ich deine Ahnen!« Er war, in
mancher Beziehung, der Erbe und Nachfolger des seligen Jean Jacques
Hoffstede; nur daß sein Wesen düsterer und pathetischer war und daß ihm
nichts von der scherzhaften Heiterkeit eignete, die der Freund des
älteren Johann Buddenbrook aus dem vorigen Jahrhundert herübergerettet
hatte. -- Eines Tages verlor er an der Börse mit einem Schlage sechs und
einen halben Kuranttaler an zwei oder drei Papieren, die er
spekulativerweise gekauft hatte. Da riß sein dramatisches Empfinden ihn
mit sich fort, und er gab eine Vorstellung. Er ließ sich auf einer Bank
nieder in einer Haltung, als habe er die Schlacht bei Waterloo verloren,
preßte eine geballte Faust gegen die Stirn und wiederholte mehrere Male
mit einem gotteslästerlichen Augenaufschlag: »Ha, verflucht!« Da die
kleinen, ruhigen, sicheren Gewinste, die er beim Verkaufe dieses oder
jenes Grundstückes einstrich, ihn im Grunde langweilten, so war dieser
Verlust, dieser tragische Schlag, mit dem der Himmel ihn, den
Intriganten, getroffen, ein Genuß, ein Glück für ihn, an dem er
wochenlang zehrte. Auf die Anrede: »Ich höre, Sie haben Unglück gehabt,
Herr Gosch? Das tut mir leid ...«, pflegte er zu antworten: »Oh, mein
werter Freund! _Uomo non educato dal dolore riman sempre bambino!_«
Begreiflicherweise verstand das niemand. War es von Lope de Vega? Fest
stand, daß dieser Siegismund Gosch ein gelehrter und merkwürdiger Mensch
war.

»Welche Zeiten, in denen wir leben!« sagte er zu Konsul Buddenbrook,
während er, in gebückter Haltung auf seinen Stock gestützt, neben ihm
die Straße hinaufschritt. »Zeiten des Sturmes und der Bewegung!«

»Da haben Sie recht«, erwiderte der Konsul. Die Zeiten seien bewegt. Man
dürfe auf die heutige Sitzung gespannt sein. Das ständische Prinzip ...

»Nein, hören Sie!« fuhr Herr Gosch zu sprechen fort. »Ich bin den ganzen
Tag unterwegs gewesen, ich habe den Pöbel beobachtet. Es waren herrliche
Bursche darunter, das Auge flammend von Haß und Begeisterung ...«

Johann Buddenbrook fing an zu lachen. »Sie sind mir der Rechte, mein
Freund! Sie scheinen Gefallen daran zu finden? Nein, erlauben Sie mir
... eine Kinderei, das alles! Was wollen diese Menschen? Eine Anzahl
ungezogener junger Leute, die die Gelegenheit benützen, ein bißchen
Spektakel zu machen ...«

»Gewiß! Allein man kann nicht leugnen ... Ich war dabei, als
Schlachtergeselle Berkemeyer Herrn Benthiens Fensterscheibe zerwarf ...
Er war wie ein Panther!« Das letzte Wort sprach Herr Gosch mit besonders
fest zusammengebissenen Zähnen und fuhr dann fort: »Oh, man kann nicht
leugnen, daß die Sache ihre erhabene Seite besitzt! Es ist endlich
einmal etwas anderes, wissen Sie, etwas Unalltägliches, Gewalttätiges,
Sturm, Wildheit ... ein Gewitter ... Ach, das Volk ist unwissend, ich
weiß es! Jedoch mein Herz, dieses mein Herz, es ist mit ihm ...« Sie
waren schon vor das einfache, mit gelber Ölfarbe gestrichene Haus
gelangt, in dessen Erdgeschoß sich der Sitzungssaal der Bürgerschaft
befand.

Dieser Saal gehörte zu der Bier- und Tanzwirtschaft einer Witwe namens
Suerkringel, stand aber an gewissen Tagen den Herren von der
»Bürgerschaft« zur Verfügung. Von einem schmalen, gepflasterten Korridor
aus, an dessen rechter Seite sich Restaurationslokalitäten befanden, und
auf dem es nach Bier und Speisen roch, betrat man ihn linkerhand durch
eine aus grüngestrichenen Brettern gefertigte Tür, die weder Griff noch
Schloß besaß und so schmal und niedrig war, daß niemand hinter ihr einen
so großen Raum vermutet hätte. Der Saal war kalt, kahl, scheunenartig,
mit geweißter Decke, an der die Balken hervortraten, und geweißten
Wänden; seine drei ziemlich hohen Fenster hatten grüngemalte Kreuze und
waren ohne Gardinen. Ihnen gegenüber erhoben sich amphitheatralisch
aufsteigend die Sitzreihen, an deren Fuß ein grün gedeckter, mit einer
großen Glocke, Aktenstücken und Schreibutensilien geschmückter Tisch für
den Wortführer, den Protokollführer und die anwesenden Senatskommissare
bestimmt war. An der Wand, die den Türen gegenüberlag, waren mehrere
hohe Garderobehalter mit Mänteln und Hüten bedeckt.

Stimmengewirr schlug dem Konsul und seinem Begleiter entgegen, als sie
hintereinander durch die schmale Tür den Saal betraten. Sie waren
ersichtlich die Letzten, die ankamen. Der Raum war gefüllt mit Bürgern,
welche, die Hände in den Hosentaschen, auf dem Rücken, in der Luft, in
Gruppen beieinander standen und disputierten. Von den 120 Mitgliedern
der Körperschaft waren sicherlich 100 versammelt. Eine Anzahl von
Abgeordneten der Landbezirke hatte es unter den obwaltenden Umständen
vorgezogen, zu Hause zu bleiben.

Dem Eingang zunächst stand eine Gruppe, die aus kleineren Leuten, aus
zwei oder drei unbedeutenden Geschäftsinhabern, einem Gymnasiallehrer,
dem »Waisenvater« Herrn Mindermann und Herrn Wenzel, dem beliebten
Barbier, bestand. Herr Wenzel, ein kleiner, kräftiger Mann mit schwarzem
Schnurrbart, intelligentem Gesicht und roten Händen, hatte den Konsul
noch heute morgen rasiert; hier jedoch war er ihm gleichgestellt. Er
rasierte nur in den ersten Kreisen, er rasierte fast ausschließlich die
Möllendorpfs, Langhals', Buddenbrooks und Överdiecks, und seiner
Allwissenheit in städtischen Dingen, seiner Umgänglichkeit und
Gewandtheit, seinem bei aller Unterordnung merklichen Selbstbewußtsein
verdankte er seine Wahl in die Bürgerschaft.

»Wissen Herr Konsul das Neueste?« rief er eifrig und mit ernsten Augen
seinem Gönner entgegen ...

»Was soll ich wissen, mein lieber Wenzel?«

»Man konnte es heute morgen noch nicht erfahren haben ... Herr Konsul
entschuldigen, es ist das Neueste! Das Volk zieht nicht vor das Rathaus
oder auf den Markt! Es kommt hierher und will die Bürgerschaft bedrohen!
Redakteur Rübsam hat es aufgewiegelt ...«

»Ei, nicht möglich!« sagte der Konsul. Er drängte sich zwischen den
vorderen Gruppen hindurch nach der Mitte des Saales, wo er seinen
Schwiegervater zusammen mit den anwesenden Senatoren Doktor Langhals und
James Möllendorpf erblickte. »Ist es denn wahr, meine Herren?« fragte
er, indem er ihnen die Hände schüttelte ...

In der Tat, die ganze Versammlung war voll davon; die Tumultuanten zogen
hierher, sie waren schon zu hören ...

»Die Canaille!« sagte Lebrecht Kröger kalt und verächtlich. Er war in
seiner Equipage hierhergekommen. Die hohe, distinguierte Gestalt des
ehemaligen »_à la mode_-Kavaliers« begann, unter gewöhnlichen Umständen
von der Last seiner achtzig Jahre gebeugt zu werden; heute aber stand er
ganz aufrecht, mit halb geschlossenen Augen, die Mundwinkel, über denen
die kurzen Spitzen seines weißen Schnurrbartes senkrecht emporstarrten,
vornehm und geringschätzig gesenkt. An seiner schwarzen Sammetweste
blitzten zwei Reihen von Edelsteinknöpfen ...

Unweit dieser Gruppe gewahrte man Hinrich Hagenström, einen
untersetzten, beleibten Herrn mit rötlichem, ergrautem Backenbart, einer
dicken Uhrkette auf der blau karierten Weste und offenem Leibrock. Er
stand zusammen mit seinem Kompagnon, Herrn Strunck, und grüßte den
Konsul durchaus nicht.

Weiterhin hatte der Tuchhändler Benthien, ein wohlhabend aussehender
Mann, eine große Anzahl anderer Herren um sich versammelt, denen er
haarklein erzählte, wie es sich mit seiner Fensterscheibe begeben habe
... »Ein Ziegelstein, ein halber Ziegelstein, meine Herren! Krach ...
hindurch und dann auf eine Rolle grünen Rips ... Das Pack!... Nun, es
ist Sache des Staates ...«

In irgendeinem Winkel vernahm man unaufhörlich die Stimme des Herrn
Stuht aus der Glockengießerstraße, welcher, einen schwarzen Rock über
dem wollenen Hemd, sich an der Auseinandersetzung beteiligte, indem er
mit entrüsteter Betonung beständig wiederholte: »Unerhörte Infamie!« --
Übrigens sagte er »Infamje«.

Johann Buddenbrook ging umher, um hier seinen alten Freund C. F. Köppen,
dort den Konkurrenten desselben, Konsul Kistenmaker, zu begrüßen. Er
drückte dem Doktor Grabow die Hand und wechselte ein paar Worte mit dem
Branddirektor Gieseke, dem Baumeister Voigt, dem Wortführer Doktor
Langhals, einem Bruder des Senators, mit Kaufleuten, Lehrern und
Advokaten ...

Die Sitzung war nicht eröffnet, aber die Debatte war äußerst rege. Alle
Herren verfluchten diesen Skribifax, diesen Redakteur, diesen Rübsam,
von dem man wußte, daß er die Menge aufgewiegelt habe ... und zwar wozu?
Man war hier, um festzustellen, ob das ständische Prinzip in der
Volksvertretung beizubehalten oder das allgemeine und gleiche Wahlrecht
einzuführen sei. Der Senat hatte bereits das letztere beantragt. Was
aber wollte das Volk? Es wollte den Herren an den Kragen, das war alles.
Es war, zum Teufel, die faulste Lage, in der sich die Herren jemals
befunden hatten! Man umringte die Senatskommissare, um ihre Meinung zu
erfahren. Man umringte auch Konsul Buddenbrook, der wissen mußte, wie
Bürgermeister Överdieck sich zu der Sache verhielt; denn seitdem im
vorigen Jahre Senator Doktor Överdieck, ein Schwager Konsul Justus
Krögers, Senatspräsident geworden war, waren Buddenbrooks mit dem
Bürgermeister verwandt, was sie in der öffentlichen Achtung beträchtlich
hatte steigen lassen ...

Plötzlich schwoll draußen das Getöse an ... Die Revolution war unter den
Fenstern des Sitzungssaales angelangt! Mit einem Schlage verstummten die
erregten Meinungsäußerungen hier drinnen. Man faltete, stumm vor
Entsetzen, die Hände auf dem Bauch und sah einander ins Gesicht oder auf
die Fenster, hinter denen sich Fäuste erhoben und ein ausgelassenes,
unsinniges und betäubendes Hoh- und Höhgeheul die Luft erfüllte. Dann
jedoch, ganz überraschend, als ob die Aufständischen selbst über ihr
Betragen erschrocken gewesen wären, ward es draußen ebenso still wie im
Saale, und in der tiefen Lautlosigkeit, die sich über das Ganze legte,
ward lediglich in der Gegend der untersten Sitzreihen, wo Lebrecht
Kröger sich niedergelassen hatte, ein Wort vernehmbar, das kalt, langsam
und nachdrücklich sich dem Schweigen entrang: »=Die Canaille!=«

Gleich darauf tat in irgendeinem Winkel ein dumpfes und entrüstetes
Organ den Ausspruch: »Unerhörte Infamje!«

Und dann flatterte plötzlich die eilige, zitternde und geheimnisvolle
Stimme des Tuchhändlers Benthien über die Versammlung hin ...

»Meine Herren ... meine Herren ... hören Sie auf mich ... Ich kenne das
Haus ... Wenn man auf den Boden steigt, so gibt es da eine Dachluke ...
Ich habe schon als Junge Katzen dadurch geschossen ... Man kann ganz gut
aufs Nachbardach klettern und sich in Sicherheit bringen ...«

»Nichtswürdige Feigheit!« zischte der Makler Gosch zwischen den Zähnen.
Er lehnte mit verschränkten Armen am Wortführertische und starrte,
gesenkten Hauptes, mit einem grauenerregenden Blick zu den Fenstern
hinüber.

»Feigheit, Herr? Wieso? Gottesdunner ... Die Leute werfen mit
Ziegelsteinen! Ick heww da nu 'naug von ...«

In diesem Augenblick wuchs draußen der Lärm von neuem an, aber ohne sich
wieder zu der anfänglichen stürmischen Höhe zu erheben, tönte er nun
ruhig und ununterbrochen fort, ein geduldiges, singendes und beinahe
vergnügt klingendes Gesumme, in welchem man hie und da Pfiffe sowie
einzelne Ausrufe wie »Prinzip!« und »Bürgerrecht!« unterschied ... Die
Bürgerschaft lauschte mit Andacht.

»Meine Herren«, sprach nach einer Weile der Wortführer Herr Doktor
Langhals mit gedämpfter Stimme über die Versammlung hin. »Ich hoffe,
mich mit Ihnen im Einverständnis zu befinden, wenn ich nunmehr die
Sitzung eröffne ...«

Das war ein unmaßgeblicher Vorschlag, dem aber weit und breit nicht die
geringste Unterstützung zuteil wurde.

»Da bün ick nich für tau haben«, sagte jemand mit einer biederen
Entschlossenheit, die keinen Einwand gestattete. Es war ein bäuerlicher
Mann namens Pfahl, aus dem Ritzerauer Landbezirk, der Deputierte für das
Dorf Klein-Schretstaken. Niemand erinnerte sich, seine Stimme schon
einmal in den Verhandlungen vernommen zu haben; allein in der
gegenwärtigen Lage fiel die Meinung auch des schlichtesten Kopfes schwer
ins Gewicht ... Unerschrocken und mit sicherem politischen Instinkt
hatte Herr Pfahl der Anschauung der gesamten Bürgerschaft Ausdruck
verliehen.

»Gott soll uns bewahren!« sagte Herr Benthien entrüstet. »Da oben auf
den Sitzen kann man von der Straße aus gesehen werden! Die Leute werfen
mit Ziegelsteinen! Nee, Gottesdunner, ick heww da nu 'naug von ...«

»Daß auch die verfluchte Tür so eng ist!« stieß der Weinhändler Köppen
verzweifelt hervor. »Wenn wir hinaus wollen, drücken wir ja wol dot ...
drücken wir uns ja wol!«

»Unerhörte Infamje«, sprach dumpf Herr Stuht.

»Meine Herren!« begann der Wortführer eindringlich aufs neue. »Ich bitte
Sie, doch zu erwägen ... Ich habe binnen drei Tagen eine Ausfertigung
des heute zu führenden Protokolles dem regierenden Bürgermeister
zuzustellen ... Überdies erwartet die Stadt die Veröffentlichung durch
den Druck ... Ich möchte jedenfalls zur Abstimmung darüber schreiten, ob
die Sitzung eröffnet werden soll ...«

Aber abgesehen von einigen wenigen Bürgern, die den Wortführer
unterstützten, fand sich niemand, der bereit gewesen wäre, zur
Tagesordnung überzugehen. Eine Abstimmung hätte sich als zwecklos
erwiesen. Man durfte das Volk nicht reizen. Niemand wußte, was es
wollte. Man durfte es nicht durch einen Beschluß nach irgendeiner
Richtung hin vor den Kopf stoßen. Man mußte abwarten und sich nicht
regen. Von der Marienkirche schlug es halb fünf ...

Man bestärkte einander in dem Entschlusse, geduldig auszuharren. Man
begann, sich an das Geräusch zu gewöhnen, das dort draußen anschwoll,
abnahm, pausierte und wieder einsetzte. Man fing an, ruhiger zu werden,
sich's bequemer zu machen, sich auf den unteren Sitzreihen und den
Stühlen niederzulassen ... Die Betriebsamkeit all dieser tüchtigen
Bürger begann sich zu regen ... Man wagte hie und da, über Geschäfte zu
sprechen, hie und da sogar ein Geschäft zu machen ... Die Makler
näherten sich den Großkaufleuten ... Die eingeschlossenen Herren
plauderten miteinander wie Leute, die während eines heftigen Gewitters
beisammen sitzen, von anderen Dingen reden und manchmal mit ernsten und
respektvollen Gesichtern auf den Donner horchen. Es wurde fünf Uhr, halb
sechs Uhr, und die Dämmerung sank. Dann und wann seufzte jemand darüber,
daß seine Frau mit dem Kaffee warte, worauf Herr Benthien sich erlaubte,
die Dachluke in Erinnerung zu bringen. Aber die meisten dachten darüber
wie Herr Stuht, der mit einem fatalistischen Kopfschütteln erklärte:
»Ich bin ja doch zu dick dazu!«

Johann Buddenbrook hatte sich, eingedenk der Mahnung der Konsulin, neben
seinem Schwiegervater gehalten, und er betrachtete ihn etwas besorgt,
als er ihn fragte: »Dies kleine Abenteuer geht Ihnen hoffentlich nicht
nahe, Vater?«

Unter dem schneeweißen Toupet waren auf Lebrecht Krögers Stirn zwei
bläuliche Adern in besorgniserregender Weise geschwollen, und während
die eine seiner aristokratischen Greisenhände mit den opalisierenden
Knöpfen an seiner Weste spielte, zitterte die andere, mit einem großen
Brillanten geschmückt, auf seinen Knien.

»Papperlapapp, Buddenbrook!« sagte er mit sonderbarer Müdigkeit. »Ich
bin ennuyiert, das ist das Ganze.« Aber er strafte sich selber Lügen,
indem er plötzlich hervorzischte: »_Parbleu_, Jean! man müßte diesen
infamen Schmierfinken den Respekt mit Pulver und Blei in den Leib
knallen ... Das Pack ...! Die Canaille ...!«

Der Konsul summte begütigend. »So ... so ... Sie haben ja recht, es ist
eine ziemlich unwürdige Komödie ... Aber was soll man tun? Man muß gute
Miene machen. Es wird Abend. Die Leute werden schon abziehen ...«

»Wo ist mein Wagen?... Ich befehle meinen Wagen!« kommandierte Lebrecht
Kröger gänzlich außer sich. Seine Wut explodierte, er bebte am ganzen
Leibe. »Ich habe ihn auf fünf Uhr bestellt!... Wo ist er?... Die Sitzung
wird nicht abgehalten ... Was soll ich hier?... Ich bin nicht gesonnen,
mich narren zu lassen!... Ich will meinen Wagen!... Insultiert man
meinen Kutscher? Sehen Sie nach, Buddenbrook!«

»Lieber Schwiegervater, um Gottes willen, beruhigen Sie sich! Sie
alterieren sich ... das bekommt Ihnen nicht! Selbstverständlich ... ich
gehe nun, mich nach Ihrem Wagen umzusehen. Ich selbst bin dieser Lage
überdrüssig. Ich werde mit den Leuten sprechen, sie auffordern, nach
Hause zu gehen ...«

Und obgleich Lebrecht Kröger protestierte, obgleich er mit plötzlich
ganz kalter und verächtlicher Betonung befahl: »Halt, hiergeblieben! Sie
vergeben sich nichts, Buddenbrook!« schritt der Konsul schnell durch den
Saal.

Dicht bei der kleinen grünen Tür wurde er von Siegismund Gosch
eingeholt, der ihn mit knochiger Hand am Arm ergriff und mit gräßlicher
Flüsterstimme fragte: »Wohin, Herr Konsul?...«

Das Gesicht des Maklers war in tausend tiefe Falten gelegt. Mit dem
Ausdruck wilder Entschlossenheit schob sich sein spitzes Kinn fast bis
zur Nase empor, sein graues Haar fiel düster in Schläfen und Stirn, und
er hielt seinen Kopf so tief zwischen den Schultern, daß es ihm
wahrhaftig gelang, das Aussehen eines Verwachsenen zu bieten, als er
hervorstieß: »Sie sehen mich gewillt, zum Volke zu reden!«

Der Konsul sagte: »Nein, lassen Sie mich das lieber tun, Gosch ... Ich
habe wahrscheinlich mehr Bekannte unter den Leuten ...«

»Es sei!« antwortete der Makler tonlos. »Sie sind ein größerer Mensch
als ich.« Und indem er seine Stimme erhob, fuhr er fort: »Aber ich werde
Sie begleiten, ich werde an Ihrer Seite stehen, Konsul Buddenbrook! Mag
die Wut der entfesselten Sklaven mich zerreißen ...«

»Ach, welch ein Tag! Welch ein Abend!« sagte er, als sie hinausgingen
... Sicherlich hatte er sich noch niemals so glücklich gefühlt. »Ha,
Herr Konsul! Da ist das Volk!«

Die beiden hatten den Korridor überschritten und traten vor die Haustür
hinaus, indem sie auf der oberen der drei schmalen Stufen stehen
blieben, die auf das Trottoir führten. Die Straße bot einen
befremdenden Anblick. Sie war ausgestorben, und an den offenen, schon
erleuchteten Fenstern der umliegenden Häuser gewahrte man Neugierige,
die auf die schwärzliche, sich vorm Bürgerschaftshause drängende Menge
der Aufrührer hinabblickten. Diese Menge war an Zahl nicht viel stärker
als die Versammlung im Saale und bestand aus jugendlichen Hafen- und
Lagerarbeitern, Dienstmännern, Volksschülern, einigen Matrosen von
Kauffahrteischiffen und anderen Leuten, die in den geringen
Stadtgegenden, in den »Twieten«, »Gängen«, »Wischen« und »Höfen« zu
Hause waren. Auch drei oder vier Frauen waren dabei, die sich von diesem
Unternehmen wohl ähnliche Erfolge versprachen, wie die Buddenbrooksche
Köchin. Einige Empörer, des Stehens müde, hatten sich, die Füße im
Rinnstein, auf den Bürgersteig gesetzt und aßen Butterbrot.

Es war bald sechs Uhr, und obgleich die Dämmerung weit vorgeschritten
war, hingen die Öllampen unangezündet an ihren Ketten über der Straße.
Diese Tatsache, diese offenbare und unerhörte Unterbrechung der Ordnung,
war das erste, was den Konsul Buddenbrook aufrichtig erzürnte, und sie
war schuld daran, daß er in ziemlich kurzem und ärgerlichem Tone zu
sprechen begann: »Lüd, wat is dat nu bloß für dumm Tüg, wat Ji da
anstellt!«

Die Vespernden waren vom Trottoir emporgesprungen. Die Hinteren,
jenseits des Fahrdammes, stellten sich auf die Zehenspitzen. Einige
Hafenarbeiter, die im Dienste des Konsuls standen, nahmen ihre Mützen
ab. Man machte sich aufmerksam, stieß sich in die Seiten und sagte
gedämpft: »Dat's Kunsel Buddenbrook! Kunsel Buddenbrook will 'ne Red'
hollen! Holl din Mul, Krischan, hei kann höllschen fuchtig warn!...
Dat's Makler Gosch ... kiek! Dat's son Aap!... Is hei 'n beeten
öwerspönig?«

»Corl Smolt!« fing der Konsul wieder an, indem er seine kleinen,
tiefliegenden Augen auf einen etwa 22jährigen Lagerarbeiter mit krummen
Beinen richtete, der, die Mütze in der Hand und den Mund voll Brot,
unmittelbar vor den Stufen stand. »Nu red' mal, Corl Smolt! Nu is' Tiet!
Ji heww hier den leewen langen Namiddag bröllt ...«

»Je, Herr Kunsel ...«, brachte Corl Smolt kauend hervor. »Dat's nu so 'n
Saak ... öäwer ... Dat is nu so wied ... Wi maaken nu Revolutschon.«

»Wat's dat för Undög, Smolt!«

»Je, Herr Kunsel, dat seggen Sei woll, öäwer dat is nu so wied ... wi
sünd nu nich mihr taufreeden mit de Saak ... Wie verlangen nu ne anner
Ordnung, un dat is ja ook gor nich mihr, daß dat =wat= is ...«

»Hür mal, Smolt, un ihr annern Lüd! Wer nu 'n verstännigen Kierl is, der
geht naa Hus un scheert sich nich mihr um Revolution und stört hier nich
de Ordnung ...«

»Die heilige Ordnung!« unterbrach Herr Gosch ihn zischend ...

»De Ordnung, seg ick!« beschloß Konsul Buddenbrook. »Nicht mal die
Lampen sind angezündet ... Dat geiht denn doch tau wied mit de
Revolution!«

Corl Smolt aber hatte nun seinen Bissen verschluckt und, die Menge im
Rücken, stand er breitbeinig da und hatte seine Einwände ...

»Je, Herr Kunsel, dat seggen Sei woll! Öäwer dat is man bloß wegen das
allgemeine Prinzip von dat Wahlrecht ...«

»Großer Gott, du Tropf!« rief der Konsul und vergaß, platt zu sprechen
vor Indignation ... »Du redest ja lauter Unsinn ...«

»Je, Herr Kunsel«, sagte Corl Smolt ein bißchen eingeschüchtert; »dat is
nu allens so as dat is. Öäwer Revolutschon mütt sien, dat is tau gewiß.
Revolutschon is öwerall, in Berlin und in Poris ...«

»Smolt, wat wull Ji nu eentlich! Nu seggen Sei dat mal!«

»Je, Herr Kunsel, ick seg man bloß: wi wull nu 'ne Republike, seg ick
man bloß ...«

»Öwer du Döskopp ... Ji =heww= ja schon een!«

»Je, Herr Kunsel, denn wull wi noch een.«

Einige der Umstehenden, die es besser wußten, begannen schwerfällig und
herzlich zu lachen, und obgleich die wenigsten die Antwort Corl Smolts
verstanden hatten, pflanzte diese Heiterkeit sich fort, bis die ganze
Menge der Republikaner in breitem und gutmütigem Gelächter stand. An den
Fenstern des Bürgerschaftssaales erschienen mit neugierigen Gesichtern
einige Herren mit Bierseideln in den Händen ... Der einzige, den diese
Wendung der Dinge enttäuschte und schmerzte, war Siegismund Gosch.

»Na Lüd«, sagte schließlich Konsul Buddenbrook, »ick glöw, dat is nu dat
beste, wenn ihr alle naa Hus gaht!«

Corl Smolt, gänzlich verdutzt über die Wirkung, die er hervorgebracht,
antwortete: »Je, Herr Kunsel, dat is nu so, un denn möht man de Saak je
woll up sick beruhn laten, un ick bün je ook man froh, dat Herr Kunsel
mi dat nich öwelnehmen daut, un adjüs denn ook, Herr Kunsel ...«

Die Menge fing an, sich in der allerbesten Laune zu zerstreuen.

»Smolt, töf mal 'n Oogenblick!« rief der Konsul. »Seg mal, hast du den
Krögerschen Wagen nich seihn, de Kalesch' vorm Burgtor?«

»Jewoll, Herr Kunsel! De is kamen. De is doar unnerwarts upp Herr Kunsel
sin Hoff ruppfoahrn ...«

»Schön; denn loop mal fixing hin, Smolt, un seg tau Jochen, hei sall mal
'n beeten rannerkommen; sin Herr will naa Hus.«

»Jewoll, Herr Kunsel!« ... Und indem er seine Mütze auf den Kopf warf
und den Lederschirm ganz tief in die Augen zog, lief Corl Smolt mit
breitspurigen, wiegenden Schritten die Straße hinunter.


Viertes Kapitel

Als Konsul Buddenbrook mit Siegismund Gosch in die Versammlung
zurückkehrte, bot der Saal ein behaglicheres Bild als vor einer
Viertelstunde. Er war von zwei großen Paraffinlampen erleuchtet, die auf
dem Wortführertisch standen, und in ihrem gelben Licht saßen und standen
die Herren beieinander, gossen sich Flaschenbier in blanke Seidel,
stießen an und plauderten geräuschvoll in fröhlichster Stimmung. Frau
Suerkringel, die Witwe Suerkringel war dagewesen, sie hatte sich
treuherzig ihrer eingeschlossenen Gäste angenommen, mit beredten Worten,
da die Belagerung ja noch lange dauern könne, eine kleine Stärkung in
Vorschlag gebracht und sich die erregten Zeiten zunutze gemacht, um eine
bedeutende Quantität ihres hellen und ziemlich spirituösen Bieres
abzusetzen. Soeben, beim Wiedereintritt der beiden Unterhändler,
schleppte der Hausknecht in Hemdärmeln und mit wohlmeinendem Lächeln
einen neuen Vorrat von Flaschen herbei, und obgleich der Abend
vorgeschritten, obgleich es zu spät war, der Verfassungsrevision noch
Aufmerksamkeit zu schenken, war niemand geneigt, schon jetzt dies
Beisammensein zu unterbrechen und nach Hause zu gehen. Mit dem Kaffee
war es in jedem Fall für heute vorbei ...

Nachdem der Konsul mehrere Händedrücke entgegengenommen, die ihn zu
seinem Erfolge beglückwünschten, begab er sich ohne Verzug zu seinem
Schwiegervater. Lebrecht Kröger schien der einzige zu sein, dessen
Stimmung sich nicht verbessert hatte. Hoch, kalt und abweisend saß er an
seinem Platze und antwortete auf den Bericht, in diesem Augenblick fahre
der Wagen vor, mit höhnischer Stimme, die vor Erbitterung mehr als vor
Greisenalter zitterte: »Beliebt der Pöbel, mich in mein Haus
zurückkehren zu lassen?«

Mit steifen Bewegungen, die nicht im entferntesten an die scharmanten
Gesten gemahnten, die man sonst an ihm kannte, ließ er sich den
Pelzmantel um die Schultern legen und schob, da der Konsul sich erbot,
ihn zu begleiten, mit einem nachlässigen »_merci_« seinen Arm unter den
seines Schwiegersohnes.

Die majestätische Kalesche, mit zwei großen Laternen am Bock, hielt vor
der Tür, woselbst man nun zur herzlichen Genugtuung des Konsuls begann,
die Lampen in Brand zu setzen, und die beiden stiegen ein. Steil, stumm,
ohne sich zurückzulehnen, mit halb geschlossenen Augen saß Lebrecht
Kröger, die Wagendecke über den Knien, zur Rechten des Konsuls, während
der Wagen durch die Straßen rollte, und unter den kurzen Spitzen seines
weißen Schnurrbartes liefen seine abwärts gezogenen Mundwinkel in zwei
senkrechte Falten aus, die sich bis zum Kinn hinunterzogen. Der Grimm
über die erlittene Demütigung zehrte und nagte in ihm. Matt und kalt
blickte er auf das leere Polster ihm gegenüber.

In den Straßen ging es lebhafter zu als an einem Sonntagabend.
Augenscheinlich herrschte Feststimmung. Das Volk, entzückt über den
glücklichen Verlauf der Revolution, zog wohlgelaunt umher. Es wurde
sogar gesungen. Hie und da schrien Jungen Hurra! wenn der Wagen
vorüberfuhr, und warfen ihre Mützen in die Luft.

»Ich glaube wahrhaftig, Sie lassen sich die Sache zu nahegehn, Vater«,
sagte der Konsul. »Wenn man bedenkt, was für eine Narrensposse das Ganze
war ... Eine Farce ...« Und um irgendeine Antwort und Äußerung des Alten
zu erlangen, fing er an, lebhaft über die Revolution im allgemeinen zu
sprechen ... »Wenn die besitzlose Menge zu der Erkenntnis gelangte, wie
wenig sie in diesen Zeiten ihrer eigenen Sache dient ... Ach, mein Gott,
es ist überall das nämliche! Ich hatte heute nachmittag ein kurzes
Gespräch mit dem Makler Gosch, diesem wunderlichen Manne, der alles mit
den Augen eines Poeten und Stückeschreibers betrachtet ... Sehen Sie,
Schwiegervater, die Revolution ist in Berlin an ästhetischen Teetischen
vorbereitet worden ... Dann hat das Volk die Sache ausgefochten und
seine Haut zu Markte getragen ... Wird es auf seine Kosten kommen?«

»Sie täten gut, das Fenster an Ihrer Seite zu öffnen«, sagte Herr
Kröger.

Johann Buddenbrook warf ihm einen raschen Blick zu und ließ eilig die
Glasscheibe nieder.

»Fühlen Sie sich nicht ganz wohl, lieber Vater?« fragte er besorgt ...

»Nein. Durchaus nicht«, antwortete Lebrecht Kröger streng.

»Sie haben einen Imbiß und Ruhe nötig«, sagte der Konsul, indem er, um
irgend etwas zu tun, die Felldecke fester um die Knie seines
Schwiegervaters zog.

Plötzlich -- die Equipage rasselte durch die Burgstraße -- geschah etwas
Erschreckendes. Als nämlich der Wagen, fünfzehn Schritte etwa von dem in
Halbdunkel getauchten Gemäuer des Tores, eine Ansammlung lärmender und
vergnügter Gassenjungen passierte, flog durch das offene Fenster ein
Stein herein. Es war ein ganz harmloser Feldstein, kaum von der Größe
eines Hühnereies, der, zur Feier der Revolution von der Hand irgendeines
Krischan Snut oder Heine Voß geschleudert, sicherlich nicht böse gemeint
und wahrscheinlich gar nicht nach dem Wagen gezielt worden war. Lautlos
kam er durchs Fenster herein, prallte lautlos gegen Lebrecht Krögers von
dickem Pelze bedeckte Brust, rollte ebenso lautlos an der Felldecke
hinab und blieb am Boden liegen.

»Täppische Flegelei!« sagte der Konsul ärgerlich. »Ist man denn heute
abend aus Rand und Band?... Aber er hat Sie nicht verletzt, wie,
Schwiegervater?«

Der alte Kröger schwieg, er schwieg beängstigend. Es war zu dunkel im
Wagen, um den Ausdruck seines Gesichtes zu unterscheiden. Gerader,
höher, steifer noch, denn zuvor, saß er, ohne das Rückenpolster zu
berühren. Dann aber kam es ganz tief aus ihm heraus ... langsam, kalt
und schwer, ein einziges Wort: »=Die Canaille.=«

Aus Besorgnis, ihn noch mehr zu reizen, antwortete der Konsul nicht. Der
Wagen rollte mit hallendem Geräusch durch das Tor und befand sich drei
Minuten später in der breiten Allee vor dem mit vergoldeten Spitzen
versehenen Gatter, welches das Krögersche Besitztum begrenzte. Zu beiden
Seiten der breiten Gartenpforte, die den Eingang zu einer mit Kastanien
besetzten Anfahrt zur Terrasse bildete, brannten hell zwei Laternen mit
vergoldeten Knöpfen auf ihren Deckeln. Der Konsul entsetzte sich, als er
hier in das Gesicht seines Schwiegervaters sah. Es war gelb und von
schlaffen Furchen zerrissen. Der kalte, feste und verächtliche Ausdruck,
den der Mund bis dahin bewahrt, hatte sich zu einer schwachen, schiefen,
hängenden und blöden Greisengrimasse verzerrt ... Der Wagen hielt an der
Terrasse.

»Helfen Sie mir«, sagte Lebrecht Kröger, obgleich der Konsul, der zuerst
ausgestiegen war, schon die Felldecke zurückwarf und ihm Arm und
Schulter als Stütze darbot. Er führte ihn auf dem Kiesboden langsam die
wenigen Schritte bis zu der weißglänzenden Freitreppe, die zum
Speisezimmer emporführte. Am Fuße der Stufen knickte der Greis in die
Knie. Der Kopf fiel so schwer auf die Brust, daß der hängende
Unterkiefer mit klapperndem Geräusch gegen den oberen schlug. Die Augen
verdrehten sich und brachen ...

Lebrecht Kröger, der _à la mode_-Kavalier, war bei seinen Vätern.


Fünftes Kapitel

Ein Jahr und zwei Monate später, an einem schneedunstigen Januarmorgen
des Jahres 1850, saßen Herr und Madame Grünlich nebst ihrem kleinen
dreijährigen Töchterchen in dem mit hellbraunfarbigem Holze getäfelten
Speisezimmer auf Stühlen, von denen ein jeder 25 Kurantmark gekostet
hatte, beim ersten Frühstück.

Die Scheiben der Fenster waren vor Nebel beinahe undurchsichtig;
verschwommen gewahrte man nackte Bäume und Sträucher dahinter. In dem
grünglasierten niedrigen Ofen, der in einem Winkel stand -- neben der
offenen Tür, die ins »Penseezimmer« führte, woselbst man Blattgewächse
erblickte -- knisterte die rote Glut und erfüllte den Raum mit einer
sanften, ein wenig riechenden Wärme. An der entgegengesetzten Seite
gestatteten halb zurückgeschlagene grüne Tuchportieren den Durchblick in
den braunseidenen Salon und auf eine hohe Glastür, deren Ritzen mit
wattierten Rollen verstopft waren und hinter der eine kleine Terrasse
sich in dem weißgrauen, undurchsichtigen Nebel verlor. Seitwärts führte
ein dritter Ausgang auf den Korridor.

Der schneeweiße gewirkte Damast auf dem runden Tische war von einem
grüngestickten Tischläufer durchzogen und bedeckt mit goldgerändertem
und so durchsichtigem Porzellan, daß es hie und da wie Perlmutter
schimmerte. Eine Teemaschine summte. In einem dünnsilbernen, flachen
Brotkorb, der die Gestalt eines großen, gezackten, leicht gerollten
Blattes hatte, lagen Rundstücke und Schnitten von Milchgebäck. Unter
einer Kristallglocke türmten sich kleine, geriefelte Butterkugeln, unter
einer anderen waren verschiedene Arten von Käse, gelber,
grünmarmorierter und weißer sichtbar. Es fehlte nicht an einer Flasche
Rotwein, welche vor dem Hausherrn stand, denn Herr Grünlich frühstückte
warm.

Mit frisch frisierten Favoris und einem Gesicht, das um diese
Morgenstunde besonders rosig erschien, saß er, den Rücken dem Salon
zugewandt, fertig angekleidet, in schwarzem Rock und hellen,
großkarierten Beinkleidern, und verspeiste nach englischer Sitte ein
leicht gebratenes Kotelett. Seine Gattin fand dies zwar vornehm,
außerdem aber auch in so hohem Grade widerlich, daß sie sich niemals
hatte entschließen können, ihr gewohntes Brot- und Eifrühstück dagegen
einzutauschen.

Tony war im Schlafrock; sie schwärmte für Schlafröcke. Nichts erschien
ihr vornehmer als ein elegantes Negligé, und da sie sich im Elternhause
dieser Leidenschaft nicht hatte überlassen dürfen, frönte sie ihr nun
als verheiratete Frau desto eifriger. Sie besaß drei dieser schmiegsamen
und zarten Kleidungsstücke, bei deren Herstellung mehr Geschmack,
Raffinement und Phantasie entfaltet werden kann, als bei einer
Balltoilette. Heute aber trug sie das dunkelrote Morgenkleid, dessen
Farbe genau mit dem Tone der Tapete über der Holztäfelung übereinstimmte
und dessen großgeblümter Stoff, weicher als Watte, überall mit einem
Sprühregen ganz winziger Glasperlchen von derselben Färbung durchwirkt
war ... Eine gerade und dichte Reihe von roten Sammetschleifen lief vom
Halsverschluß bis zum Saume hinunter.

Ihr starkes aschblondes Haar, mit einer dunkelroten Sammetschleife
geschmückt, war über der Stirn gelockt. Obgleich, wie sie selbst wohl
wußte, ihr Äußeres seinen Höhepunkt bereits erreicht hatte, war der
kindliche, naive und kecke Ausdruck ihrer etwas hervorstehenden
Oberlippe derselbe geblieben wie ehemals. Die Lider ihrer graublauen
Augen waren vom kalten Wasser gerötet. Ihre Hände, die weißen, ein wenig
kurzen, aber feingegliederten Hände der Buddenbrooks, deren zarte
Gelenke von den Sammetrevers der Ärmel weich umschlossen wurden,
handhabten Messer, Löffel und Tasse mit Bewegungen, die heute aus
irgendeinem Grunde ein wenig abrupt und hastig waren.

Neben ihr, in einem turmartigen Kinderstuhl und bekleidet mit einem aus
dicker hellblauer Wolle gestrickten, formlosen und drolligen Röckchen,
saß die kleine Erika, ein wohlgenährtes Kind mit kurzen hellblonden
Locken. Sie hielt mit beiden Händchen eine große Tasse umklammert, in
der ihr Gesichtchen völlig verschwand, und schluckte ihre Milch, indem
sie hie und da kleine, hingebende Seufzer vernehmen ließ.

Hierauf klingelte Frau Grünlich, und Thinka, das Folgmädchen, trat vom
Korridor ein, um das Kind aus dem Turm zu heben und es hinauf in die
Spielstube zu tragen.

»Du kannst sie eine halbe Stunde draußen spazierenfahren, Thinka«, sagte
Tony. »Aber nicht länger, und in der dickeren Jacke, hörst du?... Es
nebelt.« -- Sie blieb mit ihrem Gatten allein.

»Du machst dich ja lächerlich«, sagte sie nach einigem Stillschweigen,
indem sie ersichtlich ein unterbrochenes Gespräch wieder aufnahm ...
»Hast du Gegengründe? Gib doch Gegengründe an!... Ich =kann= mich nicht
immer um das Kind bekümmern ...«

»Du bist nicht kinderlieb, Antonie.«

»Kinderlieb ... kinderlieb ... Es fehlt mir an Zeit! Der Haushalt nimmt
mich in Anspruch! Ich wache mit zwanzig Gedanken auf, die tagsüber
auszuführen sind, und gehe mit vierzig zu Bett, die noch nicht
ausgeführt sind ...«

»Es sind zwei Mädchen da. Eine so junge Frau ...«

»Zwei Mädchen, gut. Thinka hat abzuwaschen, zu putzen, reinzumachen, zu
bedienen. Die Köchin ist über und über beschäftigt. Du ißt schon am
frühen Morgen Koteletts ... Denke doch nach, Grünlich! Erika muß über
kurz oder lang jedenfalls eine Bonne, eine Erzieherin haben ...«

»Es entspricht nicht unseren Verhältnissen, ihr schon jetzt ein eigenes
Kindermädchen zu halten.«

»Unseren Verhältnissen!... O Gott, du =machst= dich lächerlich! Sind wir
denn Bettler? Sind wir gezwungen, uns das Notwendigste abgehen zu
lassen? Meines Wissens habe ich dir achtzigtausend Mark in die Ehe
gebracht ...«

»Ach, mit deinen achtzigtausend!«

»Gewiß!... Du sprichst geringschätzig davon ... Es kam dir nicht darauf
an ... Du hast mich aus Liebe geheiratet ... Gut. Aber liebst du mich
überhaupt noch? Du gehst über meine berechtigten Wünsche hinweg. Das
Kind soll kein Mädchen haben ... Von dem Coupé, das uns nötig ist, wie
das tägliche Brot, ist überhaupt keine Rede mehr ... Warum läßt du uns
dann beständig auf dem Lande wohnen, wenn es unseren =Verhältnissen=
nicht =entspricht=, einen Wagen zu halten, in dem wir anständigerweise
in Gesellschaft fahren können? Warum siehst du es niemals gern, daß ich
in die Stadt komme?... Am liebsten möchtest du, daß wir uns hier ein für
alle Male vergrüben und daß ich keinen Menschen mehr zu Gesichte bekäme.
Du bist sauertöpfig!«

Herr Grünlich goß sich Rotwein ins Glas, erhob die Kristallglocke und
ging zum Käse über. Er antwortete durchaus nicht.

»Liebst du mich überhaupt noch?« wiederholte Tony ... »Dein Schweigen
ist so ungezogen, daß ich mir sehr wohl erlauben darf, dich an einen
gewissen Auftritt in unserem Landschaftszimmer zu erinnern ... Damals
machtest du eine andere Figur!... Vom ersten Tage an hast du nur abends
bei mir gesessen, und das nur, um die Zeitung zu lesen. Anfangs nahmst
du wenigstens einige Rücksicht auf meine Wünsche. Aber seit langer Zeit
ist es auch damit zu Ende. Du vernachlässigst mich!«

»Und du? Du ruinierst mich.«

»Ich?... Ich ruiniere dich ...«

»Ja. Du ruinierst mich mit deiner Trägheit, deiner Sucht nach Bedienung
und Aufwand ...«

»Oh! wirf mir nicht meine gute Erziehung vor! Ich habe bei meinen Eltern
nicht nötig gehabt, einen Finger zu rühren. Jetzt habe ich mich mühsam
in den Haushalt einleben müssen, aber ich kann verlangen, daß du mir
nicht die einfachsten Hilfsmittel verweigerst. Vater ist ein reicher
Mann; er konnte nicht erwarten, daß es mir jemals an Personal fehlen
würde ...«

»Dann warte mit dem dritten Mädchen, bis dieser Reichtum uns etwas
nützt.«

»Willst du etwa Vaters Tod wünschen?!... Ich sage, daß wir vermögende
Leute sind, daß ich nicht mit leeren Händen zu dir gekommen bin ...«

Obgleich Herr Grünlich im Kauen begriffen war, lächelte er; er lächelte
überlegen, wehmütig und schweigend. Dies verwirrte Tony.

»Grünlich«, sagte sie ruhiger ... »Du lächelst, du sprichst von unseren
Verhältnissen ... Täusche ich mich über die Lage? Hast du schlechte
Geschäfte gemacht? Hast du ...«

In diesem Augenblicke geschah ein Klopfen, ein kurzer Trommelwirbel
gegen die Korridortür, und Herr Kesselmeyer trat ein.


Sechstes Kapitel

Herr Kesselmeyer kam als Hausfreund unangemeldet, ohne Hut und Paletot
in die Stube und blieb an der Türe stehen. Sein Äußeres entsprach
durchaus der Beschreibung, die Tony in einem Briefe an ihre Mutter davon
gemacht hatte. Er war von leicht untersetzter Gestalt und weder dick
noch dünn. Er trug einen schwarzen und schon etwas blanken Rock,
ebensolche Beinkleider, die eng und kurz waren und eine weiße Weste, auf
der sich eine lange dünne Uhrkette mit zwei oder drei Kneiferschnüren
kreuzte. Von seinem roten Gesicht hob sich scharf der geschorene weiße
Backenbart ab, der die Wangen bedeckte und Kinn und Lippen frei ließ.
Sein Mund war klein, beweglich, drollig und enthielt lediglich im
Unterkiefer zwei Zähne. Während Herr Kesselmeyer, die Hände in seinen
senkrechten Hosentaschen vergraben, konfus, abwesend und nachdenklich
stehenblieb, setzte er diese beiden gelben, kegelförmigen Eckzähne auf
die Oberlippe. Die weißen und schwarzen Flaumfedern auf seinem Kopfe
flatterten leise, obgleich nicht der geringste Lufthauch fühlbar war.

Endlich zog er die Hände hervor, bückte sich, ließ die Unterlippe hängen
und befreite mühselig ein Kneiferband aus der allgemeinen Verwicklung
auf seiner Brust. Dann hieb er sich das Pincenez mit einem Schlag auf
die Nase, wobei er die abenteuerlichste Grimasse schnitt, musterte das
Ehepaar und bemerkte: »Ahah.«

Es ist, da er diese Redewendung außerordentlich oft gebrauchte, sofort
zu bemerken, daß er sie in sehr verschiedener und sehr eigenartiger
Weise hervorzubringen pflegte. Er konnte sie mit zurückgelegtem Kopf,
krausgezogener Nase, weit offenem Munde und in der Luft umherfuchtelnden
Händen mit einem langgezogenen, nasalen und metallischen Klange ertönen
lassen, der an den Gesang eines chinesischen Gongs erinnerte ... und er
konnte sie, andererseits und abgesehen von vielen Nuancen, ganz kurz,
beiläufig und sanft beiseite werfen, was sich vielleicht noch drolliger
ausnahm; denn er sprach ein sehr getrübtes und näselndes A. Heute ließ
er ein flüchtiges, heiteres und von einem kleinen krampfhaften
Kopfschütteln begleitetes »Ahah« verlauten, das aus einer ungeheuer
fröhlichen Gemütsstimmung hervorzugehen schien ... und doch durfte dem
nicht getraut werden, denn es bestand die Tatsache, daß der Bankier
Kesselmeyer sich desto lustiger benahm, in je gefährlicherer Laune er
sich befand. Wenn er mit tausend Ahahs umhersprang, den Kneifer auf die
Nase hieb und wieder fallen ließ, mit den Armen flatterte, schwatzte und
sich vor übermäßiger Albernheit ersichtlich nicht zu lassen wußte, so
konnte man sicher sein, daß die Bosheit an seinem Inneren zehrte ...
Herr Grünlich sah ihn blinzelnd und mit unverhohlenem Mißtrauen an.

»Schon so früh?« fragte er ...

»Jaha ...« antwortete Herr Kesselmeyer und schüttelte eine seiner
kleinen, roten, runzligen Hände in der Luft, als wollte er sagen:
Gedulde dich nur, es gibt eine Überraschung!... »Ich habe mit Ihnen zu
reden! Unverzüglich zu reden mit Ihnen, mein Lieber!« Er sprach höchst
lächerlich. Er wälzte jedes Wort im Munde umher und gab es mit
unsinnigem Kraftaufwand seines kleinen, zahnarmen, beweglichen Mundes
von sich. Das R rollte er in einer Weise, als sei sein Gaumen gefettet.
Herrn Grünlichs Blinzeln wurde noch mißtrauischer.

»Kommen Sie her, Herr Kesselmeyer«, sagte Tony. »Setzen Sie sich hin. Es
ist hübsch, daß Sie kommen ... Passen Sie mal auf. Sie sollen
Schiedsrichter sein. Ich habe eben einen Streit mit Grünlich gehabt ...
Nun sagen Sie mal: Muß ein dreijähriges Kind ein Kindermädchen haben
oder nicht! Nun?...«

Allein Herr Kesselmeyer schien gar nicht auf sie zu achten. Er hatte
Platz genommen, kraute, indem er seinen winzigen Mund so weit wie nur
immer möglich öffnete und die Nase in Falten legte, mit einem
Zeigefinger seinen geschorenen Backenbart, was ein nervös machendes
Geräusch ergab, und musterte über das Pincenez hinweg mit unsäglich
fröhlicher Miene den eleganten Frühstückstisch, den silbernen Brotkorb,
die Etikette der Rotweinflasche ...

»Nämlich«, fuhr Tony fort, »Grünlich behauptet, ich ruiniere ihn!«

Hier blickte Herr Kesselmeyer sie an ... und dann blickte er Herrn
Grünlich an ... und dann brach er in ein unerhörtes Gelächter aus! »Sie
ruinieren ihn ...?« rief er. »Sie ... ruin ... Sie ... Sie ruinieren ihn
also?... O Gott! Ach Gott! Du liebe Zeit!... Das ist spaßhaft!... Das
ist höchst, höchst, =höchst= spaßhaft!« Worauf er sich einer Flut von
unterschiedlichen Ahahs überließ.

Herr Grünlich rückte sichtlich nervös auf seinem Stuhl hin und her.
Abwechselnd fuhr er mit seinem langen Zeigefinger zwischen Kragen und
Hals und ließ hastig seine goldgelben Favoris durch die Hände
gleiten ...

»Kesselmeyer!« sagte er. »Fassen Sie sich doch! Sind Sie von Sinnen?
Hören Sie doch auf zu lachen! Wollen Sie Wein haben? Wollen Sie eine
Zigarre haben? Worüber lachen Sie eigentlich?«

»Worüber ich lache?... Ja, geben Sie mir ein Glas Wein, geben Sie mir
eine Zigarre ... Worüber ich lache? Sie finden also, daß Ihre Frau
Gemahlin Sie ruiniert?«

»Sie ist allzu luxuriös veranlagt«, sagte Herr Grünlich ärgerlich.

Tony bestritt dies durchaus nicht. Ganz ruhig zurückgelehnt, die Hände
im Schoße, auf den Sammetschleifen ihres Schlafrockes, sagte sie mit
keck hervorgeschobener Oberlippe: »Ja ... So bin ich einmal. Das ist
klar. Ich habe es von Mama. Alle Krögers haben immer Hang zum Luxus
gehabt.«

Sie würde mit der gleichen Ruhe erklärt haben, daß sie leichtsinnig,
jähzornig, rachsüchtig sei. Ihr ausgeprägter Familiensinn entfremdete
sie nahezu den Begriffen des freien Willens und der Selbstbestimmung und
machte, daß sie mit einem beinahe fatalistischen Gleichmut ihre
Eigenschaften feststellte und anerkannte ... ohne Unterschied und ohne
den Versuch, sie zu korrigieren. Sie war, ohne es selbst zu wissen, der
Meinung, daß jede Eigenschaft, gleichviel welcher Art, ein Erbstück,
eine Familientradition bedeute und folglich etwas Ehrwürdiges sei, wovor
man in jedem Falle Respekt haben müsse.

Herr Grünlich hatte fertig gefrühstückt, und der Duft der beiden
Zigarren vermischte sich mit dem warmen Ofendunst.

»Haben Sie Luft, Kesselmeyer?« fragte der Hausherr ... »Nehmen Sie eine
andere. Ich schenke Ihnen noch ein Glas Rotwein ein ... Sie wollen also
mit mir reden? Ist es eilig? Von Belang?... Finden Sie es vielleicht zu
warm hier?... Wir fahren nachher zusammen zur Stadt ... Im Rauchzimmer
ist es übrigens kühler ...« Aber zu allen diesen Bemühungen schüttelte
Herr Kesselmeyer lediglich eine Hand in der Luft, als wollte er sagen:
Das führt zu nichts, mein Lieber!

Endlich erhob man sich, und während Tony im Speisezimmer verblieb, um
das Folgmädchen beim Abdecken zu überwachen, führte Herr Grünlich
seinen Geschäftsfreund durch das Penseezimmer. Indem er die Spitze
seines linken Backenbartes nachdenklich zwischen den Fingern drehte,
schritt er geneigten Hauptes voran; mit den Armen rudernd, verschwand
Herr Kesselmeyer hinter ihm im Rauchzimmer.

Zehn Minuten verstrichen. Tony hatte sich auf einen Augenblick in den
Salon begeben, um persönlich mit einem bunten Federbüschel über die
glänzende Nußholzplatte des winzigen Sekretärs und die geschweiften
Beine des Tisches zu fahren, und ging nun langsam durch das Eßzimmer ins
Wohngemach hinüber. Sie schritt ruhig und mit unverkennbarer Würde.
Demoiselle Buddenbrook hatte als Madame Grünlich ersichtlich an
Selbstbewußtsein nichts eingebüßt. Sie hielt sich überaus aufrecht,
drückte das Kinn ein wenig auf die Brust und betrachtete die Dinge von
oben herab. In der einen Hand den zierlichen lackierten Schlüsselkorb,
die andere leichthin in die Seitentasche ihres dunkelroten Schlafrockes
geschoben, ließ sie sich ernsthaft von den langen, weichen Falten
umspielen, während doch der naive und unwissende Ausdruck ihres Mundes
verriet, daß diese ganze Würde etwas unendlich Kindliches, Harmloses und
Spielerisches war.

Im Penseezimmer bewegte sie sich mit der kleinen messingnen Brause
umher, um die schwarze Erde der Blattgewächse zu tränken. Sie liebte
ihre Palmen sehr, die so prachtvoll zur Vornehmheit der Wohnung
beitrugen. Sie betastete behutsam einen jungen Trieb an einem der
dicken, runden Schäfte, prüfte zärtlich die majestätisch entfalteten
Fächer und entfernte hie und da eine gelbe Spitze mit der Schere ...
Plötzlich horchte sie auf. Die Unterredung im Rauchzimmer, die schon
seit mehreren Minuten einen lebhaften Klang angenommen hatte, ward jetzt
so laut, daß man hier drinnen jedes Wort verstand, obgleich die Türe
stark und die Portiere schwer war.

»Schreien Sie doch nicht! Mäßigen Sie sich doch, Gott im Himmel!« hörte
man Herrn Grünlich rufen, dessen weiche Stimme die Überanstrengung nicht
vertragen konnte und sich daher quiekend überschlug ... »Nehmen Sie doch
noch eine Zigarre!« setzte er dann mit verzweifelter Milde hinzu.

»Ja, mit dem größesten Vergnügen, danke sehr«, antwortete der Bankier,
worauf eine Pause eintrat, während derer Herr Kesselmeyer sich wohl
bediente. Hierauf sagte er: »Kurz und gut, wollen Sie nun oder wollen
Sie nicht, eins von beidem!«

»Kesselmeyer, prolongieren Sie!«

»Ahah? Na...hein, =nein=, mein Lieber, keineswegs, davon ist überhaupt
nicht die Rede ...«

»Warum nicht? Was ficht Sie an? Seien Sie doch verständig um des Himmels
willen! Haben Sie so lange gewartet ...«

»Keinen Tag länger, mein Lieber! Ja, sagen wir acht Tage, aber keine
Stunde länger! Verläßt sich denn noch irgend jemand auf ...«

»Keinen Namen, Kesselmeyer!«

»Keinen Namen ... schön. Verläßt sich noch irgend jemand auf Ihren
wohllöblichen Herrn Schw ...«

»Keine Bezeichnung ...! Allmächtiger Gott, seien Sie doch nicht albern!«

»Schön, keine Bezeichnung! Verläßt sich noch irgend jemand auf die
bewußte Firma, mit der Ihr Kredit steht und fällt, mein Lieber? Wieviel
hat sie verloren bei dem Bankerott in Bremen? Fünfzigtausend?
Siebzigtausend? Hunderttausend? Noch mehr? Daß sie engagiert war, ganz
ungeheuer engagiert war, das wissen die Spatzen auf den Dächern ...
Dergleichen ist Stimmungssache. Gestern war ... schön, keinen Namen!
Gestern war die bewußte Firma gut und schützte Sie unbewußt vollkommen
vor Bedrängnis ... Heute ist sie flau, und B. Grünlich ist
fläuer-am-fläuesten ... das ist doch klar? Merken Sie es denn nicht? Sie
sind doch der erste, der solche Schwankungen zu fühlen hat ... Wie
begegnet man Ihnen denn? Wie sieht man Sie denn an? Bock und Goudstikker
sind wohl ungeheuer zuvorkommend und vertrauensvoll? Wie benimmt sich
denn die Kreditbank?«

»Sie prolongiert.«

»Ahah? Sie lügen ja? Ich weiß ja, daß sie Ihnen schon gestern einen
Tritt versetzt hat? Einen höchst, höchst aufmunternden Tritt?... Nun
sehen Sie mal!... Aber schämen Sie sich nur nicht. Es liegt natürlich in
Ihrem Interesse, mir weiszumachen, daß die anderen nach wie vor ruhig
und sicher sind ... Na -- hein, mein Lieber! Schreiben Sie dem Konsul.
Ich warte eine Woche.«

»Eine Abschlagssumme, Kesselmeyer!«

»Abschlagssumme her und hin! Abschlagssummen läßt man sich erlegen, um
sich vorderhand von jemandes Zahlungsfähigkeit zu überzeugen! Habe ich
das Bedürfnis, =darüber= Experimente anzustellen? Ich weiß doch
wundervoll Bescheid, wie es mit =Ihrer= Zahlungsfähigkeit bestellt ist!
Ha-ahah ... Abschlagssumme finde ich höchst, höchst spaßhaft ...«

»Mäßigen Sie doch Ihre Stimme, Kesselmeyer! Lachen Sie doch nicht
fortwährend so gottverflucht! Meine Lage ist so ernst ... ja, ich
gestehe, sie ist ernst; aber ich habe soundso viele Geschäfte in der
Schwebe ... Alles kann sich zum Guten wenden. Hören Sie, passen Sie auf:
Prolongieren Sie, und ich unterschreibe Ihnen 20 Prozent ...«

»Nichtsda, nichtsda ... höchst lächerlich, mein Lieber! Na-hein, ich bin
ein Freund des Verkaufs zur rechten Zeit! Sie haben mir 8 Prozent
geboten, und ich habe prolongiert. Sie haben mir 12 und 16 Prozent
geboten, und ich habe jedesmal prolongiert. Jetzt könnten Sie mir 40
bieten, und ich würde nicht denken an Prolongation, nicht einmal daran
denken, mein Lieber!... Seit Gebrüder Westfahl in Bremen auf die Nase
fielen, sucht für den Augenblick jeder seine Interessen von der bewußten
Firma abzuwickeln und sich sicherzustellen ... Wie gesagt, ich bin für
rechtzeitigen Verkauf. Ich habe Ihre Unterschriften behalten, solange
Johann Buddenbrook zweifellos gut war ... mittlerweile konnte ich ja die
rückständigen Zinsen zum Kapitale schlagen und Ihnen die Prozente
steigern! Aber man behält eine Sache doch nur so lange, als sie steigt
oder wenigstens solide feststeht ... wenn sie anfängt zu fallen, so
verkauft man ... will sagen, ich verlange mein Kapital.«

»Kesselmeyer, Sie sind schamlos!«

»A-aha, schamlos finde ich höchst spaßhaft!... Was wollen Sie überhaupt?
Sie müssen sich ja sowieso an Ihren Schwiegervater wenden! Die
Kreditbank tobt, und im übrigen sind Sie doch auch nicht grade
fleckenlos ...«

»Nein, Kesselmeyer ... ich beschwöre Sie, hören Sie jetzt mal ruhig
zu!... Ja, ich bin offen, ich gestehe Ihnen unumwunden, meine Lage ist
ernst. Sie und die Kreditbank sind ja nicht die einzigen ... Es sind mir
Wechsel vorgelegt worden ... Alles scheint sich verabredet zu haben ...«

»Selbstverständlich. Unter diesen Umständen ... Aber da ist es doch ein
Aufwaschen ...«

»Nein, Kesselmeyer, hören Sie mich an!... Tun Sie mir doch die Liebe,
noch eine Zigarre zu nehmen ...«

»Ich bin ja mit dieser noch nicht zur Hälfte fertig?! Lassen Sie mich
mit Ihren Zigarren in Ruhe! Bezahlen Sie ...«

»Kesselmeyer, lassen Sie mich jetzt nicht fallen ... Sie sind mein
Freund, Sie haben an meinem Tische gesessen ...«

»Sie vielleicht nicht an meinem, mein Lieber?«

»Jaja ... aber kündigen Sie mir jetzt Ihren Kredit nicht,
Kesselmeyer ...!«

»Kredit? =Kredit= auch noch? Sind Sie eigentlich bei Troste? Eine neue
Anleihe ...?«

»Ja, Kesselmeyer, ich beschwöre Sie ... wenig, eine Kleinigkeit!... Ich
brauche nur nach rechts und links ein paar Aus- und Abschlagszahlungen
zu machen, um mir wieder Respekt und Geduld zu verschaffen ... Halten
Sie mich, und Sie werden ein großes Geschäft machen! Wie gesagt, eine
Menge Angelegenheiten befinden sich in der Schwebe ... Alles wird sich
zum Guten wenden ... Sie wissen, ich bin rege und findig ...«

»Ja, ein Geck, ein Tapps sind Sie, mein Lieber! Wollen Sie nicht die
übergroße Güte haben, mir zu sagen, was Sie jetzt noch ausfindig machen
wollen?... Vielleicht irgendwo in der weiten Welt eine Bank, die Ihnen
auch nur einen Silbergroschen auf den Tisch legt? Oder noch einen
Schwiegervater?... Ach nein ... Ihren Hauptcoup haben Sie doch wohl
hinter sich! Dergleichen machen Sie nicht noch einmal! Alle Achtung!
Na-hein, meine höchste Anerkennung ...«

»Sprechen Sie doch leiser in Teufels Namen ...«

»Ein Geck sind Sie! Rege und findig ... ja, aber immer nur zugunsten
anderer Leute! Sie sind gar nicht skrupulös, und doch haben Sie noch
niemals Vorteile davon gehabt. Sie haben Spitzbübereien begangen, Sie
haben sich Kapital ergaunert, nur um mir statt 12 Prozent 16 zu zahlen.
Sie haben Ihre ganze Ehrlichkeit über Bord geworfen, ohne den geringsten
Nutzen davon zu haben. Sie haben ein Gewissen wie ein Schlachterhund und
sind doch ein Pechvogel, ein Tropf, ein armer Narr! Es gibt solche
Leute; sie sind höchst, höchst spaßhaft!... Warum haben Sie eigentlich
solche Angst, sich endgültig mit der ganzen Geschichte an den Bewußten
zu wenden? Weil Sie sich nicht ganz wohl dabei fühlen? Weil es damals
vor vier Jahren nicht alles in Ordnung war? nicht alles ganz säuberlich
zugegangen ist, wie? Fürchten Sie, daß gewisse Dinge ...«

»Gut, Kesselmeyer, ich werde schreiben. Aber wenn er sich weigert? Wenn
er mich fallen läßt?...«

»Oh ... aha! Dann machen wir einen kleinen Bankerott, ein höchst
spaßhaftes Bankeröttchen, mein Lieber! Das ficht mich gar nicht an,
nicht im allermindesten! Ich persönlich bin durch die Zinsen, die Sie
hie und da zusammengekratzt haben, schon ungefähr auf meine Kosten
gekommen ... und bei der Konkursmasse habe ich die Vorhand, mein Teurer
... Und passen Sie auf, ich werde nicht zu kurz kommen. Ich weiß hier
Bescheid bei Ihnen, mein Verehrter! Ich habe die Inventaraufnahme schon
zum voraus in der Tasche ... aha! ich werde schon dafür sorgen, daß auch
kein silbernes Brotkörbchen und kein Schlafrock beiseite geschafft
wird ...«

»Kesselmeyer, Sie haben an meinem Tische gesessen ...«

»Lassen Sie mich mit Ihrem Tische in Ruhe!... In acht Tagen hole ich mir
Antwort. Ich =gehe= zur Stadt; ein bißchen Bewegung wird mir ungeheuer
gut tun. Guten Morgen, mein Lieber! Fröhlichen guten Morgen ...«

Und Herr Kesselmeyer schien aufzubrechen; ja, er ging. Man vernahm seine
sonderbaren, schlürfenden Schritte auf dem Korridor und sah ihn im
Geiste mit den Armen rudern ...

Als Herr Grünlich ins Penseezimmer trat, stand Tony dort, die messingne
Brause in der Hand, und blickte ihm in die Augen.

»Was stehst du ... was starrst du ...«, sagte er, indem er die Zähne
zeigte, mit den Händen vage Bewegungen in der Luft beschrieb und den
Oberkörper hin und her wiegte. Sein rosiges Gesicht besaß nicht die
Fähigkeit, völlig bleich zu werden. Es war rot gefleckt, wie das eines
Scharlachkranken.


Siebentes Kapitel

Der Konsul Johann Buddenbrook traf nachmittags um 2 Uhr in der Villa
ein; im grauen Reisemantel betrat er den Salon der Grünlichs und umarmte
mit einer gewissen schmerzlichen Innigkeit seine Tochter. Er war bleich
und schien gealtert. Seine kleinen Augen lagen tief in den Höhlen, seine
Nase sprang scharf und groß zwischen den eingefallenen Wangen hervor,
seine Lippen schienen schmaler geworden zu sein, und sein Bart, den er
neuerdings nicht mehr als zwei gelockte Streifen trug, die von den
Schläfen bis zur Mitte der Wangen liefen, sondern der, halb verdeckt von
den steifen Vatermördern und der hohen Halsbinde, unterhalb des Kinnes
und der Kinnladen an seinem Halse wuchs, war so stark ergraut wie sein
Haupthaar.

Der Konsul hatte schwere und aufreibende Tage hinter sich. Thomas war an
einer Lungenblutung erkrankt; durch einen Brief des Herrn van der Kellen
war der Vater von dem Unglücksfalle benachrichtigt worden. Er hatte die
Geschäfte in den bedächtigen Händen seines Prokuristen zurückgelassen
und war auf dem kürzesten Wege nach Amsterdam geeilt. Es hatte sich
erwiesen, daß die Erkrankung seines Sohnes keine unmittelbare Gefahr in
sich schließe, daß aber eine Luftkur im Süden, in Südfrankreich,
dringend ratsam sei, und da es sich günstig getroffen hatte, daß auch
für den jungen Sohn des Prinzipals eine Erholungsreise geplant worden
war, so hatte er die beiden jungen Leute, sobald Thomas reisefähig war,
gemeinsam nach Pau abreisen lassen.

Kaum nach Hause zurückgekehrt, war er von diesem Schlage getroffen
worden, der sein Haus für einen Augenblick in seinen Grundfesten
erschüttert hatte: diesem Bankerotte in Bremen, bei welchem er »auf
einem Brett« achtzigtausend Mark verloren hatte ... wodurch? Die auf
»Gebr. Westfahl« gezogenen, diskontierten Wechsel waren, da die Käufer
ihre Zahlungen eingestellt hatten, auf die Firma zurückgekommen. Nicht
als ob Deckung gefehlt hätte; die Firma hatte gezeigt, was sie
vermochte, sofort, ohne Zögern und Verlegenheit vermochte. Dies aber war
kein Hindernis dafür gewesen, daß der Konsul all die plötzliche Kälte,
die Zurückhaltung, das Mißtrauen auszukosten bekommen hatte, welches ein
solcher Unglücksfall, eine solche Schwächung des Betriebskapitals bei
Banken, bei »Freunden«, bei Firmen im Auslande hervorzurufen pflegt ...

Nun, er hatte sich aufgerichtet, hatte alles ins Auge gefaßt, beruhigt,
geregelt, die Stirne geboten ... Da aber, mitten im Kampf, mitten unter
Depeschen, Briefen, Berechnungen, war noch dies über ihn
hereingebrochen: Grünlich, B. Grünlich, der Mann seiner Tochter, war
zahlungsunfähig, und in einem langen, verwirrten und unendlich
kläglichen Brief erbat, erflehte, erjammerte er eine Aushilfe von
hundert- bis hundertzwanzigtausend Mark! Der Konsul hatte kurz,
oberflächlich und schonend seiner Gattin Mitteilung gemacht, hatte kalt
und unverbindlich geantwortet, er ersuche Herrn Grünlich in Gemeinschaft
mit dem erwähnten Bankier Kesselmeyer um eine Unterredung im Hause des
ersteren, und war abgereist.

Tony empfing ihn im Salon. Sie schwärmte dafür, in dem braunseidenen
Salon Besuch zu empfangen, und da sie, ohne klar zu sehen, eine
durchdringende und feierliche Empfindung von der Wichtigkeit der
gegenwärtigen Lage hatte, so machte sie heute auch mit dem Vater keine
Ausnahme. Sie sah wohl, hübsch und ernsthaft aus und trug ein
hellgraues, auf der Brust und an den Handgelenken mit Spitzen besetztes
Kleid mit Glockenärmeln, stark geschweiftem Reifrock nach neuester Mode
und einer kleinen Brillantspange am Halsverschluß.

»Guten Tag, Papa, =endlich= sieht man dich einmal wieder! Wie geht es
Mama?... Hast du gute Nachrichten von Tom?... Lege doch ab, setz' dich
doch, bitte, lieber Papa!... Willst du nicht ein bißchen Toilette
machen? Ich habe das Fremdenzimmer oben für dich herrichten lassen ...
Grünlich macht auch gerade Toilette ...«

»Laß ihn nur, mein Kind; ich will ihn hier unten erwarten. Du weißt, ich
bin zu einer Unterredung mit deinem Mann gekommen ... zu einer sehr,
sehr ernsten Unterredung, meine liebe Tony. Ist Herr Kesselmeyer hier?«

»Jawohl, Papa, er sitzt im Penseezimmer und besieht das Album ...«

»Wo ist Erika?«

»Oben, mit Thinka, im Kinderzimmer, es geht ihr gut. Sie badet ihre
Puppe ... natürlich nicht im Wasser ... eine Wachspuppe ... kurzum, sie
tut nur so ...«

»Versteht sich.« Der Konsul atmete auf und fuhr fort: »Ich kann nicht
annehmen, liebes Kind, daß du über die Lage ... die Lage deines Mannes
unterrichtet bist?«

Er hatte sich auf einem der Fauteuils niedergelassen, die den großen
Tisch umgaben, während Tony auf einem kleinen Sessel, der drei schräg
übereinander getürmte seidene Kissen darstellte, zu seinen Füßen saß.
Die Finger seiner Rechten spielten behutsam mit den Diamanten an ihrem
Halse.

»Nein, Papa«, antwortete Tony; »das muß ich dir gestehen, ich weiß gar
nichts. Mein Gott, ich bin eine Gans, weißt du, ich habe gar keine
Einsicht! Neulich habe ich ein bißchen zugehört, als Kesselmeyer mit
Grünlich sprach ... Zum Schlusse schien es mir, als ob Herr Kesselmeyer
wieder nur Spaß machte ... er redet immer so lächerlich. Ein- oder
zweimal verstand ich deinen Namen ...«

»Du verstandest meinen Namen? In welcher Beziehung?«

»Nein, von der Beziehung weiß ich gar nichts, Papa!... Grünlich war seit
diesem Tage mürrisch ... ja, unausstehlich, das muß ich sagen!... Bis
gestern ... gestern war er sanft gestimmt und fragte zehn- oder
zwölfmal, ob ich ihn liebe, ob ich ein gutes Wort bei dir für ihn
einlegen würde, wenn er dich etwas zu bitten hätte ...«

»Ah ...«

»Ja ... er teilte mir mit, er habe dir geschrieben, du würdest kommen
... Gut, daß du da bist! Es ist ein bißchen unheimlich ... Grünlich hat
den grünen Spieltisch hergerichtet ... es liegen eine Menge Papiere und
Bleistifte darauf ... daran sollst du nachher mit ihm und Kesselmeyer
eine Beratung abhalten ...«

»Höre, mein liebes Kind«, sagte der Konsul, indem er mit der Hand über
ihr Haar strich ... »Ich muß dich nun etwas fragen, etwas Ernstes! Sage
mir einmal ... du liebst doch deinen Mann von ganzem Herzen?«

»Gewiß, Papa«, sagte Tony mit einem so kindisch heuchlerischen Gesicht,
wie sie es ehemals zustande gebracht, wenn man sie gefragt hatte: Du
wirst nun doch niemals wieder die Puppenliese ärgern, Tony?... Der
Konsul schwieg einen Augenblick.

»Du liebst ihn doch so«, fragte er dann, »daß du nicht ohne ihn leben
könntest ... unter keinen Umständen, wie? auch wenn durch Gottes Willen
seine Lage sich ändern sollte, wenn er in Verhältnisse versetzt werden
würde, die es ihm nicht mehr erlaubten, dich fernerhin mit allen diesen
Dingen zu umgeben ...?« Und seine Hand beschrieb eine flüchtige Bewegung
über die Möbel und Portieren des Zimmers hin, über die vergoldete
Stutzuhr auf der Spiegeletagere und endlich über ihr Kleid hinunter.

»Gewiß, Papa«, wiederholte Tony in dem tröstenden Ton, den sie beinahe
immer annahm, wenn jemand ernst zu ihr sprach. Sie blickte an ihres
Vaters Gesicht vorbei aufs Fenster, hinter dem lautlos ein zarter und
dichter Schleierregen sich hernieder bewegte. Ihre Augen waren voll von
einem Ausdruck, wie Kinder ihn annehmen, wenn man beim Märchenvorlesen
so taktlos ist, eine allgemeine Betrachtung über Moral und Pflichten
einfließen zu lassen ... einem Mischausdruck von Verlegenheit und
Ungeduld, Frömmigkeit und Verdrossenheit.

Der Konsul betrachtete sie während einer Minute stumm und mit
nachdenklichem Blinzeln. War er mit ihrer Antwort zufrieden? Er hatte
daheim und unterwegs alles reiflich erwogen ...

Jeder Mensch begreift, daß Johann Buddenbrooks erster und aufrichtigster
Beschluß dahin ging, eine Auszahlung irgendwelcher Höhe an seinen
Schwiegersohn nach Kräften zu vermeiden. Als er sich aber erinnerte, wie
dringend er, um ein gelindes Wort zu gebrauchen, diese Ehe befürwortet
hatte, als er sich den Blick ins Gedächtnis zurückrief, mit dem das
Kind nach der Hochzeitsfeier von ihm Abschied genommen und ihn gefragt
hatte: »Bist du mit mir zufrieden?«, da mußte er einem ziemlich
niederdrückenden Schuldbewußtsein seiner Tochter gegenüber Raum geben
und sich sagen, daß diese Sache ganz und gar durch ihren Willen
entschieden werden müsse. Er wußte wohl, daß sie in diese Verbindung
nicht aus Gründen der Liebe gewilligt hatte, aber er rechnete mit der
Möglichkeit, daß diese vier Jahre, die Gewöhnung und die Geburt des
Kindes vieles verändert haben konnten, daß Tony sich jetzt ihrem Manne
mit Leib und Seele verbunden fühlen und aus guten christlichen und
weltlichen Gründen jeden Gedanken an eine Trennung zurückweisen konnte.
In diesem Falle, überlegte der Konsul, müsse er sich zur Hergabe jeder
Geldsumme bequemen. Zwar verlangten Christenpflicht und Frauenwürde, daß
Tony ihrem angetrauten Gatten bedingungslos auch ins Unglück folgte;
wenn sie aber tatsächlich diesen Entschluß an den Tag legen würde, so
fühlte er sich nicht berechtigt, sie fortan alle die Verschönerungen und
Bequemlichkeiten des Lebens, an die sie von Kindesbeinen an gewöhnt war,
unverschuldet entbehren zu lassen ... so fühlte er sich verpflichtet,
eine Katastrophe zu verhüten und B. Grünlich um jeden Preis zu halten.
Kurz, das Ergebnis seiner Erwägungen war der Wunsch gewesen, seine
Tochter mitsamt ihrem Kinde zu sich zu nehmen und Herrn Grünlich seiner
Wege gehen zu lassen. Mochte Gott dies Äußerste verhüten! Für jeden Fall
bewegte er den Rechtsparagraphen bei sich, der bei bestehender
Unfähigkeit des Gatten, Frau und Kinder zu ernähren, zur Scheidung
berechtigte. Vor allem aber mußte er die Ansichten seiner Tochter
erforschen ...

»Ich sehe«, sagte er, indem er fortfuhr, zärtlich ihr Haar zu
streicheln, »ich sehe, mein liebes Kind, daß du von guten und
lobenswerten Grundsätzen beseelt bist. Allein ... ich kann nicht
annehmen, daß du die Dinge betrachtest, wie sie, Gott sei's geklagt,
betrachtet werden müssen: nämlich als Tatsachen. Ich habe dich nicht
gefragt, was du in diesem oder jenem Falle vielleicht tun =würdest=,
sondern was du jetzt, heute, sogleich tun =wirst=. Ich weiß nicht,
inwiefern du die Verhältnisse kennst oder ahnst ... ich habe also die
traurige Pflicht, dir zu sagen, daß dein Mann sich genötigt sieht,
seine Zahlungen einzustellen, daß er sich geschäftlich nicht mehr halten
kann ... ich glaube, du verstehst mich ...«

»Grünlich macht Bankerott ...?« fragte Tony leise, indem sie sich halb
von ihren Kissen erhob und rasch des Konsuls Hand ergriff ...

»Ja, mein Kind«, sagte er ernst. »Du vermutetest das nicht?«

»Ich habe nichts Bestimmtes vermutet ...«, stammelte sie. »Dann hat
Kesselmeyer also nicht Spaß gemacht ...?« fuhr sie fort, indem sie
schräg vor sich hin auf den braunen Teppich starrte ... »=O Gott!=«
stieß sie plötzlich hervor und sank auf ihren Sitz zurück. Erst in
diesem Augenblick ging alles vor ihr auf, was in dem Worte »Bankerott«
verschlossen lag, alles, was sie schon als kleines Kind dabei an Vagem
und Fürchterlichem empfunden hatte ... »Bankerott« ... das war etwas
Gräßlicheres als der Tod, das war Tumult, Zusammenbruch, Ruin, Schmach,
Schande, Verzweiflung und Elend ... »Er macht Bankerott!« wiederholte
sie. Sie war dermaßen geschlagen und niedergeschmettert von diesem
Schicksalswort, daß sie an keine Hilfe dachte, auch nicht an eine, die
von ihrem Vater kommen könnte.

Er betrachtete sie mit emporgezogenen Brauen, mit seinen kleinen,
tiefliegenden Augen, die traurig und müde aussahen und dennoch eine ganz
außerordentliche Spannung verrieten.

»Ich fragte dich also«, sagte er sanft, »meine liebe Tony, ob du dich
bereit hältst, deinem Manne auch in die Armut hinein zu folgen?...«
Gleich darauf gestand er sich, daß er das harte Wort »Armut« instinktiv
als Abschreckungsmittel gewählt habe, und fügte hinzu: »Er kann sich
wieder emporarbeiten ...«

»Gewiß, Papa«, antwortete Tony. Aber das hinderte nicht, daß sie in
Tränen ausbrach. Sie schluchzte in ihr Batisttüchlein, das mit Spitzen
besetzt war und das Monogramm _AG_ trug. Sie hatte noch völlig ihr
Kinderweinen: ganz ungeniert und ohne Ziererei. Ihre Oberlippe machte
einen unaussprechlich rührenden Eindruck dabei.

Ihr Vater fuhr fort, sie mit den Augen zu prüfen. »Das ist dein Ernst,
mein Kind?« fragte er. Er war genau so ratlos wie sie.

»Muß ich nicht ...«, schluchzte sie. »Ich muß doch ...«

»Durchaus nicht!« sagte er lebhaft; aber schuldbewußt verbesserte er
sich sofort: »Ich würde dich nicht unbedingt dazu zwingen, meine liebe
Tony. Gesetzt den Fall, daß deine Gefühle dich nicht unverbrüchlich an
deinen Mann fesselten ...«

Sie sah ihn mit in Tränen schwimmenden und verständnislosen Augen an.

»Wieso, Papa ...?«

Der Konsul wand sich ein wenig hin und her und fand ein Auskunftsmittel.

»Mein gutes Kind, du kannst glauben, daß ich es sehr schmerzhaft
empfinden würde, dich all den Unbilden und Peinlichkeiten aussetzen zu
müssen, die durch das Unglück deines Mannes, durch die Auflösung des
Geschäftes und deines Hausstandes unmittelbar werden herbeigeführt
werden ... Ich habe den Wunsch, dich diesen ersten Unannehmlichkeiten zu
entziehen und dich sowie unsere kleine Erika vorderhand zu uns nach
Hause zu nehmen. Ich glaube, daß du mir das danken wirst ...?«

Tony schwieg einen Augenblick, während dessen sie ihre Tränen trocknete.
Sie hauchte umständlich auf ihr Taschentuch und drückte es gegen die
Augen, um die Entzündung zu verhüten. Hierauf fragte sie in
entschiedenem Tone, ohne die Stimme zu erheben: »Papa, =ist= Grünlich
schuldig! =kommt= er aus Leichtsinn und Unredlichkeit ins Unglück!«

»Höchst wahrscheinlich!...« sagte der Konsul. »Das heißt ... nein, ich
weiß es nicht, mein Kind. Ich sagte dir, daß die Auseinandersetzung mit
ihm und seinem Bankier noch aussteht ...«

Tony schien auf diese Antwort gar nicht geachtet zu haben. Gebückt auf
ihren drei seidenen Kissen stützte sie den Ellenbogen auf das Knie und
das Kinn in die Hand und blickte mit tiefgesenktem Kopfe versunken und
träumerisch von unten herauf ins Zimmer hinein.

»Ach, Papa«, sagte sie leise und beinahe ohne die Lippen zu bewegen,
»wäre es damals nicht besser gewesen ...«

Der Konsul konnte ihr Gesicht nicht sehen; aber es trug den Ausdruck,
der an manchem Sommerabend, wenn sie zu Travemünde an dem Fenster ihres
kleinen Zimmers lehnte, darauf gelegen hatte ... Ihr einer Arm ruhte
auf den Knien ihres Vaters, während die Hand schlaff und ohne Stütze
nach unten hing. Selbst diese Hand drückte eine unendlich wehmütige und
zärtliche Hingebung aus, eine erinnerungsvolle und süße Sehnsucht, die
in die Ferne schweifte.

»Besser ...?« fragte Konsul Buddenbrook. »Wenn was nicht geschehen wäre,
mein Kind?«

Er war von Herzen zu dem Geständnis bereit, daß es besser gewesen wäre,
diese Ehe nicht zu schließen; aber Tony sagte nur mit einem Seufzer:
»Ach, nichts!«

Es schien, daß ihre Gedanken sie fesselten, daß sie weit abseits weilte
und den »Bankerott« beinahe vergessen hatte. Der Konsul sah sich
genötigt, selbst auszusprechen, was er lieber nur bestätigt hätte.

»Ich glaube deine Gedanken zu erraten, liebe Tony«, sagte er, »und auch
ich meinerseits, ich zögere nicht, dir zu bekennen, daß ich den Schritt,
der mir vor vier Jahren als klug und heilsam erschien, in dieser Stunde
bereue ... aufrichtig bereue. Ich glaube, vor Gott nicht schuldig zu
sein. Ich glaube, meine Pflicht getan zu haben, indem ich mich bemühte,
dir eine deiner Herkunft angemessene Existenz zu schaffen ... Der Himmel
hat es anders gewollt ... du wirst von deinem Vater nicht glauben, daß
er damals, leichtfertig und unüberlegt, dein Glück aufs Spiel gesetzt
hat! Grünlich trat mit mir in Verbindung, versehen mit den besten
Empfehlungen, ein Pastorssohn, ein christlicher und weltläufiger Mann
... Später habe ich geschäftliche Erkundigungen über ihn eingezogen, die
so günstig lauteten als möglich. Ich habe die Verhältnisse geprüft ...
Das alles ist dunkel, dunkel und harrt noch der Aufklärung. Aber nicht
wahr, du klagst mich nicht an ...«

»Nein, Papa! wie kannst du dergleichen sagen! Komm, laß es dir nicht zu
Herzen gehen, armer Papa ... Du siehst blaß aus, soll ich nicht ein paar
Magentropfen herunterholen?« Sie hatte ihre Arme um seinen Hals gelegt
und küßte ihn auf die Wangen.

»Ich danke dir«, sagte er; »so, so ... laß nur, ich danke dir. Ja, ich
habe angreifende Tage hinter mir ... Was soll man tun? Ich habe viel
Ärgernis gehabt. Das sind Prüfungen von Gott. Aber das hindert nicht,
daß ich mich dir gegenüber nicht ganz ohne Schuld fühlen kann, mein
Kind. Alles kommt jetzt auf die Frage an, die ich dir schon vorgelegt
habe, die du mir aber noch nicht hinlänglich beantwortet hast. Sprich
offen zu mir, Tony ... hast du in diesen Jahren der Ehe deinen Mann
lieben gelernt?«

Tony weinte aufs neue, und indem sie mit beiden Händen, in denen sie das
Batisttüchlein hielt, ihre Augen bedeckte, brachte sie unter Schluchzen
hervor: »Ach ... was fragst du, Papa!... Ich habe ihn niemals geliebt
... er war mir immer widerlich ... weißt du das denn nicht ...?«

Es wäre schwer zu sagen, was auf dem Gesichte Johann Buddenbrooks sich
abspielte. Seine Augen blickten erschrocken und traurig, und dennoch
kniff er die Lippen zusammen, so daß Mundwinkel und Wangen sich
falteten, wie es zu geschehen pflegte, wenn er ein vorteilhaftes
Geschäft zum Abschluß gebracht hatte. Er sagte leise: »Vier Jahre ...«

Tonys Tränen versiegten plötzlich. Das feuchte Taschentuch in der Hand,
richtete sie sich auf ihrem Sitze empor und sagte zornig: »Vier Jahre
... ha! manchmal hat er abends bei mir gesessen und die Zeitung gelesen
in diesen vier Jahren ...!«

»Gott hat euch beiden ein Kind geschenkt ...«, sagte der Konsul bewegt.

»Ja, Papa ... und ich habe Erika sehr lieb ... obgleich Grünlich
behauptet, ich sei nicht kinderlieb ... Ich würde mich nie von ihr
trennen, das sage ich dir ... aber Grünlich -- nein!... Grünlich --
nein!... Nun macht er auch noch Bankerott!... Ach Papa, wenn du mich und
Erika nach Hause nehmen willst ... mit Freuden! Nun weißt du es!«

Der Konsul kniff wiederum die Lippen zusammen; er war äußerst zufrieden.
Immerhin mußte der Hauptpunkt noch berührt werden, aber bei der
Entschlossenheit, die Tony an den Tag legte, riskierte man wenig damit.

»Bei alledem«, sagte er, »scheinst du völlig zu vergessen, mein Kind,
daß ja Hilfe denkbar wäre ... und zwar durch mich. Dein Vater hat dir
bereits bekannt, daß er sich dir gegenüber nicht unbedingt schuldlos
fühlen kann, und in dem Falle ... nun, in dem Falle, daß du es von ihm
erhoffst ... erwartest ... würde er einspringen, würde er das Falliment
verhüten, würde er die Schulden deines Mannes wohl oder übel decken und
sein Geschäft flott erhalten ...«

Er prüfte sie gespannt, und ihr Mienenspiel erfüllte ihn mit Genugtuung.
Es drückte Enttäuschung aus.

»Um wieviel handelt es sich eigentlich?« fragte sie.

»Was tut das zur Sache, mein Kind ... um eine große, große Summe!« Und
Konsul Buddenbrook nickte einigemal mit dem Kopfe, als ob die Wucht des
Gedankens an diese Summe ihn langsam hin und her schüttelte. »Dabei«,
fuhr er fort, »darf ich dir nicht verhehlen, daß die Firma, ganz
abgesehen von dieser Sache, Verluste erlitten hat, und daß die Hergabe
dieser Summe eine Schwächung für sie bedeuten würde, von der sie sich
schwer ... schwer wieder erholen könnte. Ich sage das keineswegs,
um ...«

Er vollendete nicht. Tony war aufgesprungen, sie war sogar ein paar
Schritte zurückgetreten und, noch immer das nasse Spitzentüchlein in der
Hand, rief sie: »Gut! Genug! Nie!«

Sie sah beinahe heroisch aus. Das Wort »Firma« hatte eingeschlagen.
Höchst wahrscheinlich wirkte es entscheidender als selbst ihre Abneigung
gegen Herrn Grünlich.

»Das tust du =nicht=, Papa!« redete sie ganz außer sich fort. »Willst
auch du noch Bankerott machen? Genug! Niemals!«

In diesem Augenblick öffnete sich die Korridortür ein wenig zögernd, und
Herr Grünlich trat ein.

Johann Buddenbrook erhob sich mit einer Bewegung, welche ausdrückte:
Erledigt.


Achtes Kapitel

Herrn Grünlichs Gesicht war rot gefleckt, aber er war aufs sorgfältigste
gekleidet. Er trug einen ähnlichen schwarzen, faltigen, soliden
Leibrock, ähnliche erbsenfarbene Beinkleider, wie diejenigen, in denen
er einstmals in der Mengstraße seine ersten Visiten gemacht. In einer
schlaffen Haltung blieb er stehen und sprach, den Blick zu Boden
gerichtet, mit weicher und matter Stimme: »Vater ...«

Der Konsul verbeugte sich kalt und ordnete dann mit einigen energischen
Griffen seine Halsbinde.

»Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind«, setzte Herr Grünlich hinzu.

»Das war meine Pflicht, mein Freund«, erwiderte der Konsul; »nur fürchte
ich, daß es das einzige bleiben wird, was ich in Ihrer Sache zu tun
vermag.«

Sein Schwiegersohn warf ihm einen hastigen Blick zu und nahm dann eine
noch schlaffere Haltung an.

»Ich höre«, fuhr der Konsul fort, »daß Ihr Bankier, Herr Kesselmeyer,
uns erwartet ... welchen Ort haben Sie für die Unterredung bestimmt? Ich
stehe zu Ihrer Verfügung ...«

»Ich bitte Sie um die Güte, mir zu folgen«, murmelte Herr Grünlich.

Konsul Buddenbrook küßte seine Tochter auf die Stirn und sagte: »Geh
hinauf zu deinem Kinde, Antonie!«

Dann schritt er mit Herrn Grünlich, der sich bald vor ihm, bald hinter
ihm bewegte und die Portieren öffnete, durch das Speisezimmer ins
Wohngemach.

Als Herr Kesselmeyer, der am Fenster stand, sich umwandte, richteten die
weißen und schwarzen Flaumfedern auf seinem Kopfe sich auf und sanken
dann sanft auf den Schädel zurück.

»Herr Bankier Kesselmeyer ... Großhändler Konsul Buddenbrook, mein
Schwiegervater ...«, sagte Herr Grünlich ernst und bescheiden. Des
Konsuls Gesicht war bewegungslos. Herr Kesselmeyer bückte sich mit
hängenden Armen, indem er seine beiden gelben Eckzähne auf die Oberlippe
setzte und sagte: »Ihr Diener, Herr Konsul! Meine lebhafte Satisfaktion,
das Vergnügen zu haben!«

»Verzeihen Sie gütigst, daß Sie haben warten müssen, Kesselmeyer«, sagte
Herr Grünlich. Er war voll Höflichkeit für den einen wie für den
anderen.

»Kommen wir zur Sache?« bemerkte der Konsul, indem er sich suchend hin
und her wandte ... Der Hausherr beeilte sich zu antworten: »Ich bitte
die Herren ...«

Während man ins Rauchkabinett hinüberging, sagte Herr Kesselmeyer
aufgeräumt: »Eine angenehme Reise gehabt, Herr Konsul?... Aha, Regen?
Ja, eine schlechte Jahreszeit, eine häßliche, schmutzige Jahreszeit!
Gäbe es ein bißchen Frost, ein bißchen Schnee ...! Aber nichts da!
Regen! Kot! Höchst, höchst widerwärtig ...«

Was für ein sonderbarer Mensch, dachte der Konsul.

In der Mitte des kleinen Zimmers, dessen Tapeten dunkel geblümt waren,
stand ein ziemlich umfangreicher, viereckiger, grünbezogener Tisch. Der
Regen draußen hatte zugenommen. Es war so finster, daß Herr Grünlich die
drei Kerzen, die in silbernen Leuchtern auf der Tafel standen, alsbald
entzündete. Bläuliche, mit Firmenstempeln versehene Geschäftsbriefe und
abgegriffene, hie und da eingerissene, mit Daten und Namenszügen
bedeckte Papiere lagen auf dem grünen Tuch. Außerdem bemerkte man ein
dickleibiges Hauptbuch und ein von wohlgeschärften Gänsefedern und
Bleistiften starrendes Tinten- und Streusandfaß aus Metall.

Herr Grünlich machte die Honneurs mit den stillen, taktvollen und
zurückhaltenden Mienen und Bewegungen, mit denen man die Gäste bei einem
Begräbnis komplimentiert.

»Lieber Vater, bitte, nehmen Sie den Armstuhl«, sagte er sanft. »Herr
Kesselmeyer, haben Sie die Freundlichkeit, sich =hier= zu setzen?...«

Endlich war die Ordnung hergestellt. Der Bankier saß dem Hausherrn
gegenüber, während der Konsul im Armsessel an der Breitseite des Tisches
präsidierte. Die Rückenlehne seines Stuhles berührte die Korridortür.

Herr Kesselmeyer bückte sich, ließ die Unterlippe hängen, entwirrte auf
seiner Weste einen Kneifer und hieb ihn sich auf die Nase, indem er
dieselbe krauste und den Mund aufriß. Dann kraute er sich mit einem
nervös machenden Geräusch den geschorenen Backenbart, stemmte die Hände
auf die Knie, nickte den Papieren zu und bemerkte kurz und fröhlich:
»Aha! Da haben wir die ganze Bescherung!«

»Sie erlauben nun, daß ich mir einen genaueren Einblick in die Lage der
Dinge verschaffe«, sagte der Konsul und griff nach dem Hauptbuch.
Plötzlich jedoch streckte Herr Grünlich schirmend beide Hände über den
Tisch hin, lange, von hohen blauen Adern durchzogene Hände, die
ersichtlich zitterten, und rief mit bewegter Stimme: »Einen Augenblick!
Noch einen Augenblick, Vater! Oh, lassen Sie mich noch eine einleitende
Bemerkung vorausschicken!... Ja, Sie werden Einblick gewinnen, Ihrem
Blick wird nichts entgehen ... Aber glauben Sie mir: Sie werden Einblick
in die Lage eines Unglücklichen gewinnen, nicht eines Schuldigen! Sehen
Sie in mir einen Mann, Vater, der sich ohn' Ermatten gegen das Schicksal
gewehrt hat, der aber von ihm zu Boden geschlagen ist! In diesem
Sinne ...«

»Ich werde sehen, mein Freund, ich werde sehen!« sagte der Konsul mit
sichtlicher Ungeduld; und Herr Grünlich zog seine Hände zurück, um dem
Geschicke seinen Lauf zu lassen.

Es vergingen lange, furchtbare Minuten des Schweigens. In dem unruhigen
Kerzenlicht saßen die drei Herren, eingeschlossen von vier dunklen
Wänden, dicht beieinander. Man vernahm keine Bewegung als das Rascheln
des Papieres, mit dem der Konsul hantierte. Sonst war draußen der
fallende Regen das einzige Geräusch.

Herr Kesselmeyer hatte seine Daumen in die Armlöcher der Weste
geschoben, spielte mit den übrigen Fingern an den Schultern Klavier und
sah mit unsäglicher Heiterkeit von einem zum anderen. Herr Grünlich saß
ohne sich zurückzulehnen, die Hände auf dem Tisch, starrte trüb vor sich
hin und ließ dann und wann einen ängstlichen Blick seitwärts zu seinem
Schwiegervater gleiten. Der Konsul blätterte im Hauptbuch, verfolgte mit
dem Fingernagel Kolonnen von Zahlen, verglich Daten und warf mit dem
Bleistift seine kleinen, unleserlichen Ziffern aufs Papier. Sein
abgespanntes Gesicht drückte Entsetzen vor den Verhältnissen aus, in die
er nun »Einblick gewann« ... Endlich legte er seine Linke auf Herrn
Grünlichs Arm und sagte erschüttert: »Sie armer Mann!«

»Vater ...« brachte Herr Grünlich hervor. Dem bedauernswerten Menschen
liefen zwei große Tränen die Wangen hinab und in die goldgelben Favoris
hinein. Herr Kesselmeyer verfolgte den Weg dieser beiden Tropfen mit dem
größten Interesse; er stand sogar ein wenig auf, beugte sich vor und
starrte seinem Gegenüber mit offenem Munde ins Gesicht. Konsul
Buddenbrook war heftig bewegt. Weich gemacht durch das Unglück, das ihn
selbst betroffen, fühlte er, wie das Erbarmen ihn mit sich fortriß; aber
rasch wurde er wieder Herr seiner Gefühle.

»Wie ist es möglich!« sagte er mit einem trostlosen Kopfschütteln ...
»In diesen wenigen Jahren!«

»Kinderspiel!« antwortete Herr Kesselmeyer gut gelaunt. »In vier Jahren
kann man allerliebst vor die Hunde kommen! Wenn man bedenkt, wie munter
Gebrüder Westfahl in Bremen vor kurzer Zeit noch umhersprangen ...«

Der Konsul sah ihn blinzelnd an, indem er ihn weder sah noch hörte. Er
hatte keineswegs seinem wirklichen Gedanken Ausdruck gegeben, über den
er grübelte ... Warum, fragte er sich argwöhnisch und dennoch
verständnislos, warum dies alles gerade jetzt? B. Grünlich hätte schon
vor zwei, vor drei Jahren stehen können, wo er jetzt stand; das übersah
man mit einem Blick. Aber sein Kredit war unerschöpflich gewesen, er
hatte von den Banken Kapital erhalten, er hatte die Unterschriften von
soliden Häusern wie Senator Bock und Konsul Goudstikker immer wieder für
seine Unternehmungen in Empfang genommen, und seine Wechsel hatten
kursiert wie Bargeld. Warum gerade jetzt, jetzt, jetzt -- und der Chef
der Firma Johann Buddenbrook wußte wohl, was er unter diesem Jetzt
verstand -- dieser Zusammenbruch auf allen Seiten, dieses totale
Zurückziehen alles Vertrauens wie auf Verabredung, dieses einmütige
Herfallen über B. Grünlich unter Hintansetzung jeder Rücksicht, ja jeder
Höflichkeitsform? Der Konsul wäre allzu naiv gewesen, hätte er nicht
gewußt, daß das Ansehen seines eignen Hauses nach der Verlobung
Grünlichs mit seiner Tochter auch seinem Schwiegersohne hatte zugute
kommen müssen. Aber hatte der Kredit des Letzteren so vollkommen, so
eklatant, so ausschließlich von dem seinen abgehangen? War Grünlich
selbst denn nichts gewesen? Und die Erkundigungen, die der Konsul
eingezogen, die Bücher, die er geprüft hatte?... Mochte es sich damit
verhalten, wie es wollte, so stand sein Entschluß, in dieser Sache auch
nicht das Glied eines Fingers zu regen, fester als jemals. Man sollte
sich verrechnet haben! Augenscheinlich hatte B. Grünlich die Anschauung
zu erwecken gewußt, als sei er mit Johann Buddenbrook solidarisch?
Diesem, wie es schien, entsetzlich weit verbreiteten Irrtum mußte ein
für alle Male vorgebeugt werden! Und auch dieser Kesselmeyer sollte sich
wundern! Besaß dieser Bajazz ein Gewissen? Es sprang in die Augen, wie
schamlos er ganz allein darauf spekuliert hatte, daß er, Johann
Buddenbrook, den Mann seiner Tochter nicht würde fallen lassen, wie er
dem längst vernichteten Grünlich zwar fort und fort Kredit gewährt, ihn
aber immer blutigere Wucherzinsen hatte unterschreiben lassen ...

»Gleichviel«, sagte er kurz. »Kommen wir zur Sache. Wenn ich hier als
Kaufmann mein Gutachten abgeben soll, so bedauere ich, aussprechen zu
müssen, daß dies die Lage eines zwar unglücklichen, aber auch eines in
hohem Grade schuldigen Mannes ist.«

»Vater ...« stammelte Herr Grünlich.

»Diese Anrede klingt mir =schlecht= in die Ohren!« sagte der Konsul
rasch und hart. »Ihre Forderungen, mein Herr«, fuhr er fort, indem er
sich flüchtig dem Bankier zuwandte, »an Herrn Grünlich betragen
sechzigtausend Mark ...«

»Mit den rückständigen und den zum Kapital geschlagenen Zinsen
achtundsechzigtausendsiebenhundertundfünfundfünfzig Mark und fünfzehn
Schillinge«, antwortete Herr Kesselmeyer behaglich.

»Sehr wohl ... Und Sie wären unter keinen Umständen geneigt, Ihre Geduld
zu verlängern?«

Herr Kesselmeyer begann einfach zu lachen. Er lachte mit offenem Munde,
stoßweise, ohne eine Spur von Hohn und sogar gutmütig, indem er dem
Konsul ins Gesicht sah, als wollte er ihn auffordern, gleichfalls
einzustimmen.

Johann Buddenbrooks kleine, tiefliegende Augen trübten sich und umgaben
sich plötzlich mit roten Rändern, die sich bis zu den Wangenknochen
hinzogen. Er hatte nur der Form wegen gefragt und wußte sehr wohl, daß
ein Aufschub von seiten dieses einen Gläubigers die Sachlage ganz
unwesentlich verändert haben würde. Aber die Art, in der dieser Mensch
ihn zurückwies, beschämte und erbitterte ihn aufs äußerste. Mit einer
einzigen Handbewegung schob er alles weit von sich, was vor ihm lag,
legte mit einem Ruck den Bleistift auf den Tisch und sagte: »So erkläre
ich, daß ich nicht willens bin, mich länger in irgendeiner Weise mit
dieser Angelegenheit zu beschäftigen.«

»Aha!« rief Herr Kesselmeyer, indem er seine Hände in der Luft
schüttelte ... »Das nenne ich ein Wort, das nenne ich würdig gesprochen.
Der Herr Konsul wird die Sache ganz einfach regeln! Ohne langes
Parlamentieren! Schlanker Hand!«

Johann Buddenbrook sah ihn nicht einmal an.

»Ich kann Ihnen nicht helfen, mein Freund«, wandte er sich ruhig an
Herrn Grünlich. »Die Dinge müssen den Weg nehmen, den sie eingeschlagen
haben ... Ich sehe mich nicht in der Lage, sie aufzuhalten. Fassen Sie
sich und suchen Sie Trost und Kraft bei Gott. Ich muß diese Unterredung
als geschlossen betrachten.«

Überraschenderweise nahm Herrn Kesselmeyers Gesicht einen ernsten
Ausdruck an, was sich ganz wunderlich ausnahm; dann aber nickte er Herrn
Grünlich aufmunternd zu. Dieser saß bewegungslos und rang nur seine
langen Hände auf dem Tische so heftig, daß die Finger leise krachten.

»Vater ... Herr Konsul ...« sagte er mit wankender Stimme, »Sie werden
... Sie können meinen Ruin, mein Elend nicht wollen! Hören Sie mich an!
Es handelt sich in Summa um ein Manko von hundertzwanzigtausend ... Sie
können mich retten! Sie sind ein reicher Mann! Betrachten Sie die Summe
wie Sie wollen ... als eine endgültige Abfindung, als das Erbteil Ihrer
Tochter, als ein verzinsbares Darlehen ... Ich werde arbeiten ... Sie
wissen, daß ich rege und findig bin ...«

»Ich habe mein letztes Wort gesprochen«, sagte der Konsul.

»Erlauben Sie nur ... =können= Sie nicht?« fragte Herr Kesselmeyer und
sah ihn durch seinen Kneifer mit krauser Nase an ... »Wenn ich dem Herrn
Konsul zu bedenken geben dürfte ... dies wäre eigentlich gerade jetzt
eine allerliebste Okkasion, die Stärke der Firma Johann Buddenbrook zu
beweisen ...«

»Sie täten gut daran, mein Herr, die Sorge für das Ansehen meines Hauses
mir selbst zu überlassen. Um meine Zahlungsfähigkeit klarzustellen,
habe ich nicht nötig, mein Geld in die nächste Pfütze zu werfen ...«

»Nicht doch, nicht doch! A-aha, `Pfütze´ ist höchst spaßhaft! Aber
meinen Herr Konsul nicht, daß der Konkurs Ihres Herrn Schwiegersohnes
auch Ihre Lage in eine falsche und schiefe Beleuchtung ... wie?...
bringen würde ... wie?... rücken würde?...«

»Ich kann Ihnen nur noch einmal empfehlen, meinen Ruf in der
Geschäftswelt meine eigene Sache sein zu lassen«, sagte der Konsul.

Herr Grünlich sah ratlos seinem Bankier ins Gesicht und begann von
neuem: »Vater ... ich flehe Sie an, bedenken Sie, was Sie tun!... Ist
denn von mir allein die Rede? Oh, ich ... mag ich immerhin zugrunde
gehen! Aber Ihre Tochter, mein Weib, sie, die ich so liebe, die ich mir
in so heißem Kampfe erworben ... und unser Kind, unser beider
unschuldiges Kind ... auch sie im Elend! Nein, Vater, ich würde es nicht
tragen! Ich würde mich töten! Ja, mit dieser meiner eigenen Hand würde
ich mich töten ... glauben Sie mir! Und möge der Himmel Sie dann von
jeder Schuld freisprechen!«

Johann Buddenbrook lehnte bleich und mit pochendem Herzen in seinem
Armsessel. Zum zweiten Male stürmten die Empfindungen dieses Mannes auf
ihn ein, deren Äußerung durchaus das Gepräge der Echtheit trug, wieder
mußte er, wie damals, als er Herrn Grünlich den Travemünder Brief seiner
Tochter mitgeteilt hatte, dieselbe gräßliche Drohung vernehmen, und
wieder durchschauerte ihn die schwärmerische Ehrfurcht seiner Generation
vor menschlichen Gefühlen, die stets mit seinem nüchternen und
praktischen Geschäftssinn in Hader gelegen hatte. Dieser Anfall aber
währte nicht länger als eine Sekunde. Hundertundzwanzigtausend Mark ...
wiederholte er innerlich, und dann sagte er ruhig und fest: »Antonie ist
meine Tochter. Ich werde zu verhindern wissen, daß sie unschuldig
leidet.«

»Was wollen Sie damit sagen ...?« fragte Herr Grünlich, indem er langsam
erstarrte ...

»Das werden Sie erfahren«, antwortete der Konsul. »Für jetzt habe ich
meinen Worten nichts hinzuzufügen.« Und damit erhob er sich, stellte
seinen Stuhl fest auf den Boden und wandte sich zur Tür.

Herr Grünlich saß stumm, steif, fassungslos, und sein Mund bewegte sich
ruckweise nach beiden Seiten, ohne daß sich ihm ein Wort zu entringen
vermochte. Herrn Kesselmeyers Munterkeit aber kehrte bei dieser
abschließenden und endgültigen Bewegung des Konsuls zurück ... ja, sie
nahm überhand, sie überschritt alle Grenzen und wurde fürchterlich! Das
Binokel fiel von seiner Nase, die sich zwischen die Augen hinaufzog,
während sein winziger Mund, in dem die beiden Eckzähne gelb und einsam
ragten, zu zerreißen drohte. Seine kleinen, roten Hände ruderten in der
Luft, seine Flaumfedern flatterten, sein gänzlich verschobenes und vor
übermäßiger Fröhlichkeit verzerrtes Gesicht mit dem weißen, geschorenen
Backenbart war zinnoberfarben ...
